Geburtshilfe Frauenheilkd 2018; 78(01): 83-92
DOI: 10.1055/s-0038-1625049
Abstracts
Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Diversity Management? Konzepte für eine bessere Versorgung von Migrantinnen

T Borde
1  GGGB, Berlin
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Publication Date:
11 January 2018 (online)

 

Zuwanderung hat die Bevölkerungsstruktur Deutschlands in den letzten Jahrzehnten maßgeblich geprägt. Die Gesundheitsversorgung ist gefordert, Versorgungskonzepte zu etablieren, die den Anforderungen einer Einwanderungsgesellschaft gerecht werden. Verschiedene Studien weisen bei Migranten/-innen im Vergleich zu Einheimischen auf einen insgesamt schlechteren Gesundheitsstatus, mehr chronische Erkrankungen, Fehl-, Über- und Unterinanspruchnahme der Gesundheitsversorgung und eine geringere Qualität der Versorgung hin. Allein bei Schwangerschaft und Geburt zeichnen sich bei Migrantinnen inzwischen gleich gute und zum Teil bessere perinatale Ergebnisse ab, doch sind deutliche Unterschiede zwischen verschiedenen Gruppen von Migrantinnen erkennbar. Auch der internationale Migration Policy Index 2015 zeigt, dass Deutschland in den Bereichen Gesundheit, Bildung und Anti-Diskriminierung vergleichsweise schlecht abschneidet und weist die defizitäre Datenlage, den eingeschränkten Zugang zur Gesundheitsversorgung durch das Asylbewerberleistungsgesetz und den Mangel an flächendeckenden Strategien auf politischer und institutioneller Ebene als zentrale Probleme aus. Für Politik, Forschung und Praxis besteht ein hoher Handlungsbedarf, Regelungen und Strukturen für mehr Gesundheitsgerechtigkeit zu etablieren. Zwar ist die Bedeutung migrationssensibler Ansätze und des Diversity Managements bekannt und vielfacht belegt, doch werden diese Konzepte in Deutschland bisher nur kompensatorisch anhand von zeitlich befristeten Projekten umgesetzt. Bisher sind Migranten/-innen in Gesundheitsberichten und in gesundheitswissenschaftlichen Studien deutlich unterrepräsentiert. Auch ist der Sammelbegriff „Migrationshintergrund“ ist nicht geeignet, die Heterogenität von Immigrantinnen, deren Nachkommen und Geflüchteten abzubilden und spezifischen Handlungsbedarf erkennbar zu machen. Die Wechselwirkungen von Migrationsfaktoren, Geschlecht und anderen sozialen Determinanten auf den Gesundheitsstatus, den Zugang und die Ergebnisse der Gesundheitsversorgung sind bisher kaum untersucht. Um die Gesundheitsversorgung von Migrantinnen und Migranten zu verbessern sind diversitätsgerechte Konzepte in der Gesundheits- und Versorgungsforschung sowie in der Gesundheitsversorgung und -förderung erforderlich. Das umfasst politische Strategien auf allen Ebenen, Verpflichtungen, Qualifikationen und Qualitätsmanagement für Diversitätsgerechtigkeit in Forschung und Praxis.