Geburtshilfe Frauenheilkd 2018; 78(01): 83-92
DOI: 10.1055/s-0038-1625050
Abstracts
Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Kriegsbedingte Ausquartierungen von Frauenkliniken 1943 bis 1945 Beispiele, Abläufe, Folgen

C Brezinka
1  GGGB, Berlin
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Publication Date:
11 January 2018 (online)

 

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 und der darauf folgenden Verhaftung und Vertreibung aller jüdischen Gynäkologen und jener, die dem neuen Regime nicht nahestanden, kam auch ein vollmundiges Bekenntnis zur Hausgeburtshilfe, die die „verweichlichte“ Anstaltsgeburtshilfe ablösen sollte. Zeitgleich mit dem Überfall auf Polen wies ein Runderlass des Reichsministers des Inneren vom 6.9.1939 darauf hin, dass „...der zu erwartende Bedarf an Krankenhausbetten es notwendig macht, dass die Zahl der Anstaltsentbindungen auf das unbedingt notwendige Maß zurückgeführt wird“. Doch im städtischen Raum ließ sich die Hebammen-geleitete Hausgeburtshilfe nicht einfach durchsetzen, die Bevölkerung wollte weiterhin Krankenhausgeburten. Hitlers Leibarzt, Dr. Karl Brandt entwickelte ein Konzept der „Ausweichkrankenhäuser“ zur „luftkriegsmäßigen Unterbringung“, das auch die Entbindungsabteilungen mit einbezog. Bereits 1941 wurde in Düsseldorf mit dem Bau einer Großbunkeranlage unter dem Klinikum begonnen, die den Namen „Operations- Schutz- und Entbindungsbunker“ bekam. Im selben Jahr wurde für die Frauenklinik Kiel ein „Ausweichquartier“ im 80 km entfernten Ostseebad Grömitz eingerichtet. 1942 wurde die Frauenklinik Köln teilweise nach Mehlem bei Bad Godesberg verlegt. 1943 wurde die Landesfrauenklinik Brandenburg von Berlin-Neukölln in „geräumte“ Nervenheilanstalten östlich der Oder verlegt. Teile der Frauenklinik der Berliner Charité wurden in die „Ausweichklinik der Reichshauptstadt“ nach Eberswalde verlegt, im bombensicheren Bunker unter der Frauenklinik fanden bis Mai 1945 noch Geburten und Operationen statt. Die Frauenklinik Gießen wurde 1944 ins Kloster Arnsburg verlegt. Im März 1945 erging der Befehl, die Frauenklinik Erlangen nach Amberg zu evakuieren – dies wurde nicht mehr umgesetzt. Vom Winter 1943/44 an wurde Innsbruck als wichtiger Eisenbahnknotenpunkt für die Versorgung der Südfront zunehmend Ziel von Bomben. Nach den von der „Aktion Brandt“ festgesetzten Kriterien wurden die einzelnen Abteilungen der Innsbrucker Universitätsklinik in „Ausweichquartiere“, vor allem in die Hotels des Touristenorts Seefeld (1150 m ü.d.M.) verlegt. Ab März 1944 war das Hotel Waldheim am östlichen Ortsrand von Seefeld als Entbindungsabteilung im Vollbetrieb. Bis zur Aufhebung durch die französische Militärverwaltung und Rückverlegung nach Innsbruck im August 1945 kamen dort ca. 1400 Kinder zur Welt.