Aktuelle Ernährungsmedizin 2019; 44(02): 137
DOI: 10.1055/s-0039-1684900
4) Stoffwechsel, Ernährung und Bewegung
Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Effekte eines hoch- versus moderat-intensiven Intervallausdauertrainings auf das kardiometabolische Risikoprofil von Adipösen mit erhöhtem Risiko für das Metabolische Syndrom: Vorläufige Ergebnisse einer randomisiert-kontrollierten Studie

D Reljic
1  Hector-Center für Ernährung, Bewegung und Sport, Medizinische Klinik 1, Universitätsklinikum Erlangen
,
F Frenk
1  Hector-Center für Ernährung, Bewegung und Sport, Medizinische Klinik 1, Universitätsklinikum Erlangen
,
HJ Herrmann
1  Hector-Center für Ernährung, Bewegung und Sport, Medizinische Klinik 1, Universitätsklinikum Erlangen
,
MF Neurath
2  Medizinische Klinik 1 – Gastroenterologie, Pneumologie und Endokrinologie, Universitätsklinikum Erlangen
,
Y Zopf
1  Hector-Center für Ernährung, Bewegung und Sport, Medizinische Klinik 1, Universitätsklinikum Erlangen
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Publikationsverlauf

Publikationsdatum:
26. April 2019 (online)

 

Einleitung:

Adipositas ist mit einem erhöhten Risiko für Diabetes, Herz-Kreislauf- und Krebserkrankungen assoziiert. Bei Vorliegen zusätzlicher kardiometabolischer Risikofaktoren wird das Morbiditäts-/Mortalitätsrisiko nochmals deutlich potenziert. Eine Ernährungsmodifikation und Steigerung der körperlichen Aktivität sind Eckpfeiler der Adipositastherapie. Die WHO-Bewegungsempfehlungen (150 Min. Aktivität/Woche) werden jedoch vom Großteil der Bevölkerung (insbesondere Adipösen) nicht erreicht. „Zeitmangel“ zählt zu den häufigsten Gründen für unzureichende körperliche Aktivität. Innovative Trainingsprogramme sollten daher möglichst zeitökonomisch, aber auch ausreichend effektiv sein, um positive Gesundheitseffekte zu entfalten. Hochintensives Intervall-Ausdauertraining (HIIT) ist eine Trainingsmethode, die diese Anforderungen erfüllen kann. Die Umsetzbarkeit bei Patientenkollektiven wird aufgrund der höheren Belastungsintensitäten z.T. aber noch kritisch diskutiert. In dieser Studie sollten daher die Effekte eines moderateren Intervalltrainings (MIIT) auf das kardiometbolische Risikoprofil von Adipösen untersucht werden.

Methodik:

Vierundvierzig adipöse Männer und Frauen mit ≥2 kardiometabolischen Risikofaktoren nahmen an der 12-wöchigen Studie teil und wurden randomisiert einem HIIT, MIIT oder einer inaktiven Kontrollgruppe (CON) zugeteilt. Alle Gruppen erhielten eine Ernährungsberatung (Ziel: 500 kcal Energiedefizit/Tag). Die Intervalltrainings wurde 2 × /Woche auf Fahrradergometern, jeweils 5 × 1 Min bei 85 – 95% (HIIT) bzw. 70 – 80% (MIIT) der maximalen Herzfrequenz durchgeführt. Primäre Endpunkte waren der Metabolische Syndrom Z-Score (MetS, kalkuliert durch Nüchtern-Glukose, Triglyzeride, HDL-Cholesterin, mittlerem arteriellem Blutdruck und Taillenumfang) und die maximale Sauerstoffaufnahme (VO2max).

Ergebnisse:

Baseline zeigten sich keine signifikanten Gruppenunterschiede. HIIT und MIIT wurden gleichermaßen gut toleriert und es traten keine unerwünschten Vorfälle auf. Die Compliance betrug in beiden Trainingsgruppen > 90%. Alle Gruppen reduzierten das Körpergewicht signifikant. Nur in den Trainingsgruppen verbesserten sich jedoch diverse Risikomarker, MetS und VO2max signifikant. Die Effekte auf Blutdruck, MetS (P < 0.05) und VO2max (P > 0.001) waren mit HIIT signifikant stärker ausgeprägt als bei MIIT (Tab. 1).

Tab. 1

Parameter

HIIT (n = 18)

MIIT (n = 12)

CON (n = 14)

prä

post

prä

post

prä

post

BMI (kg/m2)

39.2 ± 7.9

38.2 ± 7.7**

36.5 ± 31

35.4 ± 6.1*

37.1 ± 5.5

36.2 ± 6.8*

Körperfett (%)

43.0 ± 6.9

41.6 ± 6.9**

44.9 ± 6.1

44.6 ± 5.9

44.3 ± 6.7

43.6 ± 7.6

Taille (cm)

117 ± 25

110 ± 21**

111 ± 14

107 ± 13*

114 ± 15

112 ± 17

MAB (mmHg)

110 ± 11

102 ± 7**

108 ± 7

99 ± 10*

99 ± 29

97 ± 28

Glukose
(mg/dl)

93 ± 9

95 ± 9

95 ± 19

101 ± 23

92 ± 13

94 ± 14

Triglyzeride

(mg/dl)

130 ± 57

133 ± 51

144 ± 57

120 ± 37

131 ± 55

109 ± 51

HDL (mg/dl)

48 ± 11

49 ± 11

51 ± 14

51 ± 12

57 ± 13

56 ± 13

MetS

2.6 ± 3.9

1.1 ± 3.4**

2.1 ± 2.8

0.9 ± 2.8*

1.5 ± 3.0

1.3 ± 3.5

VO2max

(ml/kg/min)

22.3 ± 4.1

25.1 ± 4.6***

20.1 ± 3.8

21.9 ± 4.4*

23.5 ± 6.7

23.4 ± 6.9

Wattmax

(W/kg)

1.4 ± 0.3

1.7 ± 0.4***

1.3 ± 0.3

1.4 ± 0.4**

1.6 ± 0.5

1.6 ± 0.5

BMI: Body Mass Index; MAB: mittlerer arterieller Blutdruck; HDL: High-Density

Lipoprotein Cholesterin; MetS: Metabolischer Syndrom Z-Score; VO2max:

maximale Sauerstoffaufnahme. *P < 0.05; **P < 0.01; ***P < 0.001 prä vs. post.

Schlussfolgerung:

Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass mit dieser innovativen, extrem zeitsparenden Trainingsform bereits ein Zeitaufwand von < 30 Min/Woche (ein Fünftel der WHO-Empfehlung) ausreicht, um das kardiometabolische Risikoprofil und die Herz-Kreislaufleistung bei Adipösen signifikant zu verbessern. Ferner zeigte sich eine sehr gute Verträglichkeit und Akzeptanz von HIIT. Intensiveres Intervalltraining ist effektiver, allerdings können auch schon mit moderatem Intervalltraining klinisch relevante Effekte erzielt werden. Letztlich untermauert diese Studie die enorme therapeutische Bedeutung von körperlicher Aktivität, die weit über die reine Gewichtsreduktion durch Kalorienrestriktion hinausgeht.