Inf Orthod Kieferorthop 2016; 48(02): 73-78
DOI: 10.1055/s-0042-107177
Originalarbeit
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Morphologische Kriterien der Progeniemanifestationen und deren Einteilung sowie Unterschiede im zeitlichen Verlauf

Morphological Criteria of Different Class III Manifestations, their Division and Variations in TimeB. Wendl1, H. Winsauer2, A. Walter3, A. P. Muchitsch1, H. Droschl1, N. Jakse1, M. Wendl4, T. Wendl4
  • 1Klinische Abteilung für Orale Chirurgie und Kieferorthopädie, Univ.-Klinik für Zahnmedizin und Mundgesundheit Medizinische Universität Graz, Österreich
  • 2Kieferorthopädische Fachpraxis, Bregenz, Österreich
  • 3Departamento de Ortodoncia y Ortopedia dento-facial, Universidad Internacional de Catalunya, Barcelona, Spain
  • 4Institut für Softwaretechnologie, Technische Universität Graz, Österreich
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Publication Date:
20 July 2016 (online)

Zusammenfassung

Ziel: dieser Arbeit war es, das Klasse-III-Syndrom nach morphologischen Kriterien einzuteilen und deren Häufigkeit und die Unterschiede zwischen den einzelnen Formen im Therapieverlauf zu ermitteln.

Material und Methoden: Im Rahmen einer retrospektiven Analyse wurden 54 Patienten mit einem Klasse-III-Syndrom zu 3 Zeitpunkten nachuntersucht (Ausgangssituation mit 6–9 Jahren, Evaluierung nach Therapie und Langzeitkontrolle beim ausgewachsenen Patienten nach ca. 25 Jahren). Zur Einteilung nach morphologischen Kriterien wurden nur die Anfangsunterlagen (vor Therapiebeginn) herangezogen.

Ergebnisse: In 40% der Fälle war die Klasse III durch den Unterkiefer bedingt. Der Oberkiefer war in 11% der Fälle für das Entstehen des Klasse-III-Syndroms verantwortlich und in 49% lag eine Kombinationsform vor. Im Unterkiefer ist ein zu großer Unterkiefer (86,4%) die primäre Ursache für das Entstehen einer Klasse III, in 9,1% ist es die prognathe Lage des Unterkiefers und in 4,5% eine Kombination aus beiden. Im Oberkiefer ist hauptsächlich die retrognathe Lage des Oberkiefers für die Fehlstellung verantwortlich (66,6%), gefolgt zu jeweils 16,7% von einem zu kleinen Oberkiefer und einer Kombination aus Mikrognathie und Retrognathie. Bei der Kombinationsform dominieren ein zu großer Unterkiefer und die retrognathe Lage der Maxilla, danach folgen ein zu großer Unterkiefer und ein zu kleiner Oberkiefer.

Bei der Einteilung nach Progenieformen zeigten sich signifikante Unterschiede bezüglich der Normwerte im Therapieverlauf. Bei Therapiebeginn war dies der kleinere SNA-Wert bei maxillärer Retrognathie. Bei der Kontrolluntersuchung wies die Gruppe mit der Kombination beider Progeniearten die größte maxillo-mandibuläre Differenz auf. Die maxilläre Retrognathie war bei den Werten APDI und NSGn den Normwerten am nächsten und zeigte eine größere untere Gesichtshöhe. Im Vergleich dazu waren die Werte APDI bei den Gruppen der echten Progenie und der Kombinationsform deutlich erhöht und stiegen im Verlauf noch weiter an. Der Wert NSGn zeigte sich zu allen Zeitpunkten vor allem in der Gruppe der echten Progenie erhöht.

Conclusio: Die Manifestationen des Klasse-III-Syndroms sind durch die erbliche Komponente sehr unterschiedlich. Durch genaue Diagnose können Therapieansätze modifiziert und gezielter eingesetzt werden.

Abstract

Aim: of this work was to classify the Class III syndrom according to morphological criteria, to determine their frequency and to identify differences between the various forms in the course of treatment.

Materials and methods: In a retrospective analysis 54 patients with a Class III syndrome were examined at 3 time intervals (at the beginning of treatment at the age of 6–9 years, after treatment and at a long-term control in adult patients after about 25 years). For classification by morphological criteria only the initial documents were consulted (before therapy).

Results: In 40% the Class III syndrom was caused due to the lower jaw. The upper jaw was responsible in 11% of cases for the appearance of the Class III syndrome and in 49% a combination form was evident. In the lower jaw the primary cause for the development of a Class III syndrom is due to a large mandible (86.4%), in 9.1% the prognathic position of the mandible and in 4.5% a combination of both. In the maxilla the retrognathic position of the upper jaw is mainly responsible for the deformity (66,6%), followed in 16.7% by a too small maxilla and a combination of micrognathia and retrognathia. In combination cases a large lower jaw and the retrognathic position of the maxilla were dominant, followed by a larger lower and a smaller upper jaw. By classification of the different manifestations of prognathism significant differences with respect to the standard values occured in the course of treatment. At the onset of treatment the smaller SNA value was evident by maxillary retrognathia. During the long term control analysis, the class III combination group presented the largest difference between maxilla and mandible. NSGn and APDI values were closest to the standard values in cases of maxillary retrognathia and showed a larger lower facial height. In comparison, the values APDI in the groups of mandibular prognathism and the combination form had been significantly increased and even rose further on. NSGn increased especially in the group of mandibular prognathism.

Conclusion: Manifestations of Class III syndromes vary greatly due to hereditary components. Therapeutic approaches can be modified and used more effectively by an accurate diagnosis.