Z Sex-Forsch 2016; 29(02): 156-157
DOI: 10.1055/s-0042-107999
Debatte
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Flibanserin: Was ist von der neuen Lustpille für die Frau zu halten? Eine Einführung

Nicola Döring
a  Institut für Medien und Kommunikationswissenschaft, Technische Universität Ilmenau
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Publication Date:
23 June 2016 (online)

Seit Oktober 2015 gibt es sie auf dem US-Markt: Die erste und bislang einzige „Lustpille für die Frau“ – Produktname Addyi® (Sprout Pharmaceuticals / Valeant Pharmaceuticals; www.addyi.com) mit dem Wirkstoff Flibanserin. Das verschreibungspflichtige Medikament soll der Behandlung prämenopausaler Frauen dienen, die unter vermindertem sexuellen Interesse oder Verlangen leiden, welches nicht durch Erkrankungen, psychische Störungen oder sonstige Faktoren (z. B. Beziehungsprobleme, Auswirkungen von Medikamenten oder Drogen) erklärbar ist. Indiziert ist Flibanserin also bei HSDD (Hypoactive Sexual Desire Disorder) gemäß DSM-IV bzw. FSIAD (Female Sexual Interest/Arousal Disorder) gemäß DSM-5. Obwohl Flibanserin umgangssprachlich auch als Pink Viagra bezeichnet wird, setzt der Wirkstoff nicht wie bei Viagra ® bzw. Sildenafil und anderen PDE-5-Hemmern an der Genitaldurchblutung an, sondern beeinflusst die Freisetzung der Neurotransmitter Serotonin und Dopamin im Gehirn.

Rund um die Zulassung von Flibanserin in den USA ist in der internationalen Fachcommunity sowie in der breiten Öffentlichkeit eine Kontroverse zu Pro und Contra medikamentös geförderter sexueller Lust bei Frauen entstanden, an die wir mit der Flibanserin-Debatte in diesem Heft anknüpfen wollen.

Der erste Debattenbeitrag von Verena Klein und Peer Briken mit dem Titel „Ungedeckter medizinischer Bedarf?“ setzt sich kritisch mit der Frage auseinander, ob sexuelle Lustlosigkeit bei Frauen überhaupt vordringlich als medizinisches Problem betrachtet und medikamentös behandelt werden sollte. Er geht auf die Studienlage ein und greift die Kritik an einem biologistisch verkürzten Bild weiblicher Sexualität auf.

Der zweite Debattenbeitrag mit dem Titel „Flibanserin: Offene Forschungsfragen“ von Stephen B. Levine beurteilt die medikamentöse Behandlung sexueller Unlust von Frauen dagegen positiver. Der Autor, der als Psychiater in privater Klinik tätig ist und selbst an Flibanserin-Studien beteiligt war, prognostiziert in Zukunft eine vermehrte medikamentöse Behandlung sexueller Lustlosigkeit und anderer sexueller Funktionsstörungen bei Frauen und weist auf ganz konkrete offene Forschungsfragen zu Flibanserin hin.

Der dritte Debattenbeitrag von Sheriza N. Baksh, Walid F. Gellad und G. Caleb Alexander wendet sich unter dem Titel „Maximierung der Sicherheit von Flibanserin“ der Frage zu, wie in der Praxis vorzugehen ist, um Risiken und Nebenwirkungen von Flibanserin zu vermeiden. Dabei sind Behörden, Forschung und medizinische Fachkräfte ebenso wie Patientinnen angesprochen. Die Autor_innen, die teilweise selbst als Mitglieder eines Berater_innengremiums an der Zulassung von Flibanserin beteiligt waren, thematisieren die Verhältnisse in den USA. Viele Aspekte der Arzneimittelsicherheit sind dabei aber grundsätzlich auf andere Länder übertragbar, die Flibanserin zukünftig zulassen.

Die fachliche Debatte dreht sich also darum, wie Flibanserin heute sexualmedizinisch und sexualpsychologisch einzuschätzen und bei Bedarf sinnvoll in Behandlungskonzepte einzubinden ist. Darüber hinaus geht es aber auch darum, welche Akteure und welche Argumente das öffentliche Bild weiblicher Lust oder Lustlosigkeit prägen. In der Flibanserin-Kontroverse steht beispielsweise die New View-Kampagne (www.newviewcampaign.org), die aus feministischer Sicht die Medikalisierung weiblicher Sexualität kritisiert, der Even the Score-Kampagne gegenüber (www.eventhescore.org), die aus feministischer Sicht verbesserte Pharmakotherapie für sexuelle Funktionsstörungen bei Frauen fordert und dabei von Sprout Pharmaceuticals unterstützt wird.

In der deutschen Presse wurde die US-Zulassung von Flibanserin bislang eher skeptisch aufgenommen: Die meisten Medienbeiträge in Deutschland betonen die vergleichsweise geringe Wirkung von Flibanserin im Verhältnis zu den unerwünschten Nebenwirkungen. Begehrt sind die Pillen aber anscheinend durchaus: Gibt man „Flibanserin“ oder „Pink Viagra“ in die Suchmaschine Google ein, so zeigen die automatischen Suchvorschläge, dass die meisten Anfragen aus Deutschland sich darauf beziehen, was das Präparat kostet und wo man es günstig kaufen oder bestellen kann. Echtes oder gefälschtes Flibanserin ist also über den Online-Markt auch in Deutschland bereits angekommen. Grund genug, sich eingehender mit der Frage zu befassen, was von der neuen Lustpille für die Frau zu halten ist.