Orthopädie und Unfallchirurgie up2date 2017; 12(03): 323-336
DOI: 10.1055/s-0042-118324
Pädiatrische Orthopädie und Unfallchirurgie
Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Infantile Zerebralparese: Pathogenese und Behandlung der gestörten Hüftentwicklung

Katja Baumgart
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Publication Date:
29 May 2017 (online)

Die verbesserten geburtsmedizinischen und neonatologischen Bedingungen haben in den vergangenen Jahren zu einer Verringerung der Mortalitätsrate von Frühgeborenen geführt – jedoch zu einem Anstieg der Patienten mit infantiler Zerebralparese. Die Hüftluxation bei diesen Patienten stellt eine schwerwiegende Komplikation dar. Dieser Artikel veranschaulicht die Klassifikation, die Diagnostik und das therapeutische Vorgehen der gestörten Hüftentwicklung im Rahmen einer Zerebralparese.

Kernaussagen
  • Die Hüftdysplasie/Hüftluxation stellt bei Patienten mit infantiler Zerebralparese eine schwerwiegende Komplikation dar.

  • Das Risiko einer Hüftluxation ist umso höher, je größer die motorischen Einschränkungen sind.

  • Hüftscreeningprogramme ermöglichen eine frühzeitige Erkennung und Behandlung der pathologischen Hüftentwicklung.

Pathomechanismus

  • Durch den erhöhten Muskeltonus bei Patienten mit Zerebralparese ist die Gesamtkraft der hüftumgreifenden Muskulatur erhöht, was das Risiko für eine Hüftdezentrierung begünstigt.

Diagnostik

  • Zur Beurteilung der Hüftdysplasie/Hüftluxation bei Patienten mit Zerebralparese wird der Migrationsindex nach Reimers herangezogen, der nativröntgenologisch ermittelt wird (Beckenübersicht in Innenrotation).

  • Das GMFCS beurteilt die quantitativen motorischen Fähigkeiten in Abhängigkeit vom Alter und teilt die motorischen Einschränkungen in 5 Levels ein.

Therapie

  • Therapieentscheidungen sollten sich am Entwicklungsverlauf der Hüfte im Wachstum orientieren. Aus diesem Grund sind regelmäßige Röntgenverlaufskontrollen notwendig. Hüftscreeningprogramme bei Patienten mit Zerebralparese ermöglichen eine frühzeitige Erkennung und Behandlung der pathologischen Hüftentwicklung.

  • Konservative Therapiemaßnahmen zeigen nur einen geringen Effekt in der Verhinderung der Progressionsrate der Hüftdezentrierung.

  • Die operative Therapie umfasst:

    • präventive Maßnahmen

    • rekonstruktive Verfahren (mehrdimensionale Femur- und Beckenosteotomien)

    • Rückzugsverfahren (Salvage Procedures):

      • die proximale femorale Resektionsarthroplastik (PFRA)

      • die subtrochantäre Valgisierungosteotomie (SVO)

      • die proximale Femurprotheseninterpositionsarthroplastie (PFIA)

  • Eine frühzeitige Operation (vor Deformierung des Hüftkopfes) sollte angestrebt werden.

  • Der Einsatz wachstumslenkender Operationen transepiphysär am proximalen Femur bei Coxae valgae zeigt erste positive Ergebnisse. Studien mit größeren Fallzahlen sind abzuwarten.