NOTARZT 2017; 33(02): 54-60
DOI: 10.1055/s-0043-105439
Originalarbeit
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Der Terroranschlag von Berlin – Die Vorgeschichte, der Einsatz und die Konsequenzen aus präklinischer Sicht

Eine Betrachtung aus der ersten ReiheThe Berlin Terrorist Attack: The Prehistory, the Scene, and the Aftermath from the Prehospital Point of ViewAn Eyewitness Report
T. J. Henke1
1   Zentrale Notaufnahme, Medizinischer Campus Universität Oldenburg, Evangelisches Krankenhaus Oldenburg
,
F. Freund1
2   Johanniter-Unfall-Hilfe e. V., Ortsverband Oldenburg
,
D. Wieprich1
3   Johanniter-Unfall-Hilfe e. V., Regionalverband Berlin
,
M. Helm
4   Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie, Bundeswehrkrankenhaus Ulm
,
M. N. Bergold
5   Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerztherapie, Medizinischer Campus Universität Oldenburg, Evangelisches Krankenhaus Oldenburg
,
C. Byhahn
5   Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerztherapie, Medizinischer Campus Universität Oldenburg, Evangelisches Krankenhaus Oldenburg
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Publikationsverlauf

Publikationsdatum:
18. April 2017 (online)

Zusammenfassung

Die Gefahr radikalislamistisch motivierter Terroranschläge in Deutschland ist seit dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt am 19.12.2016 real geworden. Die Erfahrungen aus den Terroranschlägen von Boston, Paris, Madrid und Mumbai haben gezeigt, dass bei Terrorlagen die bislang in Deutschland etablierten Konzepte für einen Massenanfall von Verletzten (MANV) überdacht werden müssen.

Unstrittig ist, dass deutschlandweit MANV-Lagen, z. B. durch Großschadensereignisse, bei den präklinischen Versorgungsdiensten etabliert und Gegenstand zahlreicher Übungen sind. In zivilen Großschadenslagen bestimmen weitgehend die Patienten selbst das weitere rettungsdienstliche Vorgehen gemäß Advanced Trauma Life Support (ATLS). Anders verhält es sich jedoch bei einem „Terror-MANV“. Hier gibt die polizeiliche bzw. militärische Lage vor, in welchem Umfang und an welcher Stelle eine Versorgung der Anschlagsopfer möglich ist und ob es überhaupt einen Zugang für ausgebildetes Rettungspersonal zu Anschlagsopfern vor Ort gibt. Zudem ist bei Terrorlagen häufig mit einer hohen Inzidenz penetrierender Verletzungen, Amputationen und auch Verbrennungen zu rechnen.

Im November 2016 begann in Oldenburg (Niedersachsen) die Schulung des nichtärztlichen Rettungsdienstpersonals hinsichtlich der Einsatz- und Versorgungsstrategien bei einem MANV in einer Terrorlage. Zwei Teilnehmer dieser Schulung wurden im darauffolgenden Monat Augenzeugen des Terroranschlags auf den Berliner Weihnachtsmarkt und waren somit nicht nur die ersten qualifizierten Mitarbeiter des Rettungsdienstes vor Ort, sondern zudem erst wenige Wochen zuvor speziell für eine aus einem terroristischen Akt resultierende Großschadenslage geschult worden.

In zwei Augenzeugenberichten wird geschildert, wie das auf „Tactical Combat Casuality Care (TCCC)“ basierte Versorgungskonzept für einen MANV in Terrorlagen in der Praxis umgesetzt wurde.

Abstract

The danger of Islamistically motivated terrorist attacks in Germany has become real since the attack on the Berlin Christmas market on 19.12.2016. The experience from the terrorist attacks of Boston, Paris, Madrid and Mumbai showed that in the case of terrorism, the concepts established so far in Germany for mass casuality incidents (MCI) need to be reconsidered.

In Germany, prehospital health care providers are well trained for MCIs. However, in a “civilian” MCI the patients themselves largely determine further rescue measures according to Advanced Trauma Life Support (ATLS) algorithms. The situation is different in the case of a "terror MCI". Here, police or military determine the extent to which victims can be resuscitated at the scene and the extent to which qualified rescue staff have access to the victims. In contrast to a civilian MCI, a high incidence of penetrating injuries, amputations and burns can be expected in the case of terrorist attacks.

In November 2016 a MCI training program with particular regard to terrorist attacks was established for paramedics in Oldenburg (Lower Saxony, Germany). Two participants of this training became witnesses of the terrorist attack on the Berlin Christmas market a few weeks later. Thus, they were not only the first qualified medical personnel at the scene, but also specially trained just weeks ago for a MCI caused by a terrorist attack.

Their eyewitness report describes how the “Tactical Combat Casual Care (TCCC)” concept of care in the event of a MCI resulting from terrorism was put into practice.

1 Die Autoren haben gleichermaßen zur Erstellung des Manuskripts beigetragen.