ZWR 2017; 126(07/08): 337
DOI: 10.1055/s-0043-112182
Editorial
Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Liebe Kollegen,

Christian Gernhardt
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Publication Date:
11 August 2017 (online)

schweißtreibende Anstrengungen, Schmerzen in den Beinen, um den letzten Berg zu schaffen, noch mal etwas in den Kurven riskieren und dann ist er da – der Etappensieg. So ähnlich geht es sicherlich den Fahrern bei der Tour de France, die in diesem Jahr zum 104. Mal gestartet ist. Jeder von ihnen möchte schnell sein und das begehrte Gelbe Trikot tragen. Aber auch Fahrer, die nicht den großen Finalsieg vor Augen haben, können Siege auf kleiner Strecke erreichen. Sei es durch Erhalt des Grünen Trikots für besonders viele Punkte, die durch gute Platzierungen und Zwischensprints erlangt werden oder durch den Erhalt der roten Rückennummer, die Fahrer mit hohen Kampf- und Sportsgeist auszeichnet. Die jungen, ambitionierten Fahrer kämpfen um das Weiße Trikot. Sie sind ausgestattet mit besten technischen Mitteln und großem Know-how, das sie in die Praxis umsetzen wollen. Sie haben gelernt, wie enge Kurven und steile Anstiege in kurzer Zeit zu meistern sind und doch fahren sie häufig den erfahrenen Fahrern hinterher. Liebe Kolleginnen und Kollegen, geht es uns Zahnärzten mit der Endodontie nicht auch manchmal so wie den Fahrern auf der Tour de France? Wir starten ambitioniert in das „Rennen“ mit dem klaren Ziel vor Augen – ein erfolgreicher Abschluss der Wurzelkanalbehandlung, doch dann stoßen wir auf ungeahnte Schwierigkeiten, die uns Kraft und Zeit rauben. Auftretende Schwierigkeiten sind nicht nur stark gekrümmte Kanäle, persistierende Schmerzen und ähnliche dentale Eigenheiten, sondern auch die Einstellung des Patienten zur gesamten Behandlung. Im heutigen Kassensystem ist es nahezu unumgänglich, Zuzahlungen für die Endodontie zu verlangen, jedoch ist dies vielen Patienten ein einzelner Zahn nicht wert oder einfach finanziell nicht möglich. An diesem Punkt ist der endodontisch tätige Zahnarzt gezwungen, seinen persönlichen Erfolg zu definieren, denn den großen Sieg hat er unter diesen Bedingungen bereits am Start verpasst. In vielen Praxen gilt die Aufbereitung der Wurzelkanäle mit der Hand als Kassenleistung und die maschinelle als zuzahlungspflichtig. Dieses Vorgehen sollte kritisch hinterfragt werden – wird sich dabei nicht der größte Stein in den Weg gelegt? Möchte ich versuchen, mit dem Klapprad die Tour de France zu gewinnen? Sicherlich kann diese Behandlungsmethode das gleiche ausgezeichnete Ergebnis zur Folge haben wie die Behandlung mit rotierenden Instrumenten, jedoch wird es länger dauern und die Anstrengungen sind deutlich höher. Andererseits wird in zahlreichen Publikationen der Zeitfaktor besonders groß geschrieben und sie bevorzugen die schnelle maschinelle Aufbereitung. Ist es rechtens oder erfolgreich, ohne „Sponsoren“ an den Start zu gehen? Auch im Bereich der Endodontie krankt unser Kassensystem. Wir werden genötigt, veraltete Behandlungsmethoden anzuwenden bzw. selbst für Kosten, die moderne Techniken mit sich bringen, aufzukommen. Die Richtlinien der Kassenzahnärztlichen Vereinigungen werden immer strenger, jedoch werden die wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Zusammenhänge für die Zahnärzteschaft dabei bisweilen aus den Augen verloren. Es sollte heutzutage in einem der modernsten Länder der Welt, wie es Deutschland ist, doch möglich sein, die „Endo für Jedermann“, die den langfristigen Zahnerhalt sichert, anzubieten. So hätte jeder Zahnarzt, gut ausgebildet und vorbereitet, die Möglichkeit seine Etappe zu gewinnen und motiviert in die nächste zu starten.