PSYCH up2date 2017; 11(06): 529-543
DOI: 10.1055/s-0043-115159
Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen
Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Geschlechtsinkongruenz und Genderdysphorie bei Kindern und Jugendlichen

Dagmar Pauli
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Publication Date:
16 November 2017 (online)

Um psychische Schäden zu verhindern, ist es wichtig, genderdysphorische Kinder und Jugendliche ernst zu nehmen und das soziale Umfeld frühzeitig aufzuklären. Neben psychotherapeutischer Begleitung der Kinder und ihrer Eltern kann ggf. auch eine medizinische Behandlung indiziert sein, z. B. zur – notfalls reversiblen – Pubertätsblockade. So gewinnen die Jugendlichen zusätzliche Zeit für die Identitätsfindung und endgültige Entscheidung.

Kernaussagen
  • Geschlechtsidentität ist ein subjektives Erleben und lässt sich nicht am Verhalten ablesen.

  • Geschlechtsidentität ist unabhängig von der sexuellen Orientierung.

  • Geschlechtsidentität ist eine dimensionale Größe. Es existieren verschiedene Geschlechter zwischen den Polen männlich und weiblich.

  • Diagnostik bei Trans*Kindern und Trans*Jugendlichen verläuft prozessorientiert.

  • Gendervarianz im Kindesalter führt nur zu einem kleineren Teil in eine dauerhafte Trans*Identität in Adoleszenz und Erwachsenenalter.

  • Je stärker die Genderdysphorie im Kindesalter und je früher sie beginnt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit einer späteren Trans*Identität.

  • Eine kontinuierliche Trans*Identität in der Adoleszenz entwickelt sich meist dauerhaft ins Erwachsenenalter.

  • Trans*Jugendliche haben eine erhöhte Rate an Suizidalität und Selbstverletzungen! Diese wird reduziert durch die Möglichkeit einer Transition und Akzeptanz in der Familie.

  • Der richtige Zeitpunkt für medizinische Interventionen wird prozesshaft gemeinsam mit den Betroffenen und ihren Sorgeberechtigten definiert.

  • Die psychotherapeutische Begleitung stellt keine Behandlung im Sinne einer „Versöhnung mit dem Geburtsgeschlecht“ dar. Sie sollte ergebnisoffen und unterstützend die Entwicklung der Geschlechtsidentität begleiten. Die Haltung des Psychotherapeuten ist wertfrei und fragend.