neuroreha 2017; 09(03): 97
DOI: 10.1055/s-0043-115998
Editorial
Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Gratwanderung zwischen Restitution und Immobilisation

Jan Mehrholz, Martin Lotze, Klaus Starrost
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Publication Date:
14 September 2017 (online)

Operative Verfahren haben mittlerweile einen festen Platz insbesondere in der akuten Versorgung nach Schädigungen des ZNS. Hinsichtlich der Versorgung von Schädel-Hirn-Traumen liegt das nahe, aber auch in Bereichen, in denen viele Jahrzehnte eine konservative Therapie der Maßstab war, dringen invasive Verfahren vor und bedeuten zum Teil neue Therapieergebnisse. Denken wir an die invasiven Verfahren zur Entfernung von Gefäßstenosen bei Schlaganfällen. Hier wurden erst in den letzten Jahren die entscheidenden Multizenterstudien für die neuen Therapieoptionen publiziert.

Für den Therapeuten in der Neurorehabilitation ist es entscheidend, den Überblick zu haben, was durchgeführt wurde, wo jetzt therapeutisch mit voller Energie gearbeitet werden darf und wo noch Risiken nach dem Eingriff bestehen. Der Grat zwischen Restitution und Immobilisation, der gemeinsam mit den anderen Behandelnden und im Austausch mit dem Patienten beschritten wird, ist schmal. Doch insgesamt sind die Heilungsraten nach erfolgreicher Intervention manchmal so erstaunlich, dass gerade die Behandlung dieser Patienten therapeutisch sehr befriedigend ist.

Häufig sind Patienten sowohl nach Schädel-Hirn-Trauma (SHT), aber auch nach schweren, großen Zelluntergängen nach Schlaganfall von Hirndrucksymptomatik betroffen. Hier gilt es engmaschig zu kontrollieren, um die Indikation zur Druckentlastung rasch zu ermöglichen. Stefan Röhrer und Thomas Kapapa geben einen Überblick, wann eine Indikation für den Eingriff besteht, wie gemonitort wird und wie die Nachbehandlung erfolgen soll. Zukunftsweisend ist hierbei auch der intraoperative Einsatz der Bildgebung.

Sönke Langner stellt aktuelle endovaskuläre Behandlungsoptionen und deren Implikationen zusammen. Seit 2015 haben große Multizenterstudien die Therapie revolutioniert. Falls die angestrebte flächendeckende Versorgung mit diesen neuen Interventionen in den ersten sechs Stunden nach Schlaganfall gelingt, wird dieses Verfahren die Neurorehabilitation nach Schlaganfall – so wie wir sie bisher kennen – grundlegend verändern.

Laura Paschen und Karsten Witt stellen die Tiefe Hirnstimulation bei Morbus Parkinson vor. Was passiert hier? Wann ist die Intervention indiziert? Was gilt es bei der Behandlung so versorgter Patienten zu bedenken? Dieser Artikel gibt hier klare Antworten.

Einen peripher wirksamen implantierbaren Fußstimulator nach zentraler Lähmung stellen Kiriakos Daniilidis und Kollegen vor. Bei intaktem Peronaeusnerven ist dies eine Therapieoption, um das Gangbild – meist nach Schlaganfall im anterioren Strömungsgebiet – zu verbessern. Auch hier gilt es für den Therapeuten, sich mit der Therapie vertraut zu machen, um Grenzen und Chancen einschätzen zu können und die Behandlung zu optimieren.

Marcus Pohl stellt eine Studie der Arbeitsgemeinschaft Neurologisch-Neurochirurgischer Frührehabilitation zum Rehabilitationsverlauf von Patienten nach schwerem SHT vor. Initial zeigten hier SHT-Patienten im Vergleich zu Patienten nach Schlaganfall deutlich schwerere neurologische Defizite, wiesen aber nach der Therapie ein verbessertes Outcome als die Patienten nach Schlaganfall auf.

Zum Ende des Heftes berichten Erhard Godehardt und Kollegen in einer Originalarbeit, ob ein multimodales psychomotorisches Training, über sechs Monate durchgeführt, einen wirkungsvollen Effekt auf die kognitiven und motorischen Fähigkeiten von Bewohnern von Seniorenpflegeheimen hat.

Viele Einsichten in die invasiven Therapieverfahren wünscht Ihnen Ihr Herausgeberteam

Martin Lotze, Jan Mehrholz und Klaus Starrost