Z Sex-Forsch 2017; 30(03): 292-302
DOI: 10.1055/s-0043-116207
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Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

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Publication Date:
05 October 2017 (online)

Helga Krüger-Kirn. Die konstruierte Frau und ihr Körper. Eine psychoanalytische, sozialwissenschaftliche und genderkritische Studie zu Schönheitsidealen und Mutterschaft. Gießen: Psychosozial 2016 (Reihe: Forschung Psychosozial). 350 Seiten, EUR 39,90

Helga Krüger-Kirn, Marita Metz-Becker und Ingrid Rieken, Hrsg. Mutterbilder. Kulturhistorische, sozialpolitische und psychoanalytische Perspektiven. Gießen: Psychosozial 2016 (Forum Psychosozial). 200 Seiten, EUR 24,90

Die Veröffentlichung von Orna Donaths Studie „Regretting Motherhood: A Sociopolitical Analysis“ in der Fachzeitschrift Signs (2015) hat insbesondere in Deutschland in den vergangenen zwei Jahren für eine Welle von medialer Aufmerksamkeit in der Auseinandersetzung mit Mutterschaft gesorgt. Dass jedoch Mutterschaft und damit verbunden die gesellschaftliche Positionierung der Frau ein seit langem „umkämpftes Feld“ ist (Krüger-Kirn et al., S. 9), zeigen einerseits der vorliegende Tagungsband zum zweitägigen Symposium „Mutterbilder. Formen, Fakten, Visionen“, welches im Mai 2013 in Marburg stattfand, und andererseits Helga Krüger-Kirns veröffentlichte Dissertation zu Schönheitsidealen und Mutterschaft. Beide Werke suchen die Rolle der Frau in der Gesellschaft aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten und nebst kulturhistorischer Einbettung sowohl sozialwissenschaftliche als auch dezidiert psychoanalytische Analysen anzubieten.

In ihrer Monografie fragt Krüger-Kirn nach der Konstruktion der Frau und richtet ihr Erkenntnisinteresse „auf die Diskrepanz zwischen körperlichem Selbsterleben und machtmotivierten gesellschaftlichen Zuschreibungen hinsichtlich der subjektiven Erfahrungen der Frauen mit ihrem Körper“ (Krüger-Kirn, S. 22). Der Körper stellt für Krüger-Kirn hier den zentralen Bezugspunkt dar. Dabei spannt sie einen Theorienbogen (Kapitel 2–5) vom psychoanalytischen Körperdiskurs (Freud, Lacan, Laplanche), dem sie feministisch-psychoanalytische Modifikationen hinzufügt, zu einem dekonstruktivistischen Körperdiskurs (Butler, Lindemann, Jäger), um ihr Fazit einer intersubjektiven Verkörperung von Geschlecht zu formulieren. Auf ihre Überlegungen zur Methodik (Kapitel 6) folgen ihre Untersuchungsergebnisse, die einerseits um „Körperpraktiken zwischen Schönheitsidealen und Selbstsuche“ (Kapitel 7, S. 159) und andererseits um „Kinderwunsch, Mutterschaft und weiblicher Körper“ (Kapitel 8, S. 215) kreisen. Neue „Möglichkeitsräume für ein Denken körperbasierter Erfahrungen“ (Kapitel 9) bilden weniger einen Schluss als vielmehr einen Ausblick weiterer notwendiger Theorie- und Forschungsarbeit, die auch transdisziplinär agieren.

Bei Krüger-Kirns interessantem Vorgehen sticht heraus, dass sie ihr empirisches Material aus 30 dokumentierten psychoanalytischen Frau-Frau-Behandlungen bezieht, welche vor allem als Falldokumentationen von angehenden Psychoanalytikerinnen für ihre Anerkennung angefertigt und bei der Deutschen Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie (DGPT) eingereicht wurden. Die Analyse des Materials folgte bewusst „weder einer klassisch tiefenhermeneutischen noch einer klassisch diskursanalytischen Methodik“ (S. 147), sondern in einem experimentellen Charakter dem Anliegen, einen erweiterten Zugang „zu den subjektiven Aneignungs- und (Re-)Produktionsweisen von weiblicher Körperlichkeit“ (S. 155) zu erreichen. Diese werden überaus detailreich entlang der Achsen Schönheit und Reproduktion ausgelotet und eröffnen den Möglichkeitsraum, „im Theorem der Intersubjektivität das Zusammenwirken innerer und äußerer Verhältnisse in dem verleiblichten Körper in ein Spannungsverhältnis zwischen Anpassung und Ermächtigung zu stellen“ (S. 315). Dass sie in ihrem Theorienbereich weit ausholt und viel zu integrieren sucht sowie in der Ergebnisanalyse eher kleinschrittig von Einzelfall zu Einzelfall geht, führt zwar zu einem sehr umfangreichen Werk, ist jedoch im Kontext der wenigen vergleichbaren Forschungsvorhaben zu sehen. So kritisiert Krüger-Kirn, dass „bis heute […] der weibliche Körper einschließlich seiner reproduktiven Potenz […] ein Schattendasein im Geschlechterdiskurs“ friste und fordert „zu einem nachhaltigen Umdenken“ (S. 322) auf. Durch die Erschließung der im material turn angedeuteten „Wiederaufnahme der mit dem Körper verbundenen Materialität“ (S. 324) weist Krüger-Kirn mit ihrer Arbeit zu Recht auf das darin liegende „zentrale Potenzial der Kritik“ (S. 325, Hervorh. i. O.) hin.

„Mutterbilder“ und eine kritische Auseinandersetzung damit stehen auch im Mittelpunkt des gleichnamigen Tagungsbandes, den Krüger-Kirn gemeinsam mit Marita Metz-Becker und Ingrid Rieken herausgegeben hat. Die dort durch Krüger-Kirn vertretene psychoanalytische Perspektive (Teil III) wird um Karin Flaakes lesenswerten Beitrag zur „Bedeutung traditioneller Mutterbilder in Familien mit einer in der Paarbeziehung geteilten Elternschaft“ (Krüger-Kirn et al., S. 165 ff.) ergänzt. Die vorangestellten Beiträge zu „Mythos Mutterschaft“, „Kindsmord im 19. Jahrhundert“ (beide Marita Metz-Becker, S. 19 ff.), „Mutterbilder in der christlichen Theologie und Frömmigkeitspraxis“ (Ulrike Wagner-Rau, S. 67 ff.) und „Politikwissenschaftliche Perspektiven auf Mutterschaft“ (Elisabeth de Sotelo, S. 87 ff.) wie „Armut, Familien(leit-)bilder, Geschlechterrollen“ (Sabine Toppe, S. 105 ff.) setzen sich zum einen mit den „Kulturhistorische[n] Perspektiven“ (Teil I) und zum anderen mit den „Sozialpolitische[n] Perspektiven“ (Teil II) auseinander. Einen gelungenen Abschluss bildet die Zusammenstellung ausgewählter Bilder der die Tagung begleitenden Ausstellung in der Galerie Michael W. Schmalfuss aus Marburg (S. 181 ff.). Den Lesenden wird die im Thema liegende Spannung so nochmal künstlerisch vor Augen geführt und weiteres Nachdenken wird angeregt.

Das Anliegen, „die Wechselwirkungen zwischen den gesellschaftlichen Mutterbildern und subjektiven Sichtweisen auf Mutterschaft zu beleuchten“ (S. 11), ist den Herausgeberinnen durchaus gelungen. Auch wenn die Beiträge an der Zahl und ihrer Autorinnen überschaubar sind, so liefern sie doch spannende Einblicke in jenes „umkämpfte Feld“ (S. 9). In Kombination mit Krüger-Kirns Monografie wird zudem ein wichtiger Beitrag gerade auch im Hinblick auf ein transdisziplinäres Vorgehen geleistet. Es ist begrüßenswert, dass auch psychologische wie psychoanalytische Ansätze ihre Integration finden, um einerseits im Mutterdiskurs die intrasubjektive Seite nicht in einer Blackbox verharren zu lassen und andererseits entgegen des biologistisch orientierten Mainstreams psychologische Erklärungsmuster nicht auf das Niveau von Hormonschwankungen regredieren zu lassen.

Laura Wolf (Zürich)