Palliativmedizin 2017; 18(05): 237-240
DOI: 10.1055/s-0043-117787
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Doppelkopf: Raymund Pothmann und Ute Nerge

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Publication Date:
29 August 2017 (online)

Raymund Pothmann

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Zur Person

Raymund Pothmann

Dr. med. Raymund Pothmann,

geboren 29.11.1948, 5 Kinder,

verheiratet.

1967 Medizinstudium Düsseldorf, München

1974 Assistenzarzt in der Univ.-Kinderklinik Düsseldorf

1983 Oberarzt Neuropädiatrie Wuppertal

1993 Leitender Arzt Sozialpädiatrisches Zentrum Oberhausen

2003 Aufbau der einzigen Kinderschmerzpraxis in Deutschland,

Start als leitender Arzt im Kinder-Hospiz Sternenbrücke in Hamburg

Ab 2005 Ausrichtung von Kinderpalliativ- und Schmerzsymposien

2008 Gründung des Kinder-SAPV-Teams KinderPaCT Hamburg

2017 Übergabe der Schmerzpraxis an meine Nachfolgerin, Umstellung auf eine zeitreduzierte Anstellung

Wie kamen Sie in Ihr jetziges Tätigkeitsfeld?

Der zündende Funke für eine exklusive pädiatrische palliative und schmerztherapeutische Arbeit kam eigentlich durch meine Frau, die mich 2002 auf ein Inserat des in Gründung befindlichen Kinder-Hospiz Sternenbrücke in Hamburg aufmerksam machte. In einem ersten Treffen mit der Initiatorin des Kinderhospizes Ute Nerge wurde mir dann sehr schnell klar, dass diese Art von Arbeit genau das Richtige für mich war. Eigentlich hatte ich bis dahin relativ wenig Ahnung von hospizlicher Arbeit im engeren Sinn, aber in meiner Arbeit als Neuro- und Sozialpädiater hatte ich ja schon sehr viel mit behinderten und schwer erkrankten Kindern und deren Eltern zu tun gehabt. Bei meiner Ankunft in Hamburg 2002 war mir allerdings auch sehr schnell klar geworden, dass ich in meinem bisherigen Tätigkeitsfeld in Hamburg eigentlich nicht gebraucht wurde. Zusammen mit meinen reichlichen jahrelangen schmerztherapeutischen Vorerfahrungen wurde dann in der Verbindung mit der palliativmedizinischen Versorgung im Kinderhospiz für mich „ein Schuh draus“. Parallel gründete ich auf der Ebene der Tagesklinik der Kinderklinik am Klinikum Nord-Heidberg in Hamburg eine (leider auch weiterhin deutschlandweit einzige) Kinderschmerzpraxis. Damit schloss sich der Kreis und mein Tätigkeitsfeld rundete sich ab. Eine rein schmerztherapeutische Arbeit mit Kindern, die an funktionellen Schmerzen litten, wäre für mich ohne den palliativen Anteil auf Dauer unbefriedigend gewesen.Und so ist es bis heute geblieben. 2010 schloss sich dann noch mit vielen erfahrenen lokalen Akteurinnen die Gründung eines Kinder-SAPV-Teams an, wodurch die Lücke in der häuslichen palliativen und schmerztherapeutischen Versorgung geschlossen werden konnte.

Was wäre für Sie die berufliche Alternative?

Während meines Medizinstudiums hatte ich bereits einige Semester Psychologie gehört und im Rahmen meiner klinischen Schmerzstudien oft Kontakt mit MedizinpsychologInnen gehabt. Ab 2001 schloss ich eine berufsbegleitende vierjährige Ausbildung zum Systemischen Psychotherapeuten an. Diese lösungsfokussierte Arbeit bereitete mir im beruflichen Alltag sehr viel Freude und bewahrte mich vor Verdruss. Ja, ich entwickelte mit meiner Frau, einer erfahrenen Nervenärztin und Psychiaterin, sowie ebenfalls systemischer und tiefenpsychologischer Therapeutin, ein neues Arbeitsfeld mit Familien und Paaren. Daneben sind wir seit fünf Jahren als Coaches bei Resilienz steigernden Seminaren auf der Hallig Oland unterwegs. Fazit: Eigentlich gibt es keine berufliche Alternative, sondern „nur“ eine Weiterentwicklung, sozusagen ein nahtloser Übergang in ein neues Zukunftsprojekt. Ansonsten vielleicht Detektiv?! Immer auf der Suche nach Antworten auf die wirklich kniffligen Fragen.

Wie beginnen Sie Ihren Tag?

Seit vielen Jahren starte ich den Tag zusammen mit meiner Frau mit einem Tee noch im Bett, gefolgt von einer stillen Meditation im Zen-Stil über knapp eine halbe Stunde. Diese Verabredung mit sich selbst ist mir zu einem inneren Bedürfnis geworden. Die sich dabei einstellende mentale Gelassenheit und Achtsamkeit hilft mir immer wieder im Alltag, die Klarheit und Treffsicherheit bei Entscheidungen aufzubringen. Nach dem Frühstück gibt es dann noch einen Starter-Kick in den Tag: einen Espresso. Und dann geht es mit dem Fahrrad auf zur Arbeit.

Leben bedeutet für mich …

… Freude auf und an jedem Tag verspüren! Aufgewachsen bin ich eher noch mit dem Paradigma „Per Aspera ad Astra“ (durch Mühseligkeiten zu den Sternen). Für mich ist die Bedeutsamkeit jedoch nicht verloren gegangen, Problemlösungen immer auch regelrecht erarbeiten zu müssen. Aber die Freude über ein erreichtes Ziel darf als hedonistisches Prinzip schlussendlich nicht fehlen.

Sterben bedeutet für mich …

… Teil des Lebens! Je bewusster der Tod als Grenze des Lebens für mich klar ist, umso intensiver kann ich das Leben genießen. Mithilfe von Meditation übe ich, dieses Bewusstsein zu erreichen und zu vertiefen. Im Umgang mit sterbenden Kindern und ihren Eltern habe ich ebenfalls gelernt, eine furchtlose Haltung zu gewinnen, wann immer ich erlebte, wie friedvoll Abschiede dann gelangen, wenn Eltern ihren Kindern den Abschied leicht machen konnten, indem sie ihnen die Entscheidung über ihren eigenen Weg selber überließen.

Welches Ziel möchten Sie unbedingt noch erreichen?

Ich möchte die erreichte Qualität in der schmerztherapeutischen und palliativen Versorgung von Kindern und Jugendlichen Zug um Zug und bruchlos an die nachfolgende Generation übergeben. Dies braucht seine Zeit. Und fortgesetzte Motivationsarbeit und Weiterbildung von Menschen auf diesen Gebieten. Es bedeutet für mich aber auch, mich rechtzeitig zurückzuziehen und die NachfolgerInnen zu motivieren, Freude zu haben und Verantwortung zu übernehmen, um die Zukunft zu gestalten.Ansonsten genieße ich ja auch schon großelterliche Freuden, die ich nicht mehr missen möchte. Und das eine oder andere Reiseziel reizt mich durchaus noch, nachdem mich im letzten Jahr Ecuador und Tibet schon sehr inspiriert haben.

Meine bisher wichtigste Lernerfahrung im Leben ist …

… Nichts zu bereuen, sondern zu dem zu stehen, was ich getan habe, auch wenn es vielleicht falsch erscheinen mag. Dabei nicht stehen zu bleiben und daraus zu lernen. Anders herum gesagt, versuche ich, selbst in der Unfähigkeit, im Unmöglichen noch einen Funken Zuversicht oder einen Lösungsansatz herauszuziehen, um weiterzumachen („Defizit als Ressource“ ist meine Losung). Vielleicht ist es mein ältester Bruder gewesen, der mit 3 Jahren verstarb und den ich nie kennengelernt habe, weshalb ich so denke und fühle und vielleicht auch lange tendenziell melancholisch war. Aber es hat mich nicht gehemmt, im Moment zu leben und die Zukunft ins Visier zu nehmen.

Was würden Sie gern noch lernen?

Noch mehr Geduld zu haben, mit mir und anderen.

Woraus schöpfen Sie Kraft für Ihre Arbeit?

Da ist vor allem der Humor. Aber auch die Klarheit und Ruhe aus der Meditation. Musik, von Bach bis Jazz und Weltmusik, inspiriert mich immer wieder. Und speziell das gemeinsame Singen in einem Eltern-Schüler-Lehrer-Chor der ehemaligen musisch aktiven Albert-Schweitzer-Schule der Kinder. Aus dem gemeinsamen Tanzen mit meiner Frau, aber auch beim gemeinsamen „Abzappeln“ im Rahmen von Partys (inklusive im Rahmen von Kinderpalliativsymposien) schöpfe ich immer wieder auch Bewegungsfreude. Die Auseinandersetzung mit den inzwischen erwachsenen Kindern ist immer wieder stimulierend und vermittelt mir Zuversicht in die Zukunft. Und da ist natürlich auch der erste muntere Enkel.Nicht zu vergessen sind es aber gerade auch die betroffenen Kinder, die meine besten Lehrer gewesen sind. Daneben inspiriert mich jede einzelne Fallgeschichte in der Schmerzpraxis immer wieder neu und macht das Leben spannend. Ein echtes Geschenk, Tag für Tag.

Mit wem aus der Welt- oder Medizingeschichte würden Sie gern einmal einen Abend verbringen?

Mit dem Dalai Lama! Seine Weisheit gepaart mit Humor beeindruckt mich immer wieder. Vor allem seine realitätsnahe Schlauäugigkeit. Die Spiritualität, für die er eintritt, ist religionsübergreifend und wegweisend, wie ich sie noch im letzten Jahr in Tibet vor Ort in Lhasa erleben konnte. Eine seiner klaren Botschaften etwa steht für viele seiner Botschaften: Es gibt nur zwei Tage, an denen man nichts tun kann, Gestern und Morgen!

Wenn ich einen Tag unsichtbar wäre, würde ich …

…mich in die Zimmer meiner MitarbeiterInnen schleichen und mit Stolz die Freude genießen, die sie in ihrer Arbeit antreibt.

Wie können Sie Frau Ute Nerge beschreiben?

Ute Nerge begegnete ich im Jahr 2002 in Hamburg-Rissen, da wo neben einer alten Reeder-Villa jede Menge Container standen, um das zweite deutsche Kinderhospiz aufzuziehen. Sie schäumte förmlich über vor Freude und Tatkraft, um ihr Traumziel zu realisieren. Ich war ja gerade auf der Suche nach einer neuen sinnvollen Betätigung. Es war „Liebe auf den ersten Blick“. Und selbst 15 Jahre gemeinsamer Hospizarbeit später ist Ute mit ihren immer wieder sprühenden neuen Projekten ohne Rücksicht auf die eigene Person nur schwer zu bremsen: Hospiz für junge Erwachsene, ein Blockhaus für die Geschwisterarbeit oder ein erweiterter Garten der Erinnerung. Sie ist Spiritus Rector der Sternenbrücke und auch noch lange nicht wegzudenken. Selbst wenn unterschiedliche Meinungen aufeinanderprallen mögen, lässt sie sich durchaus in der persönlichen Auseinandersetzung auf eine gemeinsame Linie ein. „Geht nicht, gibt’s nicht“, ist ihre Devise.

Wie beenden Sie Ihren Tag?

Am liebsten mit einer „guten“ Bettlektüre. Das Spektrum reicht von Yalom über Stieg Larsson bis zu historischen Krimis aus dem alten China. Im Sommer darf es auch gerne ein plauschiger Cocktail im Strandkorb auf der Terrasse sein.

Gibt es etwas, das Sie gern gefragt worden wären, aber noch nie gefragt worden sind?

Wovon träumen sie, wenn Sie an die Zukunft dieser Welt denken?