Psychother Psych Med
DOI: 10.1055/s-0043-118656
Originalarbeit
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Zunahme der Selbstpflege statt der Widerstandsbereitschaft bei Belastungen: Haupt- oder Nebenwirkung in der medizinisch–beruflich orientierten psychosomatischen Rehabilitation?

Promoting Self-Care Instead of Resistance Orientation: Therapeutic or Side Effect in Regard to Work?Janice Wasilewski1, Josephine Otto1, Michael Linden1
  • 1Forschungsgruppe Psychosomatische Rehabilitation, Charité Universitätsmedizin Berlin
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Publication History

eingereicht 12 June 2017

akzeptiert 16 August 2017

Publication Date:
28 September 2017 (eFirst)

Zusammenfassung

In der beruflich orientierten psychosomatischen Rehabilitation sollen Patienten u. a. lernen, ihre Widerstands- und Durchhaltefähigkeit, d. h. Resistenz gegenüber beruflichen Stressoren zu erhöhen, als eine Voraussetzung für eine verbesserte berufliche Leistungsfähigkeit. In der vorliegenden Studie wurde untersucht, wie sich die Resistenzorientierung im Verlauf einer stationären Rehabilitationsmaßnahme verändert und wie dies mit der Arbeitsfähigkeit bei Entlassung korreliert. Zugleich wurde auch erfasst, wie sich die Tendenz verändert, bei Belastung zunächst an Selbstpflege und Stressvermeidung, d. h. Regeneration zu denken. Es wurden 121 unausgewählte Patienten einer psychosomatischen Rehabilitationsklinik mit der ReRe-Skala (Resistenz-Regenerations-Skala) zu Beginn und Ende des Aufenthalts untersucht, einschließlich der Selbsteinschätzung der Arbeitsfähigkeit bei Entlassung. Im Prä-Post-Vergleich fand sich eine Abnahme der Resistenzorientierung und Zunahme der Regenerationsorientierung. Eine höhere Regenerationsorientierung war im Gegensatz zur Resistenzorientierung bei Entlassung mit einer höheren Bereitschaft zur Wiederaufnahme der Arbeit assoziiert. Die Abnahme der Resistenz- und deutliche Zunahme der Regenerationsorientierung im Verlauf einer medizinisch-beruflich orientierten Rehabilitation widerspricht auf den ersten Blick den Erwartungen und könnte sogar als Nebenwirkung eines Reha-Aufenthaltes verstanden werden. Bei Berücksichtigung des Endparameters Arbeitsfähigkeit scheint die Förderung von Selbstpflege und Regenerationsorientierung jedoch keine Nebenwirkung, sondern eine zielführende therapeutische Entwicklung zu sein. Die Ergebnisse werfen Fragen auf bzgl. der Therapiestrategien in der Behandlung von Stress im Allgemeinen, wie auch der medizinisch-beruflich orientierten Rehabilitation (MBOR) im Speziellen. Des Weiteren illustriert es die Problematik, was die Kriterien von Haupt- und Nebenwirkungen in der Psychotherapie sind.

Abstract

In rehabilitation medicine an important goal is to restore the ability to work by improving resistance to stress. We observed the development of resistance orientation on one hand and the tendency of self-care, stress avoidance, and regeneration orientation on the other, in the course of a 5 week psychosomatic inpatient rehabilitation. A convenience sample of 121 inpatients of a psychosomatic rehabilitation unit filled in the ReRe-Scale (Resistance-Regeneration-Scale) at the beginning and end of a 5 week inpatient treatment. Also patients rated their ability to work before discharge from the hospital. There was a decline in resistance orientation and a clear increase in regeneration orientation. Regeneration orientation, in contrast to resistance orientation, was associated with a greater ability to work. The reduction in resistance and increase in regeneration orientation was unexpected and could be seen as an unwanted effect of inpatient rehabilitation. When taking into account the disposition to go back to work, promotion of regeneration seems to be the better way. This raises questions in respect to treatment strategies for stress tolerance, and occupational rehabilitation but also for the definition of positive or negative treatment effects in psychotherapy.