PSYCH up2date 2021; 15(03): 259-270
DOI: 10.1055/s-0043-119477
Spezielle Themen

Psychiatrische Notfälle

Frank-Gerald B. Pajonk

Psychiatrische Notfälle sind in allen Sektoren der medizinischen Versorgung hoch relevant und nehmen tendenziell zu. Dieser Beitrag beschreibt die Kernpunkte der Leitlinie „Notfallpsychiatrie“ der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) zur Diagnostik und zu Maßnahmen im Notfall. Der zweite Teil geht auf die wichtigsten psychiatrischen Notfälle und deren Behandlung ein.

Kernaussagen
  • Psychiatrische Notfälle sind in allen Sektoren der Medizin – präklinisch, Notaufnahme, stationär – zahlenmäßig von Bedeutung und hinsichtlich des Aufwands und der vitalen Bedrohung hoch relevant.

  • Die häufigsten psychiatrischen Notfallsituationen sind Intoxikationen, Suizidversuche und Erregungszustände.

  • Die zentralen Ziele bei der Versorgung eines psychiatrischen Notfalls bestehen in der Einschätzung einer vitalen Gefährdung, der Abklärung einer Eigen- oder Fremdgefährdung, der differenzialdiagnostischen Abklärung, ob es sich um eine primär psychiatrische oder primär somatische Erkrankung handelt und der Indikationsstellung für die Notwendigkeit einer stationären Behandlung.

  • Zur Diagnostik gehören unverzichtbar die psychiatrische Befunderhebung und das Medical Clearing.

  • In der Therapie haben, wenn möglich, nichtmedikamentöse Deeskalationsverfahren Vorrang. Ziel muss es immer sein, ein Einverständnis mit dem Patienten zur Durchführung von Diagnostik, Therapie, Transport und stationärer Unterbringung zu erhalten.

  • Die pharmakologische Notfallbehandlung erregter, angespannter, unkooperativer und aggressiver Patienten wird als Rapid Tranquilisation (RT) bezeichnet. RT soll nicht die Grunderkrankung behandeln, sondern die Kooperativität zur Durchführung notwendiger Maßnahmen wiederherstellen.

  • Medikamente zur Behandlung psychiatrischer Notfälle gehören nahezu ausschließlich zur Gruppe der Benzodiazepine und Antipsychotika. Niederpotente Antipsychotika haben in der Regel keine Vorteile gegenüber Benzodiazepinen.



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Publication Date:
10 May 2021 (online)

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