Tierarztl Prax Ausg G Grosstiere Nutztiere 2023; 51(05): 335-336
DOI: 10.1055/s-0043-1775943
Abstracts | DVG

Vorstellung einer innovativen und nachhaltigen Form der Imkerei – besser gewappnet gegen die Varroamilbe und den Klimawandel?

R Scheiner
1   Biozentrum der Universität Würzburg, Lehrstuhl für Verhaltensphysiologie und Soziobiologie
,
L Hilsmann
1   Biozentrum der Universität Würzburg, Lehrstuhl für Verhaltensphysiologie und Soziobiologie
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Einleitung Die herkömmliche Imkerei beinhaltet den Drohnenschnitt während der Paarungszeit von April bis ca. Juni, um mit der Drohnenbrut einen Großteil der Varroamilben zu entfernen. Nach der Honigernte erfolgt die Sommerbehandlung, bei der Ameisensäure verdunstet wird. Im Winter, frühestens 21 Tage nach dem ersten Frost und nur bei Brutfreiheit, erfolgt eine Oxalsäurebehandlung. Durch diese Form der Bienenhaltung wird die Milbenbelastung der Völker dauerhaft sehr niedrig gehalten.

Die Ameisensäure-Behandlung ist jedoch stark wetterabhängig. Aufgrund des Klimawandels wird diese Anwendung immer problematischer. Ist es zu heiß, verdunstet die Säure zu schnell. Es kommt zu Bienenschäden. Ist es zu regnerisch, ist die Feuchtigkeit der Luft so hoch, dass die Säure nicht verdunstet. Die Winter werden in Deutschland immer milder. Viele Völker gehen gar nicht mehr aus der Brut. Da die Oxalsäure nur auf den adulten Bienen wirkt und nicht in die verschlossenen Brutzellen gelangt, kommt es auch hier aufgrund des Klimawandels zu Problemen mit der Behandlung.

Wir testen eine innovative und nachhaltige Form der Imkerei, die den natürlichen Selektionsdruck auf die Drohnen aufrechterhält und die Behandlung der Bienenvölker an den Klimawandel anpasst.

Methoden Basierend auf vergleichbaren Kunstschwärmen mit verwandten Königinnen untersuchen wir über mehrere Jahre hinweg, welche Imkerei erfolgversprechender ist. Unsere innovative Imkerei verzichtet auf den Drohnenschnitt in der Paarungszeit. Die Drohnen entwickeln sich im Volk. Der damit erhöhte Milbendruck übt deshalb auch einen Selektionsdruck auf die Drohnen aus. Nach der Honigernte wird die Königin für 25 Tage in einem Käfig auf der Wabe gesperrt. Arbeiterinnen gelangen aufgrund der Maschenweite in den Käfig und können die Königin versorgen. Die Königin kann jedoch keine weiteren Eier legen. Die Brut läuft aus. Nach 25 Tagen ist die letzte Drohne geschlüpft und die Völker sind mitten im Sommer brutfrei. Anschließend erfolgt eine Behandlung mit Oxalsäure, die die Milben, die nun gezwungenermaßen auf den adulten Bienen sitzen, tötet. Die Winterbehandlung mit Oxalsäure entfällt bzw. wird nur bei akuter Milbenbelastung durchgeführt. Wir untersuchen in Völkern beider Haltungsform die Volksentwicklung, den Honigertrag und die Milbenlast. Zusätzlich quantifizieren wir, welche Auswirkungen die Behandlungen auf die Bienen und Drohnen hat.

Ergebnisse Die innovativ gehaltenen Völker hatten nach der ersten Auswinterung mehr Bienen im Volk als die herkömmlich gehaltenen Völker. Dies äußerte sich anschließend auch im Honigertrag, der in der Frühtracht bei den innovativ gehaltenen Bienen signifikant höher als bei den herkömmlich gehaltenen Bienen war. Kurz vor der Behandlung mit Oxalsäure waren die Völker wieder in etwa gleich stark und zeigten einen ähnlichen Honigertrag. Der Befall mit der Varroamilbe war erwartungsgemäß bei den innovativ gehaltenen Bienenvölkern im Sommer stark erhöht. Durch den hohen Varroadruck vor der Behandlung, das Sperren der Königin und die Oxalsäurebehandlung brachen die Völker der innovativen Haltung im Hochsommer fast zusammen. Bis zur Einwinterung im Oktober konnten sie sich jedoch wieder gut aufbauen. Die Arbeiterinnen der innovativen Bienenhaltung waren durchschnittlich zwei Tage jünger bei ihrem ersten Sammelflug und hörten auch zwei Tage früher mit dem Sammeln auf. Die Mortalität der innovativ gehaltenen Drohnen war im Vergleich zu denen der herkömmlichen Imkerei erhöht.

Schlussfolgerung Die innovative Bienenhaltung kann zu einer kräftigen Volksentwicklung im Frühjahr beitragen, die zu einem stark erhöhten Honigertrag führt. Gleichzeitig zeigen sowohl Arbeitsbienen als auch Drohnen einen erhöhten Stress durch die Milben. Im Sommer ist der Zeitpunkt der künstlichen Brutpause und der sich anschließenden Oxalsäurebehandlung wichtig, um ein totales Zusammenbrechen der Völker aus der innovativen Bienenhaltung zu vermeiden. Die starken Schwankungen der Volksstärke dieser Kolonien gleicht sich im Herbst wieder an die Koloniegröße in herkömmlicher Imkerei an.

Finanzierung „Die Förderung des Vorhabens erfolgt aus Mitteln des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages. Die Projektträgerschaft erfolgt über die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) im Rahmen des Bundesprogramm Ökologischer Landbau.“



Publication History

Article published online:
13 November 2023

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