Zeitschrift für Sexualforschung 2018; 31(01): 103-106
DOI: 10.1055/s-0044-101539
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Publication Date:
23 March 2018 (online)

Tabea Siekmann. Sexualerziehung und gesundheitliche Aufklärung für Mädchen und junge Frauen. Berlin, Heidelberg: Springer 2016. 147 Seiten, EUR 34,99

Wie die repräsentative BZgA-Studie „Jugendsexualität 2015“ belegt, fühlen sich die Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Deutschland mehrheitlich sexuell gut aufgeklärt. Und ihr Sexualverhalten ist ganz überwiegend als verantwortungsvoll und partnerschaftlich zu kennzeichnen. Dieser Status quo ist auch als Erfolg der staatlich geförderten und flächendeckend über die allgemeinbildenden Schulen umgesetzten Sexualaufklärung in Deutschland zu werten. Gleichwohl besteht kein Anlass, sich auf dieser positiven Gesamtbilanz auszuruhen. Jede nachwachsende Generation muss erneut aufgeklärt werden. Dazu ist es wichtig, die sexualpädagogischen Konzepte und Methoden fortlaufend anzupassen – etwa an die jeweils zeitgenössischen sexuellen Diskurse und digitalen Medienkanäle (zur Sexualität im Digitalzeitalter siehe auch Heft 1/2017 der „Zeitschrift für Sexualforschung“). Zudem müssen wir im Blick behalten, dass unterschiedliche Gruppen von Jugendlichen spezifische sexuelle Aufklärungsanliegen haben. Zu denken ist an Jugendliche aus geschlechtlichen und sexuellen Minderheiten, an Jugendliche im Migrationsprozess oder an Jugendliche mit körperlichen und geistigen Handicaps.

Die hier besprochene Monografie zur Sexualaufklärung hat als spezielle Zielgruppe Mädchen und junge Frauen im Blick, so kündigt es der Buchtitel an. Erst im Vorwort erfährt man dann, dass es speziell um jene Mädchen und jungen Frauen geht, die – beispielsweise im Zusammenhang mit familiärer Vernachlässigung, Schulabsentismus, Substanzmissbrauch oder psychischen Erkrankungen – ein „auffälliges Sexualverhalten“ zeigen. Geschrieben ist das Buch von Tabea Siekmann, Ärztin der geschlossenen Jugendlichenakutstation einer Kinder- und Jugendpsychiatrie. Die Autorin erklärt im Vorwort, dass sie bei ihren jungen Psychiatriepatientinnen viele Schwangerschaften oder einen ausgeprägten Kinderwunsch sowie einen „Mangel an Wissen über Sexualität“ beobachte. Dabei seien die „Defizite“ im Wissen „allumfassend“ – beträfen Körperhygiene, weibliche Anatomie, Beziehungen, Sexualität, Verhütung usw.

Dementsprechend sieht die Autorin das Fachpersonal, das in Kliniken, ambulanten Settings, Beratungsstellen und Jugendhilfeeinrichtungen tätig ist, besonders in der Pflicht, Mädchen und junge Frauen mit „auffälligem Sexualverhalten“ aufzuklären. Dazu hat sie ein Manual entwickelt, mit dessen Hilfe in elf „klar strukturierten“ und „leicht verständlichen“ Einzel- oder Gruppensitzungen Psychoedukation und Prävention geleistet werden sollen.

Es fällt schwer, das Buch anders zu lesen denn als einen Hilferuf. Offenbar zeigt sich – zumindest aus der Sicht der Autorin – bei der Arbeit mit Mädchen und jungen Frauen in der Psychiatrie besonderer sexueller Aufklärungsbedarf. Und offenbar gibt es keine allseits bekannten und ausreichenden professionellen Angebote, um dieser – in sich wiederum stark ausdifferenzierten – Zielgruppe flächendeckend passgenaue Sexualaufklärung zu bieten. Zumindest wäre das eine Erklärung dafür, dass eine Psychiaterin ohne jegliche sexualpädagogische Expertise im völligen Alleingang ein Manual zur Sexualaufklärung von Mädchen und jungen Frauen verfasst und publiziert.

Leider ignoriert das Buch gängige Standards der Sexualaufklärung, wie sie u. a. von der Weltgesundheitsorganisation und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ausformuliert sind. So wäre es notwendig gewesen, dass die Autorin ihr normatives Konzept von „auffälligem Sexualverhalten“ expliziert und im Licht der Forschung diskutiert. Aber das passiert an keiner einzigen Stelle. Die Autorin positioniert sich einfach ohne Begründung als Autorität, die von oben herab befindet, dass junge Psychiatriepatientinnen sich sexuell besonders oft falsch verhalten und deswegen Erziehungsmaßnahmen benötigen. Angemessener wäre es, das Recht der Zielgruppe auf Sexualaufklärung zu betonen und die von der Zielgruppe selbst geäußerten Aufklärungsanliegen zu ermitteln und zu berücksichtigen, statt nur reglementierend aufzutreten. Unreflektiert stigmatisierend ist die Haltung gegenüber der Zielgruppe, der „umfassende Wissensdefizite“ bescheinigt, aber keinerlei Ressourcen zugeschrieben werden. Hier fehlt die Empowerment-Perspektive.

Die konkreten Inhalte des Manuals sind vielfach überholt und zweifelhaft, wie einige Beispiele illustrieren: Obwohl sich in Forschung und sexualpädagogischer Praxis die konzeptuelle Trennung von Solo- und Partnersexualität durchgesetzt hat, postuliert die Autorin, dass es sich bei „Masturbation“ (Kapitel 7.1) um eine Form von „Geschlechtsverkehr“ (Kapitel 7) handelt. Die Debatte um wertschätzenden sexuellen Sprachgebrauch ist an der Autorin vorbeigegangen. Begriffe wie „sich streicheln“ oder „Selbstbefriedigung“ kommen nirgends vor, stattdessen wird der jungen weiblichen Zielgruppe ausschließlich die Bezeichnung „Masturbation“ vermittelt. Bei der Aufklärung über weibliche Anatomie ist „Schamberg“ die richtige Lösung im Arbeitsblatt (S. 21, S. 120). Zur Anerkennung sexueller Vielfalt kann sich die Medizinerin nicht durchringen, sie ist noch auf dem Stand, für „Toleranz“ zu plädieren.

Bei allem Verständnis für Vereinfachung und Pragmatismus ist es doch bedenklich, dass im Jahr 2016 ein Sexualaufklärungsmanual im Wissenschaftsverlag Springer erscheint, das Grundkonzepte wie sexuelle Gesundheit, positive Sexualität, sexuelle Rechte, sexuelle Vielfalt, Gendersensibilität usw. nicht annähernd auf dem aktuellen Forschungsstand abbildet. Brauchbare Lösungen kann das Buch somit nicht liefern. Aber es wirft die dringliche Frage auf, wie die Zusammenarbeit zwischen Sexualpädagogik und Medizin in psychiatrischen Kontexten zu verbessern ist.

Nicola Döring (Ilmenau)