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DOI: 10.1055/s-0045-1812358
Zwischen Fähigkeit und Fertigkeit: Triangulierte Perspektiven auf motorisches Gleichgewicht
Authors
Einleitung In der Rehabilitationsmedizin und Sturzprävention gilt Gleichgewicht oft als übergeordnete motorische Fähigkeit. Daraus folgt die Annahme, dass spezifisches Gleichgewichtstraining zu einer allgemeinen Verbesserung der posturalen Kontrolle führt. Aktuelle Forschungsergebnisse stellen diese Annahme jedoch in Frage und deuten darauf hin, dass Gleichgewicht kein einheitliches Konstrukt ist, sondern ein Zusammenspiel sensorischer, motorischer und kognitiver Prozesse, die situationsabhängig aktiviert werden. Dieses Forschungsprojekt möchte darstellen, ob Gleichgewicht eher als stabile personale Fähigkeit oder als durch Übung erworbene Fertigkeit zu verstehen ist, und beleuchtet die Implikationen für Training und Therapie.
Material und Methodik Für die systematische Literaturübersicht wurden die Datenbanken CENTRAL, Embase, PubMed und SURF gezielt durchsucht. Die methodische Qualität der eingeschlossenen Studien wurde mithilfe des Bewertungsinstruments AMSTAR 2 beurteilt. Ergänzend dazu wurde eine Online-Umfrage an zehn physiotherapeutische Institutionen in der Schweiz sowie an die Hochschulen BFH und ZHAW versendet, um das praktische Verständnis von Gleichgewicht als Fähigkeit oder Fertigkeit zu erfassen.
Ergebnisse Aus 687 identifizierten Artikeln wurden 15 Artikel eingebunden, deren Qualität überwiegend als kritisch gering bewertet wurde. Positive Effekte auf das Gleichgewicht zeigten sich ausschließlich bei gezieltem Training. In der ergänzenden Umfrage mit 103 Physiotherapeut*innen bewerteten 22,3% die Übertragbarkeit statischer auf dynamische Gleichgewichtsleistungen als hoch, 49,5% als mittel. Zudem betrachteten 78,6% das motorische Gleichgewicht als eine Ansammlung von Fertigkeiten, während 21,4% es als übergeordnete motorische Fähigkeit einordneten.
Zusammenfassung Gleichgewicht lässt sich in statische und dynamische Bedingungen differenzieren und stellt keine generalisierbare Fähigkeit dar. Die Leistung in einer Gleichgewichtssituation ist nicht ohne Weiteres auf andere Kontexte übertragbar, sondern spiegelt vielmehr eine spezifische, situationsabhängige Fertigkeit wider.
Gleichgewichtstraining führt vor allem zu Verbesserungen in den spezifisch geübten Aufgaben, während in nicht trainierten Situationen kaum Übertragseffekte beobachtet werden. Sensomotorische Trainingsprogramme sollten daher gezielt auf die neuromuskulären Anforderungen der Zielaufgabe abgestimmt sein. Unabhängig vom Alter zeigen sich bereits nach kurzer Trainingsdauer deutliche Verbesserungen in der geübten Gleichgewichtsaufgabe, was auf schnelle, aufgabenspezifische Trainingseffekte des Gleichgewichtstrainings hinweist.
Die Mehrheit der Physiotherapeut*innen betrachtet Gleichgewicht als eine Sammlung kontextabhängiger Fertigkeiten. Für eine wirksame Therapie sollten Gleichgewichtseinschränkungen differenziert erfasst sowie aufgabenspezifisch getestet und behandelt werden, um individualisierte und effektive Interventionen zu ermöglichen.
Publication History
Article published online:
23 October 2025
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