NOTARZT 2001; 17(1): 14-17
DOI: 10.1055/s-2001-10490
KASUISTIK
Kasuistik
Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

„Folie à deux” - ein seltenes psychiatrisches Krankheitsbild - Ist der Notarzt bei der sofortigen Unterbringung psychiatrisch Erkrankter überfordert?

K. Seiger1 , P. Dörge1 , U. Wainwright1 , K. Schnell2 , I. Kamps2
  • 1Klinik für Anästhesiologie, Universitätsklinikum der RWTH Aachen (Direktor: Univ.-Prof. Dr. med. R. Rossaint)
  • 2Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universitätsklinikum der RWTH Aachen (Direktor: Univ.-Prof. Dr. med. H. Saß)
Weitere Informationen

Publikationsverlauf

Publikationsdatum:
31. Dezember 2001 (online)

Zusammenfassung

Wir berichten über einen Fall einer „Folie à deux” von Mutter und Sohn, mit der sich die Notärztin durch Amtsersuchen der Polizei konfrontiert sah. Beide Patienten waren von der Polizei völlig verwahrlost in ihrer Wohnung aufgefunden worden. Sie verkannten die gegenwärtige Situation, waren jedoch zeitlich und örtlich voll orientiert. Eine direkt erkennbare Psychose im Sinne einer akuten Schizophrenie konnte die Notärztin nicht feststellen, jedoch lag ihrer Meinung nach eine behandlungsbedürftige wahnhafte Störung vor, die eine sofortige Unterbringung erforderlich machte. Die Patienten selbst zeigten keine Krankheits- und Behandlungseinsicht. Die Neufassung des Gesetzes über Hilfen und Schutzmaßnahmen bei psychischen Krankheiten (PsychKG) ist am 23. 12. 1999 in NRW in Kraft getreten [9]. Von Bedeutung für den Notarzt ist die Änderung des § 14, der bei Gefahr in Verzug die sofortige Unterbringung durch ein ärztliches Zeugnis regelt. Dieses Zeugnis ist „grundsätzlich von Ärztinnen oder Ärzten auszustellen, die im Gebiet der Psychiatrie und Psychotherapie weitergebildet oder auf dem Gebiet der Psychiatrie erfahren sind”. Anhand dieses Falles soll diskutiert werden, ob psychiatrische Erkrankungen mit notwendiger sofortiger Unterbringung bei Gefahr im Verzug noch immer eine Indikation für den Notarzt bedeuten.

Folie à deux - A Rare Psychiatric Disease

We report on a case of a „Folie à deux” of mother and son, where the emergency physician was involved, having been called by the police for help. Both patients had been found in a completely neglected state in their own flat by the police. They misjudged their current situation, but were orientated both in time and place. The emergency physician was not able to determine a clearly defined psychosis in the sense of an acute schizophrenia. In her opinion they suffered from delusional disorder which had to be treated. The patients themselves ignored their disease and the necessity of treatment. The revision of the law concerning help and safety measures in psychiatric diseases came into force December 23rd, 1999 [9]. Important for the emergency physician is the modification of § 14, which controls the handling of immediate hospitalisation by means of a medical certificates: „this certification is only to be issued by physicians, who are well trained in psychiatry and psychotherapy or who are experienced in psychiatry”. It is discussed with reference to this particular case whether psychiatric diseases with immediate hospitalisation are still an indication for the emergency physician or not.

Literatur

  • 1 American Psychiatric Association: DSM-IV, deutsche Übersetzung von Saß H, Wittchen H-U, Zaudig M. Washington DC; Hogrefe Verlag 1994: 362-364
  • 2 Arenz D, Höflich G. Psychopathologische Konzepte des induzierten Irreseins am Fallbeispiel einer Folie à deux.  Fortschr Neurol Psychiat. 1996;  64 13-19
  • 3 Arenz D, Stippel A. Induziertes Irresein, Folie à deux und gemeinsame psychotische Störung.  Fortschr Neurol Psychiat. 1999;  67 249-255
  • 4  Bezirksregierung Köln. Schreiben über die Neufassung des Gesetzes über Hilfen und Schutzmaßnahmen bei psychischen Krankheiten an das Ministerium für Frauen, Jugend, Familie und Gesundheit des Landes NW, 1. 2. 00. 
  • 5 Caduff F, Hubschmid T. Folie à deux.  Nervenarzt. 1995;  66 73-77
  • 6 Dantendorfer K, Maierhofer D, Musalek M. Induced Hallucinatory Psychosis (Folie à deux hallucinatoire): Pathogenesis and Nosological Position.  Psychopathology. 1997;  30 309-315
  • 7  Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein. Gesetz über Hilfen und Schutzmaßnahmen bei psychischen Krankheiten (PsychKG). Rundschreiben vom 12. 2. 00. 
  • 8  Land Nordrhein-Westfalen. Gesetz über Hilfen und Schutzmaßnahmen bei psychischen Krankheiten (PsychKG) vom 2. 12. 69, Nr. 13/1. 
  • 9  Land Nordrhein-Westfalen. Gesetz über Hilfen und Schutzmaßnahmen bei psychischen Krankheiten (PsychKG) vom 17. 12. 99, Glied-Nr. 2128. S. 662
  • 10 Lasegue C, Falret J. La folie à deux ou la folie communiquee.  Ann Med Psychol. 1873;  10 483
  • 11 Lehmann G. Zur Casuistik des inducirten Irreseins (Folie à deux).  Arch Psych. 1883;  14 145-154
  • 12  Ministerium für Frauen, Jugend, Familie und Gesundheit des Landes Nordrhein-Westfalen. Neufassung des Gesetzes über Hilfen und Schutzmaßnahmen bei psychischen Krankheiten (PsychKG). Rundschreiben vom 3. 1. 00. 
  • 13 Wormstall H, Krauter T. Reisen als Stabilisierungsfaktor bei einer Folie à deux?.  Psychiat Prax. 1992;  19 81-83

Dr. med. K. Seiger

Klinik für Anästhesiologie

Universitätsklinikum der RWTH Aachen

Pauwelsstraße 30

52057 Aachen

    >