Übersicht: Der Autor stellt in seiner
Übersicht die gegenwärtigen Tendenzen in der psychotherapeutischen
und medikamentösen Behandlung der sexuellen Störungen des Mannes dar.
Gleichzeitig reflektiert er anhand von Fallbeispielen den gesellschaftlichen
Kontext, der in der Therapie der sexuellen Störungen beobachteten
Verschiebung der Symptome. Bei den sexuellen Funktionsstörungen sei die
Paartherapie nach wie vor die Behandlungsmöglichkeit erster Wahl. Dabei
gehe es aber nicht mehr um eine Paartherapie, in der körperliche
Trainingsaspekte im Zentrum stehen. Im Vordergrund stünden in den neueren
Konzepten der Paartherapie Konflikte zwischen Verschmelzungswünschen und
Autonomieerleben. In seiner Darstellung der medikamentösen Therapie der
sexuellen Dysfunktionen des Mannes weist der Autor darauf hin, dass die
Vielzahl der bereits jetzt auf dem Markt befindlichen Medikamente mit ihren
unterschiedlichen Wirkmechanismen künftig eine differenzierte
physiologische Diagnostik vor dem Beginn einer Psychotherapie oder
Somatopsychotherapie erforderlich mache. Aufgenommen hat der Autor in seinen
Überblick auch die Behandlung von Paraphilien (Perversionen). Aufmerksam
machen möchte er damit auf einen bisher vernachlässigten Aspekt: die
Nähe von Paraphilien zu den sexuellen Funktionsstörungen bzw. deren
Überschneidung. Daran wird noch einmal deutlich gemacht, dass keine
männliche Sexualstörung ohne das komplexe Zusammenspiel von
Geschlechtsidentität, erotischer Selbstbestätigung und dem Wunsch,
mit dem anderen zu verschmelzen, sowie der Angst vor Identitätsverlust
angemessen verstanden werden kann.
Schlüsselwörter:
Funktionelle Sexualstörungen des Mannes - medikamentöse Therapie bei Sexualstörungen
- Paartherapie - Paraphilien - Perversionen - Psychotherapie bei Sexualstörungen
Literatur
1 Veränderte Fassung eines Vortrages, gehalten auf der 20.
Wissenschaftlichen Tagung der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung
vom 6. bis 8. Oktober 2000 in Frankfurt am Main
2 Auch in dem Überblick von Weiner und Rosen (1999) ist davon
die Rede, dass Ejaculatio praecox heute nicht mehr der häufigste Anlass
für Wünsche nach einer „Sextherapie” bei Männern
ist.
3 Eine Steigerung von 6 % auf 9 % dieses
Störungsbildes unter unseren männlichen funktionsgestörten
Patienten bei gleichzeitiger Abnahme der Ejaculatio praecox von
31 % auf 18 % im Verlaufe von vier Jahren ist
allerdings bestenfalls als eine mögliche Tendenz zu interpretieren.
4 Willi (1996) sieht zwar auch den Konflikt zwischen harmonischer
Synchronizität einerseits und gegenseitiger Abgrenzung andererseits, er
meint aber, dass Beziehungen und die Auseinandersetzung in ihnen eine
wesentliche Voraussetzung für individuelle Entwicklung sei. Die
Entwicklung ist bei ihm nicht so zwingend mit Differenzierung aneinander und
damit immanenter Trennung verbunden wie bei Schnarch.
5 Es handelt sich hier keineswegs um eine beliebige Bezugnahme:
Derrida hat sich gegen die starre Begrifflichkeit der Psychoanalyse gewandt,
aber in ihrer Methodik als Prozess der dauernden Infragestellung ein besonderes
Potenzial gesehen, das im Sinne einer Dekonstruktion genutzt werden kann (vgl.
Gondek 1998).
6 Sie wurde nicht von mir selbst, sondern von einem Kollegen
durchgeführt, den ich supervidierte und der aus Diskretionsgründen
nicht genannt werden will.
7 Es handelt es sich bei dem Phosphodiesterase-Hemmer Typ 5 um ein
Wirkungsprinzip, das die Erschlaffung der glatten Gefäßmuskulatur im
Penis fördert und damit den Bluteinstrom in den Schwellkörper des
Penis. Bei Erregung der vegetativen noradrenerg-norcholinergen (NANC) Nerven
durch sexuelle Vorstellungen und/oder körperliche Berührungen kommt
es zur Freisetzung von Stickoxyd, das bei Anwesenheit des
Phosphodiesterase-Hemmers und damit eines erhöhten Anteiles nicht
abgebauten zyklischen Guanosinmonophosphates (cGMP) zu rascher Entspannung (und
Dehnung) der glatten Gefäßmuskulatur und damit zum Einströmen
von Blut in die Schwellkörper und dementsprechend zu einer zunehmenden
Erektion führt. Diese bleibt bestehen, wenn der Bluteinstrom so rasch
erfolgt, dass er das gleichzeitige Abströmen von Blut deutlich
überwiegt. Jede Art von leichten Gefäßschäden kann sich
daher ungünstig auf die Erektion auswirken.
8 So kann z. B. auch nach einem Herzinfarkt Viagra verordnet
werden, wenn dieser länger als ein Jahr zurückliegt und keine Zeichen
einer Herzinsuffizienz erkennbar sind.
9 Wieder ist hier im Sinne Derridas die psychoanalytische Praxis von
ihrer ideologisch starr gebliebenen Begriffswelt zu unterscheiden.
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Prof. Dr. Wolfgang Berner
Abteilung für Sexualforschung
Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Martinistr. 52
20246 Hamburg