Fortschr Neurol Psychiatr 2002; 70(4): 198-203
DOI: 10.1055/s-2002-24642
Originalarbeit
© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Die Entwicklung therapeutischer Positionen im Werk Eugen Bleulers

Eugen Bleulers Propositions to Psychiatric TreatmentA.  Möller1 , Ch.  Scharfetter1
  • 1Psychiatrische Universitätsklinik Zürich, Schweiz
Die Autoren sind dem Chefarzt der Kantonalen Psychiatrischen Klinik Herisau, Herrn Dr. Bruno Kägi, für die Überlassung des in der Klinikbibliothek befindlichen Buches, in dem unter anderem auch die erweiterte Antrittsrede Eugen Bleulers enthalten ist, sehr zu Dank verbunden.
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Publikationsverlauf

Publikationsdatum:
05. April 2002 (online)

Zusammenfassung

Es werden Schriften Eugen Bleulers zur Behandlung von Geisteskrankheiten aus den Jahren 1898 (Antrittsrede) bis 1937 (sechste Lehrbuchauflage) vorgestellt. Bei Übernahme des Zürcher Psychiatrie-Ordinariates konnte Bleuler bereits auf umfangreiche Erfahrungen als Direktor der Kantonalen Klinik Rheinau (1886 - 1898) zurückblicken. So lassen sich in der Antrittsrede sehr detaillierte Angaben zu praktischen Fragen der Krankenversorgung finden, etwa zur Bedeutung von Arbeit, Ehe, Berufswahl, familiärem Umfeld und geeigneter Anstaltsversorgung. Eine starke Gewichtung der Bedeutung von Arbeitstherapie, die vor allem dem Wahnkranken Bezüge zur Wirklichkeit schaffe, lässt sich in allen Schriften erkennen. Die Gewichtung von Psychotherapie bei Geisteskrankheiten allgemein und speziell bei Schizophrenien ist einem gewissen Wandel unterworfen - in der Monografie von 1911 noch als die „einzig zur Zeit ernst zu nehmende” Therapie empfohlen, findet sich in der Lehrbuchauflage von 1937 die kritische Bilanz, diese sei gegen psychische Prozesse „ohnmächtig”. Dabei ist festzustellen, dass auch auf dem Höhepunkt der positiv-kritischen Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse das Deuten psychopathologischer Symptome nicht als Möglichkeit eines pathogenetischen Verständnisses gesehen wurde; akute Krankheitsschübe seien nicht beeinflussbar und auch der Verlauf sei im Wesentlichen eigengesetzlich. Die Abschiedsrede von 1927 lässt eine deutlich kritisch-resignative Bewertung therapeutischer Möglichkeiten an sich erkennen, von der lediglich der Kampf gegen den Alkoholismus ausgespart bleibt. Die kritische Bewertung der Behandlungsmöglichkeiten verweist auf prophylaktisch-eugenische Ansätze; erste Hinweise zur Bedeutung dieser Prophylaxe finden sich bereits in der Antrittsrede von 1898.

Abstract

The historical review of Eugen Bleulers concepts and proposals to treatment in psychiatry, generally and especially for schizophrenia, covers the years between his inaugural lecture 1898 as professor of psychiatry at the University of Zurich to his last edition of his textbook 1937. Already at the beginning of his career as professor in Zurich, he had a very intimate knowledge of psychiatric patients from his 12 years as director of the Mental Hospital Rheinau (near Zurich) where he lived as a bachelor with his patients in the same building. In his inaugural lecture, Bleuler already discussed very practical problems of psychiatric service. e.g. work, employment, marriage, situation in patient's family, housing, occupational therapy etc. Working in the group of other patients should help to re-establish the relationship to the common reality and the society. Psychotherapy for schizophrenics was mentioned in 1911 as the only serious therapy, but was not further elaborated. In 1939, Bleuler was much more sceptical concerning the realistic possibilities of an efficient psychotherapy of schizophrenia. Psychoanalysis would only allow a psychological understanding of some symptoms in schizophrenia but would be unable to contribute to a theory of the underlying pathogenesis. In his view, schizophrenia has its own inherent development. This resignation concerning constructive and efficient therapy dominates his confession even in his last lecture when retiring 1927. Considering the paucity of therapeutic possibilities, Bleuler underlined the importance of prophylactic eugenic strategies.

Literatur

  • 1 Hell D, Scharfetter C, Möller A. (Hrsg.) .Eugen Bleuler - Leben und Werk. Bern: Huber 2001
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  • 7 Bleuler E. Lehrbuch der Psychiatrie (2. Aufl.). Berlin: Springer 1918
  • 8 Bleuler E. Lehrbuch der Psychiatrie (3. Aufl.). Berlin: Springer 1920
  • 9 Bleuler E. Lehrbuch der Psychiatrie (4. Aufl.). Berlin: Springer 1923
  • 10 Bleuler E. Lehrbuch der Psychiatrie (5. Aufl.). Berlin: Springer 1930
  • 11 Bleuler E. Lehrbuch der Psychiatrie (6. Aufl.). Berlin: Springer 1937
  • 12 Ramsauer S. Verwahrlost - Kindswegnahmen und die Entstehung der Jugendfürsorge im Schweizerischen Sozialstaat. Zürich: Chronos 2000

Priv.-Doz. Dr. A. Möller

Psychiatrische Universitätsklinik

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