Psychother Psych Med 2002; 52(3/4): 141-150
DOI: 10.1055/s-2002-24953
Originalarbeit
© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Das „Zufriedenheitsparadox” in der Lebensqualitätsforschung

Wovon hängt unser Wohlbefinden ab?The „Well-Being Paradox” in Quality-of-Life ResearchOn what Does our Sense of Well-Being Depend?Peter  Herschbach
  • Institut und Poliklinik für psychosomatische Medizin, medizinische Psychologie und Psychotherapie der Technischen Universität München
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Publication History

19. 3. 2001

13. 8. 2001

Publication Date:
08 April 2002 (online)

Zusammenfassung

In verschiedenen Fachdisziplinen wurde unabhängig voneinander auf ein empirisches Phänomen hingewiesen, das der Intuition so sehr widerspricht, dass es „paradox” genannt wurde. Es handelt sich um das „Zufriedenheitsparadox” in der medizinischen Lebensqualitätsforschung bzw. das „Wohlbefindensparadox” in der Sozialwissenschaft. Gemeint ist in beiden Fällen, dass sich objektiv negative Lebensumstände nur in relativ geringem Ausmaß auf die subjektive Lebensqualität niederschlagen. Es werden aus beiden Fachgebieten Beispiele entsprechender Befunde geschildert. Anschließend wird versucht, einer Erklärung näher zu kommen. Dabei werden sowohl methodische Überlegungen angestellt, als auch persönlichkeits-, kognitions- und sozialpsychologische. Schließlich werden Konsequenzen für Forschung und Klinik gezogen.

Abstract

In quality-of-life research an empirical phenomenon has been observed independently in medicine and in the social sciences which is so contrary to what intuition tells us that it has been called paradoxical. In medicine it is called the „satisfaction paradox” and in the social sciences the „well-being paradox”. What is meant in both cases is that objectively negative factors in one’s life have relatively little effect on subjective quality of life. In the present paper examples are given of relevant research findings from both fields. An attempt is then made to explain the phenomenon, with the topic being examined not only from a methodological but also from a personality, cognition and social psychology perspective. Finally, the implications for research and clinical work are discussed.

Literatur

1 Es werden zwar konzeptionelle Unterschiede zwischen Lebensqualität, Lebenszufriedenheit, subjektivem Wohlbefinden und Glück diskutiert, etwa im Hinblick auf die verschiedenen psychologischen Ebenen Kognition, Emotion und Verhalten. Für die hier diskutierten Phänomene können die Konzepte jedoch weitgehend synonym betrachtet werden. Sie werden im Folgenden alle LQ genannt.

2 Im Lexikon finden wir die Definition „widersinnig”, aber auch „scheinbar falsche Aussage, die aber auf eine höhere Wahrheit hinweist”.

3 Ich danke den Kolleginnen und Kollegen, die uns Ihre FLZM-Studienergebnisse zur Verfügung gestellt haben!

4 Demgegenüber konnte 31,6% Varianzaufklärung durch neun psychologische Variablen, wie u. a. Gesundheitszufriedenheit, Einsamkeit und Depressivität, erzielt werden.

5 Bei welchen psychologischen Konstrukten wissen wir denn, wovon sie abhängen? Wir messen und benutzen auch „Intelligenz”, „Depressivität” oder „Neurotizimus” und haben bestenfalls Hypothesen über deren Verursachung.

Peter Herschbach

Institut und Poliklinik für psychosomatische Medizin, medizinische Psychologie und Psychotherapie der Technischen Universität München

Langerstraße 3

81675 München