Geburtshilfe Frauenheilkd 2002; 62(3): 257-263
DOI: 10.1055/s-2002-25221
Originalarbeit

Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Ergebnisse und mögliche Konsequenzen der Thüringer Frühgeburtenvermeidungsaktion 2000

Results and Potential Consequences of the Thuringia Prematurity Preventional Campaign 2000U. B. Hoyme1 , U. Möller2 , E. Saling3
  • 1 Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, HELIOS Klinikum Erfurt
  • 2 Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe der FSU Jena
  • 3 Institut für Perinatale Medizin e. V., Berlin-Neukölln
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Publication Date:
19 April 2002 (online)

Zusammenfassung

In zwei prospektiven Erhebungen wurde die Effektivität der von Saling entwickelten Selbstvorsorge-Aktion zur Frühgeburtenvermeidung untersucht. In 16 der insgesamt 29 Erfurter Frauenarztpraxen erhielten interessierte Schwangere Informationsmaterial sowie eine Messausstattung (Careplan VpH-Handschuhe). Die Frauen wurden angeleitet, vaginale pH-Messungen 2 × wöchentlich selbst vorzunehmen. Die Schwangeren waren dahingehend aufgeklärt, bei erhöht gemessenen pH-Werten (≥ 4,7) oder anderen Auffälligkeiten ihren betreuenden Arzt umgehend zu konsultieren, um sich gegebenenfalls mit Laktobazillus-Präparaten oder bei gesicherter Bakterieller Vaginose mit Clindamycin-Creme i.vag. behandeln zu lassen.

In der Erfurter Untersuchung wurden 73 von 381 Frauen in der Interventionsgruppe als risikobelastet identifiziert. 58 von ihnen wurden mit der Laktobazillus-Zubereitung behandelt, 24 z. T. darüber hinaus mit Clindamycin-Creme. 3 Schwangere entzogen sich der Therapie. Die Frühgeburtenrate betrug 8,1 % unter pH-Selbstmessung bzw. Intervention vs. 12,3 % in der Kontrollgruppe (p < 0,05, n = 2341). 0,3 % vs. 3,3 % der Neugeborenen zählten zur Gruppe der frühen Frühgeborenen mit < 32 + 0 Schwangerschaftswochen (p < 0,01). Ein vorzeitiger Blasensprung trat in 22,8 % vs. 30,8 % (p < 0,001) auf.

In der zweiten Erhebung wurde versucht, beginnend mit März 2000, sämtliche Schwangeren im Land Thüringen über die betreuenden Frauenärzte mit dem Messhandschuh auszurüsten. Als Hypothese für den Erfolg dieser Aktion gilt die Annahme, dass die Frühgeburtlichkeit beginnend mit Juli 2000 einen deutlichen Abfall aufweisen muss, was über die Perinatalerhebung des Landes zu bewerten ist. Die Resultate der Aktion im Raum Erfurt zeigen u. a. einen Rückgang der Frühgeburtlichkeit von 7,68 auf 6,81 % bzw. einen Rückgang der frühen Frühgeburten von 3,22 auf 2,39 %, jeweils auf das erste bzw. zweite Halbjahr bezogen (n = 1600). Besonders auffällig ist die Tatsache, dass bei den frühen Frühgeburten 19 vs. 0 vorzeitige Blasensprünge auftraten.

Auf der Basis der Auswertung vom November 2001 für das Land Thüringen, die alle über die Perinatalerhebung erfassten Entbindungen (n = 16 276) einbezieht, ist ebenfalls ein klares Resultat abzulesen: Sowohl die Gesamtzahl der frühen Frühgeburten (1,58 vs. 0,99 %, p < 0,001) als auch der untergewichtigen Kinder war im zweiten Halbjahr entsprechend der im Ansatz formulierten Hypothese signifikant geringer. Die dargestellten Zahlen der Perinatalerhebung 2000 des Landes sprechen aus unserer Sicht für die Ausweitung der Aktion auf die Bundesrepublik Deutschland.

Abstract

In two prospective investigations the effectiveness of the self-care program for prematurity prevention, developed by Saling, was investigated. Pregnant women in Erfurt have been offered to perform self-measurements of their vaginal pH by means of test gloves twice a week in order to screen for any disturbances in the vaginal milieu. The women were instructed to see their physician immediately, if abnormal values (pH ≥ 4.7) or other risk factors were present, in order to get them confirmed and to start lactobacillus acidophilus therapy or, in case of bacterial vaginosis, to treat with clindamycin cream i. vag. Patients who were not interested in the program served as control group.

73 out of 381 women in the intervention group have been identified as risk cases. 58 of them were treated with a lactobacillus preparation, and 24 with clindamycin cream, 3 patients refused to have any therapy. In this study the prematurity rate was 8.1 % in the self-measurement/intervention group vs. 12.3 % in the control group (p < 0.05, n = 2341); 0.3 % vs. 3.3 % of the neonates belonged to the group of very early prematures with a gestational age of < 32 + 0 weeks (p < 0.01). PROM was registered in 22.8 % vs. 30.8 % (p < 0.001) respectively.

Starting March 1, 2000 a similar statewide pH-screening program was initiated in order to reduce prematurity in the State of Thuringia. According to the study design a significant decrease of prematurity was hypothetically expected for the second half of the year 2000. In Erfurt an overall decrease of prematurity from 7.68 to 6.81 % and a reduction of cases ≤ 32 wks. from 3.22 to 2.39 % was observed; premature rupture of the membranes was seen in 19 vs. 0 pregnancies with early prematurity (n = 1600).

Data from 16,276 women are available for the state of Thuringia. On this basis a significant reduction of early prematurity from 1.58 to 0.99 % was seen respectively (p < 0.001). Comparing low birthweights a significant reduction of cases was achieved as well in all groups. On the basis of the data obtained we recommend the extension of the campaign in the whole of Germany.

Literatur

1 Workshop: Effiziente Prävention - Gesundheitlicher, sozialer und materieller Nutzen. 30. 11. 2001, Berlin

Univ.-Prof. Dr. med. U. B. Hoyme

Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, HELIOS Klinikum Erfurt

Gorkistraße 6

99084 Erfurt