Rehabilitation (Stuttg) 2003; 42(6): 335-342
DOI: 10.1055/s-2003-45456
Originalarbeit
© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Die prognostische Bedeutung von Variablen aus dem Qualitätssicherungsprogramm und dem Reha-Entlassungsbericht der LVA Baden-Württemberg für die Erwerbs- oder Berufsunfähigkeit: Ergebnisse einer retrospektiven Kohortenstudie

The Prognostic Value of Variables from the Quality Assurance Programme and of the Rehabilitation-Discharge Report of the LVA Baden-Württemberg for Early Retirement: Results of a Retrospective Cohort-StudyJ.  Küpper-Nybelen1 , D.  Rothenbacher1 , E.  Jacobi2 , H.  Brenner1
  • 1Abteilung Epidemiologie, Deutsches Zentrum für Alternsforschung an der Universität Heidelberg
  • 2Forschungsinstitut für Rehabilitationsmedizin an der Universität Ulm
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Publikationsverlauf

Publikationsdatum:
16. Dezember 2003 (online)

Zusammenfassung

Die LVA Baden-Württemberg setzt seit 1997 in ihren Kliniken ein Instrumentarium zur Messung der Ergebnisqualität ein. Daten zur Bewertung der prognostischen Aussagekraft dieses Instrumentariums und anderer Informationen aus dem Reha-Entlassungsbericht für den Langzeiterfolg der Reha sind bisher kaum verfügbar. Das Ziel der vorliegenden Studie ist es, die prognostische Aussagekraft von kurzfristigen Erfolgsparametern der stationären Reha und zusätzlichen Angaben aus dem Reha-Entlassungsbericht im Hinblick auf langfristige Indikatoren des Reha-Erfolgs, wie zum Beispiel Frühberentung durch Erwerbs- oder Berufsunfähigkeit (EU/BU), zu untersuchen. Die Analyse basiert auf routinemäßig erhobenen Daten aller Rehabilitanden im Alter von 30 - 59 Jahren, die zwischen Juni 1997 und Juni 1999 unter Kostenträgerschaft der LVA Baden-Württemberg eine stationäre Reha-Maßnahme in 5 von 6 LVA-Reha-Kliniken im Bereich der LVA Baden-Württemberg durchlaufen haben. Die Basisdaten zu dieser Studie umfassen die Merkmale aus dem Reha-Entlassungsbericht sowie die Variablen aus dem Qualitätssicherungsprogramm. Weiterhin lagen Follow-up-Informationen aus den Versichertenkonten zu einer eventuell eingetretenen Frühberentung vor (Stichtag 30. Juni 2000). Die unabhängige prognostische Bedeutung der Variablen des Qualitätssicherungsinstruments und von 4 standardisiert erhobenen Angaben aus dem Entlassungsbericht in Bezug auf eine Frühberentung wurde multivariat mit dem Proportional-Hazards-Modell geschätzt. Insgesamt konnten 6 823 Patienten in die Analyse eingeschlossen werden. Während des Follow-up (im Mittel 1,8 Jahre) wurden 908 Patienten (13,3 %) aufgrund einer EU/BU berentet. Die Variablen mit der größten prognostischen Aussagekraft waren die Beurteilung des Gesundheitszustands durch den Arzt und den Patienten und die Beurteilung des Leistungsvermögens im Beruf. Eine um eine Note bessere Beurteilung des Gesundheitszustandes auf einer von 1 - 6 reichenden visuellen Analogskala durch Arzt bzw. Patient ging mit einem um 53 bzw. 40 % verminderten Risiko einer Frühberentung einher. Von den 4 aus dem Reha-Entlassungsbericht untersuchten Variablen stellte sich insgesamt die Arbeitsfähigkeit bei Entlassung als die bedeutungsvollste Variable im Hinblick auf eine Frühberentung heraus. Die Arbeitsfähigkeit bei Entlassung war im Vergleich zur Arbeitsunfähigkeit mit einem 78 % geringeren Frühberentungsrisiko assoziiert. Ebenfalls prognostisch relevant waren das positive Leistungsbild und die Arbeitsunfähigkeitszeiten im Jahr vor Antritt der Reha. Die Variablen des neu entwickelten Qualitätssicherungsinstruments haben einen klaren Bezug zur Wahrscheinlichkeit einer Frühberentung und sagen damit etwas über die am Ende der Reha erzielten Chancen aus, das für den Rentenversicherer wichtige Ziel der Hinauszögerung oder Vermeidung einer Frühberentung zu erreichen. Es ist zu überlegen, ob die Variable Arbeitsfähigkeit bei Entlassung mit in das Qualitätssicherungsprogramm aufgenommen werden sollte, um so gegebenenfalls die prognostische Aussagekraft des Instruments weiter verbessern zu können.

Abstract

Since 1997 the LVA Baden-Württemberg pension insurance agency has implemented an instrument to measure the outcome quality of in-patient rehabilitation. The objective of this study was to evaluate the prognostic value of various short-term rehabilitation success markers and of variables of the quality assurance programme and the rehab-discharge report of the LVA Baden-Württemberg on early retirement by means of a retrospective cohort study. The analysis was based on routinely registered data of patients who underwent in-hospital rehabilitation in a hospital accredited by the LVA Baden-Württemberg between June 1997 and June 1999. Baseline data included information from medical discharge reports and from the quality assurance programme. Follow-up information with regard to disability was collected until July 2000. The prognostic value of the quality assurance programme and of 4 standardized documented items from the medical discharge report was estimated by proportional hazards regression. In this analysis 6 823 patients aged 30 - 59 years who underwent an in-patient rehab programme between June 1997 and July 1999 in 5 of 6 LVA rehab clinics were included. During follow-up (mean duration: 1.8 years) 908 (13.3 %) patients retired because of health-related disability. The variables with the strongest prognostic values were the evaluation of the patient health status by the physician and the patients themselves and the capacity to work. The variables with the highest prognostic value were the evaluation on a 1 - 6 visual analogue scale; a better assessment by one mark of the health status by physician and patient himself, respectively, was associated with a 53 % and 40 % reduced risk of disability. Fitness for work at discharge was the most prognostic variable from the discharge report. Patients who were able to work had a 78 % reduced risk of disability compared to patients unable to work. Also of prognostic relevance were a positive performance and the duration of the inability to work the year before rehabilitation. The variables of the newly developed quality assurance programme of the LVA clearly demonstrated a prognostic value in terms of risk for subsequent early retirement. It should be considered to include the ability to work at discharge in the programme to further improve its prognostic value.

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PD Dr. med. Dietrich Rothenbacher

Abteilung Epidemiologie, Deutsches Zentrum für Alternsforschung (DZFA)

Bergheimer Straße 20

69115 Heidelberg

eMail: rothenbacher@dzfa.uni-heidelberg.de

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