NOTARZT 2004; 20(6): 215-216
DOI: 10.1055/s-2004-828340
Fortbildung
Der toxikologische Notfall
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Glückstropfen

F.  Martens1
  • 1Charité - Universitätsmedizin Berlin, Campus Virchow Klinikum, Klinik für Nephrologie und internistische Intensivmedizin (Direktor: Prof. Dr. Ulrich Frei), Berlin
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Publikationsverlauf

Publikationsdatum:
22. November 2004 (online)

Der Fall

Während einer musikalischen Großveranstaltung im Sommer wird eine junge Frau bewusstlos auf einer Wiese liegend aufgefunden und von Sanitätshelfern in die Erste-Hilfe-Station der Großveranstaltung gebracht. Der dort tätige Notarzt sieht eine 25-jährige Frau, sommerlich leicht bekleidet, ohne Spontanbewegungen, mit geschlossenen Augen und ohne Reaktion auf Schmerzreize. Pulsoxymetrische Sättigung 90 %, Atemfrequenz 8/min, RR 75/60 mm Hg, Pulsfrequenz 60/min. Leichter Alkoholgeruch, Pupillen mittelweit, isokor, träge Lichtreaktion. Nach Legen eines periphervenösen Zugangs orotracheale Intubation zur Sicherung der Atemwege, ohne dass die Gabe von Narkosemitteln erforderlich ist, danach mit Beatmung Transport in die nahe gelegene Universitätsklinik unter der Verdachtsdiagnose Intoxikation.

Bereits bei Übernahme in der Rettungsstelle bewegt sich die Patientin wieder, weitere 20 Minuten später öffnet sie auf Ansprache die Augen und drückt auf Aufforderung beide Hände. Kurze Zeit später Extubation - danach berichtet sie, dass sie von anderen Besuchern der Musikveranstaltung „Glückstropfen” bekommen und eingenommen habe. Danach könne sie sich an nichts mehr erinnern. Jetzt verspüre sie lediglich leichte Kopfschmerzen.

Kurze Zeit später wird eine weitere Patientin, ca. 30 Jahre alt, in die Rettungsstelle gebracht. Sie war ebenfalls tief bewusstlos in einer Parkanlage neben der Musikveranstaltung gefunden worden. Da der Notarzt nicht verfügbar war, transportierten sie die Rettungssanitäter in stabiler Seitenlage. Bei der ersten Untersuchung ermittelt der Aufnahmearzt einen GCS von 3, eine Sättigung von 95 % unter 8 l/min O2, einen RR von 100/75 sowie eine Herzfrequenz von 72/min. Da zunehmend mehr teils bewusstseinsgetrübte Patienten in die Rettungsstelle eingeliefert werden, wird die Patientin zunächst in stabiler Seitenlage auf einem Bett gelagert und nicht intubiert. Nach 40 Minuten erwacht sie und berichtet, dass sie und andere neben Wein und Bier auch flüssiges Ecstasy genommen hätten.

Die toxikologische Analytik bei den beiden Frauen ergab im ersten Fall eine Blutalkoholkonzentration von 1,2 g/l, im zweiten Fall von 0,5 g/l. Bei beiden Patientinnen wurde Gamma-Hydroxybuttersäure (GHB) im Blut in einer Konzentration von 80 bzw. 70 mg/l nachgewiesen.

Literatur

  • 1 Caldicott D G, Kuhn M. Gamma-hydroxybutyrate overdose and physostigmine: teaching new tricks to an old drug?.  Ann Emerg Med. 2001;  37 (1) 99-102
  • 2 Iten P X, Oestreich A, Lips R, Brabetz M. Eine neue Droge erreicht die Schweiz: Koma nach Einnahme von Gamma-Hydroxybuttersäure (GHB).  Schweiz Med Wochenschr. 2000;  130 356-361

Erratum

Martens F. Die Mutprobe, Der Notarzt 2004; 20: 142 - 143
Auf S. 143, linke Spalte, sechste Zeile von oben muss es heißen: Der Alkoholabbau durch die Alkoholdehydrogenase ist auf etwa 0,1 - 0,2 g/kg und Stunde begrenzt.

Priv.-Doz. Dr. Frank Martens

Charité - Universitätsmedizin Berlin · Campus Virchow Klinikum · Klinik für Nephrologie und internistische Intensivmedizin

Augustenburger Platz 1

13353 Berlin

eMail: frank.martens@charite.de

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