Fortschr Neurol Psychiatr 2006; 74(3): 149-156
DOI: 10.1055/s-2004-830297
Originalarbeit
© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

„Diesmal hat der Referent Kraepelins neue Eintheilung mit Stolz und Befriedigung begrüsst, denn es ist seine eigene”

Die ätiologische Klassifikation der Nerven- und psychischen Krankheiten von Paul Julius Möbius“This Time the Reviewer is Proud and Pleased to Agree with Kraepelin's Latest Nosology, Since it is his Own”The Etiological Classification of Nervous and Mental Illnesses as Proposed by Paul Julius MöbiusH.  Steinberg1
  • 1Archiv für Leipziger Psychiatriegeschichte, Klinik und Poliklinik für Psychiatrie (Direktor: Prof. Dr. med. M. C. Angermeyer) Universität Leipzig
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Publication Date:
12 September 2005 (online)

Zusammenfassung

Es wird daran erinnert, dass der Leipziger Nervenarzt Paul Julius Möbius auf die Klassifikationsgeschichte der Nerven- wie der psychischen Krankheiten ganz wesentlich einwirkte. Zwischen 1890 und 1893 stellte Möbius für beide Gebiete seine Einteilungen vor, die allein auf dem Kriterium der Krankheitsursache basierten. Obgleich er auf die von Evariste Marandon de Montyel 1889 vorgestellte Nosologie nach vorwiegend körperinneren und -äußeren Ursachen aufbaut, postuliert Möbius in Abweichung davon, dass auch rein äußerlich verursachte Erkrankungen existierten. Des Weiteren kommt ihm das Verdienst zu, für die beiden entstandenen Hauptgruppen die Termini „endogene” und „exogene” Erkrankungen geprägt zu haben. Unter dem Einfluss der Degenerationslehre meint er als einzigen ätiologischen Faktor der endogenen Erkrankungen die Vererbung auszumachen. Der Grad der Entartung präge hier die Quantität der Erkrankung, während den jeweiligen von außen auf das Nervensystem einwirkenden Giften entsprechende exogene, qualitativ verschiedene Krankheitsbilder entsprächen. Die Möbiussche Dichotomie verdankt ihr nachhaltiges und bleibendes Gewicht der Aufnahme durch Emil Kraepelin, der sie in der fünften Auflage seines Psychiatrie-Lehrbuches 1896 unter Hinweis auf Möbius einführt. Dazu, dass Kraepelin die Ätiologie als wichtiges Kriterium seiner folgend aufgestellten multifaktoriellen klinisch-empirischen Nosologie erkennt, trägt der Leipziger Freund sowohl durch persönliche Einflussnahme mit bei wie durch ständige engagierte Maßregelungen der einzelnen Auflagen des Kraepelinschen Lehrbuches. Doch weil Möbius alle anderen, die Erkrankungen prägenden Dimensionen für eine Klassifikation verkennt, sollte von dem Vorschlag, statt von einer „Kraepelinschen Klassifikation” von einer „Möbius-Kraepelin-Einteilung” zu sprechen, abgesehen werden.

Abstract

This paper aims to acknowledge the major impact Leipzig neurologist and psychiatrist Paul Julius Möbius had on the classification of nervous and mental illnesses. His main objective was to differentiate them by their underlying cause. Between 1890 and 1893 he sampled his views for both subjects. Expanding Evariste Marandon de Montyel's ideas of 1889 Möbius not only agreed that illnesses can emerge from causes that lie mainly within the body as well as mainly outside it, he even went as far as to say that there were illnesses that are solely based on causes outside the body. Moreover, it was Möbius who first introduced the terms “endogenous” and “exogenous” diseases. In accordance with the degeneration theory of his time he referred to transmission as the only etiological factor for endogenous illnesses, proposing that the extent of the illness is determined by the degree of degeneration. In the case of exogenous illnesses, however, the various stimuli affecting the nervous system would lead to qualitatively different illnesses. It is mainly due to Emil Kraepelin, who took over Möbius's dichotomy in the fifth edition of his most influential textbook of psychiatry of 1896, that his views had a lasting influence. And as it shown in the present study it was both through personal arguments with his old friend from Leipzig as well as through Möbius's equally critical and reprimanding reviews of the individual editions of Kraepelin's textbook that the latter acknowledged the importance of the etiological factor in his multi-factorial clinical and empirical nosology. However, since Möbius only considered etiological causes and neglected all others one should refrain from renaming, as suggested, “Kraepelin's nosology” as “Kraepelin's and Möbius's classification”.

Literatur

1 ([12], S. 191) legte klar, dass die Termini „endogen” und „exogen” bereits 1813 in die Botanik eingeführt wurden und anschließend in viele Wissenschaften übernommen worden waren, in die Psychiatrie durch Möbius. So auch ([13], S. 7).

2 Bénédict-Augustin Morel (1809 - 1873), einer der einflussreichsten französischen Psychiater und v. a. seit den 1850er und 60er Jahren Schöpfer der Degenerationslehre.

3 Im deutschsprachigen Schrifttum scheint Marandon de Montyel selbst unauffindbar und auch ansonsten nie abgehandelt worden zu sein. Um so herzlicher dankt der Autor Herrn Luigi Grosso (Paris) für die Überlassung französischsprachiger Informationen. Es zeigt sich nämlich darin, dass Marandon de Montyel ein beachtliches publizistisches Werk von über 200 Artikeln hinterlassen hat. Bezüglich seiner klinischen Ansichten lässt er sich vollständig in der Hauptströmung der französischen Schule seiner Zeit verorten, so vertrat er vehement die Degenerationstheorie Morels. Nach Brian ([26], S. 3 und 233, deren Bibliografie führt die von Möbius rezensierte Abhandlung nicht einmal auf!) soll keiner seiner Artikel ohne Verweis auf Morel geblieben sein und er habe die französische Nosologie psychischer Erkrankungen, die auf dessen Erblichkeitslehre zu fußen habe, zum Erfolg geführt. Marandon de Montyel war ab 1888 in der Anstalt Ville-Evrard in Neuilly-sur-Marne tätig und stand dieser ab 1892 als Arzt auch vor [26] [27].

4 Der Begriff der „einfachen Seelenstörung” ist ein im 19. Jahrhundert außerordentlich verbreiteter. In ihm ist auch das Resultat des Bemühens zu sehen, psychische Krankheiten voneinander abzugrenzen, so umfasst er im Prinzip in der Tat die Gruppe der Möbiusschen endogenen Psychosen, also vor allem die größten Formenkreise, die manisch-depressive Erkrankung und die Schizophrenien, die Depression, die Manie, die funktionellen Erkrankungen (also die Freudschen Neurosen) sowie die ererbten Oligophrenien.

5 Genauso auch in den 6. bis 8. Auflagen ([18], I, S. 13 - 14; [37], S. 14; [38], S. 17).

Dr. rer. medic. Holger Steinberg

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