Fortschr Neurol Psychiatr 2005; 73(6): 315-316
DOI: 10.1055/s-2004-830309
Editorial
© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Prävention der Alzheimer-Demenz

Prevention of Alzheimer's DiseaseJ.  Kornhuber1
  • 1Klinik mit Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Erlangen
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Publikationsverlauf

Publikationsdatum:
08. Juni 2005 (online)

Prof. Dr. med. Johannes Kornhuber

Schon Alzheimer selbst machte in der berühmten Erstbeschreibung des nach ihm benannten Krankheitsbildes auf vaskuläre Veränderungen im Gehirn aufmerksam [2]. Diese vaskulären Veränderungen ließen sich später mit modernen Analysemethoden nachvollziehen [12]. In den letzten Jahren sind viele weitere Überschneidungen zwischen Alzheimer-Demenz und vaskulärer Demenz deutlich geworden [6]. Diese Überschneidungen werden deutlich bei den molekularbiologischen Mechanismen der Demenzentstehung, bei der Neuropathologie und Pathophysiologie, bei den Risikofaktoren und in der klinischen Bildgebung und Therapie demenzieller Erkrankungen. Hentschel u. Mitarb. entwickeln in diesem Heft die Hypothese, dass die jeweiligen spezifischen Ätiopathogenesen von Alzheimer-Demenz und vaskulärer Demenz miteinander interagieren und sich dadurch die kategorialen Grenzen zwischen den Krankheitsbildern aufweichen [4].

Die deutlichsten Konsequenzen dieser Sichtweise ergeben sich in der Prävention der Alzheimer-Demenz [7]. Bislang wurden die nicht modifizierbaren Risikofaktoren der Alzheimer-Demenz, wie Alter und genetische Faktoren, betont. Auch die vorhandenen pharmakologischen Therapien haben den Blick auf nicht-medikamentöse Therapien und Prävention verstellt [8]. In den vergangenen Jahren sind jedoch veränderbare Risikofaktoren der Alzheimer-Demenz bekannt geworden, wie Hypercholesterinämie, arterielle Hypertonie, Adipositas, Hyperhomocysteinämie und körperliche Inaktivität [1] [3] [5]. Diese veränderbaren Risikofaktoren der Alzheimer-Demenz entsprechen weit gehend den bekannten vaskulären Risikofaktoren. In vielen Studien findet sich eine Halbierung bzw. Verdopplung des Risikos durch diese Faktoren. In der schwedischen Kungsholmen-Studie zeigte sich, dass das gleichzeitige Vorhandensein mehrerer Risikofaktoren (z. B. Hypercholesterinämie, arterielle Hypertonie und Adipositas) das Risiko z. B. 6fach erhöhen kann. Der schon lange bekannte genetische Faktor ApoE4 bewirkt für sich allein keine Risikoerhöhung, sondern wird erst durch den Lifestyle, wie fettreiche Ernährung im mittleren Lebensalter, im Sinne einer Gen-Umwelt-Interaktion zum Risikofaktor [10] [11]. Tierexperimentell konnte gezeigt werden, dass körperliche Bewegung die Amyloid-Ablagerung im Gehirn reduziert [9].

Im Bereich der modifizierbaren Risikofaktoren gibt es einen immensen Forschungsbedarf: So ist beispielsweise unklar, welche Summeneffekte durch Änderung des Lifestyles maximal erreichbar sind und wie die Risikofaktoren interagieren. Mit prospektiven, randomisierten Interventionsstudien, beginnend mit Personen im mittleren Lebensalter, ließen sich hohe Evidenzgrade erreichen. Solche Studien sind jedoch aus ethischen und praktischen Gründen kaum durchführbar, denn es müssten gesunde Personen im mittleren Lebensalter zufällig einzelnen Studienarmen zugeteilt werden, die dann z. B. rauchen, Alkohol trinken, sich fettarm ernähren oder sich nur wenig körperlich bewegen. Hohe Evidenzgrade wird es in diesen Fragen also kaum geben. Außerdem müssten wir noch Jahrzehnte auf den Ausgang solcher Studien warten, da es um die Modifikation von Risikofaktoren im mittleren Lebensalter geht.

Dennoch ist es sinnvoll, auch zur Prävention der Alzheimer-Demenz die Vermeidung vaskulärer Risikofaktoren zu empfehlen. Sie decken sich mit Empfehlungen zur Reduktion des kardiovaskulären Risikos, sie sind preiswert und risikoarm.

Literatur

Prof. Dr. med. Johannes Kornhuber

Klinik mit Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie · Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Schwabachanlage 6

91054 Erlangen ·

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