Rehabilitation (Stuttg) 2005; 44(3): 165-175
DOI: 10.1055/s-2005-866822
Frührehabilitation
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Frührehabilitation im Krankenhaus - Definition und Indikation

Ein Ergebnisbericht der Methodengruppe „Frührehabilitation im Krankenhaus”Early Rehabilitation Care in the Acute Hospital Setting - Definition and IndicationResults of the Expert Group „Early Rehabilitation Care in the Acute Hospital Setting”K.  Leistner1 , M.  Stier-Jarmer2 , B.  Berleth3 , J.  Braun4 , E.  Koenig5 , W.  Liman6 , D.  Lüttje7 , R.  Meindl8 , L.  Pientka9 , G.  Weber10 , G.  Stucki2
  • 1Medizinischer Dienst der Spitzenverbände der Krankenkassen e. V., Essen
  • 2Klinik und Poliklinik für Physikalische Medizin und Rehabilitation, Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München (Direktor: Prof. Dr. med. G. Stucki)
  • 3Institut für physikalische und rehabilitative Medizin, Klinikum Ingolstadt (Chefärztin: Dr. med. B. Berleth)
  • 4Rheumazentrum Ruhrgebiet, Herne (Ärztlicher Direktor: Prof. Dr. med. J. Braun)
  • 5Neurologische Klinik Bad Aibling (Ärztlicher Direktor: Prof. Dr. med. E. Koenig)
  • 6Rheumaklinik, Evangelisches Krankenhaus Hagen-Haspe (Chefarzt: Dr. med. W. Liman)
  • 7Klinik für Geriatrie, Klinikum Osnabrück (Chefarzt: Dr. med. D. Lüttje)
  • 8Abteilung für Neurotraumatologie und Rückenmarkverletzte, Klinikum der Ruhr-Universität Bochum (Leitende Ärztin: Dr. med. R. Meindl)
  • 9Klinik für Altersmedizin und Frührehabilitation, Marienhospital Herne, Ruhr-Universität Bochum (Direktor: Prof. Dr. med. L. Pientka)
  • 10Fachklinik für Neurologische Rehabilitation, Bezirksklinikum Regensburg (Chefarzt: Dr. med. G. Weber)
Aus: Phys Med Rehab Kuror 2005; 15: 157 - 167 © Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New YorkDOI 10.1055/s-2004-834762 · ISSN 0940-6689Der veröffentlichte Beitrag wird aufgrund der grundsätzlichen Bedeutung der Thematik und zur Anregung einer weiteren Diskussion hier in ungekürzter Fassung nachgedruckt
Further Information

Publication History

Publication Date:
03 June 2005 (online)

Zusammenfassung

Die Entwicklung der modernen Medizin sowie die Verbesserung des Rettungssystems haben dazu geführt, dass immer mehr Menschen die Akutphase schwerer Erkrankungen und Verletzungen überleben. Die frühe rehabilitative Versorgung dieser oft schwer geschädigten Patienten im Akutkrankenhaus war aber lange Zeit unzureichend. Dass durch eine frühzeitige und umfassende Rehabilitation Patienten häufig sehr viel früher und mit weniger Gesamtaufwand wieder in ein selbstständiges Leben zurückgeführt werden können, ist heute unbestritten. Seit den 80er-Jahren wurden in Deutschland zunehmend bettenführende Abteilungen für die Frührehabilitation eingerichtet. Mit In-Kraft-Treten des SGB IX wurde die Frührehabilitation im Krankenhaus im Juli 2001 auch sozialrechtlich verankert. Allerdings war Frührehabilitation seitens des Gesetzgebers zu diesem Zeitpunkt nicht definiert, allgemein anerkannte Indikationskriterien für diese Leistung fehlten, und die Leistungsinhalte waren nicht bestimmt. Die Methodengruppe „Frührehabilitation im Krankenhaus”, ein Zusammenschluss interessierter Sachverständiger aus verschiedenen Bereichen der Frührehabilitation, setzte sich zum Ziel, einen konzeptionellen und begrifflichen Grundkonsens fachübergreifend für alle Bereiche der Frührehabilitation im Krankenhaus zu erarbeiten. Die Entwicklung der Definitionen und Kriterien erfolgte unter Verwendung eines modifizierten Delphi-Verfahrens. Mit der vorliegenden Publikation informiert die Gruppe über ihre Tätigkeit und deren Ergebnisse. Das Indikationskriterium Frührehabilitationsbedürftigkeit wird anhand von Fallbeispielen typischer Schädigungskonstellationen veranschaulicht. Darüber hinaus enthält der Bericht eine Inventur weiterer Probleme auf dem Gebiet der Frührehabilitation, für die zukünftig eine Lösung zu finden sein wird.

Abstract

As a result of the continuing development in recent medicine, and improvements of emergency services, an increasing number of patients are surviving serious disease and injury. This has increased the need for rehabilitation, starting already during the acute hospital stay. Early identification and rehabilitation may reduce overall costs and help patients to regain independence earlier. Since the eighties specialized early post-acute rehabilitation units have been increasingly implemented in German hospitals. With book 9 of the German Social Code (SGB IX) coming into effect in July 2001, early post-acute rehabilitation care in hospitals became accepted as a social right. However, the specifics of early rehabilitation care have not been defined. There is a lack of generally accepted indication criteria for early rehabilitation services. Similarly, the aims, objectives and methods need to be specified. It was the objective of a group of interested experts from different fields and backgrounds to achieve an interdisciplinary consensus in terms of conceptual definitions and terminology for all early rehabilitation care services in the acute hospital. The development of the definitions and criteria was achieved by using a modified Delphi-technique. By publishing this paper the group is providing information about its activities and results. Examples of typical cases from the various fields of early rehabilitation care were identified and described. Furthermore, the report points out a number of other problems in the area of early rehabilitation care, which have yet to be solved.

Literatur

1 Gesundheitsproblem (health condition) ist gemäß der ICF-Terminologie ein Oberbegriff für (akute oder chronische) Krankheiten, Gesundheitsstörungen, Verletzungen oder Traumata [10]. Gesundheitsprobleme werden nach der ICD-10 kodiert.

2 Funktionsfähigkeit (functioning) ist gemäß der ICF-Terminologie ein Oberbegriff für Körperfunktionen, Körperstrukturen, Aktivitäten und Partizipation. Sie bezeichnet die positiven Aspekte der Interaktion zwischen einer Person (mit einem Gesundheitsproblem) und ihren Kontextfaktoren (umwelt- und personbezogene Faktoren) [10].

3 Der akutmedizinische Behandlungsbedarf kann entstehen durch

3 ein akutes Ereignis (Erkrankung, Unfall),

3 Komplikationen bei einer akuten Erkrankung oder einem Unfall,

3 Exazerbationen einer chronischen Erkrankung bzw. bei (geriatrietypischer) Multimorbidität.

4 Mithilfe rehabilitationsmedizinischer Maßnahmen sollen die (voraussichtlich) nicht nur vorübergehenden Beeinträchtigungen der Funktionsfähigkeit minimiert werden. Es besteht die Notwendigkeit, neben der üblichen diagnostischen und therapeutischen Infrastruktur des Krankenhauses ein in quantitativer und qualitativer Hinsicht spezifisches rehabilitationsmedizinisches Angebot in Anspruch zu nehmen.

5 Der Begriff „nicht nur vorübergehend” soll zum Ausdruck bringen, dass es sich hierbei nicht um solche „vorübergehenden” Beeinträchtigungen handelt, die bei jeder akuten Erkrankung auftreten können, jedoch nach Heilung ohne weiteres Zutun wieder verschwinden.

6 Relevant ist hier primär im Sinne von schwerwiegend komplex zu verstehen, wobei nicht nur der klinische Schweregrad, sondern auch die Kontextfaktoren (umwelt- und personbezogene Faktoren) zu beachten sind.

Prof. Dr. med. Gerold Stucki

Klinik und Poliklinik für Physikalische Medizin und Rehabilitation · Ludwig-Maximilians-Universität

Marchioninistraße 15

81377 München

Email: [email protected]

    >