NOTARZT 2005; 21(4): 133-134
DOI: 10.1055/s-2005-866897
Fortbildung
Der toxikologische Notfall
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Bauchschmerzen und Durchfall

F.  Martens1
  • 1Charité - Universitätsmedizin Berlin, Campus Virchow-Klinikum, Klinik für Nephrologie und internistische Intensivmedizin (Direktor: Prof. Dr. Ulrich Frei), Berlin
Further Information

Publication History

Publication Date:
25 July 2005 (online)

Der Fall

Der Notarzt wird zu einem 78-jährigen Herrn unter dem Stichwort plötzliche Bewusstlosigkeit gerufen. Der ältere Herr liegt in seinem Badezimmer auf dem Fußboden, nur mit Unterhose bekleidet. Unterwäsche und Fußboden sind mit flüssigem Stuhlgang verunreinigt. Der Patient ist ansprechbar und kann berichten, dass er seit der Rückkehr vom Kirchgang mit nachfolgendem Imbiss schon mehrfach unter starken Leibschmerzen mit nachfolgendem Durchfall litte. Im Gespräch kann eine Herzinsuffizienz, ein Herzinfarkt vor einigen Jahren und ein Bluthochdruck ermittelt werden. Ansonsten verrichte er selbstständig noch alle Arbeiten im Haushalt.

Der inzwischen gemessene Blutdruck betrug 90/60 mm Hg, die Herzfrequenz 120/min, die pulsoxymetrische Sättigung 91 %. Wegen der Bauchschmerzen wird ein EKG abgeleitet, das jedoch bis auf diskrete deszendierende ST-Streckensenkungen in V4 - 6 und eine Sinustachykardie keine weiteren Auffälligkeiten zeigt. Nach Legen einer periphervenösen Verweilkanüle und Anlegen einer Infusion eines Plasmaexpanders wird der Patient unter der Verdachtsdiagnose eines schweren Volumenmangels infolge akuter Diarrhö ungeklärter Ursache in das nahe gelegene Kreiskrankenhaus eingewiesen.

Die dort durchgeführte Diagnostik mit Ultraschall ergibt keine Hinweise für eine akute Darmischämie. Daher wird zunächst die Volumentherapie fortgeführt und die immer wieder auftretenden krampfartigen Bauchschmerzen mit Analgetika symptomatisch behandelt. In den Abendstunden des gleichen Tages kommt es nach anhaltendem, auch mit Katecholaminen nicht besserbarem Schockzustand, zu plötzlich auftretendem Kammerflimmern - die sofort eingeleitete Reanimation bleibt erfolglos.

Etwa zur gleichen Zeit stellen sich in kurzer Folge insgesamt 15 weitere Personen in der Rettungsstelle vor - fast alle berichten über Übelkeit, teilweise über starke, krampfartige Bauchschmerzen, über blutige Diarrhöen sowie über Muskelschmerzen und Muskelkrämpfe. Allen gemeinsam war, dass sie am Vormittag die Kirche besucht hatten und anschließend gemeinsam an einer Kaffeetafel teilgenommen hatten, wo sie auch Kekse und Kuchen verzehrt hatten. Deshalb vorgenommene mikrobiologische Stuhluntersuchungen blieben negativ. Ausgiebige Gespräche mit einem Giftinformationszentrum ergaben wegen der Symptomatik die Verdachtsdiagnose einer Schwermetallvergiftung. Mit diesem Verdacht konnte schließlich durch toxikologische Analytik Arsen in verschiedenen Körperflüssigkeiten nachgewiesen werden.

So oder ähnlich hat sich im Jahr 2003 eine Massenvergiftung in einer Gemeinde im Bundesstaat Maine ereignet. Ein Mensch war rasch gestorben, 15 weitere mussten zum Teil wochenlang im Krankenhaus behandelt werden, überlebten aber alle. Die Umstände, die zur Vergiftung des Kaffees geführt hatten, sind bis heute nicht vollständig geklärt [1].

Literatur

Priv.-Doz. Dr. Frank Martens

Charité - Universitätsmedizin Berlin, Campus Virchow-Klinikum · Klinik für Nephrologie und internistische Intensivmedizin

Augustenburger Platz 1

13353 Berlin

Email: frank.martens@charite.de

    >