Der Klinikarzt 2006; 35(6): 227
DOI: 10.1055/s-2006-947873
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Bildgebende Verfahren in der Kardiologie

Stephan Achenbach
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Publication Date:
05 July 2006 (online)

Die technische Entwicklung in der Medizin schreitet in großem Tempo voran, auch im Bereich der bildgebenden Verfahren: War die bildgebende Diagnostik des Herzens bis vor kurzem noch eine Domäne der Echokardiografie, der Nuklearmedizin und natürlich der invasiven Koronarangiografie, drängen derzeit die „neuen Verfahren” mit Macht in die Kardiologie. Aber auch die „konventionellen” bildgebenden Werkzeuge zur Diagnostik des Herzens haben sich weiterentwickelt, was ihre Anwendungen in der Kardiologie spürbar verändert.

Eine gewisse Rolle spielen die bildgebenden Verfahren bei akuten Koronarsyndromen - zum Beispiel bei der Differenzialdiagnostik von Lungenembolie und Aortendissektion -, immer bedeutender werden sie jedoch auch bei der Diagnostik der stabilen koronaren Herzerkrankung. Klinisch ist die Diagnose bei deren Leitsymptom, dem Brustschmerz, häufig alles andere als eindeutig, und daher könnten die neuen diagnostischen Verfahren schon in der Primärdiagnostik eine große Rolle spielen. Sie bieten Ansatzpunkte auf allen Ebenen der Ischämiekaskade: vom Nachweis von Perfusionsdefekten unter Belastung (Myokardszintigrafie, Kernspintomografie, Perfusionsechokardiografie) über die Detektion von Kontraktionsstörungen (Echokardiografie, Kernspintomografie, EKG-getriggerte Myokardszintigrafie) bis hin zur direkten Darstellung der Koronarmorphologie und Detektion von Stenosen und atherosklerotischen Plaques (Computertomografie).

Derzeit ist der klinische Stellenwert der neuen Methoden noch nicht klar. Einerseits darf, gerade weil das Symptom 'Brustschmerz' so häufig ist, die bloße Verfügbarkeit der neuen bildgebenden Verfahren auf keinen Fall eine ungezielte Anwendung bewirken. Nicht nur die ökonomischen Auswirkungen wären enorm, falsch positive oder falsch interpretierte Befunde könnten zudem eine Lawine zusätzlicher Diagnostik bedingen. Andererseits wäre eine vorzeitige und unkritische Ablehnung der Bildgebung ebenfalls falsch, weil unter Umständen eine Chance zur früheren, exakteren Differenzialdiagnostik vergeben würde. Es gilt also, das Spektrum der bildgebenden Verfahren mit ihren Stärken und Schwächen zu kennen, um zusammen mit dem klinischen Bild beim individuellen Patienten die richtige Entscheidung über die weitere Diagnostik zu treffen.

Auch bei bereits bekannter, fortgeschrittener koronarer Herzerkrankung finden sich neue Anwendungen für die bildgebenden Verfahren. Dies gilt zum Beispiel für die „Vitalitätsdiagnostik”: Findet sich in der Koronarangiografie ein stenosiertes oder verschlossenes Koronargefäß, welches einen akinetischen Myokardbezirk versorgt, so gilt es zu entscheiden, ob die Revaskularisierung des betroffenen Gefäßes einen klinischen Nutzen hat. Mit Kernspintomografie, Nuklearmedizin und in gewissen Grenzen auch mit der Echokardiografie lassen sich Narbenareale und vitale, aber funktionsgestörte Gebiete unterscheiden, die nach einer Revaskularisation ihre Funktion wieder aufnehmen können - oft eine wichtige Zusatzinformation. Doch eine detailliertere Diagnose ist noch nicht alles, sie muss auch zu einer prognostischen Verbesserung führen.

Wir sollten diesen neuen Verfahren also aufmerksames Interesse, aber auch eine gewisse Vorsicht entgegenbringen, um ihre Vorteile zu nutzen, ohne ökonomische oder klinische Nachteile in Kauf zu nehmen. In diesem Sinne mag dieses Schwerpunktheft „Bildgebende Verfahren in der Kardiologie - vom Symptom zur Diagnose” des klinikarzt eine Hilfestellung sein, die besprochenen Verfahren und ihren derzeitigen Wert bei der Diagnostik der koronaren Herzerkrankung richtig einzuordnen.

Dr. Stephan Achenbach

Erlangen (Gasteditor)

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