Klin Padiatr 2008; 220(5): 308-315
DOI: 10.1055/s-2007-992800
Originalarbeit

© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Drogenentzug beim Neugeborenen – klinische und soziodemografische Daten von 49 Neugeborenen drogenabhängiger Mütter: Was kann und soll getan werden?

Drug Withdrawal in Newborns – Clinical Data of 49 Infants with Intrauterine Drug Exposure: What should be Done?A. Bläser 1 , F. Pulzer 1 , M. Knüpfer 1 , E. Robel-Tillig 1 , C. Vogtmann 1 , P. Nickel 1 , W. Kiess 1
  • 1Universitätsklinik und Poliklinik für Kinder und Jugendliche Leipzig
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Publication Date:
07 February 2008 (online)

Zusammenfassung

Hintergrund: Neugeborene von Drogen konsumierenden Müttern haben ein hohes Risiko an einem neonatalen Abstinenzsyndrom (NAS) zu leiden. In Abhängigkeit von den durch die Mutter eingenommenen Substanzen ist der neonatale Entzug oft verbunden mit einer ausgeprägten neurologischen Symptomatik sowie einem langen stationären Aufenthalt. Schwere Entzugsformen werden häufiger bei Kindern von Müttern mit Methadoneinnahme beobachtet, weniger ausgeprägte bei mütterlichem Konsum anderer Opioide wie Heroin oder auch bei Substitutionstherapie mit Buprenorphin. Im Einzugsgebiet der Universitätsklinik für Kinder und Jugendliche Leipzig wurde zwischen den Jahren 1997 und 2003 ein deutlicher Anstieg der Anzahl Neugeborener von Müttern mit Drogenanamnese beobachtet.

Methoden: Im Rahmen einer retrospektiven Analyse der betreuten Neugeborenen wurden neben den soziodemografischen Daten der Mütter auch die demographischen Daten der Kinder erfasst. Es wurden Art, Verlauf und Dauer der Therapie des NAS, Art und Dosierung der medikamentösen Therapie sowie die Modalitäten der Entlassung untersucht.

Patienten: In den Jahren 1997–2003 wurden insgesamt 49 Neugeborene von Müttern mit bekanntem Drogenmissbrauch stationär betreut ([Abb. 1]).

Ergebnisse: Bei den von den Müttern (n=48) während der Schwangerschaft eingenommenen Substanzen handelte es sich vorwiegend um Methadon (n=33), des Weiteren um Heroin, Benzodiazepine und in Einzelfällen auch um Kokain und Cannabis. 3 Frauen erhielten eine Substitutionsbehandlung mit Buprenorphin. Beigebrauch zur Substitutionstherapie bestand in 15 Fällen. Der Nachweis mindestens einer der von der Mutter konsumierten Drogen im kindlichen Urin gelang in 36/48 Fällen. Bei 35 Neugeborenen wurden Symptome im Sinne eines NAS beobachtet. Dies entspricht einer Inzidenz von 71%. Die Beurteilung der Symptomatik und die Steuerung der medikamentösen Therapie erfolgten anhand des Finnegan-Scores. Neben supportiven Maßnahmen erhielten alle Neugeborenen mit NAS eine medikamentöse Therapie mit Phenobarbital (n=42). 14 dieser Kinder wurden zusätzlich mit Morphin behandelt (Therapieversagen 33%). Bei einer mittleren Dauer der medikamentösen Therapie von 14 Tagen zeigte sich im Vergleich, dass das NAS infolge Methadoneinnahme mit Beigebrauch anderer Drogen einen längeren Therapiezeitraum erforderte als die Entzugstherapie bei Neugeborenen von Müttern mit Heroinkonsum (16 vs. 10 Tage). Jedoch war die Dauer des stationären Aufenthaltes bei Kindern heroinabhängiger Mütter länger als bei Kindern methadonsubstituierter Mütter. Im Vergleich der Neugeborenen von Müttern mit Methadondosen bis 20 mg/d oder mehr als 20 mg/d ergab sich ein Nachteil für die Kinder der Mütter mit der höheren Methadondosierung.

Schlussfolgerung: Mit steigendem Opioidkonsum in der Einzugsregion (Suchtbericht der Stadt Leipzig) wurde auch ein deutlicher Anstieg des NAS beobachtet. Dabei handelte es sich in über 50% der Fälle um einen Methadonentzug. Die schwerwiegenden Symptome und die langwierige Therapie des neonatalen Entzuges unterstreichen die Forderungen nach vereinheitlichten Behandlungsprinzipien mit dem Ziel einer besseren Strategie für die ärztliche und psychosoziale Betreuung drogenabhängiger Schwangerer sowie die Diagnostik und medikamentöse Therapie des Abstinenzsyndroms der Neugeborenen.

Abstract

Background: Infants of drug abusing mothers are at high risk to suffer from neonatal abstinence syndrome (NAS). Depending on the drug signs of neonatal withdrawal vary but mainly include central nervous system irritability. NAS causes long duration of hospital stay. Severe withdrawal signs are seen in infants exposed to methadone, infants exposed to other opioids like heroin or buprenorphine have been shown to be less symptomatic. Between the years 1997 and 2003 following the border opening there was a dramatic increase in drug exposed newborns seen in the area of Leipzig (East Germany).

Methods: In a retrospective study maternal and infant characteristics, severity of symptoms, duration of withdrawal and hospital stay, duration and kind of treatment as well as modalities for release from hospital were analyzed.

Results: From 1997 to 2003 49 drug exposed newborns were admitted to our neonatal care unit. There was an increase of the number of affected infants within these years ([Fig. 1A]). Maternal drug abuse (n=48) included mainly methadone (n=33), in second line heroine and benzodiazepines, in a few cases also cocaine and cannabinoides. 3 mothers received substitution therapy with buprenorphine. Additional drug use to substitution therapy was seen in 15 mothers. Drugs of abuse were detected in infant urine specimen (36/48). 35 of exposed newborns showed signs of NAS (incidence of NAS 71%). For evaluation of withdrawal signs and conduction of therapy the Finnegan score was used. As first line pharmacological treatment phenobarbitone was administered (n=42), secondary morphine was used (n=14, treatment failure 33%). Mean duration of hospital stay was 21 days. Mean duration of pharmacological treatment was 14 days with longer duration for methadone exposed infants vs. non-methadone exposed infants (16 vs. 10 days). Hospital stay was longer for non-methadone exposed infants. Maternal intake of more than 20 mg methadone per day vs. up to 20 mg per day caused longer duration of hospital stay (28 vs. 20 days, p=0,015).

Conclusion: Long duration of hospital stay and pharmacological treatment call for optimised principal guide lines for diagnosis, treatment and long term follow-up. The results also underline the need for further research for an effective pharmacological treatment.

Literatur

Korrespondenzadresse

Prof. Dr. W. Kiess

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