Pädiatrie up2date 2008; 3(4): 339-356
DOI: 10.1055/s-2008-1077601
Neuropädiatrie/Psychiatrie

© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Motorik im Schulalter

Oskar  Jenni, Jon  Caflisch, Bea  Latal
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Publication Date:
04 December 2008 (online)

Einleitung

Die Motorik ist, wie die Kognition, die Sprache und das Sozialverhalten, eine zentrale Entwicklungsdimension des Kindes. Sie erlaubt dem Kind, seine Umwelt zu begreifen und zu erfassen (im wörtlichen wie im übertragenen Sinne), seinen Lebensraum zu erforschen, neue Erfahrungen zu sammeln, Beziehungen einzugehen und seine Unabhängigkeit zu erweitern (Abb. [1]).

Abb. 1 Die Motorik eröffnet Kindern die Möglichkeit, ihren Lebensraum zu erfahren und auszuweiten.

Es gibt allerdings Kinder, die sich bei Bewegungs- oder Ballspielen oder bei feinmotorischen Aufgaben, wie Basteln, Zeichnen oder Schreiben, schwerer tun als ihre Altersgenossen. Motorische Ungeschicklichkeiten treten häufig auf und können besonders im Kindergarten- und Schulalter erhebliche Auswirkungen haben: Die betroffenen Kinder werden bei der Wahl in eine Mannschaft als Letzte aufgerufen und sind weniger beliebt, wenn es um Bewegungsspiele geht. Störungen in den feinmotorischen Fähigkeiten, wie z. B. Zeichnen oder Schreiben, führen oft zu Leistungseinbußen in der Schule und in der Folge zu Frustrationen. Das Wohlbefinden und Selbstwertgefühl dieser Kinder kann unter dem Versagen und der Ablehnung leiden.

Merke: Motorische Auffälligkeiten sind ein häufiger Grund für eine Konsultation in einer kinderärztlichen Praxis.

Epidemiologische Untersuchungen zeigen, dass 5 – 10 % aller Kinder ungeschickt sind oder an motorischen Auffälligkeiten leiden. Mit anderen Worten: In jeder Schulklasse gibt es 1 – 2 Kinder mit einer motorischen Störung [1].

Für die zuverlässige Erfassung einer Bewegungsstörung sind Kenntnisse über die normale motorische Entwicklung unerlässlich. Diese Übersichtsarbeit beschreibt deshalb zunächst die normale Entwicklung des Bewegungsverhaltens vom frühen Schul- bis ins Erwachsenenalter, deren interindividuelle Variabilität, die Unterschiede zwischen den Geschlechtern und den Langzeitverlauf über das Alter anhand eines häufig gebrauchten klinischen Untersuchungsinstruments, der Zürcher Neuromotorik [2] [3]. Das Ausmaß einer motorischen Entwicklungsstörung kann nur mit einer quantifizierten Beurteilung durch ein standardisiertes und normiertes Testverfahren erfasst werden. Das Untersuchungsinstrument muss deshalb so sensitiv sein, dass es die Dynamik der motorischen Entwicklung und deren Variabilität in jedem Alter zu ermitteln vermag. Diese Arbeit fasst die wichtigsten Anforderungen an einen Test zusammen und zeigt eine Übersicht über die am häufigsten gebrauchten Untersuchungsinstrumente. Im letzten Teil der Arbeit werden einige Störungen der motorischen Entwicklung näher beschrieben.

Literatur

PD Dr. med. Oskar Jenni

Abteilung Entwicklungspädiatrie, Universitäts-Kinderkliniken Zürich

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