Doktoranden zu betreuen ist eine edle Pflicht des Dozenten. Zudem bereichern diese
sowohl die Forschung als auch die Arbeitsgruppen. Ich habe diese Aufgabe gerne übernommen,
als leitender Oberarzt in Heidelberg und als Ordinarius in Mannheim.
Insgesamt habe ich 77 Doktoranden angeleitet und zum Ziel der Promotion geführt, 28
in meiner Heidelberger Zeit in den Jahren 1966 – 1975 und 49 in meinen Mannheimer
Jahren 1976 – 2000. Es waren 24 Damen und 53 Herren. Es fing an mit zwei Ungarn aus
Zürich, beides angehende Zahnärzte, denen folgten weitere 16 Zahnärzte, 15 davon aus
der ganzen Schweiz und einer aus Deutschland. Weiter folgten 58 Mediziner aus Deutschland
und einer aus Südafrika sowie je eine Medizinerin aus Brasilien und eine aus Persien.
Die Zahnärzte
Am Anfang hatte ich vorwiegend Zahnmediziner der Universität Zürich, die in Heidelberg
promovieren wollten. Sie fanden sich in Zürich am Institut für Zahnmedizin nicht zurecht,
da dort 6 Semester zusätzlich zum Studium als Norm für eine Promotion angesetzt wurden.
Solches wurde gescheut.
An der Universität Heidelberg war die Zahnmedizin in derselben Fakultät wie die Dermatologie,
was Promotionen „übers Kreuz“ als Normalfall ermöglicht. Zunächst hatten wir mit Prof.
Ritter, dem Direktor des Zahnmedizinischen Instituts in Heidelberg, vereinbart, dass
sich Doktoranden zwei Semester offiziell als solche an der Universität Heidelberg
einschreiben und ein mündliches Rigorosum zu bestehen haben, an welchem auch ein Zahnmediziner
zu beteiligen ist. So wurde es gehandhabt, und die Zürcher Zahnmediziner konnten ihren
Promotionswillen mit dem sprichwörtlichen Studentenleben in Heidelberg verbinden.
Mein erster Doktorand war Laci Gyarmati, der anlässlich des Aufstands 1956/57 aus
Ungarn floh und entsprechend des Sonderstatus der „Ungarn-Flüchtlinge“ zum Studium
der Zahnmedizin in Zürich zugelassen wurde. Nach Abschluss des Studiums hatte er solange
als Vertretung gearbeitet, bis er sich die 2 Semester Heidelberg zur Promotion leisten
konnte. Er wurde freundlich aufgenommen und in eine experimentelle Arbeit zur Züchtung
von Haut- und Epidermiszellen „in vitro“ eingewiesen. Allerdings musste er zunächst
mithelfen, die Kellerlabors unter der Privatstation der Hautklinik wieder zu erwecken,
die von den früheren Oberärzten zurückgelassen und „eingemottet“ waren. Sein Schicksal
hatte mich stark beschäftigt, wir wurden Freunde und Laci wurde auch in unserer Familie
bekannt. Er lernte seine spätere Frau Bruni in Heidelberg kennen, die er, frisch promoviert,
nach Zürich mitnahm. Da er seinerzeit aus dem Militärdienst in Ungarn entfloh, also
als „Fahnenflüchtiger“ galt, musste Bruni allein nach Budapest fahren, um sich bei
Lacis Eltern als künftige Schwiegertochter vorzustellen. In Zürich hat er seine eigene
Zahnarztpraxis eröffnet und mit großem Erfolg über drei Jahrzehnte geführt. Sie sind
richtige Zürcher geworden, wovon wir uns an der Einbürgerungsfeier selber überzeugen
konnten, die nicht ohne Anklänge war an den damals in aller Munde geführten Film „Die
Schweizermacher“. Nun Schweizer, konnte Laci mit einer offiziellen Schweizer Rotkreuz-Delegation
Budapest besuchen, seine Eltern damit überraschen und er wurde sogar vom damaligen
Ministerpräsidenten Janos Kadar mit Handschlag begrüßt; er, der einst „fahnenflüchtig“
Verfolgte.
Später hatte unsere erstgeborene Tochter Monique, die bei Grandmama Schmid wohnend
ihr Lehramtsstudium in Zürich absolvierte, bei der jungen Familie Dr. med. dent. Laci
Gyarmati als Babysitterin gewirkt und unsere Beziehung auf die nächste Generation
ausgedehnt.
Diese positive Erfahrung machte Schule. Eine Gruppe ungarischer Studenten aus Zürich
kam nach Heidelberg, die meisten nun ans DKFZ, nur Feri Bay kam an die Hautklinik.
Auch er fand hier seine nachmalige Gattin und auch er gründete seine eigene Praxis
als Zahnarzt in Adliswil bei Zürich.
Dann kamen auch Schweizer Zahnärzte, 15 in den Jahren 1969 – 1982, die promovieren
und das Heidelberger Studentenleben kennenlernen wollten. Und sie taten dies ausgiebig
und gründlich. Erfahrungsreich haben wir denjenigen, die gebunden waren, geraten,
ihre Ehefrau oder feste Freundin mitzunehmen. Dies hat sich bewährt. Und der Aargauer
Walter G. Humbel hat in Heidelberg die italienische Biologin Frl. Zanzoni kennen und
lieben gelernt. Zusammen sind sie in die Schweiz gefahren und haben in Bremgarten
die eigene Zahnarztpraxis eröffnet.
Das Leben der Doktoranden
Das Leben der Doktoranden
Die Doktoranden haben zusammen mit dem Personal meiner Arbeitsgruppe, der Chemikerin
Frau Dr. Elisabeth Bohnert und den MTA Waltraud Heimsch und anschließend Christel
Herbst, eine lustige und frohgemute Gemeinschaft gepflegt. In diese einbezogen waren
auch die Schwester Erna König der Heidelberger Lichtabteilung sowie die Schwestern
Bärbel Schmitt und Bärbel Schippl in der PUVA-Abteilung der Mannheimer Dermatologie.
Die „Fieberjahre“ der Universität Heidelberg (1967 – 1973) wurden aktiv miterlebt.
Zuweilen kehrten sie von Demos puddelnass zurück, im Labor sich umzurüsten. Sie waren
den Wasserwerfern zu nahe gekommen. Aber auch Vertrauen war vorhanden, nicht zuletzt
durch die Grillabende in unserem Dilsberger Garten. Einmal sogar überließen wir dem
Doktoranden Bruno Trachsel und seiner Frau unsere drei Kinder mit Haus für ein langes
Wochenende. Lili und ich waren ohne Sorgen zum Kongress gefahren.
Auch Kollegen vertrauten mir ihren Nachwuchs als Doktorenden an:
Michael Schönfeld beschäftigte sich 1987 mit der Therapie melaninbedingter Hyperpigmentierungen.
Sein Großvater, Prof. Walther Schönfeld, war Ordinarius der Dermatologie in Heidelberg
von 1935 – 1959.
1997 promovierte Gerald Klostermann über die Bedeutung verlängerter UV-Erytheme bei
gewissen Hautkrebsarten. Sein Vater Gerald Klostermann war Professor der Dermatologie
an der Universität Göttingen und Chefarzt der Fachklinik in Hannover – Laatzen.
Einige Doktorarbeiten wurden auch preisgekrönt. Frau Dorothea Ziegelmüller erhielt
den Richtzenhain-Preis 1984 für ihre Arbeit über die DNA- Reparatur bei Fibroblasten
von Melanompatienten, und die beiden Doktoranden Ruth Angele und Bernhard Schneider
wurden zusammen für ihre Arbeit über die Therapierisiken von Psoriasis-Patienten mit
dem Psoriasis-Preis 1983 geehrt.
Und Rudolf A. Herbst promovierte 1991 über SCE als Methode zur Risikobewertung von
Medikamenten. Er ist heute Professor und Chefarzt der Dermatologie in Erfurt.
Die Themen
Die Themen der Doktorarbeiten wurden so gewählt, dass diese in absehbarer Zeit bei
fleißiger und gewissenhafter Bearbeitung zu aussagefähigen Resultaten kommen können.
Dadurch konnte eine „Alles oder nichts“-Aussage vermieden werden. Ein schrittweises
Vorgehen wurde besprochen, Zwischenkontrollen angesagt und eine Diskussion der Resultate.
Bei Arbeiten mit Patienten oder Probanden gab es eine Eingangshilfe, wie auch bei
experimentellen Arbeiten eine Einführung in die Methodik. Dabei sind auch vorangehende
Doktoranden eingespannt gewesen.
Ausgehend von der autosomal rezessiven Erbkrankheit Xeroderma pigmentosum (XP) mit
Lichtempfindlichkeit und früh im Leben auftretenden Hautkrebsen, wurde an unserem
Labor die Messung der sog. Nucleotid Excisions Repair (NER) eingeführt und auch die
Bestimmung (Typisierung) der XP-Untergruppen. Zudem kam auch noch die Bestimmung des
„Sister Chromatid Exchange“ (SCE), dessen Zunahme als Zeichen verstärkter biologischer
Schadensbegrenzung gilt. Mehrere Gruppen von Doktoranden bemühten sich, mithilfe dieser
Methoden Patienten mit verschiedenen Hautkrankheiten auf endogenes Risiko hin zu untersuchen,
was an peripheren Lymphozyten und kultivierten Fibroblasten geschah (Feri Bay 1969,
Gerhard von Knobloch 1970, Georg Erbs 1971 und Nic Grobler, dem wir den Spruch über
der Labortüre verdankten: “You first have to crawl before you swim.”
Des Weiteren wurde auch der kombinierte Effekt von Licht und Medikamenten untersucht,
z. B. Metronidazol (Rudolf A. Herbst 1991) und Arsen (Bruno Trachsel 1969, Wolfgang
Obert 1984). Auch die Effekte von physikalischen Interventionen wie Röntgenstrahlen
(Manfred Wöltje 1972), Licht verschiedener Wellenlängen (Nahid Hakemi 1972, Sigurd
Müller 1973, Giorgio Bächthold 1975, Andrea Senner 1984), PUVA (Michael F. Wöhler
1975, Engelbrecht Decker 1977, Henning Meyer 1978, Pierre Siedler 1978, Herbert Solt
1979, Walter G. Humbel 1979, Roberto Silla 1979) oder Interferenzströme (Elaine Fuhrmann
geb. Skusa 1994, Natascha Fackel 1996) wurden untersucht.
Auch das Risiko von akuter oder chronischer Lichtbelastung der Haut wurde zu erfassen
versucht bei Progerie, Fanconi-Syndrom, bei dysplastischen und familiär gehäuften
Muttermalen, bei Melanomen und beim weißen Hautkrebs (Kurt Bantle 1970, Sabine Siefert
1989). Auch den nicht bösartigen Hautveränderungen der chronischen Lichtexposition
wurde Rechnung getragen. So hatte Andrea Kuhn 1989 im kleinen Winzerdorf Hainfeld
in der Pfalz Winzer und Nichtwinzer gegenübergestellt und dokumentiert, dass die chronisch
dem Licht ausgesetzten Winzer deutlich mehr und früher auftretende „Altersveränderungen“
der exponierten Haut aufweisen. Ähnliche, aber deutlich weniger ausgeprägte Unterschiede
zwischen Solarienbenutzern und solchen, die keine Solarien besuchten, fand Frau Christine
Dunkelmann geb. Brecht 1995. So wurde belegt, was man von anderen Berufsgruppen schon
ahnte und kannte, den Skilehrern und Bergführern, den Seeleuten und den Dachdeckern,
alles Berufe, deren Tätigkeit lange Sonnenexpositionen verlangt.
Einen weiteren Schwerpunkt bildeten die Arbeiten zum „experimentellen Ekzem“ (Urs
Dümmler 1969, Luitgard Wiest 1969, Gerd Focke 1970, Ute Aulepp 1970, Cesarino Beretta
1970), und besonders über Photoallergien (Klaus Ruffler 1972, Alexander Grendelmeier
1973, Alexander Zaczkiewicz 1982, Wolfram Faber 1986) und über phototoxische Reaktionen
(Dierk Frerichs 1969).
Eine andere Gruppe beschäftigte sich anhand der lichtinduzierten SCE damit, ob sich
bei Hauttumoren Anhaltspunkte für eine genetische Disposition nachweisen lassen, so
Karl Günthart 1980, Peter Luchsinger 1981, Jürg Ottiker 1981 und Mathias Marx 1994.
Verschiedene Themen und Hautkrankheiten wurden unter besonderen Gesichtspunkten von
Doktoranden bearbeitet, nämlich:
Gonorrhoebehandlung Hans Werling 1968
Akrokeratoelastoidose Franz U. Beil 1973
Lichturtikaria Detlef Tödt 1973
Plantarwarzentherapie Rainer Schoenian 1975
Hämangiombestrahlung Ursula Köhler geb. Wurster 1976
Erysipele Otto Bertsch 1977
Dermatologie Fortbildung Jris Slawski geb. Jost 1977
Altersveränderungen Bärbel Kilian 1979
Yersinosis der Haut Jnge Curth 1983
Lichturtikaria Alexander Höfle 1985
Vitiligo Petra Jacobs 1996
Ein Beispiel sei herausgegriffen: Zusammen mit dem leider viel zu früh verstorbenen
Humangenetiker Ernst Schleiermacher und den Kinderklinikern hatten wir in der Hautambulanz
eine genetische Sprechstunde eingerichtet. Dort stellte ein Doktorand der Inneren
Medizin, eben Franz U. Beil, einen Patienten mit einer etwas ungewöhnlich erscheinenden
Xanthomatose der Haut vor, da er beauftragt war, darüber seine Doktorarbeit zu fertigen.
Diese kritische Fragestellung war berechtigt, denn wir erklärten die vorwiegend akral
lokalisierten Hautveränderungen als Verdickungen des elastischen Bindegewebes und
der Epidermis und nicht durch Fettablagerungen. Es war eine der seltenen autosomal
vererbten Fälle von Akrokeratoelastoidose. Wir übernahmen den Doktoranden und die
ganze Familie zur Feindiagnostik, Betreuung, Behandlung und Beratung. Aus dieser Doktorarbeit
ergaben sich fünf Publikationen über den Fall des Patienten und dessen Familie, über
die Einordnung in das System der erblichen Verhornungsstörungen, über die histologischen
und elektronenmikroskopischen Veränderungen und auch über die Lokalisation des zugrunde
liegenden Gendefektes.
Therapeutische Studie von Doktoranden beschäftigten sich mit der Wirkungsweise und
Penetrationsrate von Lokaltherapeutika, so von Ölbädern (Hans-Dieter Luchterhand 1967),
Gel-Grundlagen (Jürgen Steche 1971) und Sanddornöl (Mathias Stoss 1999).
Die Ernte
Die Doktoranden hatten neben der schriftlichen Arbeit ein mündliches Rigorosum vor
3 Hochschullehrern zu absolvieren, darunter der „Doktorvater“ und anfänglich immer
ein Zahnmediziner. Dieses musste bestanden werden. Das Gremium hatte auch die Benotung
festzulegen, die von den Betreuern vorgeschlagen wurde. Annahme der Promotion und
die Benotung wurde von der ordentlichen Fakultätskonferenz beschlossen und mit einer
Urkunde dokumentiert. Ausgehändigt wurden die Urkunden anlässlich eines feierlichen
Anlasses in der alten Aula der Universität in Heidelberg, wozu die Laureaten und deren
Familien geladen wurden.
Die Benotung hatte bei den angenommenen Promotionen zu unterscheiden zwischen „rite“
ausreichend, „cum laude“ gut und „magna cum laude“ sehr gut. Zum Verfahren hatte unsere
Fakultät die Richtlinien festgelegt.
Die Benotung meiner 77 Doktoranden, welche die Promotion abschlossen, ergibt folgende
Verteilung:
Rite 16 20 %
Cum laude 36 46 %
Magna cum laude 25 34 %
Eine weitere Konsequenz der abgeschlossenen Doktorarbeiten war die Publizierung der
Resultate, ganz oder eingebaut in den größeren Zusammenhang eines Projektes. Publiziert
wurde in entsprechenden Fachzeitschriften, zumeist in deutscher Sprache, Auserlesene
Arbeiten auch in Englisch, oder in Zeitschriften der Fachweiterbildung. Von unseren
77 Doktoranden haben 39 ihre Resultate oder Teile daraus publiziert oder mitpubliziert,
26 in Deutsch, 12 in Englisch und einer in Französisch. Sie wurden jedes Mal als Autoren
oder meistens als Mitautoren, entsprechend ihres Beitrags, aufgeführt. In einige Übersichtsartikel
sind Resultate von mehreren Doktoranden eingeflossen.
Betrachtet man die Thematik im Überblick, so ist evident, dass sich diese um die Forschungsschwerpunkte
meiner Arbeitsgruppe in Heidelberg und der Hautklinik Mannheim schart; die Photobiologie,
das experimentelle Ekzem mit besonderem Schwerpunkt der Photoallergien und die klinische
Genetik. Später kam das Xeroderma pigmentosum hinzu, die Lichtbiologie und die Studien
zur Wirkung und Sicherheit der PUVA sowie anderer Lichtquellen zur Behandlung der
Psoriasis und von kutanen Lymphomen.
Die Doktoranden haben mit ihren Arbeiten effektiv und nachweislich Wesentliches zum
Fortschritt der Dermatologie im klinischen und im experimentellen Bereich beigetragen,
Unterlagen zur Wirkung und Sicherheit der Lichttherapie geschaffen und Bedeutendes
zur Lichtbiologie unserer Haut vorangebracht. Dafür sind wir ihnen sehr dankbar.
Darüber hinaus haben die Doktoranden, von denen meistens einige gleichzeitig und überlappend
tätig waren, sich in meine Arbeitsgruppe und auch in die übrige Belegschaft der Hautklinik
eingebracht, mitgewirkt und mit Frohsinn und Einfallsreichtum ganz Wesentliches zur
Stimmung, Arbeitsfreude und Geselligkeit beigetragen. Nicht wenige haben sich in dieser
Zeit entschlossen, sich als Dermatologen zu spezialisieren und eine eigene Hautarztpraxis
anzustreben. Wir möchten unsere Doktoranden in keiner Weise missen, sie sind in besonderer
Weise in unserer Erinnerung bleibend verankert. Dazu dient auch dieser Text.