Wie viel verdienen Ergotherapeuten in den USA, in welchen Tätigkeitsfeldern arbeiten
sie und wie entwickelt sich der Beruf dort? Dazu gibt der US-amerikanische Berufsverband
American Occupational Therapy Association (AOTA) regelmäßig Auskunft – aktuell anhand
einer Befragung von über 15.000 Ergotherapeuten [1].
Darüber hinaus veröffentlicht die AOTA evidenzbasierte Praxisleitlinien. Zum Beispiel
für die Behandlung von Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen [2] oder mit
einer Autismus-Spektrum-Störung [3]. Damit möchte der Berufsverband Ergotherapeuten
dabei unterstützen, vor allem jene Behandlungsverfahren zu nutzen, die nachweislich
wirksam sind. Zudem erfahren Kostenträger im Gesundheitssystem auf diese Weise, wann
ein Beitrag der Ergotherapie zur Behandlung gerechtfertigt ist.
Ergotherapie-Assistenten und Ergotherapeuten
Ergotherapie-Assistenten und Ergotherapeuten
Die Professionalisierung der Ergotherapie hat in den Vereinigten Staaten zwei Berufe
hervorgebracht [4]: Certified Occupational Therapy Asisstants (COTA) und Occupational
Therapists, Registered (OTR) [5].
Ergotherapie-Assistenten benötigen mindestens den sogenannten Associate‘s Degree,
den sie nach einem zweijährigen Studium an einer vom Accreditation Council for Occupational
Therapy Education (ACOTE) anerkannten Hochschule erwerben [6]. Nach bestandener Prüfung
dürfen sie die Berufsbezeichnung COTA führen. Damit sind sie meist einem Ergotherapeuten
unterstellt, der zum Beispiel die Diagnostik im Behandlungsprozess übernimmt. Mit
Praxiserfahrung und regelmäßiger Supervision können Ergotherapie-Assistenten Behandlungen
selbstständig durchführen.
Ergotherapeuten hingegen müssen mindestens ein Masterprogramm an einer akkreditierten
Universität absolvieren, um zu praktizieren [7]. Für die Zulassung zu einem solchen
Graduiertenstudium benötigt man einen Bachelorgrad mit naturwissenschaftlichem Fächerkanon.
Der Masterstudiengang dauert dann in der Regel fünf Jahre. Eine weitere Voraussetzung
sowohl für Master- als auch für Promotionsabschlüsse ist ein klinisches Praktikum
in einem ergotherapeutischen Behandlungsfeld von mindestens 24 Wochen.
Um den Titel OTR zu führen, benötigen Ergotherapeuten zur Berufsausübung eine bundesstaatliche
Lizenz. Voraussetzung hierfür ist das Bestehen einer zentralen Aufnahmeprüfung nach
Abschluss eines mindestens vierjährigen Studiums an einer akkreditierten Universität.
In manchen Bundesstaaten wird für die Berufsausübung der Doktorgrad Occupational Therapy
Doctor (OTD) verlangt [6].
Steigender Fachkräftebedarf
Steigender Fachkräftebedarf
Im Jahr 2017 waren mehr als 220.000 Ergotherapeuten und 64.000 Ergotherapie-Assistenten
in den Vereinigten Staaten registriert [7]. Davon arbeiteten die meisten in den bevölkerungsreichen
Bundesstaaten Kalifornien, Florida, Illinois, New York, Pennsylvania und Texas. Die
Zahl der Ergotherapeuten wird bis 2024 voraussichtlich um 27 Prozent steigen [7].
Mit mehr als 30.000 neuen Stellen hat diese Berufsgruppe eine überdurchschnittlich
hohe Wachstumsrate. Der steigende Fachkräftebedarf wird durch die Zunahme von Muskel-
und Skelett- sowie demenziellen Erkrankungen der Babyboomer-Generation erklärt, die
das US-amerikanische Gesundheitssystem vor Herausforderungen stellt.
Von Forschung bis Fahrtraining
Von Forschung bis Fahrtraining
In den USA werden ergotherapeutische Dienstleistungen in folgenden Haupttätigkeitsfeldern
erbracht (ARBEITSFELDER ERGOTHERAPIE, S. 42):
-
Hochschultätigkeit (Academia): Forschung und Lehre an Universitäten
-
gemeindenahe Ergotherapie (Community): z. B. für Erwachsene mit Sehschwäche oder ältere
Menschen in der Gemeinde
-
Frühintervention (Early Intervention): ergotherapeutische Behandlung in der frühen
Kindheit von der Geburt bis 3 Jahre. Solche Programme beinhalten u. a. die Abklärung,
Evaluation und Behandlung von motorischen, kognitiven, sozioemotionalen und adaptiven
Entwicklungsstörungen der Kinder sowie die Beratung von Angehörigen.
-
ambulante Versorgung (Freestanding Outpatient): z. B. Ergotherapie aus unabhängigen
Kliniken privater Träger oder Praxen
-
Zu-Hause-Behandlung in Form von mobiler Ergotherapie (Home Health): z. B. Gesundheitsfürsorge
im häuslichen Lebensumfeld für Menschen mit Diabetes oder Schlaganfall
-
Krankenhaus (Hospital): Ergotherapie der stationären Versorgung in somatischen Krankenhäusern,
Rehabilitationsabteilungen oder im Hospiz
-
stationäre Langzeitpflege (Long-Term Care/Skilled Nursing Facility): z. B. Versorgung
in subakuten Pflegeeinrichtungen für Erwachsene mit Schädel-Hirn-Trauma oder Demenz
-
Psychiatrie (Mental Health): z. B. psychiatrisches Fachkrankenhaus, Tagesklinik oder
andere gemeindepsychiatrische Träger
-
Schulen (Schools): Ergotherapie an öffentlichen und privaten Schulen, z. B. für Jugendliche
im Übergang zu Ausbildung und Beschäftigung
-
Sonstige (Other): z. B. Leistungen der beruflichen Rehabilitation wie Supported Employment
für schwer psychisch Erkrankte oder Fahrtraining für ältere Menschen
Ergotherapie gehört zum amerikanischen Schulsystem
Ergotherapie gehört zum amerikanischen Schulsystem
Ein US-amerikanisches Bundesgesetz garantiert die therapeutische Versorgung für alle
Schüler mit Behinderungen [4, 8]. Aus diesem Grund ist die Ergotherapie ein integraler
Bestandteil des amerikanischen Schulsystems.
2014 waren 20 Prozent der Ergotherapeuten und 15 Prozent der Ergotherapie-Assistenten
an Schulen angestellt. Dort arbeiten sie gemeinsam mit Lehrern in einem Team und unterstützen
Kinder und Jugendliche in deren Rolle als Schüler [10]. Zum Beispiel mit außerunterrichtlichen
Angeboten zur gesunden Lebensgestaltung, Beratung von Eltern zu Erziehungsfragen oder
Sprach- und Bewegungsförderung. Ein Schwerpunkt liegt auf dem besonderen Förderbedarf
bei Legasthenie oder Dyskalkulie. Dabei helfen Ergotherapeuten beim Lösen von Aufgaben
im Unterricht, um die Lernperformanz zu verbessern. Zudem überprüfen sie mit standardisierten
Tests die berufliche Eignung von Jugendlichen im Übergang von der Schule in eine Beschäftigung.
Mit mehr als 30.000 neuen Stellen hat die Ergotherapie eine überdurchschnittlich hohe
Wachstumsrate.
Quelle: American Occupational Therapy Association. 2015 AOTA Salary and Workforce
Survey. Bethesda, MD: AOTA Press; 2015
Quelle: American Occupational Therapy Association. 2015 AOTA Salary and Workforce
Survey. Bethesda, MD: AOTA Press; 2015
Weniger Ergotherapeuten im Arbeitsfeld Psychiatrie
Weniger Ergotherapeuten im Arbeitsfeld Psychiatrie
In den USA gibt es im Gegensatz zu Deutschland keine versicherungsrechtliche Gleichstellung
zwischen der Übernahme von Behandlungskosten bei somatischen und psychischen Erkrankungen
[8]. Im Survey wird das Arbeitsfeld Psychiatrie deshalb extra aufgeführt und von der
Ergotherapie in einem somatischen Krankenhaus abgegrenzt [1].
Auch in den USA ist die Ergotherapie mit einem Anteil von knapp 91 % weiblichen Berufsangehörigen
ein Frauenberuf.
Betrachtet man die Berufsentwicklung der vergangenen Jahre, so waren 2014 lediglich
2 % der Ergotherapeuten in der Psychiatrie und Psychosomatik beschäftigt. Hingegen
waren es im Jahr 2000 noch über 5 %. Zum Vergleich: In Deutschland arbeiten 14 % der
vom DVE befragten Angestellten im Bereich Psychiatrie [11].
Allerdings lässt sich die psychiatrische Ergotherapie in den USA nicht immer klar
abgrenzen. Berufliche Rehabilitationsleistungen wie Job-Coaching nach dem Ansatz Supported
Employment werden zum Beispiel dem Tätigkeitsfeld „Sonstige“ zugeordnet (ARBEITSFELDER
ERGOTHERAPIE). Dabei unterstützen Ergotherapeuten psychisch Erkrankte direkt und zeitlich
unbefristet am Arbeitsplatz in der Gemeinde. Außerdem arbeiten Ergotherapeuten in
Clubhouse-Einrichtungen, die zur „gemeindenahen Ergotherapie“ zählen. Im Clubhouse
treffen sich – ähnlich wie in deutschen sozialpsychiatrischen Zentren – Klienten zu
sozialen Aktivitäten und Arbeit, um sich auf den Übergang zum ersten Arbeitsmarkt
vorzubereiten [12].
Der Rückgang der Beschäftigten innerhalb der psychiatrischen Ergotherapie wird gesundheitspolitisch
und wirtschaftlich begründet [13]. So hat man in der Vergangenheit versäumt, den Beitrag
der Ergotherapie zur Behandlung von psychisch erkrankten Menschen für Gesetzgeber
und Kostenträger mit gut kontrollierten Studien abzusichern. Zudem wechselten viele
Therapeuten nach einer Gesetzesänderung in den 1970er Jahren von ihrem bisherigen
Tätigkeitsfeld an Schulen. Ein weiterer Grund ist, dass viele Absolventen nach ihrer
Universitätsausbildung durch Darlehen belastet sind und eine Tätigkeit im Arbeitsfeld
Psychiatrie für sie nicht lukrativ ist [13]. Heute steuert der amerikanische Berufsverband
diesem Trend mit Praxisleitlinien und international erfolgreichen Therapieansätzen
entgegen.
Arbeitsfeld „Langzeitpflege“ wächst
Arbeitsfeld „Langzeitpflege“ wächst
Die Mehrheit der Ergotherapeuten arbeitet in somatischen Krankenhäusern (27 %), an
Schulen (20 %) und in der stationären Langzeitpflege (19 %) (ARBEITSFELDER ERGOTHERAPIE).
Dabei unterscheidet sich die Berufsgruppe der Ergotherapeuten von der der Ergotherapie-Assistenten
erheblich: So sind mehr als 55 % der Assistenten in Langzeiteinrichtungen tätig. Hingegen
liegt der Anteil von Ergotherapeuten mit einem höheren Abschluss in diesem Arbeitsfeld
bei weniger als 20 %. Insgesamt wächst dieser Sektor jedoch für beide Berufsgruppen
am schnellsten.
Die Zahl der Ergotherapeuten wird in den USA bis 2024 voraussichtlich um 27 Prozent
steigen.
Mehr Masterabschlüsse und steigende Gehälter
Mehr Masterabschlüsse und steigende Gehälter
Seit Einführung des Masterabschlusses als Voraussetzung für den Berufseinstieg im
Jahr 2007 hat sich die Anzahl der Ergotherapeuten mit Master von 31,9 % im Jahr 2006
auf 60 % im Jahr 2014 nahezu verdoppelt.
Im Vergleich zur letzten Erhebung sind auch die Gehälter beider Berufsgruppen gestiegen:
um 8,2 % bei den Ergotherapeuten und um 9,1 % bei den Ergotherapie-Assistenten. Als
Faustformel gilt: Je höher der akademische Abschluss, desto höher das Jahresgehalt.
So variiert die Vergütung eines Ergotherapeuten mit Master zwischen 75.000 und 88.000
$ [1]. Die höchsten Durchschnittsgehälter werden Ergotherapeuten in der „Hochschultätigkeit“
(77.000 $), in der „Zu-Hause-Behandlung“ (76.000 $) und in der „stationären Langzeitpflege“
(73.000 $) gezahlt. Schulergotherapeuten verdienen mit einem Jahresgehalt von 61.000
$ am wenigsten (ARBEITSFELDER MIT DEN HÖCHSTEN GEHÄLTERN) [1].
Das Durchschnittsalter der berufstätigen Ergotherapeuten fiel in den letzten Jahren
von 41 auf 39 Jahre. Dagegen stieg es bei den Ergotherapie-Assistenten auf 42 Jahre.
Bezahlung nach Therapieeinheiten
Bezahlung nach Therapieeinheiten
Ein weiterer Trend lässt sich bei den Vergütungsmodellen erkennen. Im Vergleich zum
Jahr 2000 erhielten 2014 mehr Berufsangehörige anstatt eines festen Gehalts eine Vergütung
nach geleisteten Therapieeinheiten. So gaben 44,7 % der befragten Ergotherapeuten
an, nach Therapiestunden bezahlt zu werden. Im Jahr 2000 waren es noch 35,1 %. Bei
den Ergotherapie-Assistenten hingegen ist eine Bezahlung nach geleisteten Therapieeinheiten
der Regelfall [1].
Was die Beschäftigungsform angeht, so ist die Mehrheit des Gesundheitspersonals mit
über 80 % angestellt. Die Zahl der Selbstständigen scheint zu sinken.
Ergotherapie hat enormes Wachstumspotenzial
Ergotherapie hat enormes Wachstumspotenzial
Der Berufstrend in den USA zeigt das enorme Wachstumspotenzial der Ergotherapie. Gerade
im Hinblick auf zukünftige Herausforderungen, vor denen auch das Gesundheitswesen
in Deutschland steht. Dabei sind die Auswirkungen der Ausbildungskosten nicht zu unterschätzen.
Denn auch bei uns wird über den steigenden Bedarf an Ergotherapie in der stationären
und ambulanten Versorgung diskutiert. Um das Leistungsangebot langfristig zu gewährleisten,
müssen mehr Ergotherapeuten ausgebildet und angemessen bezahlt werden.
Je höher der akademische Abschluss, desto höher das Jahresgehalt.
Im Gegensatz zu Deutschland spielt in den USA das Thema Berufsflucht eine untergeordnete
Rolle (ERGOPRAXIS 3/18, S. 10). Von den Befragten wechselten nur wenige innerhalb
der vergangenen zwei Jahre ihre Stelle oder stiegen aufgrund der psychischen und physischen
Belastungen ganz aus.
Insgesamt bleibt die Attraktivität der Gesundheitsbranche in den USA hoch. Vor allem
wegen der Vergütung und den Social Benefits. Das sind motivierende Zusatzleistungen
wie Prämien für die eigene Krankenversicherung oder Altersvorsorge, die angeboten
werden, um Fachpersonal zu gewinnen.