ergopraxis 2019; 12(01): 10-11
DOI: 10.1055/a-0732-9109
Wissenschaft
© Georg Thieme Verlag Stuttgart – New York

Junge Pflegebedürftige alters entsprechend betreuen – Pflege junger Menschen

Lena Kroggel

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Publikationsverlauf

Publikationsdatum:
04.Januar 2019 (online)

 

In ihrer Bachelorarbeit beschäftigten sich die Ergotherapeutinnen Sarah Silze und Anna Elisabeth Pape mit dem Thema „Junge Pflege“. Dabei untersuchten sie, wie die Strukturen und Prozesse innerhalb von Pflegeeinrichtungen adaptiert werden müssten, um den Bedürfnissen junger Pflegebedürftiger gerecht zu werden.


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Sarah Silze und Anna Elisabeth Pape
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Abb.: privat [rerif]

Sarah Silze lebt in Hamburg und arbeitet als Ergotherapeutin in einem Krankenhaus in der Neurologie und Geriatrie. Ihre Ausbildung absolvierte sie in Oldenburg und schloss zusammen mit Anna Elisabeth Pape berufsbegleitend das Bachelorstudium „Interdisziplinäre Physiotherapie – Motologie – Ergotherapie“ in Emden an, um den Blickwinkel über die Ergotherapie hinaus zu erweitern. Anna Elisabeth Pape lebt in Bremen und ist als Ergotherapeutin in einer Klinik in der neurologischen Frühförderung und Geriatrie tätig. Ehrenamtlich unterstützt sie ein Kinderhospiz und ist Leichtathletik-Trainerin. Aufgrund ihrer Entfernungen sind sie es gewohnt, über Facetime zu telefonieren – Fragen zu ihrer Thesis beantworten sie aber auch gerne per E-Mail: JungePflege@gmx.de.

Die Bachelorarbeit

Jeder kann jederzeit zum Pflegefall werden. Das heißt, Pflegebedürftigkeit ist nicht an ein bestimmtes Alter gebunden. So lag die Zahl der pflegebedürftigen Menschen zwischen 18 und 60 Jahren 2013 bei 283.762. Davon waren 35.232 junge Pflegebedürftige in vollstationären Heimen untergebracht. Die Plätze in Einrichtungen der jungen Pflege (zwischen Volljährigkeit und Renteneintrittsalter) sind begrenzt, sodass viele junge Betroffene dauerhaft in einem Seniorenheim oder einer Einrichtung für Menschen mit geistiger Behinderung untergebracht werden. Doch ihre Interessen, der Tagesrhythmus, die Freizeitgestaltung, die Ziele und auch die restliche Lebenszeit unterscheiden sich erheblich von denen alter Menschen. Damit stellt die fehlplatzierte Unterbringung eine Gefahr für das Wohlbefinden und die Gesundheit der jungen Pflegebedürftigen dar.

Jeder kann jederzeit zum Pflegefall werden.

Damit dies nicht passiert und die jungen Menschen in ihrer Autonomie und ihrer Lebensqualität gefördert werden, gilt es die Strukturen und Prozesse in der Pflegeeinrichtung zu adaptieren. Wie eine bestmögliche stationäre Unterbringung mit positiven Auswirkungen auf den Genesungsprozess aussehen kann, untersuchten Sarah Silze und Anna Elisabeth Pape in ihrer Bachelorarbeit.


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Ergebnis

Damit eine bedürfnisorientierte Unterbringung von jungen pflegebedürftigen Menschen gelingt, sollten Pflegeeinrichtungen auf Struktur- und Prozessebene …

  • in den Räumlichkeiten modernisiert und erweitert werden. Zum Beispiel durch einen Fitnessraum, eine Turnhalle, ein Bewegungsbad, einen Werkraum und Gemeinschaftsräume. Freies W-LAN und Tablets für Bewohner und Mitarbeiter könnten für eine einfache und schnelle Kommunikation, Dokumentation und Tagesplanung sorgen.

  • im Pflegeschlüssel angepasst sein. Junge Pflegebedürftige haben andere Pflege- und Betreuungswünsche, wie beispielsweise ein Kino- oder Stadionbesuch. Für jeden Pflegebedürftigen wäre ein Bezugspfleger wünschenswert. Damit wäre dieser der erste Ansprechpartner für den Betroffenen und seine Angehörigen.

  • ein interdisziplinäres Therapeutenteam haben, das sich regelmäßig austauscht: Ergo- und Physiotherapie, Logopädie, Pflege und der soziale Dienst. Die Ergotherapie könnte durch ADL-Training, Hilfsmittelberatung und Förderung von bedeutungsvollen Betätigungen zur größtmöglichen Selbstständigkeit der Bewohner beitragen.

  • die Tagesstruktur an die Lebensgewohnheiten der Bewohner anpassen und nicht umgekehrt. Würde die Aktivitäts- und Therapieplanung mittels Terminkalender auf dem Tablet erfolgen, gäbe es keine Überschneidungen mehr.

  • angemessene Rahmenbedingungen für eine größtmögliche Autonomie schaffen. Zum Beispiel indem Besuchszeiten entfallen und die Bewohner die Möglichkeit erhalten, die Einrichtung vor dem Einzug kennenzulernen und ihr Zimmer individuell gestalten zu können.

  • ein Qualitätsmanagement zur kontinuierlichen Verbesserung der Strukturen entwickeln.

  • den Pflegeprozess und die Therapie am Management-Modell nach Krohwinkel orientieren. Demnach steht der Bewohner mit seinen Bedürfnissen und Ressourcen im Mittelpunkt. Das erlaubt eine personen-, beziehungs- und förderungsorientierte Pflege und Therapie.


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Fazit

Zusammenfassend halten die beiden Studierenden fest, dass junge Pflegebedürftige andere Bedürfnisse, Ressourcen und Wünsche haben als jene Bewohner, die in einem Seniorenheim berücksichtigt werden. Damit sie sich dort nicht fehlplatziert fühlen, sondern angemessen wohnen können, müssen die Strukturen und Prozesse in den Einrichtungen angepasst werden. Die Umsetzung gelingt aber nur dann, wenn die finanziellen Mittel gegeben sind, eine interdisziplinäre Vernetzung stattfindet und das Fachwissen der Mitarbeiter in Bezug auf die junge Pflege erweitert wird.


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4 Fragen an Sarah Silze und Anna Elisabeth Pape

Was hat euch für das Thema „Junge Pflege“ sensibilisiert?

Wir lernten während der Ausbildung junge Pflegebedürftige kennen, die fehlplatziert untergebracht waren. Da war zum Beispiel ein junger Vater, der nach einem Motorradunfall im Seniorenheim lebte. Er war unter anderem sehr unglücklich darüber, dass er ausgeschlossen wurde, weil er „zu fit“ für die Gruppenaktivitäten der Bewohner war.

Inwiefern beeinflussen die Rahmenbedingungen der Einrichtungen die Ergotherapie?

Sie bestimmen größtenteils die Qualität der Ergotherapie. In vielen Einrichtungen ist zum Beispiel keine Ergotherapeutin angestellt. Kommt sie von außerhalb, fehlen oft Therapieräume oder Therapiemedien. Zudem findet Therapie statt, wenn es zeitlich für die Therapeutin passt. Das entspricht oft nicht den Bedürfnissen der Bewohner. Auch interdisziplinäres Arbeiten ist begrenzt.

Wie habt ihr die gemeinsame Thesis trotz entfernter Wohnorte gemanagt?

Das war definitiv mit einem organisatorischen Aufwand verbunden. Auch wenn jede separate Teile bearbeitete, war es uns wichtig, die Inhalte aufeinander abzustimmen. Dafür benötigten wir Zeit, trafen uns an den Wochenenden oder nutzten gemeinsame Zugfahrten zur Uni – aber die meiste Zeit telefonierten wir über Facetime.

Wollt ihr an dem Thema weiterarbeiten?

Das ist an unseren Arbeitsplätzen schwierig. Aber Sarah stieß auf das Buch „Käsekuchen mit Sauerkraut“ zum Thema junge Pflege von Barbara Wentzel. Die Autorin gründete eine Stiftung für junge Betroffene und plant eine angepasste Unterkunft in Hamburg. Wir sandten ihr unsere Thesis und bekamen die positive Rückmeldung, dass unsere Arbeit sie in ihrem Projekt stark weiterbringt.

Bachelorarbeit
Pape AE, Silze S. Konzeptionelle Überlegung für die „Junge Pflege“. Bachelorarbeit im Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit an der Hochschule Emden/Leer; 2017


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Abb.: privat [rerif]