Klinische Klassifikation und symptomatische Therapie
Klinische Klassifikation und symptomatische Therapie
Die spinale Muskelatrophie (SMA) ist eine autosomal-rezessive Erkrankung mit einer
Inzidenz von 1:10 000 Neugeborenen und stellt die häufigste genetisch bedingte Todesursache
im Kindesalter dar [[1]]. Die klinisch heterogene Erkrankung wird nach der Erstmanifestation und dem Erreichen
motorischer Meilensteine in 5 Typen eingeteilt. SMA 0 fällt bereits durch intrauterin
reduzierte Kindsbewegungen auf und geht mit einer hohen perinatalen Mortalität einher.
Bei Typ I (Werdnig-Hoffmann) erkranken Säuglinge innerhalb der ersten 6 Lebensmonate
(LM) und haben ohne Beatmung eine Lebenserwartung von < 2 Jahren. Mit ca. 60 % ist
Typ I der häufigste Subtyp mit der niedrigsten mortalitätsbedingten Prävalenz. Patienten
mit einer SMA Typ II erreichen das selbständige Sitzen und entwickeln Erstsymptome
innerhalb der ersten 18 LM. Beim Typ III (Kugelberg-Welander) ist der Zeitpunkt der
Erstmanifestation > 18 LM (Typ IIIA < 3 Jahre, Typ IIIB > 3 Jahre). Patienten erlernen
das selbstständige Gehen, verlieren diese Fähigkeit jedoch häufig im Laufe der Erkrankung
wieder. Typ IV stellt eine adulte Form mit Manifestation im Erwachsenenalter ohne
Einschränkung der Lebenserwartung dar [[2], [3]]. Die Subtypen sind als ein klinisches Kontinuum zu betrachten. Allen Typen gemeinsam
ist ein Untergang von Motoneuronen im Rückenmark und Hirnstamm. Daraus resultieren
eine progrediente Muskelschwäche und -atrophie sowie bulbäre Symptome und eine respiratorische
Insuffizienz. Die Ateminsuffizienz ist die Hauptursache eines vorzeitigen Todes bei
Typ I und II. Die Muskelschwäche verursacht im Erkrankungsverlauf, insbesondere bei
SMA Typ II, schwere Gelenkkontrakturen und Skoliosen, welche oft im Kindesalter chirurgisch
behandelt werden, um eine ausreichende Wirbelsäulenaufrichtung zu erzielen [[2], [4], [5]].
Die SMA ist nicht heilbar. Im Fokus der lebenslangen symptomatischen Therapie stehen
Physio-, Ergotherapie und Rehabilitationsmaßnahmen, (parenterale) Ernährung, Beatmung
und Sekretmanagement, orthopädische Therapie von Skoliose und Gelenkkontrakturen und
die Hilfsmittelversorgung, um Patienten eine möglichst große Selbständigkeit zu ermöglichen.
Hierzu ist ein interdisziplinäres Setting aus (Neuro-)Pädiatern, später Neurologen,
Beatmungsmedizinern, Orthopäden, Gastroenterologen und weiteren Therapeuten nötig
[[6]]. Daraus entstehen hohe Therapiekosten. Die jährlichen prävalenzbezogenen Gesamtkosten
betrugen 2013 in Deutschland 106,2 Millionen Euro mit signifikant höheren Kosten für
SMA I und II im Vergleich zu Typ III. Die SMA stellt eine hohe Belastung nicht nu
für Patienten, sondern auch deren soziales Umfeld und die Gesellschaft dar, sodass
neue, den Erkrankungsverlauf verlangsamende Therapien von größter Bedeutung sind [[7]].
Ätiologie der 5q-assoziierten spinalen Muskelatrophie
Ätiologie der 5q-assoziierten spinalen Muskelatrophie
Der für SMA ursächliche Gendefekt liegt auf Chromosom 5q im Survival of Motor Neuron
(SMN)-Gen. Dieses liegt in 2 nahezu identischen Kopien, SMN1 und SMN2, vor [[8]]. Etwa 95 % der SMA-Patienten tragen eine homozygote Exon 7 Deletion im SMN1-Gen.
Seltener lassen sich compound heterozygote Mutationen identifizieren [[9]]. Das SMN1-Gen kodiert für das 294 Aminosäuren umfassende SMN-Protein. Der Verlust
dieses Proteins durch biallelische SMN1-Mutationen bewirkt einen frühzeitigen Untergang
der spinalen und bulbären Motorneurone [[10]]. Eine C zu T Transition an Position 280 im Exon 7 des SMN2-Gens begünstigt das
Herausschneiden (Spleißen) des Exon 7 auf Ebene der prä-messenger Ribonukleinsäure
(prä-mRNA). Hieraus resultiert das funktionslose und instabile SMN-Protein SMNΔ7 [[11]] (▶ [
Abb. 1a
]). Lediglich ein kleiner Anteil (etwa 10 %) der SMN2-Transkripte unterliegen keinem
fehlerhaften Spleißing und werden zum intakten SMN-Protein umgeschrieben. Während
beim Gesunden eine ausreichende Produktion des SMN-Proteins über die Expression des
SMN1-Gens erfolgt, kommt es durch Mutationen im SMN1-Gen bei SMA-Patienten zu einem
Defizit in der SMN-Proteinproduktion, welches nicht durch das SMN2-Gen ausgeglichen
werden kann [[12]] (▶ [
Abb. 1b
]).
Das SMN2-Gen kann im menschlichen Genom in mehreren Kopien vorliegen, im Durchschnitt
finden sich in der Normalbevölkerung zwischen 0 und 2 Kopien [[13]]. Lebensfähige SMA-Patienten tragen mindestens eine SMN2-Kopie [[14]]. Zahlreiche Studien belegen eine Korrelation der SMN2-Kopienzahl mit dem Schweregrad
der Erkrankung [[15]]. Eine eindeutige Vorhersage des individuellen Krankheitsverlaufs lässt sich aufgrund
fließender Übergänge zwischen den Subtypen jedoch nicht treffen [[16]].
Zulassung der ersten kausalen Therapie
Zulassung der ersten kausalen Therapie
Das Antisense-Oligonukleotid Nusinersen (Spinraza®) erhielt als erste Genexpressions-modifizierende Therapie im Dezember 2016 in den
USA und im Juni 2017 in Europa die Zulassung für die Therapie der SMA. Es handelt
sich um eine krankheitsmodifizierende Therapie mit einem kausalen Ansatz. Zur Zulassung
führten die Studien ENDEAR und CHERISH, welche die Wirksamkeit von Nusinersen bei
Säuglingen und Kindern belegten. In die ENDEAR-Studie wurden SMA-Typ-I-Patienten eingeschlossen,
welche unter Therapie erstmals motorische Meilensteine erreichten, sodass aufgrund
des positiven Zwischenergebnisses die Studie abgebrochen und vorzeitig in eine offene
Extensionsstudie überführt wurde [[17]]. Gleiches bestätigte sich in der CHERISH-Studie, in die Patienten mit SMA II/III
in einem Alter von 2–12 Jahren bei Therapiebeginn eingeschlossen wurden [[18]]. Mittlerweile liegen Daten aus den Extensionsstudien CS2/CS12 über wenige Patienten
mit einem Alter bei Einschluss von 14–15 Jahren und Krankheitsverläufen von 9–15 Jahren
vor (n = 5) [[19]]. Diese zeigen eine Verbesserung (Hammersmith Functional Motor Scale-Expanded, HFMSE)
bzw. Stabilisierung (Upper Limb Module, ULM) in motorischen Scores und eine Zunahme
der Gehstrecke im 6-Minuten-Gehtest (6MWT). Aufgrund der kleinen Patientenzahl in
diesen offenen Studien ist keine sichere Aussage zur Wirksamkeit bei Erwachsenen möglich.
Kontrollierte longitudinale Daten zur Anwendung in adulten Patienten fehlen bisher.
Wirkung und Anwendung
Nusinersen ist ein Wirkstoff aus der Gruppe der Antisense-Oligonukleotide (ASO). Hierunter
werden synthetisch hergestellte kurzkettige Nukleinsäuren zusammengefasst, die durch
spezifische Bindung an Nukleinsäuresequenzen die Genexpression gezielt modifizieren
[[20], [21]]. Nusinersen erhöht durch Bindung an die prä-mRNA des SMN2-Gens den Anteil von korrekt
in die mRNA eingeschlossenem Exon 7, sodass intaktes SMN-Protein gebildet wird [[22]]. Bei SMA-Patienten führt diese Modifikation der Genexpression des SMN2-Gens zur
Synthese eines höheren Anteils funktionsfähigen SMN-Proteins [[23]] (▶ [
Abb. 1c
]). ASOs können die Blut-Hirnschranke nicht überwinden [[21]]. Daher wird Nusinersen als intrathekale Bolusinjektion über eine Lumbalpunktion
appliziert. Nach vier initialen Aufsättigungsdosen von 12 mg (5 ml) an den Tagen 0,
14, 28 und 63 wird im Anschluss die Erhaltungstherapie alle 4 Monate mit der gleichen
Dosis fortgesetzt [[24]]. Im ersten Behandlungsjahr werden somit insgesamt 6, in den Folgejahren 3 Injektionen
notwendig. Zur Langzeitwirksamkeit und Behandlungsdauer liegen noch keine Daten vor.
Schwere Skoliosen und Metallimplantate nach wirbelsäulenaufrichtenden Operationen,
Kontrakturen und eine respiratorische Insuffizienz stellen eine Herausforderung für
die regelmäßigen Injektionen dar und erfordern ein interdisziplinäres Behandlungssetting
[[25]–[27]].
Nusinersen in der klinischen Praxis
Nusinersen in der klinischen Praxis
Derzeit behandeln wir in unserem Zentrum 25 erwachsene SMA-Patienten (Typ II-IV) im
Alter von 19–65 Jahren. Davon haben 9 Patienten (36 %) eine SMA II, 15 (60 %) eine
SMA III und ein Patient (4 %) eine SMA IV. Im Zeitraum von 11/17 bis 03/19 haben wir
117 Lumbalpunktionen mit Nusinersengabe durchgeführt. Davon fanden 48 (41 %) bei Typ
II-Patienten statt (min. 3 und max. 8 Gaben/Patient). Unsere SMA-Typ II-Patientenkohorte
umfasst überwiegend Männer (67 %), das Alter liegt im Median bei 33 Jahren (min. 19
und max. 52 Jahre) und die Erkrankungsdauer entsprechend bei 32 Jahren (min. 18 und
max. 51 Jahre). Die Zahl der SMN2-Genkopien liegt in 78 % der Fälle bei 3 (bei einem
Patienten zwei Kopien und bei einem Patienten 4 ± 1 Kopien).
▶ Abb. 1 Schematische Illustration der SMN-Produktion bei Gesunden und bei Patienten mit SMA
ohne und unter Therapie mit Nusinersen: a Bei Gesunden wird durch die Ablesung des SMN1-Gens ausreichend funktionsfähiges SMN-Protein
gebildet (in grün). Das SMN2-Gen, eine nahezu identische Kopie des SMN1-Gens, bildet
hingegen aufgrund des Herausschneidens (Spleißens) von Exon 7 aus der prä-mRNA zu
etwa 90 % das funktionslose SMNΔ7-Protein (in blau). b SMA-Patienten tragen ein biallelisch defektes SMN1-Gen, sodass kein funktionsfähiges
SMN-Protein gebildet wird. Das SMN2-Gen kann keine ausreichende Menge an SMN-Protein
produzieren. c Das Antisense-Oligonukleotid (ASO, in gelb) Nusinersen bindet an die SMN2 prä-mRNA
und vermindert das Spleißen des Exon 7. Die Menge an korrekt eingeschlossenen Exon
7 steigt und mehr intaktes SMN-Protein wird gebildet. Chr (Chromosom), prä-mRNA (prä-messenger
Ribonukleinsäure), ASO (Antisense-Oligonukleotid), SMN (Survival of Motor Neuron).
(Quelle: Abbildung modifiziert nach Butchbach ME, 2016 [[15]])
Alle unsere SMA-Typ-II-Patienten haben einen Grad der Behinderung von 100 % und sind
vollständig auf den Rollstuhl angewiesen. 56 % werden nicht invasiv beatmet (n = 1
> 16 Std./Tag), 22 % über eine Sonde ernährt. In den objektivierbaren motorischen
Verlaufsparametern wird insbesondere eine erhaltene Teilfunktion der oberen Extremitäten
abgebildet (RULM [[28]]: Median 11 von 43 Punkten). Alle Patienten haben eine Skoliose. Ein Drittel wurde
operiert, dabei wurden in 22 % wirbelsäulenaufrichtende Metallimplantate eingesetzt.
Aufgrund der schweren Skoliosen werden alle Patienten CT-gestützt durch einen erfahrenen
Neuroradiologen lumbalpunktiert. Die Punktionen erfolgen üblicherweise in Seitenlage
und Lokalanästhesie unter sterilen Bedingungen (▶ [
Abb. 2a
], ▶ [
Abb. 2b
]). Eine Sedierung war bei keinem Patienten notwendig, und es traten keine respiratorischen
Komplikationen während der Prozedur auf. Bei besonders schweren Skoliosen oder Wirbelkörperfusionen
erfolgte bei einigen Patienten die Injektion über einen transforaminalen Zugang [[29], [30]] (▶ [
Abb. 2c
], ▶ [
Abb. 2d
]), sonst zwischen den Processi spinosi (▶ [
Abb. 2e
], ▶ [
Abb. 2f
]). Die Strahlenbelastung bei einem direkten Zugang liegt bei uns unter optimalen
Bedingungen beispielhaft bei 1,04 mSv pro Gabe und kann bei Fehlpunktionen höhere
Werte erreichen. Insgesamt zeigt sich die Tendenz einer abnehmenden Strahlendosis
mit jeder Nusinersengabe. Im Vergleich beträgt die natürliche Jahresexposition 2,1
mSv. Die Gabe von Nusinersen findet im stationären Setting statt, aufgrund der hohen
körperlichen Behinderung wird in allen Fällen eine Begleitperson zusätzlich aufgenommen
(in 56 % Angehörige, im Übrigen angestellte Assistenten). Die Liegedauer beträgt durchschnittlich
2,4 Tage bei der Erstgabe und 1,4 Tage bei der Viertgabe.
Die Verträglichkeit von Nusinersen bei den beschriebenen Patienten ist gut. Die am
häufigsten bei SMA I beschriebene Komplikation eines kommunizierenden Hydrocephalus
trat in keinem Fall auf [[24]]. 4 von 9 Patienten beschrieben leichte, insbesondere punktionsassoziierte Nebenwirkungen
wie Kopf- oder Rückenschmerzen in den ersten 3 Tagen nach der Punktion (davon bei
2 Patienten nur einmalig). Ein Patient leidet unter einer hämorrhagischen Diathese
(von Willebrandt-Syndrom), auch bei ihm ist die Therapie unter entsprechender Komedikation
(Wilate) sicher möglich. Weitere beschriebene Nebenwirkungen wie Thrombozytopenie
und Blutgerinnungsstörungen, QTc-Intervall-Unregelmäßigkeiten und eine mögliche Nephrotoxizität
haben wir nicht beobachtet, diese sollten jedoch regelmäßig im Langzeitverlauf überprüft
werden [[24]].
Evaluation des Behandlungserfolgs
Evaluation des Behandlungserfolgs
Einen nicht unwesentlichen Anteil an SMA-Erkrankten bilden Patienten jenseits des
18. Lebensjahres, unterteilt in SMA Typ II bis IV. Prospektive Daten und Machbarkeitsanalysen
in adulten Patienten fehlen. Wirksamkeit und Nutzen von Nusinersen bei erwachsenen
SMA-Patienten werden u. a. im Rahmen von SMArtCARE, einer prospektiven, multizentrischen
nicht randomisierten Registrierungs- und Outcomestudie erfasst [[31]]. Um die auf internationalen Empfehlungen beruhende Harmonisierung von Verlaufs-
und Outcomedaten bei Patienten mit SMA unabhängig von einer bzw. der Art der angewendeten
Therapie zu erfassen, werden u. a. standardisierte physiotherapeutische Evaluationen
durchgeführt. Hierfür sind für adulte Patienten der RULM, HFMSE und 6MWT vorgesehen.
Angesichts der Erkrankungsschwere ist die Erhebung des 6MWT bei SMA Typ II nicht möglich.
Auch der HFMSE ist für eine dezidierte Verlaufsbeurteilung von SMA-Typ II-Patienten
nur eingeschränkt nutzbar. Die motorischen Verlaufsparameter rücken damit in den Hintergrund
bei dieser Patientengruppe. Ziel der aktuellen Bestrebungen ist es daher, geeignete
Outcome-Parameter für diese Patienten zu definieren, die Änderungen unter einer Therapie
ausreichend sensitiv darstellen. Eine Möglichkeit stellen patient-reported outcomes
(PRO) wie subjektive, individuelle Symptome und deren Verlauf, Lebensqualität, Depression,
Schmerzen und Fatigue dar. Gerade bei neuromuskulären Erkrankungen rücken diese immer
mehr in den Fokus und die Anwendbarkeit dieser Messinstrumente in der Praxis ist Gegenstand
aktueller Untersuchungen [[32]–[34]].
▶ Abb. 2 CT-gestützte Punktion bei zwei SMA Typ II-Patienten mit komplexer Anatomie: a Patientin S3 mit rechtskonvexer Thorakolumbalskoliose in Linksseitenlage. Injektion
von Nusinersen auf Höhe LWK3/4 über eine Spinalnadel der Größe 20 G. b Patient S17 mit Skoliose in Rechtsseitenlage. Injektion von Nusinersen über eine
20G-Nadel auf Höhe LWK3/4. c CT BWS/LWS saggital von Patientin S3. Langsstreckige dorsale Spondylodese BWK4-LWK5.
d CT LWS coronar von Patientin S3. Aufgrund ausgeprägter Wirbelkörperfusionen und fehlendem
Knochenfenster für einen direkten Zugang, erfolgt die Nursinersen-Injektion transforaminal.
e CT BWS/LWS saggital von Patient S17. Implantation eines vertical expandable prosthetic
titanium rib (VEPTR®) Systems, die gesamte Wirbelsäule umfassend. f CT LWS coronar von Patient S17. Direkte Injektion von Nusinersen zwischen den Processi
spinosi. G (Gauge), CT (Computertomographie), LWK (Lendenwirbelkörper), LWS (Lendenwirbelsäule),
BWK (Brustwirbelkörper), BWS (Brustwirbelsäule). (Quelle: A. Osmanovic)
Ausblick
Auch nach Zulassung von Nusinersen bleiben viele Fragen zum Langzeitverlauf bei erwachsenen
Patienten offen. Wen z. B. sollte man ab welchem Zeitpunkt und wie lange behandeln
(ab wann liegen irreversible Schäden vor, so dass eine Behandlung nicht mehr sinnvoll
möglich ist?), welches sind die richtigen Parameter zur sensitiven Erfassung möglicher
Therapieeffekte, welche Langzeiteffekte und -nebenwirkungen sind zu erwarten und auf
welche Weise ist ein langfristiges Therapieansprechen zu erzielen? Aus diesem Grund
ist eine prospektive, harmonisierte Anwendungsbeobachtung bei erwachsenen Patienten
dringend notwendig. Ebenso wichtig ist eine frühe Diagnosestellung bei Säuglingen
und Kindern mittels Neugeborenenscreenings [[35]–[38]], um Betroffenen so früh wie möglich die bestmögliche verfügbare Therapie zukommen
zu lassen. In der Therapie der SMA sollten individuelle klinische Ziele definiert
werden, deren wiederholte Evaluation die Grundlage zur Entscheidung über den weiteren
Verlauf der Therapie bilden.
Wir erleben derzeit einen Anstieg der SMA-Patientenzahlen in unserem neuromuskulären
Zentrum und erwarten künftig durch die erfolgreiche Behandlung von Kindern eine vermehrte
Transition in die Erwachsenenneurologie. Das phänotypische Spektrum und die Klassifikation
der 5q-SMA werden sich durch ein Neugeborenenscreening und bestehende Empfehlungen
eines präsymptomatischen Behandlungsbeginns aller Patienten mit 2–3 SMN2-Kopien wandeln
[[39], [40]]. Der hier beschriebene schwere adulte SMA-II-Phänotyp wird durch den frühzeitigen
Behandlungsbeginn im Säuglingsalter möglicherweise in Zukunft seltener anzutreffen
sein.
Durch die Therapie mit Nusinersen besteht erstmals die Möglichkeit einer kausalen
Behandlung der SMA. Nusinersen erhielt vor nahezu 2 Jahren die europäische Marktzulassung
für das gesamte phänotypische Spektrum der 5q-SMA [[24]]. Die Anwendbarkeit, Verträglichkeit und Wirksamkeit wurde in den zulassungsrelevanten
multizentrischen placebokontrollierten Studien ENDEAR und CHERISH an Säuglingen und
Kindern bis zu einem Alter von 12 Jahren belegt [[17],[18]]. Die Erfassung standardisierter, kontrollierter Behandlungsdaten von Erwachsenen
erfolgt derzeit innerhalb nationaler und internationaler Konsortien [[31]].
Die Gruppe der erwachsenen SMA-Typ-II-Patienten nimmt aufgrund ihres über mehrere
Dekaden progredienten Erkrankungsverlaufes mit starken Deformitäten der Wirbelsäule
einen besonderen Stellenwert in der Therapie mit Nusinersen ein. Zusammengefasst ist
die klinische Anwendung bei diesen Patienten nur unter besonderen technischen, strukturellen
und logistischen Voraussetzungen durchführbar. Unsere Erfahrungen beruhen auf 48 stationären
Punktionen bei adulten SMA-Typ-II-Patienten mit > 18 Jahren Erkrankungsdauer. Die
CT-gestützte Injektion hat sich als geeignete apparative Methode zur sicheren Punktion
des lumbalen Wirbelkanals erwiesen. Die engmaschigen stationären Aufnahmen in der
Aufsättigungsphase erfordern ein effektives interdisziplinäres Zeitmanagement, um
Therapieverzögerungen zu vermeiden. Hinsichtlich der Verträglichkeit zeigt sich in
der klinischen Praxis kein wesentlicher Unterscheid zu den Zulassungsstudien.
Nusinersen bei SMA-Typ-II-Patienten ist folglich klinisch anwendbar, sollte jedoch
aufgrund der nötigen Erfahrung und organisatorischen Komplexität an Zentren durchgeführt
werden, die die notwendige Infrastruktur und ein interdisziplinäres Setting gewährleisten
können. Zur Wirksamkeit der Therapie bei Erwachsenen können derzeit keine Aussagen
getroffen werden, dazu sind eine große Patientenzahl und die Untersuchung über einen
ausreichend langen Therapiezeitraum notwendig.