Im Januar 2019 erhielt ich aufgrund der großzügigen Unterstützung durch die AOTrauma
Deutschland die Chance, für 14 Tage im Inselspital Bern zu hospitieren. Für mich bot
sich so die einmalige Chance, bei einem der führenden Kindertraumatologen/-orthopäden,
Herrn PD Dr. Ziebarth, lernen zu dürfen. Vor allem hat sich das Berner Spital über
Jahre in der Weiterentwicklung der Versorgung der kindlichen Frakturen in der AO sowie
im Bereich der Hüftchirurgie hervorgetan. Vorab wurde schnell klar, dass die Abteilung
eine große Erfahrung mit Fellowships hat. Dank der perfekten Organisation durch das
Team und Herrn Steffen, dem Chefarztsekretär, war die Vorabplanung und Ankunft in
Bern völlig unkompliziert.
Abb. 1 Kai Ziebarth und Hauke Rüther.(Quelle: Hauke Rüther)
Die Kindertraumatologie und -orthopädie ist in die Kinderchirurgie des Inselspitals
eingegliedert. Die Kinderklinik ist in Gänze in einem separaten Gebäude mit eigenem
OP-Trakt und Kinderintensivstation untergebracht. Strukturell merkt man gleich die
Vorteile dieser Untergruppierung durch die kinderfreundliche Gestaltung der Räumlichkeiten
und die somit auch vorhandene Spezialisierung auf die besondere Klientel. Die Kinderchirurgie
wird durch Herrn Prof. Berger geleitet, wobei die Kindertraumatologie und -orthopädie
in den Händen von Herrn PD Dr. Ziebarth liegt. In seinem Team arbeiten 2 Oberärzte
(Herr PD Dr. Liebs und Frau Dr. Kaiser) sowie weiterhin als Konsiliararzt Herr Dr.
Slongo, der bis 2013 die Kinderorthopädie leitete und sich jahrzehntelang in der Kindertraumatologie
in der AO hervortat. Neben diesen Kollegen sind im Wechsel Fach- und allgemeine Assistenten
tätig.
Abb. 2 Typisches Schweizer Käsefondue.(Quelle: Hauke Rüther)
Ab dem 1. Tag wurde ich vom gesamten Team überaus herzlich empfangen. Von der gesamten
Abteilung wurde mir direkt das in der Schweiz üblich „Du“ angeboten und es fand ein
reger Austausch statt. Die große Expertise und konsequente Umsetzung der AO-Prinzipien
wurde rasch ersichtlich.
Nach Ankunft gegen 7:00 h wurde ich zum Morgenrapport begleitet. Hier kam mir im Rahmen
der Falldemonstration vom Wochenende rasch die Frage: „Alles Wintersport oder was?“.
Die hohe Frequenz mit typischen Frakturen wurde deutlich. Vom letzten Wochenende,
welches als überaus ruhig beschrieben wurde, waren allein 3 Unterschenkelfrakturen
nach Skiunfall vorhanden.
Hier imponierte mir vom ersten Moment der dezidierte Umgang mit den einzelnen Pathologien
unter genauer Kenntnis der Risiken und des jeweiligen Potenzials zur Korrektur. Denn
nicht nur das „Messer wetzen“ steht hier im Vordergrund, sondern auch die Kunst, Frakturen,
die dies zulassen, adäquat konservativ zu behandeln. Wichtig hierbei war Herrn PD
Dr. Ziebarth zu jeder Zeit die vernünftige Kommunikation mit den Eltern und, wo es
möglich war, das Einbinden dieser in die Entscheidungsfindung. Denn bei einer konservativen
Therapie, bei der für einige Zeit zwar eine Deformität ersichtlich ist, welche sich
jedoch mit dem Wachstum korrigiert, ist es extrem wichtig, dass die Familie diesen
Weg mitträgt und nicht völlig verängstigt die Extremität des Kindes betrachtet. Im
Rahmen der konservativen Therapie konnte ich so mehrmals die vielerorts verlernte
Gipskeilung begutachten und auch selbst Hand anlegen.
Dies soll jedoch nicht heißen, dass in Bern nur Gips und Softcast stattfindet. Denn
der OP ist ausgebucht. Während meiner 2 Wochen konnte ich die ganze Expertise der
operativen Versorgung erleben. Wir begannen mit den nahezu alltäglichen ESIN-Versorgungen
von Extremitäten und Kreuzbandplastiken, die aufgrund der Nähe zum Skigebiet jede
Woche vorkommen. Dann kam es bereits in der 1. Woche zu 2 Raritäten. Zunächst stellte
sich ein 11-jähriger Junge vor, der bei einem Bodycheck beim Eishockeyspielen an der
Bande eine grob dislozierte Claviculafraktur erlitten hatte. Hier drohte eine Durchspießung
trotz Rucksackverband, sodass wir eine ESIN-Osteosynthese von medial durchführten.
Nach so vielen Skiunfällen kam schon die Frage auf, ob es denn nichts anderes hier
geben würde. Doch da kreuzte ein Altbekannter unsere Wege. Der Reitunfall, jedoch
mit der 2. Rarität: Ein 12-jähriges Mädchen hatte eine Schenkelhalsfraktur erlitten.
Hier wurde mir dann das erste Mal bewusst, dass in Bern eine große Expertise und jahrelange
Erfahrung in der Hüftchirurgie vorherrscht, denn die Fraktur wurde in beindruckender
Leichtigkeit offen reponiert und mittels Pediatric Hip Plate versorgt. Das 2. Mal
durfte ich dann die Erfahrung in der Hüftchirurgie bei einem 14 Monate alten Mädchen
mit Hüftdysplasie erleben. Es erfolgte über einen Smith-Peterson-Zugang beidseits
in minutiöser Präparation, unter genauer Kenntnis der Fallstricke dieser OP und der
anatomischen Variationen, die offene Reposition und Kapselraffung. Während des weiteren
Aufenthaltes erfolgten auch noch die typischen kindlichen Osteosynthesen.
Im Rahmen der Sprechstunden konnte ich im Weiteren sehr viel über den Umgang mit Korrekturgrenzen
und dem schmalen Grat zwischen konservativem und operativem Vorgehen lernen. Hier
wurden auch mehrere Kinder vorstellig, die mit sekundären Deformitäten nach Trauma
zugewiesen wurden; gemeinsam mit den Familien wurde ein „Schlachtplan“ entwickelt,
der für die gesamte Familie nachvollziehbar und mitzutragen war. Leider musste ich
hier aber auch die Grenzen des Machbaren und die manchmal schicksalhaften Verläufe
miterleben, die im Kinderbereich noch tragischer sind.
Ebenfalls teilnehmen durfte ich an der Nachsorge eines Jungen mit Osteosarkom, bei
dem zuvor die En-bloc-Resektion im Bereich des distalen Oberschenkels mit Kniegelenk
erfolgt war und in interdisziplinärer OP eine Umkehrplastik durchgeführt wurde. Hier
zeigte sich ein sehr schönes Ergebnis und ein den Umständen entsprechend zufriedener
Junge.
Im Rahmen des kollegialen Austausches und der Demonstration der beeindruckenden Fallsammlung
kam es durch Zufall dazu, dass an beiden Kliniken nach transkondylärer distaler Humerusfraktur
beim Adoleszenten und regelrechter Metallentfernung eine Refraktur aufgetreten war.
Dies brachte uns dazu, eine Literaturrecherche durchzuführen und aufgrund der Rarität
der Verletzung nun einen bizentrischen Case Report zu schreiben.
Während der Hospitation konnte ich des Weiteren die wunderschöne Berner Stadt besichtigen
und aufgrund der Tipps der Mitarbeiter viele schöne Gegenden und Sehenswürdigkeiten
besuchen. Abgerundet wurde der Besuch durch einen geselligen Abend mit typischem Käsefondue
und weiteren Speisen und Getränken.
Abschließend bleibt zu sagen, dass Bern in jeder Hinsicht eine Reise wert ist. Der
Aufenthalt war für meine fachliche und persönliche Entwicklung mehr als gewinnbringend.
Ich konnte hier viele Dinge sehen und lernen und inzwischen auch einiges im klinischen
Alltag anwenden. Für die Gelegenheit möchte ich mich insbesondere bei Herrn PD Dr.
Ziebarth und der AOTrauma Deutschland bedanken.