Hat mediale Öffentlichkeit zu den Schadstoffgrenzwerten der deutschen Pneumologie
geschadet? In dem Editorial der Maiausgabe der Pneumologie wird sogar von Langzeitschäden geschrieben. Die Frage der Wirkung von Stickstoffoxiden
und Feinstaub im Grenzwertbereich hatte das Potenzial, eine attraktive wissenschaftliche
Diskussion in der DGP und weit darüber hinaus – unter Federführung der DGP – in Gang
zu setzen.
Was ist stattdessen geschehen? Der Vorstand der DGP hat sich zunächst auf die moralische
Position des Advokaten für saubere Luft zurückgezogen: „Lungenärzte begrüßen das Gerichtsurteil“
lautete 2/2018 die Botschaft des DGP-Vorstandes zu dem BVG-Urteil zu Fahrverboten
[1]. Als dann Diskussionsbedarf zu dem Thema der Schadstoffgrenzwerte in der DGP im
Keim wahrnehmbar war, wurde das Thema vom Vorstand an eine Gruppe mehrheitlich vereinsexterner
Epidemiologen weitergereicht. Die DGP hat wissenschaftliche Sektionen für Epidemiologie,
Umweltmedizin und Aerosolmedizin. Weder diese Sektionen noch der wissenschaftliche
Beirat wurden einbezogen, als ein Positionspapier „Atmen: Luftschadstoffe und Gesundheit“
erarbeitet und schließlich als Position der DGP veröffentlicht wurde.
Es bleibt der Eindruck, dass im Vorstand der DGP niemand für das Thema wirklich „gebrannt“
hat. Eine in die Tiefe gehende Diskussion sollte intern nicht stattfinden. Und wo
sah der DGP-Präsident im ARD-Fernsehen am 23. Januar 2019 die DGP-Position, als zwei
Tage zuvor die öffentliche Diskussion in Gang kam? „Die Wahrheit liegt dazwischen“
lautete seine Antwort, zwischen den Positionen der Grenzwertbefürworter und der Grenzwertkritiker
[2]. Aber wo ist nun dazwischen? Die nur noch ideologisch zu begründende Position des
amtierenden Präsidenten, der in einer aktuellen Pressemitteilung 4/2019 [3] nun eine Absenkung des Grenzwertes für ultrafeine Stäube fordert, bestätigt das
fehlende Interesse an einer Befassung mit Inhalten. Denn es gibt keinen Grenzwert
für Ultrafeinstaub und es gibt nicht einmal eine praxistaugliche Methode zur Messung
von Ultrafeinstaub.
Wenn Lungenärzte im Januar 2019 eine Diskussion durch öffentliche Kritik an den Grenzwerten
in Form einer zweiseitigen Presseinformation angestoßen haben, hat das – und da widerspreche
ich dem Editorial – nicht geschadet. Es war der notwendige Weg eine Diskussion anzustoßen.
Natürlich sind wir alle für saubere Luft, für Gesundheit, für gutes Klima und für
den Weltfrieden. Moralische Überheblichkeit darf aber nicht dazu führen, dass der
rationale Diskurs zum richtigen Weg dahin vermieden wird. Eitle Beanspruchung von
Deutungshoheit und missionarischer Eifer sind keine klugen Methoden auf der Suche
nach „der Wahrheit dazwischen“. Zu der bei der Mitgliederversammlung 2019 angekündigten
DGP-Veranstaltung zu dem Thema der Luftschadstoffe ist zu befürchten, dass es eine
Kundgebung epidemiologischer Positionen vor der medialen Öffentlichkeit wird.
Die DGP degradiert sich zur Pressestelle ausgewählter Epidemiologen. Das schadet der
Pneumologie.