physiopraxis 2019; 17(11/12): 14-15
DOI: 10.1055/a-1009-9790
Profession
© Georg Thieme Verlag Stuttgart – New York

Unbewusste Vorurteile – Sind Sie voreingenommen?

Themenscout Stephanie Moers
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Publication Date:
26 November 2019 (online)

 

Vorurteile haben wir alle, sie sind uns nur oft nicht bewusst. Physiotherapeuten hegen solche unbewussten Vorannahmen beispielsweise häufig gegen Übergewichtige, wie Studien zeigen. Themenscout Stephanie Moers nahm auf dem Weltkongress der Physiotherapie in Genf an einem Seminar teil, in dem jeder sich selbst unter die Lupe nehmen musste.


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„Wenn es in dem Haus, in dem du aufgewachsen bist, mehr als 50 Bücher gab, gehe einen Schritt vor.“ „Wenn ein Elternteil von dir oder beide Eltern Akademiker sind oder waren, gehe einen Schritt vor.“ „Wenn du dich jemals wegen deiner Kleidung, deines Zuhauses, deines Autos etc. geschämt hast, gehe einen Schritt zurück.” „Wenn du jemals aufgrund deiner Ethnie, deines Geschlechts oder deiner sexuellen Orientierung Angst vor Gewalt hattest, gehe einen Schritt zurück.“

Alle im Raum sitzen aufmerksam über ein Blatt Papier gebeugt, auf das sie eine Linie mit einem Nullpunkt in der Mitte gezeichnet haben, und vollführen den „Privilege Walk“ mit dem Stift. Wenn ich aufgrund der Frage vorwärtsgehen kann, bewege ich den Stift nach rechts in den Plusbereich, bei einem Schritt zurück dementsprechend nach links ins Minus. Ich lande am Ende der vielen Fragen bei +3. Am Ende sollen wir alle aufstehen und uns zu der entsprechenden, an den Wänden befestigten Zahl stellen. Bei +3 stehen nicht viele. Richtung +4 werden es mehr. Die meisten stehen im Bereich +5 oder +6. Mir gegenüber steht meine Kollegin aus der Praxis bei +7. Irgendetwas löst das bei mir aus. Ich kann noch nicht genau sagen, was.

Konfrontation mit der eigenen Stellung

Dann hilft mir Dr. John Hammond auf die Sprünge: „An die, die weiter hinten gelandet sind: Wie fühlt sich das an? Und wie fühlt es sich an für die, die weiter vorne sind? Hättest du gedacht, dass du bisher ein bestimmtes Maß an Privileg genossen hast, und nun stellt es sich anders heraus als gedacht? Hatten manche Fragen mehr Bedeutung für dich als andere?“

Ja, ich dachte, ich wäre recht privilegiert, bin es aber im Vergleich zu denen, die sich im Raum befinden, vielleicht doch nicht. Bin ich neidisch oder nur erstaunt über den Platz meiner Kollegin? Warum landet sie so weit vorne? Das hätte ich bisher nicht gedacht, dass sie so viel privilegierter ist als ich. Klar wird durch den Privilege Walk: Wir starten zwar alle bei null, aber schon der Geburtsort oder die Situation unserer Eltern verschiebt unseren weiteren Ausgangspunkt fürs Leben erheblich. Das „sozial“ aus biopsychosozial blinkt in meinem Kopf. Ich merke, dass ich von manchen im Raum, obwohl ich sie nicht kenne, nur aufgrund des ersten Eindrucks andere Plätze erwartet hätte – weiter vorne oder hinten. Auf welchen Kriterien basiert meine Erwartung? Hautfarbe, Geschlecht, Körpergröße, Alter, Kleidung, Attraktivität?


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Unbewusste Vorannahmen

Ort dieses sehr eindrücklichen Experiments war das Seminar „Implicit Bias“ auf dem diesjährigen WCPT-Kongress in Genf. Synonyme für implizit sind inhärent, eingeschlossen, miteinbegriffen, geheim, verdeckt. Die Übersetzungs-App spuckt für implicit die Adjektive stillschweigend und unausgesprochen aus. Mit „Implicit Bias“ ist demnach eine Voreingenommenheit oder ein Vorurteil gemeint, das nicht sofort ersichtlich ist, sondern das eher unausgesprochen, meist unbewusst und unbeabsichtigt in mir schlummert. Dr. John Hammond aus London war in diesem anderthalbstündigen Seminar einer von vier Rednern zu Implicit Bias im Kontext Physiotherapie. Mit dem Privilege Walk verfolgte er die Absicht, uns mit unseren eigenen Vorannahmen gegenüber uns selbst und den anderen im Raum zu konfrontieren. Experiment gelungen.

Als Physiotherapeutin habe ich Vorannahmen als private Person und als Angehörige einer Profession, die geprägt ist durch bestimmte Grundannahmen, Normen und Werte und mich dadurch auch in meinen Vorurteilen beeinflusst. Dr. Jenny Setchell aus Australien sprach über solch ein Implicit Bias in der Physiotherapie, das sie selbst intensiv erforscht hat: das „Negative Weight Bias“ – die Einstellung von Physiotherapeuten gegenüber übergewichtigen Menschen. Physiotherapeuten sind laut ihrer Studie oft der Meinung, dass Übergewicht simple Gründe hat und durch Bewegung und Diät einfach zu kontrollieren sei [1]. Sie finden die Therapie, vor allem Hands-on-Techniken, bei übergewichtigen Patienten schwieriger [1]. Physiotherapeuten halten übergewichtige Menschen teilweise für willensschwach, wenig compliant und geben ihnen tendenziell die Schuld an ihrem Übergewicht [2], [3]. Übergewichtige Patienten geben in Interviews wiederum an, dass sie schon im Vorfeld der Physiotherapie Sorge hatten, negativ bewertet zu werden, was sich dann auch in manchen Fällen während der körperlichen Untersuchung bestätigte [4]. Sie fühlen sich dadurch während der Physiotherapie unkomfortabel und unsicher [4]. Manche sagen Folgetermine aufgrund einer wahrgenommenen Stigmatisierung ab [5].

Unbewusste Vorannahmen beeinflussen auch die Behandlung.

Auch das Konzept „Katastrophisierung“ für Patienten mit großen Ängsten bezüglich ihrer Erkrankung kann laut Alma Viviana Silva Guerrero aus Kolumbien zum Bias im Kontext Physiotherapie werden. Als schnell verpasstes Label könnte es missverstanden werden. Physiotherapeuten assoziieren mit diesem Begriff zum Teil, dass Patienten übertreiben, sich etwas ausdenken oder psychisch krank sind.


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Sich selbst hinterfragen

Vorurteile existieren auch gegenüber Physiotherapeuten. Die Bilder, die Dr. John Hammond im Internet zu den beiden Fragen „Was ist Physiotherapie?“ und „Wo kann ich Physiotherapie studieren?“ gefunden hat, sprechen für sich. Physiotherapeuten sind laut diesen Bildern jung, schlank, fit, sportlich und meistens weiß. Auf mich trifft vor allem das Letztere zu. Die Vielfalt an physiotherapeutischen Kollegen könnte unter solchen Vorannahmen leiden. Denn muss jemand, der Physiotherapeut werden möchte, unbedingt sportlich und fit sein? Beeinflussen solche Vorannahmen eventuell die Berufswahl junger Menschen oder den Erfolg von Studenten oder Schülern?

Und warum arbeiten Physiotherapeuten so selten mit Suchtkranken, mit Obdachlosen oder in der Psychiatrie? Haben sie Angst vor verfaulenden Körpern? Oder davor, dass der soziale Abstieg ansteckend ist? Sind zum Beispiel muskuloskelettale Erkrankungen cooler? Provokante Fragen von Prof. Tobba Therkildsen Sudmann aus Norwegen zum Schluss des Seminars, die auf das Bias Prestigehierarchien von Diagnosen und Fachgebieten abzielten.

Unbewusste Vorannahmen hat jeder. Sie beeinflussen die Physiotherapie. Sie verändern die Interaktion, therapeutische Entscheidungen und können zu Stigmatisierung führen. Die Diskussion am Ende des Seminars war offen, berührend, lebhaft und relevant für die ganze Profession. Wie können wir unsere eigenen unbewussten Vorannahmen in der Therapie mit Patienten erkennen, reflektieren und verändern? Darüber sollte mehr in der Ausbildung und dem Berufsalltag gesprochen werden. Wenn wir uns unserer Vorurteile bewusst werden, haben wir die Chance, unser Verhalten zu ändern. Letztendlich profitieren alle davon.


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Internet – Erfahrungen aus dem Seminar

Mehr Informationen zu den Referenten des Seminars und Stimmen der Teilnehmer im Video finden Sie unter bit.ly/WCPT_1 und bit.ly/WCPT_2 .


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