Einleitung
Die Ständige Impfkommission STIKO empfiehlt die jährliche Influenzaimpfung über 60-Jährigen
sowie Personen mit chronisch obstruktiver Lungenerkrankung (COPD) [1], da diese ein erhöhtes Risiko für einen schweren, potenziell lebensbedrohlichen
Verlauf der Influenza haben [2]. Die WHO setzte bereits für 2010 eine Durchimpfungsrate von 75 % unter Älteren zum
Ziel [3]. Der Europäische Rat weitete dieses Ziel auf chronisch Kranke aus [4]. Die Influenza-Impfraten liegen bei chronisch Kranken in Deutschland zwischen 23 %
bei den 18- bis 59-Jährigen (Saison 2013/14) und 42.9 % in allen Altersstufen (Saison
2011/12) [5]
[6]. Die Influenza ist eine durch respiratorische Sekrete übertragene Viruserkrankung,
die i. d. R. in den Wintermonaten auftritt und bei der pulmonale Komplikationen wie
virale Influenzapneumonien, bakterielle Pneumonien nach Superinfektionen oder Exazerbationen
chronischer Lungenerkrankungen im Vordergrund stehen [7]. Gemäß einer Metaanalyse von 2012 [8] liegt die Schutzwirkung des parenteral inaktivierten Influenza-Impfstoffs zumindest
bei gesunden Erwachsenen zwischen 59 und 67 % für laborbestätigte Influenza-Fälle.
Bei Älteren fällt sie aufgrund einer oft reduzierten Immunantwort eher geringer aus
[9]
[10]. Eine sich trotz Impfung entwickelte Erkrankung zeigte sich bei Älteren allerdings
milder im Verlauf [11].
Bisher erzielte Impfraten sind entgegen vorliegender Evidenz zu gering, sodass die
Abklärung zugrunde liegender Ursachen und die nähere Beschreibung der ungeimpften
Zielgruppe bedeutsam ist. So zeigten sich bei COPD-Patienten sozioepidemiologische
Faktoren wie das jüngere Alter, Geschlecht oder der aktuelle Raucherstatus assoziiert
mit dem Impfverhalten [12]. Zudem fanden Bödeker et al. unter Älteren und chronisch Kranken große Wissenslücken
zur Influenza und der Impfung, alleiniges (Fakten)-Wissen schien das Impfverhalten
allerdings nicht zu bestimmen [5]. Dagegen zeigen sich gesundheitliche Überzeugungen wie geringes Risikobewusstsein
und Bedenken zur Impfeffektivität [13] sowie Misstrauen gegenüber der Impfung [5]
[13] als Schlüsselfaktoren. Auch die individuelle Gesundheitsmotivation und Gesundheitskompetenz
erscheint relevant für das Impfverhalten. Je stärker die Gesundheitskompetenz ausgeprägt
ist, desto besser können sich Patienten über Prävention informieren und Entscheidungen
zur Gesundheitserhaltung treffen [14]. Allerdings empfehlen nur 2 Drittel der Allgemeinmediziner und Internisten die Influenzaimpfung
gezielt chronisch Kranken [15]. Die Chronizität der COPD könnte dazu führen, dass ein Teil der Patienten über die
Zeit eine niedrige Selbstwirksamkeit entwickelt und präventiven Maßnahmen unzugänglich
wird. Zudem sehen COPD-Patienten die Fähigkeit, ihre gesundheitliche Situation zu
bewältigen, durch Angst und Depressionen beeinflusst [16]. Dabei sind die Prävalenzen von Angst und Depressionen unter COPD-Patienten hoch
[17]. Auch die individuelle Krankheitsbewältigung nimmt Einfluss auf das medizinische
Management der COPD [18]. In unseren Untersuchungen sollten o. g. Konstrukte operationalisiert und an einer
Kohorte von COPD-Patienten in Magdeburg analysiert werden, um potenzielle Ansätze
zur Steigerung der Impfraten aufzudecken.
Material und Methoden
Nach Literaturrecherche (Pubmed, PsycINFO, PSYNDEX, Cochrane Reviews) wurde ein Fragebogen
erstellt und an mehreren Patienten erprobt. Ein positives Votum der Ethikkommission
der Otto-von-Guericke-Universität für die Studie wurde eingeholt. Alle Patienten gaben
die schriftliche Teilnahmezustimmung. 120 Patienten mit gesicherter COPD wurden aus
der Ambulanz und von der Station der Universitätsklinik für Pneumologie Magdeburg
sowie aus einer pneumologischen Facharztpraxis in Magdeburg rekrutiert. Patienten
mussten Fragen selbstständig beantworten können. Sozioepidemiologische Fragen erfassten
neben dem Impfstatus der jeweils letzten Saison (2015/2016 bzw. 2016/2017) den Impfstatus
in den Vorjahren zur Klärung der Impfhistorie sowie weiterhin u. a. das Alter, Geschlecht
und den Raucherstatus. Bei Analysen zum Impfstatus wurden Datensätze mit keiner Angabe
oder der Angabe „weiß nicht“ im Impfstatus ausgeschlossen. Die Auswertung erfolgte
deskriptiv, Unterschiede zwischen Geimpften und Ungeimpften wurden mittels Chi-Quadrat-/Fisherʼs
exaktem Test auf Signifikanz geprüft. Anhand des Modells gesundheitlicher Überzeugungen
(Health Belief Model, HBM) wurden Wahrnehmungen zur Empfänglichkeit und Erkrankungsschwere
der Influenza, dem empfundenen Impf-Nutzen sowie Impf-Barrieren erfasst. Analog einer
Modellerweiterung [19] wurden Variablen zu Handlungsanreizen und zur Gesundheitsmotivation erstellt. Aussagen
waren auf einer 5-Punkte-Likert-Skala von 1: „Gar nicht“ bis 5: „Voll und ganz“ bewertbar.
Bei anzunehmenden Wissenslücken [5] war zudem die Option „weiß nicht“ gegeben. Dieses geht einher mit Empfehlungen von
Schnell et al., da „bei der Nicht-Ausweisung einer ‚Weiß nicht‘-Kategorie bei den
Antwortvorgaben davon auszugehen [ist], dass bei Befragten, bei denen Non-Attitudes
[unvoreingenommene Meinungen] vorliegen und die sich als gezwungen sehen, trotzdem
eine inhaltliche Antwort zu geben, die Wahl der inhaltlichen Antwortkategorie eher
zufällig erfolgt“ [20]. Geimpfte und Ungeimpfte wurden nach Ausschluss von Datensätzen mit keiner Angabe
in HBM-Hauptkomponenten in der Stärke ihrer Zustimmung mittels U-Test und in der
Angabe „weiß nicht“ deskriptiv sowie mittels Fisherʼs exaktem Test verglichen. Die
subjektive Risikogruppen-Zugehörigkeit wurde deskriptiv dargestellt, Unterschiede
zwischen Geimpften und Ungeimpften wurden mittels Fisherʼs exaktem Test auf Signifikanz
geprüft. Angaben zu Handlungsanreizen sowie zur Impf-Motivation wurden deskriptiv
dargestellt, Angaben von „weiß nicht“ oder keine Angaben wurden ausgeschlossen. Die
subjektive Selbstwirksamkeitserwartung wurde mit der Kurzskala GESIS ASKU [21] (3 Items, jeweils 5 Stufen von 1: „Gar nicht“ bis 5: „Voll und ganz“) gemessen.
Der Skalenwert wurde aus dem Mittelwert der Items gebildet und mittels T-Test zwischen
Geimpften und Ungeimpften sowie nach Alter (> 65-Jährige/Jüngere) verglichen. Erhobene
Werte wurden zudem mittels T-Test mit Werten einer im Handbuch [21] dargestellten Referenzgruppe der deutschen Bevölkerung verglichen. Unvollständige
Datensätze wurden ausgeschlossen. Die Selbstbeurteilung von Depressivität und Angstsymptomen
erfolgte mit der deutschen Form der Hospital Anxiety and Depression Scale (HADS-D).
Die Skala besteht aus 2 Subskalen (D = Depression, A = Angst) mit je 7 Items. Skalenwerte
einzelner Items betragen 0 – 3 Punkte; durch Addition der Antworten wurden ein Skalenwert
für D und ein Skalenwert für A, durch Addition der Subskalen ein HADS-D Gesamtwert
gebildet. Von grenzwertigen Werten der Subskalen wurde ab einem Wert ≥ 8 und von sicher
auffälligen Werten ab einem Wert von ≥ 11 Punkten ausgegangen, unvollständige Datensätze
wurden gemäß Handbuch ausgeschlossen [22]. Unterschiede zwischen Geimpften und Ungeimpften wurden deskriptiv dargestellt und
mittels Chi-Quadrat Tests auf Signifikanz geprüft. Krankheitsverarbeitung wurde mit
der Kurzform des Freiburger Fragebogens zur Krankheitsverarbeitung (FKV-LIS) erfasst.
Dieser besteht aus 5 Gruppenskalen (Depressive Verarbeitung, aktives/problemorientiertes
Coping, Bagatellisierung/Wunschdenken, Ablenkung/Selbstaufbau, Religiosität und Sinnsuche)
und 12 einzelnstehenden Items (jeweils 5 Stufen von 1: „Gar nicht“ bis 5: „Sehr stark“).
Der Gruppenskalenwert wurde als Mittelwert aus jeweils 3 – 5 Variablen berechnet.
Besonders interessant waren hier die Gruppenvariablen der depressiven und der aktiven
problemorientierten Verarbeitung als Einzelvariablen die Schuldzuweisung an der Erkrankung.
Zur Erfassung eines Unterschieds im Vertrauensverhältnis zum behandelnden Arzt wurde
die eigens erstellte Variable „Ich habe Vertrauen zu Ärzten, die mich wegen meiner
COPD behandeln“ auf einer äquivalenten 5-Punkte-Likert-Skala erfasst. Skalenwerte
Geimpfter und Ungeimpfter wurden mittels T-Test verglichen. Der erhobene Skalenwert
der subjektiven Schuldzuweisung wurde mittels T-Test mit dem einer dem Handbuch [23] entnommenen Referenzgruppe chronisch Kranker verglichen, unvollständige Datensätze
wurden ausgeschlossen.
Statistische Analysen wurden mit IBM SPSS Statistics 21 erstellt. Eine generelle Irrtumswahrscheinlichkeit
von α = .05 wurde festgelegt. Zur Korrektur des α -Fehlers beim multiplen Testen erfolgte
eine Bonferroni-Holm-Korrektur. Der validierte FKV-LIS und die HADS-D wurden mit finanziellen
Mitteln aus Forschungsgeldern käuflich bei der Testzentrale erworben. Die GESIS-ASKU
ist über das GESIS-Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften frei verfügbar. Kosten
für die Zusammenstellung der Fragebögen beliefen sich auf 360.50 Euro.
Ergebnisse
Patientencharakteristika
62,5 % (n = 75) waren geimpft, 31,7 % (n = 38) ungeimpft, und 5,8 % (n = 7) machten
keine Angabe zu ihrem Impfstatus. Unter Patienten mit Angaben zum Impfstatus und < 60-Jährigen
(n = 33) fanden sich 58 % Ungeimpfte (vgl. [Abb. 1] blau), während unter den ≥ 60-Jährigen (n = 80) 76 % geimpft waren (vgl. [Abb. 1] grün). Der Unterschied im Impfstatus nach Alter erwies sich als signifikant (Fisherʼs
exakter Test, p = .001). Auch nach Impfhistorie (Fisherʼs exakter Test, p = .001)
sowie Raucherstatus unterschieden sich Geimpfte und Ungeimpfte (Chi-Quadrat Test,
p = .034) mit einer häufiger positiven Impfhistorie unter in der letzten Saison Geimpften
sowie mit einem höheren Anteil von Rauchern unter Ungeimpften. Nach Bonferroni-Korrektur
zeigte sich der Raucherstatus nicht mehr signifikant abhängig vom Impfstatus. Nach
Geschlecht zeigte sich zwischen männlichen (57,5 %, n = 69) und weiblichen Befragten
(42,5 %, n = 51) kein Unterschied im Impfstatus (n = 113, Fisherʼs exakter Test, p = .842).
Abb. 1 Vergleich der relativen Anteile geimpfter und ungeimpfter COPD-Patienten nach Alter
< 60 Jahre oder ≥ 60 Jahre, Y-Achse auf 100 % skaliert, Prozentangaben gerundet (n = 113,
p = .001).
Erweitertes Modell Gesundheitlicher Überzeugungen (HBM)
Unter allen COPD-Patienten (n = 120) sah sich die Mehrheit von 60 % (n = 72) als Teil
einer Influenza-Risikogruppe, 26 % (n = 31) zeigten sich unsicher („weiß nicht“),
und 11 % (n = 13) zählten sich nicht dazu. 3 % (n = 4) machten keine Angabe. Der Anteil
Geimpfter (grün) und Ungeimpfter (blau) zwischen Risikogruppen-Bewussten und anderen
ist vergleichend dargestellt (vgl. [Abb. 2]). Der Gruppenunterschied war signifikant (Fisherʼs exakter Test p = .023). In HBM-Hauptkomponenten
zeigten sich Unterschiede zwischen Geimpften (grün) und Ungeimpften (blau) in den
Variablen „Der Nutzen der Impfung ist für mich höher, als mein Aufwand für die Impfung“
(U-Test, p = .001), „Ich bin besorgt über Nebenwirkungen/unangenehme Begleiterscheinungen
der Impfung“ (U-Test, p = .004) sowie „Ich bin generell gegen Impfungen“ (U-Test,
p = .000) (vgl. [Abb. 3]). Relative Häufigkeiten der Angabe „weiß nicht“ in Hauptkomponenten des Modells
sind zwischen Geimpften (grün) und Ungeimpften (blau) vergleichend dargestellt (vgl.
[Abb. 4]). Die Unterschiede waren in der Erkrankungsschwere, der Schutzwirkung der Impfung
und der Nutzen-Aufwand-Bilanz für die Impfung (Fisherʼs exakter Test, p ≤ 0.001) signifikant
mit einer häufigeren Angabe von „Weiß nicht“ unter Ungeimpften. In der Variablen Empfänglichkeit
für Influenza wurde eine Signifikanz knapp verfehlt (Fisherʼs exakter Test, p = 0.051).
Der Aussage „Ich habe mich selbst aktiv über die Grippe-Impfung informiert“ stimmten
Geimpfte signifikant stärker zu als Ungeimpfte (n = 113, U-Test, p = .001). Unter
Geimpften stimmten 84 % (n = 63) der Aussage „Ich denke selbst an die Grippe-Impfung,
auch ohne, dass mich ein Arzt daran erinnert“ ziemlich oder voll und ganz zu. Die
Zustimmungen von Patienten, eine Impfempfehlung durch den Hausarzt (vgl. [Abb. 5 a], n gesamt = 116) und den Lungenfacharzt (vgl. [Abb. 5 b], n gesamt = 104) erhalten zu haben, sind als relative Häufigkeiten auf einem Kontinuum
dargestellt. Der Aussage „Mein Hausarzt hat mir die Grippe-Impfung in der letzten
Saison ausdrücklich empfohlen“ stimmten Befragte insgesamt stärker zu (Voll und ganz:
n = 75 (65 %), Gar nicht: n = 29, (25 %)) als der Aussage „Mein Lungenfacharzt hat
mir die Grippe-Impfung in der letzten Saison ausdrücklich empfohlen“ (Voll und ganz:
n = 45 (43 %), Gar nicht: n = 49, [47 %]).
Abb. 2 Bewusstsein über die Zugehörigkeit von COPD-Patienten zur Risikogruppe für die Influenza
mit Darstellung relativer Häufigkeiten von Geimpften und Ungeimpften, Y-Achse auf
100 % skaliert, Prozentangaben gerundet (n = 110, p = .023).
Abb. 3 Vergleichende Darstellung der Zustimmung von geimpften und ungeimpften COPD-Patienten
zu Hauptkomponenten des Modells gesundheitlicher Überzeugungen (HBM) auf einem Kontinuum
(„Ich habe ein hohes persönliches Risiko, an der Grippe zu erkranken“ n = 94, p = .117;
„Die Grippe kann mir bei sehr schwer verlaufen, wenn ich sie bekomme“ n = 87, p = .731;
„Mit der Grippe-Impfung kann ich mich wirkungsvoll vor der Influenza schützen“ n = 92,
p = .106; „Der Nutzen der Impfung ist für mich höher, als mein Aufwand für die Impfung“
n = 90, p = ,001; „Ich bin besorgt über Nebenwirkungen/unangenehme Begleiterscheinungen
der Impfung“ n = 110, p = .004; „Ich bin generell gegen Impfungen“ n = 108, p = .000;
Punkte: Ausreißer, Sterne: Extremwerte).
Abb. 4 Vergleichende Darstellung relativer Häufigkeiten der Angabe „weiß nicht“ in den Hauptkomponenten
des Modells gesundheitlicher Überzeugungen (HBM) im Vergleich geimpfter und ungeimpfter
COPD-Patienten („Ich habe ein hohes persönliches Risiko, an der Grippe zu erkranken“
n = 19, p = .051; „Die Grippe kann bei mir schwer verlaufen, wenn ich sie bekomme“
n = 26, p = .001; „Mit der Grippe-Impfung kann ich mich wirkungsvoll vor der Grippe
schützen“ n = 20, p ≤ .001; „Der Nutzen der Grippe-Impfung ist für mich höher, als
mein Aufwand für die Impfung“ n = 22, p ≤ .001; „Ich bin besorgt über Nebenwirkungen/unangenehme
Begleiterscheinungen der Grippeimpfung“ n = 3, p = .036; „Ich bin generell gegen Impfungen“
n = 2, p = nicht signifikant).
Abb. 5 a, b Vergleich der Zustimmung von COPD-Patienten eine Impfempfehlung für die Influenza-Impfung
durch den Hausarzt (a) oder den Pneumologen (b) erhalten zu haben, dargestellt als relative Häufigkeit auf einem Kontinuum, Prozentangaben
gerundet (a: n = 116; b: n = 104).
Allgemeine Selbstwirksamkeitserwartung (GESIS ASKU)
Unter COPD-Patienten (n = 119) zeigte sich ein signifikant niedrigerer Mittelwert
der allgemeinen Selbstwirksamkeitserwartung (MW 3.66, Standardabweichung [SD] = .91)
als in der Referenzgruppe der deutschen Allgemeinbevölkerung (MW 4.00, T-Test, p = .000).
Der Vergleich zwischen Geimpften (n = 74, MW 3.62, SD 0.93) und Ungeimpften (n = 38,
MW 3.76, SD 0.84) zeigte keinen signifikanten Unterschied (T-Test, p = .418). Bei
> 65-Jährigen unterschieden sich Ungeimpfte und Geimpfte mit einer Differenz von 0.45
Skalenpunkten stärker, mit tendenziell höheren Werten unter Ungeimpften (n = 11, MW
4 – .12, SD 0.79) als unter Geimpften (n = 43, MW = 3.67, SD 1.00). Die Differenz
war jedoch statistisch nicht signifikant (T-Test, p = .174).
Angst und Depression (HADS-D)
Daten von n = 113 Patienten wurden ausgewertet. Für die Subskala A ergab sich ein
Mittelwert von 6.7 (SD = 4.1), für die Subskala D lag dieser bei 5.6 (SD = 4.0). Der
HADS-D Gesamtwert lag bei 12.3 (SD = 7.2). Unter Geimpften (n = 71) zeigte sich ein
Anteil grenzwertiger Ängstlichkeit von 17 % (n = 12), unter Ungeimpften (n = 37) von
27 % (n = 10). Der Anteil auffälliger Ängstlichkeit lag unter Geimpften bei 17 % (n = 12)
und bei 22 % (n = 8) bei Ungeimpften. Auf der Subskala D zeigte sich unter Geimpften
ein Anteil grenzwertiger Werte von 15 % (n = 11), unter Ungeimpften lag der Anteil
mit 16 % (n = 6) ähnlich hoch. Der Anteil auffälliger Depressivität lag bei 10 % (n = 7)
unter Geimpften und bei 5 % (n = 2) unter Ungeimpften. Im Chi-Quadrat-Test ergaben
sich in keinem Vergleich signifikante Unterschiede zwischen Geimpften und Ungeimpften
(A grenzwertig p = .323, A auffällig p = .527, D grenzwertig p = .690, D auffällig
p = . 439).
Krankheitsverarbeitung (FKV-LIS)
Gemessen am Mittelwert (MW) war aktives problemorientiertes Coping (n = 112, MW = 3.3,
SD 0.9) die am stärksten und depressive Verarbeitung (n = 109, MW = 2.00, SD 0.8)
die am schwächsten angegebene Verarbeitungsform. Es zeigte sich kein Zusammenhang
zwischen Gruppenvariablen der Krankheitsverarbeitung und dem Impfstatus. In Einzelvariablen
gaben sich COPD-Patienten stärker Schuld an ihrer Erkrankung als chronisch Kranke
der Referenzgruppe (T-Test, p = .000).
Der eigens konzipierten Aussage „Ich habe Vertrauen zu Ärzten, die mich wegen meiner
COPD behandeln“ stimmten COPD-Patienten im Mittel gerundet „Voll und ganz“ (Skalenwert
5) zu, Unterschiede zwischen Geimpften und Ungeimpften fanden sich nicht (n = 113,
T-Test, p = .912).
Zusammenfassung
In der Studienpopulation zeigten sich 62.5 % (n = 75) geimpft und 31.7 % (n = 38)
ungeimpft, während bei ≥ 60-Jährigen 76 %, bei < 60-Jährigen 42 % geimpft waren. Zur
Risikogruppe zählten sich 60 % (n = 72). Ungeimpfte gaben stärkere Sorgen vor Nebenwirkungen
der Impfung an (p = .004), zogen eine schlechtere Nutzen-Aufwand-Bilanz der Impfung
(p = .001) und zeigten sich häufiger unsicher bez. des Impfschutzes und der Erkrankungsschwere
der Influenza (p ≤ .001). Geimpfte hatten eine hohe Motivation, selbst an die Impfung
zu denken, und häufiger eine positive Impfhistorie (p = .001). Die Impfempfehlung
erfolgte insgesamt häufiger durch Hausärzte als durch Pneumologen. Bei COPD-Patienten
zeigte sich eine niedrigere Selbstwirksamkeitserwartung als in der deutschen Bevölkerung
(p = .000), Geimpfte und Ungeimpfte unterschieden sich nicht (p = .418). Tendenziell
zeigten > 65-jährige Ungeimpfte höhere Werte für Selbstwirksamkeitserwartung als Geimpfte
gleichen Alters. Bei erfasster Depressivität und Angstsymptomen zeigte sich kein Unterschied
zwischen Geimpften und Ungeimpften. Tendenziell gaben Ungeimpfte höhere Angstwerte
an. In der Krankheitsverarbeitung gaben sich COPD-Patienten häufiger selbst die Schuld
an ihrer Erkrankung als chronisch Erkrankte der Referenzgruppe. Es bestand bei ungeimpften
und geimpften COPD-Patienten ein gleichermaßen sehr hohes Vertrauensverhältnis zu
behandelnden Ärzten.
Diskussion
Eine ähnlich hohe Influenza-Impfrate unter COPD-Patienten mit 62.7 % Geimpften wurde
in einer spanischen Kohortenstudie 2011/12 gefunden [24]. Analysiert nach Alter ist das vom Europarat angestrebte Ziel zumindest bei über
60-jährigen COPD-Patienten in Magdeburg knapp erreicht.
Gesundheitliche Überzeugungen und Handlungsanreize wurden mit eigens formulierten
Fragen operationalisiert, die zum Teil in ähnlicher Form in anderen Studien zur Influenzaimpfung
verwendet wurden [5]
[25]
[26]. So wurde in der Untersuchung von gesundheitlichen Überzeugungen für die wahrgenommene
Erkrankungsschwere sowie Effektivität der Impfung ein Unterschied von Skalenwerten
zwischen Geimpften und Ungeimpften zwar nicht bestätigt, jedoch ergaben sich hier
unter Ungeimpften höhere Unsicherheiten. Analog bekannter Daten, welche unter ungeimpften
chronisch Kranken hohes Misstrauen gegenüber der Influenzaimpfung fanden [5], zeigten sich ungeimpfte COPD-Patienten stärker um Nebenwirkungen der Impfung besorgt.
In der spezifischen Gruppe der COPD-Patienten könnte insbesondere die Sorge vor einer
durch die Impfung getriggerten Exazerbation relevant sein. Die schlechtere Nutzen-Aufwand-Bilanz
für die Impfung unter Ungeimpften unterstützt den Vorschlag von Tsutsui et al. bspw.
durch Reduktion der Zeit-Kosten für die Impfung eine Steigerung der Impfraten zu erzielen
[27]. Bödeker et al. deckten einen Anteil von 9,7 % aller chronisch Erkrankten auf, der
sich nicht zur Risikogruppe für die Influenzaimpfung zählte [5]. In der untersuchten Studienpopulation lag der Anteil mit 11 % ähnlich hoch, jedoch
waren insgesamt 26 % unsicher (Angabe „weiß nicht“). Dabei lag die Impfrate unter
Patienten, die sich als Teil einer Risikogruppe sahen, relativ höher (vgl. [Abb. 2]). Sofern einmal für die Impfung „gewonnen“, zeigten Patienten eine hohe Gesundheitsmotivation,
von sich aus an die Impfung zu denken. Dieses geht einher mit der Tatsache, dass sich
unter geimpften Patienten oft eine positive Impfhistorie zeigte und diese häufiger
angaben, sich bereits selbst aktiv über die Influenza-Impfung informiert zu haben.
Der Trend von tendenziell höheren Werten für allgemeine Selbstwirksamkeitserwartung
unter älteren Ungeimpften überrascht, da er entgegen der Hypothese von geringer gemessener
Selbstwirksamkeitserwartung bei Ungeimpften verläuft. Grund dafür könnte die verbreitete
Annahme von COPD-Patienten sein, ihre Erkrankung unter Kontrolle zu haben [28]. So könnten ungeimpfte COPD-Patienten mit hoher Selbstwirksamkeitserwartung die
eigene Gesundheit überschätzen. Bei tendenziell gesteigerten Angstwerten unter Ungeimpften
erscheint es sinnvoller, bestehende Unsicherheiten nicht mit abschreckenden, sondern
mit verständlichen evidenzbasierten Informationen anzugehen. In der Untersuchung der
Krankheitsverarbeitung gaben sich COPD-Patienten stärker selbst die Schuld an ihrer
Erkrankung als andere chronisch Erkrankte der Referenzgruppe. Dieses könnte die Zugänglichkeit
von COPD-Patienten zur Impfung erschweren, da präventives Verhalten die aktive Auseinandersetzung
mit der eigenen Gesundheit und einer Gesundheitsbedrohung erfordert. Hier könnten
differenzierte Kommunikationsstrategien im Umgang mit COPD-Patienten hilfreich sein.
Aus vorliegenden Daten lässt sich ableiten, dass die Influenza-Impfung insgesamt seltener
von Pneumologen als von Hausärzten empfohlen wird. Um die Influenza-Impfung in pneumologischen
Facharztpraxen für Risikopatienten zu etablieren, könnte eine praxisintegrierte Software
einen Beitrag leisten [29]. Vornehmlich bei Patienten, die von Station oder aus der Ambulanz einer Universitätsklinik
rekrutiert wurden, erscheint die Entzweiung von unvergüteter Impfberatung sowie Impfempfehlung
und der Kostenübernahme der in diesen Behandlungsrahmen nicht regelhaft durchgeführten
Impfung für die Impfempfehlung relevant; dies legen Daten von Englert nahe [30]. Dabei könnten Klinikärzte durch die standardisierte Aufnahme von Impfempfehlungen
in den Entlassungsbrief sinnvoll in den Impfprozess bei chronisch Kranken involviert
werden [31]. Neben der einfachen schriftlichen erscheint weiterhin die ärztlich ausgesprochene
Impfempfehlung wertvoll, insbesondere da sie durch das auch unter Ungeimpften hohe
Vertrauensverhältnis zum behandelnden Arzt bekräftigt werden kann.
Schlussfolgerung
Maßnahmen sollten insbesondere auf unter 60-jährige COPD-Patienten mit negativer Impfhistorie
abzielen. Es zeigten sich unter Ungeimpften verbreitete Unsicherheiten zur Erkrankungsschwere
der Influenza sowie zur Schutzwirkung der Impfung, welche mit verständlichen, evidenzbasierten
Informationen angegangen werden sollten. Dabei sollte auch vermittelt werden, dass
die Influenzaimpfung nicht zur Exazerbation führt. COPD-Patienten sollten stärker
über die Zugehörigkeit zur Risikogruppe für die Influenza sensibilisiert werden. Die
Impfempfehlung sollte verstärkt durch Pneumologen erfolgen.