Die palliative Erstlinien-Therapie des EGFR mutierten nicht-kleinzelligen Lungenkarzinoms (NSCLC)
mit Tyrosinkinase-Inhibitoren (TKI) der 2. und 3. Generation ist seit mehreren Jahren
sehr erfolgreich etabliert und in allen Leitlinien empfohlen. Die Studien zum Einsatz
von EGFR TKI in der adjuvanten Situation hingegen waren bisher entweder negativ oder nicht aussagekräftig genug
[1–3]. In der ADAURA-Studie konnte nun zum ersten Mal in einer hervorragend durchgeführten
Phase-III-Studie ein statistisch signifikanter und klinisch sehr beeindruckender Benefit
im rezidivfreien Überleben (DFS) durch adujvante Therapie mit Osimertinib (Tagrisso®) gezeigt werden. Die Daten zum DFS waren für alle Stadien signifikant, selbst im
Stadium IB, in dem in beiden Studienarmen zu 80 % keine vorherige adjuvante Chemotherapie
durchgeführt worden war.
Ist die Substanz also schon „ready for prime time“? Da ist sicher noch etwas Vorsicht
geboten. Zum einen fehlen noch belastbare Daten zum Gesamtüberleben (aktueller Reifegrad
der Studie 5 %). Hier muss gezeigt werden, dass die bis zu 3 Jahre dauernde adjuvante
Therapie mit Osimertinib einer entsprechenden palliativen Therapie mit diesem TKI
in der Rezidiv-Situation überlegen ist. Erste Daten zu den Rezidiv-Ereignissen der
ADAURA-Studie wurden auf dem diesjährigen ESMO-Kongress vor Kurzem vorgestellt [4].
Interessanterweise wurden im Placebo-Arm vor allem Hirnmetastasen evident; diese konnten
dagegen im Behandlungs-Arm mit dem TKI offensichtlich bisher gut unterdrückt werden.
Das verwundert nicht, da aus der palliativen Situation bereits bekannt ist, dass Osimertinib
gut Gehirn- und Liquor-gängig ist. Da das Auftreten von Hirnmetastasen als erste Lokalisation
im Rezidiv prognostisch ungünstig ist, könnte daher auch mit einem Benefit von Osimertinib
im sekundären Endpunkt Gesamtüberleben zu rechnen sein.
Ein weiterer Aspekt ist die Nebenwirkungsrate. Nachdem die Substanz in der Studie
geplant bis zu 36 Monate und im Median fast 2 Jahre verabreicht wurde, ist es wichtig,
Toxizitäten besonders im Auge zu haben. Neben den bekannten und beherrschbaren klassischen
EGFR-TKI-Nebenwirkungen wie Diarrhoe, Rash und Paronychien sind aber verminderter
Appetit, Stomatitis und Mund-Ulzera in der Langzeit-Therapie durchaus ernst zu nehmen,
selbst wenn sie in zumeist geringen Toxizitätsgraden aufgetreten sind. Für eine abschließende
Beurteilung müssen daher auch noch die Lebensqualitätsanalysen abgewartet werden.
Wenn die Substanz im deutschsprachigen Raum eine Zulassungserweiterung für die adjuvante
Therapie erhält, wovon auszugehen ist, muss sich auch in der Klinik das molekulare
Testverhalten ändern. Alle kurativ resezierten nicht-plattenepithelialen NSCLC der
Stadien IB–IIIA müssten dann routinemäßig zumindest auf das Vorliegen einer EGFR-Mutation
hin getestet werden, was eine logistische und finanzielle Herausforderung darstellen
dürfte. Die Vorteile gegenüber der molekularen Testung in der Palliation sind hier
zumindest, dass 1. durch die Resektion in aller Regel genug Tumormaterial vorhanden
sein dürfte, um die Mutationstestung durchführen zu können und 2. durch die durchzuführende
vorherige adjuvante Chemotherapie genug Zeit zur Verfügung steht, um die Testung auch
tatsächlich zu veranlassen und das Ergebnis abzuwarten. Mit der möglichen Zulassung
von Osimertinib würde sich das therapeutische Armamentarium in der adjuvanten Therapie
zum ersten Mal seit über 20 Jahren wieder um eine wirksame Therapieoption erweitern,
was angesichts der hohen Rezidivrate (die bereits im Stadium IB im 5-Jahres-Intervall
bei 45 % liegt) sehr zu begrüßen wäre.
Autorinnen/Autor
Prof. Dr. med. Wolfgang M. Brückl,
Klinik für Innere Medizin 3, Schwerpunkt Pneumologie, Klinikum Nürnberg, Universitätsklinik
der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Nürnberg, Lungentumorzentrum Nürnberg
Prof. Dr. med. Joachim H. Ficker,
Klinik für Innere Medizin 3, Schwerpunkt Pneumologie, Klinikum Nürnberg, Universitätsklinik
der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Nürnberg, Lungentumorzentrum Nürnberg
Literatur
[1] Kelly K et al. Adjuvant erlotinib versus placebo in patients with stage IB-IIIA
NSCLC (RADIANT): a randomized, double-blinde, phase III trial. J Clin Oncol 2015;
33: 4007–4014
[2] Pennell NA et al. SELECT: a phase II trial of adjvuant erlotinib in patients with
resected epidermal growth factor receptor – mutant NSCLC. J Clin Oncol 2018; 37: 87–104
[3] Zhong WZ et al. Gefitinib versus vinorelbine plus ciplatin as adjuvant treatment
for stage II-IIIA (N1-N2) EGFR-mutant NSCLC (ADJUVANT/CTONG1104): a randomised, open-label,
phase 3 study. Lancet Oncol 2018; 19: 139–148
[4] Tsuboi M et al. Osimertinib adjuvant therapy in patients (pts) with resected EGFR
mutated (EGFRm) NSCLC (ADAURA): central nervous system (CNS) recurrence. Presidential
symposium I, ESMO virtual congress 2020, LBA1.