Mini-Weiterbildung: 5 Tipps zur praktischen Lithiumtherapie
Mit Online-Vorträgen konnte die BGPN in das neue Jahr starten. Im vergangenen Jahr
mussten leider pandemiebedingt mehrere Vortragsveranstaltungen ausfallen. Als kleinen
Ersatz bietet die BGPN an dieser Stelle eine Mini-Weiterbildung zu einem der wichtigsten
psychiatrischen Medikamente.
Wofür kann Li eingesetzt werden und wofür nicht?
Lithium (Li) ist das Medikament der ersten Wahl (einzige A-Empfehlung in der S3-Leitlinie
Bipolare Störungen) zur langfristigen phasenprophylaktischen Behandlung bipolar affektiver
Erkrankungen und als einziges Medikament hierfür ohne Einschränkungen zugelassen.
Auch zur Rezidivprophylaxe unipolarer Depressionen kann es als Alternative zu einer
Antidepressiva-Langzeitmedikation verordnet werden. Ferner ist Li zugelassen zur Akutbehandlung
von Manien und in der Akutbehandlung von (unipolaren) Depressionen zur Augmentation
eines allein nicht ausreichend wirksamen Antidepressivums. Im Unterschied zu Antidepressiva
verhindert Li (im Vergleich zu Placebo) Suizidversuche und Suizide. Aufgrund fehlenden
Wirksamkeitsnachweises rät die S3-Leitlinie Bipolare Störungen ab, eine akute bipolare
Depression mit einer Li-Monotherapie zu behandeln.
Wie gebe ich die Dosis an? Welche Bedeutung haben die unterschiedlichen Salze?
Vorzugsweise nicht in mg/Tag, sondern in mmol/Tag. Wirksam ist der molare Li-Aanteil.
Li kommt stabil nur als Li-Salz vor. Die Salze (Li-carbonat, -acetat, -sulfat etc.)
haben ein unterschiedliches Gewicht, weswegen sie in ihrer mg-Dosis nicht miteinander
verglichen werden können! Am gebräuchlichsten ist Li-carbonat, da es eine retardierte
Wirkung aufweist. Es verursacht häufiger Diarrhoen, dann ist ein anderes Salz empfehlenswert
([
Tab. 1
]).
Tab. 1
Lithiumsalze im Vergleich
Präparat
|
Dosis (mmol) pro Tbl.
|
mg Li-Salz pro Tbl.
|
Lithium-Carbonat
|
Hypnorex retard®
|
10,8
|
400
|
Quilonum retard®
|
12,2
|
450
|
Lithium-Sulfat
|
Lithiofor®
|
12
|
660
|
Wie starte ich eine Medikation? Wie oft Blut abnehmen?
Bei Patienten ohne schwerwiegende Niereninsuffizienz kann mit 12 bis 18 mmol/d begonnen
werden (verteilt auf 1 oder 2 Gaben am Tag). Nach ca. 5 Tagen sollte die erste Blutkontrolle
erfolgen, in der Regel ist danach eine Dosiserhöhung notwendig (thera. Bereich). Hierbei
gilt ungefähr eine lineare Beziehung: eine Verdopplung der Dosis bewirkt in etwa eine
Verdoppelung des Spiegels. Achtung: Der steady state ist 4 bis 7 Tagen nach der letzten
Dosisänderung erreicht. Wird früher kontrolliert, ist auch ohne Dosiserhöhung mit
einem Anstieg des Spiegels zu rechnen. Ungefähr 5 Tage nach jeder Dosisänderung sollte
eine Serumspiegelkontrolle erfolgen. Bei stabiler Dosis können die Blutentnahmeintervalle
zunehmend gestreckt werden, auf bis zu 1x/Vierteljahr. Grundsätzlich sollten bei jeder
Blutentnahme Kreatinin (+ errechnete GFR) und die Elektrolyte (inkl. Ca) mitbestimmt
werden, gelegentlich auch TSH. Patienten sollten einen Li-Pass (mit Dosierungen, Serumspiegeln
und Kreatinin/GFR) und einen Stimmungskalender führen.
Wo sollte der Spiegel liegen?
In der Regel zwischen 0,6 und 1,0 mmol/l; bei Langzeitverordnung nicht über 0,8 oder
0,9. Wichtig: Erste Maßnahme bei unzureichendem prophylaktischem Erfolg ist die Anhebung
des Serumspiegels innerhalb des therapeutischen Bereichs, bei Nebenwirkungen ein Absenken.
Nur zur akut antimanischen Behandlung sind höhere Serumspiegel bis 1,0/1,2 mmol/l
indiziert. Über 1,2 sollte der Spiegel nicht liegen, weil eine Intoxikation mit dem
Risiko dauerhafter Schäden (Niere, Kleinhirn) resultieren könnte.
Die International Group for The Study of Lithium Treated Patients besuchte 2018 die
chilenische Atacama-Wüste, in der Lithium abgebaut wird. (Quelle: © T. Bschor, Berlin)
Muss ich Angst vor einer Li-Therapie haben?
Nein! Die Li-Behandlung ist erlern- und sicher durchführbar. Während Antidepressiva
und Neuroleptika sehr ähnliche pharmakologische Wirkungen haben, bietet Li den Patienten
eine neue Option und führt häufig zu einem sehr eindeutigen Ansprechen. Psychiater
sollten stolz darauf sein, die Kunst der Li-Therapie zu beherrschen. Die Risiken einer
Li-Therapie wurden in zurückliegenden Jahren von verschiedenen Stellen übertrieben,
was nicht dazu führen darf, Patienten mit rezidivierender bipolarer Erkrankung oder
therapieresistenter Depression diese Chance vorzuenthalten.
Prof. Dr. Tom Bschor, Berlin