Schlüsselwörter
COVID-19-Pandemie - Kopf-Hals-Tumorpatienten - Patientenperspektive - Belastungen
- Coping-Strategien
Key words
COVID-19 pandemic - head and neck cancer patients - patients’ perspective - burden
- coping strategies
Einführung
Am 16.03.2020 verkündete die Bundesregierung den Lockdown zum Schutz der Bevölkerung
vor der Corona-Pandemie. Damit verbunden waren auch erhebliche Eingriffe in das Gesundheitswesen.
Krankenhäuser und ambulante Versorgung hatten sich auf die aufziehende COVID-19-Pandemie
vorzubereiten, Betten- und personelle Kapazitäten mussten in wenigen Tagen für die
befürchtete Versorgung von Tausenden schwerkranken und beatmungspflichtigen Patienten
bereitgestellt und bereitgehalten werden [1]. Umfangreiche Hygienemaßnahmen veränderten von einem Tag auf den anderen die Arbeit
in Kliniken und Praxen. Die Bevölkerung wurde angehalten, nur noch für das Notwendigste
die Wohnungen zu verlassen. Der Regelverkehr und damit auch der öffentliche Personennahverkehr
wurden auf ein Minimum begrenzt [2]. Trotz dieser Einschränkungen sollte die leitliniengerechte und hochwertige Versorgung
von Patienten mit ernsthaften Erkrankungen sichergestellt bleiben.
Aus jüngst publizierten Daten wissen wir, dass Menschen in Deutschland bereits Ende
März/Anfang April 2020 auf die aufziehende Pandemie mit gesteigerten Ängsten und Depressivität
reagierten. Frauen schienen damals gefährdeter [3].
Die Arbeitsgemeinschaft „Prävention und Integrative Onkologie“ der Deutschen Krebsgesellschaft
(AG PRIO) erfasste danach in der Krise des Lockdowns die Gedanken, Eindrücke, Emotionen
und Befürchtungen mit einem Online-Fragebogen-Programm, das sowohl betroffenen Tumorpatienten
als auch Mitarbeitern im Gesundheitswesen (Ärzten, Pflegenden, Psychoonkologen, Seelsorgern)
zugänglich war.
Ziel der vorliegenden Arbeit war in Zusammenarbeit mit den Organisationen der Selbsthilfe
der gezielte Blick auf die Sicht der Patienten mit Kopf-Hals-Tumoren, die sich an
den Interviews der AG PRIO beteiligt haben. Motiv dieser Betrachtung war die besondere
Situation der Betroffenen hinsichtlich der Kommunikation und Isolation. Verlust bzw.
Einschränkungen von Stimme und Sprache führen einerseits zur besonderen Vulnerabilität
unserer Patienten gegenüber Kommunikationsbeschränkungen, andererseits sind Betroffene
mit Kopf-Hals-Tumoren eben oft auch von sozialer Gemeinschaft ausgeschlossen (gemeinsame
Nahrungsaufnahme, Vereinstätigkeit).
Beide Problembereiche der Kommunikation und Isolation haben unter dem Lockdown der
Gesamtgesellschaft eine nochmals besondere Bedeutung bekommen. Spezifisch sollte untersucht
werden, welche Einschränkungen sie infolge des Lockdowns erlebt haben und wie sie
damit umgegangen sind.
Material und Methode
Zur Auswertung kamen 2 Querschnittsbefragungen der AG PRIO: Zum einen wurde vom 15.04.2020–15.05.2020
eine Umfrage mit einem standardisierten Fragebogen unter deutschen Tumorpatienten
über die Plattform www.soscisurvey.de vorgenommen, an der 433 Betroffene teilnahmen. Die Umfrage wurde über den Bundesverband
Haus der Krebs-Selbsthilfe e. V. beworben, in dem u. a. der Bundesverband der Kehlkopfoperierten
e. V. und das Selbsthilfenetzwerk Kopf-Hals-Mund-Krebs e. V. Mitglied sind.
Als zweite Grundpopulation nutzten wir die Umfrage der AG PRIO zu psychosozialen Auswirkungen
und wahrgenommenen Veränderungen infolge der COVID-19-Pandemie, die vom 06.05.2020–10.06.2020
offen war. Die hier genutzte Online-Plattform war www.limesurvey.org. Der Bundesverband Haus der Krebs-Selbsthilfe e. V. nahm erneut die Bewerbung der
Umfrage vor. Zusätzlich wurden von einigen Kliniken die Patienten direkt angesprochen.
Insgesamt 292 Patienten wurden in diese Studie der AG PRIO aufgenommen [4].
[Tab. 1] gibt einen Überblick zu Inhalt und Struktur beider Studien. In der ersten Befragung
wurden Elemente genutzt, die in der Pandemie gemeinsam mit der Selbsthilfe zusammengestellt
wurden. An der Befragung nahmen 91 Patienten mit Kopf-Hals-Tumoren teil. Die zweite
Befragung arbeitete nach Abschluss des Lockdowns mit validierten und mehrfach publizierten
Tools sowie neu entwickelten Elementen, die auf die COVID-19-Pandemie spezifisch eingehen.
An dieser Studie haben sich 84 Patienten mit Kopf-Hals-Tumoren beteiligt.
Tab. 1
Inhaltliche und methodische Teilbereiche beider Befragungen.
|
Komplex
|
inhaltliche Abgrenzung
|
Methode (Fragebogen)
|
|
Blitzumfrage (Studie 1)
|
|
1.1
|
aktuelle Folgen Körper/Psyche
|
Einzel-Item (4-stufige Skalierung)
|
|
1.2
|
erwartete Langzeitfolgen
|
Einzel-Item (4-stufige Skalierung)
|
|
1.3
|
Folgen für die Tumortherapie
|
Einzel-Item (4-stufige Skalierung)
|
|
1.4
|
Informationspolitik/Besuchsverbot
|
Einzel-Item (4-stufige Skalierung)
|
|
1.5
|
Belastung des medizinischen Personals
|
Stress-Thermometer
|
|
Coping-Analyse (Studie 2)
|
|
2.1
|
Lebensveränderungen durch COVID (Perceived Changes Questionnaire; 12-Item-Version)
|
12-teiliges Item
|
|
2.2
|
Ehrfurcht und Dankbarkeit
|
GrAw-7
|
|
2.3
|
Lebenssinn
|
MLQ
|
|
2.4
|
Wohlbefinden
|
WHO-5
|
|
2.5
|
Empfinden der COVID-Belastung
|
VAS
|
|
2.6
|
Erleben der Pandemie
|
Einzel-Item (4-stufige Skalierung)
|
Aus beiden Online-Plattformen resultierten MS-Excel-Datentabellen, die die gesammelten
Daten entsprechend der Fragebögen beinhalten. Über eine Filterfunktion ließen sich
die Patienten mit Kopf-Hals-Tumoren selektieren.
Für beide Studien liegt ein positives Votum der Ethikkommission des Universitätsklinikums
Jena vor (Reg.-Nummern 2020-1768-Bef, 5497-04/18). Beide Befragungen sind strikt anonym,
sodass nur basale soziodemografische, jedoch keine identifizierenden Daten (z. B.
Altersgruppe, Geschlecht, Bundesland, Erkrankungssituation) nachvollziehbar sind.
Ergebnisse
Beschreibung der Studienpopulation
An Studie 1 nahmen 91 Patienten teil, die im Median 61–70 Jahre alt waren. 75 von
91 Patienten (82,4 %) waren zum Zeitpunkt der Befragung tumorfrei, niemand befand
sich in einem palliativen Stadium seiner Erkrankung. Die meisten der Teilnehmenden
kamen aus Nordrhein-Westfalen (17 TN), gefolgt von Niedersachsen und Baden-Württemberg
(je 15 TN). [Tab. 2] fasst die demografischen Daten der Kopf-Hals-Tumorpatienten mit Blitzumfrage zusammen.
Tab. 2
Demografische Angaben zu Teilnehmern der Blitzumfrage (Studie 1).
|
Altersstruktur
|
|
bis 50 Jahre
|
0
|
|
51–60 Jahre
|
21
|
|
61–70 Jahre
|
44
|
|
71–80 Jahre
|
22
|
|
> 80 Jahre
|
2
|
|
keine Angabe
|
2
|
|
Erkrankungssituation
(Mehrfachnennung möglich)
|
|
nach Abschluss der Therapie
|
75
|
|
unter Therapie
|
16
|
|
mit Lokalrezidiv oder Fernmetastasen
|
14
|
|
Wohnort der Teilnehmer
|
|
Bayern
|
9
|
|
Baden-Württemberg
|
15
|
|
Hessen
|
6
|
|
Mecklenburg-Vorpommern
|
2
|
|
Niedersachsen
|
15
|
|
Nordrhein-Westfalen
|
17
|
|
Rheinland-Pfalz
|
14
|
|
Sachsen
|
4
|
|
Sachsen-Anhalt
|
4
|
|
Schleswig-Holstein
|
1
|
|
Thüringen
|
2
|
In die Studie 2 wurden 84 Patienten mit Kopf-Hals-Tumoren aufgenommen. Das mediane
Alter der Teilnehmer war hier 66 Jahre (Range 32–92). 31 Frauen und 50 Männer beantworteten
den Online-Fragebogen, 3 Personen blieben ohne Geschlechtsangabe. 19 Teilnehmer lebten
allein, die verbleibenden 65 in einer Partnerschaft. 59 Teilnehmer hatten bisher eine
Primärtumorerkrankung, weitere 13 einen Rezidivtumor und 12 weitere Metastasen. 44
von 73 Teilnehmern berichteten über einen regelmäßigen Konsum von Alkohol. [Tab. 3] fasst die demografischen Daten dieser Population zusammen.
Tab. 3
Demografische Angaben zu Teilnehmern der Coping-Analyse (Studie 2).
|
Alter, Geschlecht
|
|
medianes Alter (Range) in Jahren
|
66 (32–92)
|
|
weiblich
|
31
|
|
männlich
|
50
|
|
keine Angabe (Geschlecht)
|
3
|
|
Erkrankungssituation
(Mehrfachnennung möglich)
|
|
Ersttumor
|
66
|
|
Rezidivtumor
|
13
|
|
Fernmetastasen
|
12
|
|
Stadium
|
|
Stadium I/II
|
29
|
|
Stadium III/IV
|
35
|
|
keine Angabe (Stadium)
|
20
|
|
Behandlungssituation
|
|
erfolgreich behandelt (Nachsorge)
|
62
|
|
unter Tumortherapie
|
12
|
|
Best Supportive Care
|
10
|
|
Religionszugehörigkeit
|
|
Christentum
|
54
|
|
andere Religion
|
3
|
|
keine Religion
|
27
|
|
Lebensgewohnheiten (Alkohol)
|
|
|
mehrmals pro Woche
|
10
|
|
1–2-mal pro Woche
|
12
|
|
2–3-mal pro Monat
|
11
|
|
1-mal pro Monat
|
11
|
|
nie
|
29
|
|
keine Antwort
|
11
|
Blitzumfrage (Studie 1)
49 von 91 auswertbaren Patienten (53,8 %) berichteten, dass sie die aktuelle Situation
des Lockdowns stark einschränkte. 83 von 85 Teilnehmern (97,6 %) berichteten über
eigene physische Aktivitäten, um die Folgen zu minimieren.
Dennoch gaben zum Zeitpunkt der Befragung bereits je 19 von 89 Patienten (21,3 %)
erhebliche seelische bzw. körperliche Folgen an. 22 von 89 Patienten (24,7 %) erwarteten
für die Zukunft physische Konsequenzen der Situation.
54 von 91 Patienten (59,3 %) berichteten, durch die vielen und wechselnden Informationen
stark bis mäßig irritiert worden zu sein. Bei 21 von 82 Patienten (25,6 %) gab es
eine diffuse Angst hinsichtlich der Behandlung ihres Tumorleidens. Gehäuft wurde die
Angst artikuliert, dass sich die notwendige Diagnostik oder Therapie im Zusammenhang
mit der Tumorerkrankung verzögert (36/91; 39,6 %).
Von den während der Befragung stationär behandelten Patienten gaben 15 von 27 Teilnehmern
(55,6 %) an, dass sie das Besuchsverbot als stark bis mäßig belastend empfanden. Generell
bewerteten 44 von 74 Teilnehmern (59,5 %) das strikte Besuchsverbot in Kliniken als
kritisch.
Im Stress-Thermometer stuften 4 Teilnehmer die medizinischen Helfer als „cool“ (0°)
ein, 55 Teilnehmer sahen einen Normalbetrieb (36,5°) und 15 Patienten berichteten
von bewegten Helfern (90°).
Wahrgenommene Belastungen und Veränderungen (Studie 2)
Fünf Teilnehmende waren zum Interviewzeitpunkt bereits auf COVID-19 getestet worden.
Es gab niemanden mit einem positiven Testergebnis.
Die Patienten konnten ihre empfundene Belastung infolge der Corona-Pandemie in 3 Kategorien
einschätzen: Beeinträchtigung des Alltagslebens durch ihre Krankheitssymptome (als
Korrektivaussage), Beeinträchtigung des Alltagslebens durch die aktuelle Situation
infolge der Corona-Pandemie (als spezifische Aussage) sowie das Gefühl, aufgrund der
aktuellen Situation unter Druck zu sein (z. B. durch Stress und Angst). [Abb. 1] macht deutlich, dass die Pandemie-assoziierten Alltagsbeeinträchtigungen größer
waren als die krankheitsassoziierten, während ein Stressempfinden infolge der Einschränkungen
deutlich geringer ausgeprägt war.
Abb. 1 Belastungsempfinden bei HNO-Patienten während der Pandemie (n = 79).
Unsere Studienteilnehmer zeigten sich deutlich irritiert bzw. verunsichert über die
teils unterschiedlichen Aussagen zur Gefahr und zum Verlauf der Corona-Infektion in
den öffentlichen Medien (29 % sehr, 35 % etwas, 36 % wenig oder gar nicht). Bedenken
bezüglich ihrer aktuell laufenden Behandlung der Krebserkrankung hatten 7 % stark,
23 % etwas und 71 % wenig oder gar nicht. Etwas anders sah es jedoch aus, wenn es
um die Befürchtung ging, dass ihnen medizinisch notwendige Therapien oder Untersuchungen
aufgrund der Situationen an den Krankenhäusern verweigert oder diese verzögert werden.
10 % hatten diese Befürchtung sehr ausgeprägt, 24 % etwas und 65 % wenig oder gar
nicht. In den meisten Fällen schienen die Betreuung und Anbindung an die therapeutischen
Einrichtungen also so gewesen zu sein, dass Verunsicherungen und Ängste ausgeglichen
und vermieden werden konnten.
Der WHO-5-Index als Maß des Wohlbefindens zeigte einen Median von 16 Punkten (Range
1–25) bei einer Maximalzahl von 25 [5]. Die Anzahl der Patienten mit einer depressiven Grundstimmung (< 13 Punkte) lag
bei 29 % der auswertbaren Teilnehmer.
Im MLQ-10 wird die Sinnsuche bzw. ein vorhandener Sinn im Leben als Ressource der
Patienten ermittelt [6]. Die überwiegende Mehrzahl unserer Teilnehmer (n = 57, 75 %) fiel durch eine Kombination
unzufrieden/inaktiv auf, gefolgt von zufrieden/inaktiv (n = 17, 22 %) und unzufrieden/aktiv
(n = 2).
Die GrAw-Skala erfasst Gefühle staunender Ehrfurcht und daraus resultierender Dankbarkeit
als Ausdruck einer wahrnehmenden Spiritualität bzw. Achtsamkeit gegenüber dem Augenblick
(unabhängig von religiöser Prägung) [7]. Der Medianwert des Scores unserer Population lag bei 47,6 Punkten (Range und Skalierung
0–100). Der Referenz-Median-Score lag bei 66,6 Punkten.
Wahrnehmung von Veränderung aufgrund der Corona-Pandemie: Hier wurden 4 Faktoren differenziert
([Abb. 2]): Als bedeutendsten Faktor gaben unsere Teilnehmer die intensivierte Beziehung in
der Familie bzw. im Freundeskreis und ein intensiveres Erleben von Natur und Stille
an. Das Themenfeld sorgenvoller Reflexionsprozesse (über Sinn und Bedeutung des Lebens
und der verbleibenden Lebenszeit) und Isolationsempfinden war für viele ebenfalls
bedeutsam, jedoch nur moderat ausgeprägt. Die Zuwendung zu religiösen oder spirituellen
Themen war nur von geringer Bedeutung.
Abb. 2 Wahrgenommene Veränderungen aufgrund der Corona-Pandemie bei HNO-Patienten (n = 78).
Diskussion
Die Corona-Pandemie hat einerseits eine Diskussion um die Leistungsmöglichkeiten unseres
Gesundheitssystems hervorgerufen, andererseits mit dem Lockdown eine erhebliche Umstellung
im Leben eines jeden Bürgers bewirkt. Gerade Tumorpatienten sind aufgrund ihrer lebensbedrohlichen
Erkrankung in einer besonders vulnerablen Situation, wie sie in der Vergangenheit
in besonderem Maße auch für die Gruppe der Kopf-Hals-Tumoren mehrfach dokumentiert
werden konnte [8]
[9].
Vor kurzem wurde vom Rückgang der Versorgung in den universitären HNO-Kliniken während
der Phase des Lockdowns wegen der COVID-19-Pandemie berichtet [10]. Praktisch jede deutsche HNO-Klinik war mit der Erstellung und Umsetzung neuer Hygienestandards
und -konzepte beschäftigt [11].
Auf internationaler Ebene werden erste Erfahrungen systematisch aufgearbeitet [12] und Guidelines für eine erneute Ressourcenverknappung in der Pandemie publiziert
[13].
Die in diesem Artikel vorgestellten Ergebnisse aus dem Umfrageprogramm der AG PRIO
ergänzen dies nun um die Perspektive der onkologischen Patienten während dieser Zeit
und beschreiben die individuellen Strategien der Patienten im Umgang mit der besonderen
Situation. Hierbei sollten sowohl die erlebten Einschränkungen und Belastungen thematisiert
werden, aber auch die positiven Perspektiven im Sinne erlebter Veränderungen von Einstellungen
und Verhaltensweisen, die ggf. weiter unterstützt werden könnten. Beide Sichtweisen
sind notwendig, damit das Gesamtsystem „onkologische Versorgung“ für kommende Belastungssituationen
des Gesundheitswesens gerüstet ist. Bedarfsforschung benötigt immer die Sicht des
Bedürftigen [14].
In ersten Blitzinterviews haben wir Mitte April bereits die große Verunsicherung und
Angst von Tumorpatienten registriert, die sich insbesondere auf die Durchführung ihrer
Therapien beziehungsweise die Leistungsfähigkeit des Gesundheitssystems während des
Lockdowns bezogen. Hauptprobleme sind und waren die unzureichende Informationslage
und das allgemeine Besuchsverbot in den Krankenhäusern [15]. Auch die hier vorgestellte Kohorte der Kopf-Hals-Tumorpatienten unterstreicht diese
Ergebnisse. Damit wird insbesondere deutlich, dass die als Schutz gedachten Maßnahmen,
wie insbesondere das Besuchsverbot, von den Betroffenen nicht nur als Schutz, sondern
auch als erhebliche Einschränkung und Bedrohung erlebt werden. Auch von Vertretern
anderer Gruppen (Senioren, Kinder) wurde in den letzten Wochen Ähnliches berichtet
– auch mit der Forderung, diese Gruppen nicht zu bevormunden oder rein als Objekte,
vor denen andere geschützt werden müssen, zu betrachten [16]. Der Ruf nach einer Balance der Maßnahmen wird auch international lauter [17].
Gespürte und erwartete Konsequenzen der Pandemie und der ergriffenen Maßnahmen liegen
nach Ansicht unserer Patienten sowohl im körperlichen als auch seelischen Bereich.
Während sie für die Prävention physischer Folgen nach eigener Einschätzung gerüstet
zu sein scheinen, fehlt bisher eine spezifische Strategie, um auch auf dem Gebiet
der psychisch-mentalen Begleitung durch die Krise gewappnet zu sein.
Die Details der zweiten Studie geben hierfür erste Ansätze. Wir finden unmittelbar
nach dem Lockdown die Gruppe der Kopf-Hals-Tumorpatienten belastet durch die Grunderkrankung,
die COVID-19-bedingten Einschränkungen und zusätzliche psychische Alterationen, die
sich aus der Gesamtsituation ergeben haben. Ein knappes Drittel der Gruppe ist latent
depressiv, die Mehrzahl der Patienten mit ihrer Lebenssituation unzufrieden und selbst
inaktiv. Es fällt ein Achtsamkeitsdefizit bei der Mehrzahl der Patienten für den Moment
auf. Die bewusst wahrgenommenen Veränderungen im Sinne einer Neubewertung („posttraumatisches
Wachstum“) beruhen insbesondere auf intensiveren Beziehungen zu Familie und Freunden
und eine bewusstere und wertschätzende Zuwendung zu Natur.
Strukturierte Angebote können beide Coping-Muster aufnehmen und unterstützen. Während
im Netzwerk von Familie und Freunden die Patientenselbsthilfeorganisationen und ihre
Aktivitäten sehr zum Tragen kommen können [18], ist die Intensivierung von Sport und Bewegung insbesondere in der Natur durchaus
auch im Rahmen des Rehabilitations- und Breitensports denkbar und günstig. Dies kann
aber auch im Sinne einer Achtsamkeitsübung mit dem Spazierengehen verbunden werden,
bei dem es darum geht, den Blick „nach außen“ zu weiten. Outdoor-Aktivitäten sind
sowohl organisatorisch einfacher als auch im Sinne des Patienten annehmbarer. Eine
Umorientierung der strukturierten Angebote erscheint wünschenswert und auch unter
Pandemiebedingungen durchführbar.
Die vorgelegten Daten können aber auch Ansatzpunkte für die individuelle Betreuung
des Patienten geben. Wenn für unsere Tumorpatienten die Achtsamkeit für den Moment
deutlich herabgesetzt ist, so lässt sich das in der individuellen Führung eines Patienten
als mögliche Auffälligkeit ansprechen, in einer Begleitung üben oder auch zum Thema
einer psychoonkologischen Therapie machen. Hier sind vermutlich die Unsicherheit und
der Stress aufgrund der Einschränkungen ursächlich anzunehmen.
Der Ansatz der traditionell seelsorgerischen Begleitung scheint bei unserer Studiengruppe
eher eine untergeordnete Rolle zu spielen. Dennoch ist bei etwa 60 % Patienten christlicher
Prägung ein möglichst niederschwelliges Angebot zu organisieren [19], um auch diese Möglichkeiten zur Steigerung der Resilienz auszuschöpfen.
Welche Limitationen gibt es bei den beiden Umfragen zu beachten?
Methodisch muss man insbesondere bei der Befragung der Patienten während des Lockdowns
berücksichtigen, dass es sich hier nicht um einen klassischen Fragebogen, sondern
mehr um ein standardisiertes Kurzinterview gehandelt hat. Folglich gibt es für den
Fragebogen keine ausreichende Validierung. Er ist vielmehr ein Produkt des gesellschaftlichen
Zustands zum Entstehungszeitpunkt (April 2020). Die Befragung 2 hingegen wurde mit
standardisierten Instrumenten absolviert, sodass eine Vergleichbarkeit zu anderen
Patientenkohorten gegeben ist. Spezifische Daten mit HNO-Tumorpatienten gibt es bisher
nicht.
Überraschend ist sicherlich der hohe Anteil von Betroffenen mit Kopf-Hals-Tumoren,
die an beiden Untersuchungen teilgenommen haben. Hier kommt die Verteilung des Fragebogens
über das Haus der Krebs-Selbsthilfe in Bonn zum Tragen. Der Bundesverband der Kehlkopfoperierten
ist eine der am besten organisierten deutschen Selbsthilfegruppen. Andererseits muss
betont werden, dass die informierten, offenen Patienten eben vorwiegend in der Selbsthilfe
integriert sind und wir bei unseren Teilnehmern eher eine Positivauswahl hatten.
Auch wenn in beiden Untersuchungen eine relativ hohe Anzahl von Kopf-Hals-Tumorpatienten
teilnahm, so muss die Qualität der Datenangabe bedacht werden. Spezifische Aussagen
zu einzelnen Funktionsstörungen (Stimme, Artikulation, Nahrungsaufnahme) sind praktisch
nicht möglich. Hierfür ist sowohl die Zahl der Teilnehmenden zu klein als auch die
sprachliche Variabilität in den einzelnen Antwortbereichen zu groß.
Fazit für die Praxis
Trotz der erhöhten physischen und seelischen Belastung fühlten sich unsere Tumorpatienten
im April-Lockdown versorgt. Organisatorische Ausgleichsmechanismen haben in ihren
Augen funktioniert, auch wenn insgesamt natürlich eine erhöhte Angst und Neigung zu
depressiven Verstimmungen zu verzeichnen war. Gerade wegen der kommunikativen Einschränkung
kommt dem Bereich von Spiritual Care in der Entwicklung von Coping-Strategien eine
besondere Rolle für HNO-Tumorpatienten zu. Eine proaktive Verflechtung von supportiven
Behandlungsangeboten (Sport, Ernährung, Logopädie, Seelsorge, Selbsthilfe) kann die
individuelle Situation der Betroffenen auch in Krisenzeiten wie der COVID-19-Pandemie
deutlich verbessern.