Einleitung
Fettabsaugungen gehören zu den plastisch-chirurgischen Eingriffen, die weltweit am
häufigsten durchgeführt werden. Sie werden sowohl im ambulanten als auch im stationären
Rahmen angeboten. Im Zusammenhang mit wirtschaftlichen Erwägungen und vielfach geäußerten
Wünschen der Patienten finden Fettabsaugungen häufiger im ambulanten Rahmen statt.
Dabei wird zumeist Tumeszenzlösung unterschiedlicher Zusammensetzung eingesetzt. Vielfach
besteht Unklarheit darüber, bis zu welcher Absaugmenge noch ambulant abgesaugt werden
kann bzw. ab wann ein stationäres Setting geeigneter wäre. Dieses ist insbesondere
auch zu diskutieren im Zusammenhang mit den Vorgaben des Gemeinsamen Bundesausschusses
zur Fettabsaugung bei Lipödem im Stadium III [1].
Zudem ist es unklar, welche Parameter in der Nachbeobachtungsphase eines ambulanten
Eingriffes über welche Dauer überwacht werden sollen, um für die Patienten eine größtmögliche
Sicherheit zu gewährleisten. Diskutiert werden konventionelle Vitalparameter wie Blutdruck,
Herzfrequenz und Sauerstoffsättigung, aber auch aufwendigere laborchemische Parameter
wie der Anteil des Methämoglobins im Blut. Auch die Dauer der postoperativen Überwachung
nach Fettabsaugungen im ambulanten Setting ist umstritten. Hier reichen je nach Fachlichkeit
die Empfehlungen von wenigen Stunden bis zu 10–12 Stunden postoperativer Nachkontrolle.
Insbesondere sind unterschiedliche Ansichten zwischen Plastischen Chirurgen und Anästhesisten
zu finden. Ziel der Arbeit ist, gemeinsame Empfehlungen vorzustellen, die sowohl plastisch-chirurgischen
als auch anästhesiologischen Erfordernissen entsprechen.
Material und Methoden
Im ersten Schritt wurde eine systematische Literaturrecherche mit Hilfe der Datenbank
MEDLINE der U.S.-amerikanischen National Library of Medicine (NLM) durchgeführt. Die
Online-Benutzeroberfläche der Datenbank, PubMed (https://www.nlm.nih.gov/bsd/pubmed.html), wurde dabei genutzt, um mit Hilfe von entsprechenden Schlagwörtern (Medical Subject
Headings, MeSH Terms) relevante Artikel zu suchen. Dabei wurden die Schlagwörter „Liposuction
Anesthesia“ und „Liposuction Guidelines“ verwendet. Es wurden alle aus der Suche resultierenden
Arbeiten anhand des Titels und des Abstracts auf thematische Übereinstimmung geprüft.
Die entsprechenden Arbeiten wurden gewichtet nach Evidenzgrad, Aussagekraft und Verfügbarkeit
analysiert.
Eine weitere systematische Literaturrecherche wurde mit Hilfe der bibliografischen
Suchmaschine Google Scholar (https://scholar.google.com) des Unternehmens Google LLC durchgeführt. Dabei wurden die zuvor genannten Schlagwörter
genutzt. Die Suche wurde auf den Zeitraum 2005 bis 2020 sowie auf die ersten 100 Treffer
pro Schlagwort beschränkt. Diese Arbeiten wurden ebenfalls wie zuvor genannt geprüft
und analysiert.
Die aus der Suche resultierenden Arbeiten wurden anhand des Journals und/oder der
Spezialisierung der Autoren in die Gruppen „Anästhesie“ oder „Chirurgie“ unterteilt.
Unter der Gruppe „Anästhesie“ wurden alle Arbeiten zusammengefasst, die von Anästhesisten
bzw. in Journals für Anästhesie veröffentlicht wurden und sich hauptsächlich mit der
Thematik der Anästhesie und Überwachung einer Liposuktion beschäftigen. Die Gruppe
„Chirurgie“ beinhaltete die restlichen Arbeiten. Die gewonnen Informationen wurden
zusammengetragen und diskutiert.
Ergebnisse
Die Literaturrecherche mit Hilfe von PubMed ergab insgesamt 597 Treffer („Liposuction
Anesthesia“ 512, „Liposuction Guidelines“ 117, 22 Überschneidungen), wovon 190 als
thematisch übereinstimmend eingestuft wurden. Die Literaturrecherche mit Hilfe von
Google Scholar ergab für die Schlagwörter „Liposuction Anesthesia“ ca. 11 200 und
„Liposuction Guidelines“ ca. 12 900 Ergebnisse, wovon jeweils die ersten 100 geprüft
worden sind. Von diesen 200 Arbeiten wurden insgesamt 6 weitere Arbeiten als thematisch
übereinstimmend eingestuft („Liposuction Anesthesia“ 1, „Liposuction Guidelines“ 5).
Eine weitere Arbeit, die nicht in den vorherigen Suchen gefunden wurde, wurde durch
den Verweis des Autoren im Text der Originalarbeit gefunden und mit in die Ergebnisse
aufgenommen [2]. Damit wurden insgesamt 197 Arbeiten analysiert. Eine komplette Literaturliste liegt
vor und kann bei Bedarf angefordert werden.
Von diesen 197 Arbeiten wurden 170 der Gruppe der Chirurgie und 27 der Gruppe Anästhesie
zugewiesen. Von den 170 chirurgischen Arbeiten waren 74 aus dem Fachgebiet der Plastischen
Chirurgie und die restlichen 96 vorwiegend aus dem Fachgebiet der Dermatologie (sowie
Kardiochirurgie, Gefäßchirurgie, Gynäkologie, Pharmakologie und Toxikologie, Forensische
Medizin und von einer Organisation für Patientensicherheit).
Empfehlungen aus der Gruppe Chirurgie
Die Arbeit von Grazer und De Jong 2000 untersuchte Liposuktionen der zuvor vorangegangenen
5 Jahre in den USA. Dabei wurde festgestellt, dass die Mortalitätsrate bei ca. 1 zu
5000 liegt, wobei ein Viertel dieser Todesfälle durch eine Lungenarterienthrombembolie
verursacht worden sind. Ein Großteil der Todesfälle ist in den ersten 24 Stunden vorgefallen
[3].
Lehnhardt et al. veröffentlichten 2008 ein Review über die Komplikationsraten und
-arten bei Liposuktionen in Deutschland [4]. Zu den beobachteten Komplikationen in absteigender Häufigkeit zählten die Thrombose
mit Lungenarterienembolie, abdominelle Verletzungen, Komplikationen durch die Anästhesie
mit Lokalanästhetika oder Sedativa, Blutungen und Infekten bis hin zur Sepsis. Von
insgesamt 72 Majorkomplikationen waren 57 bereits in den ersten 24 Stunden evident.
Es traten 4 Todesfälle auf, welche alle eine Liposuktion in Tumeszenz-Lokalanästhesie
erhalten hatten. Die Autoren identifizierten folgende Risikofaktoren: ungenügende
Hygienestandards, große Mengen an Tumeszenzlösung, großvolumige Absaugungen, Kombination
mit anderen Eingriffen, Anästhesieüberhang mit Atmungsstörungen, frühzeitige Entlassung
und ungenügende chirurgische Kenntnisse, vor allem bei der präoperativen Patientenselektion
und dem Erkennen von Komplikationen.
Perry et al. haben bereits 1999 postuliert, dass bei Liposuktionen in Allgemeinanästhesie
die Zugabe von Lokalanästhetika in die Tumeszenzlösung keinen Effekt auf den postoperativen
Schmerz hat [5].
Das Patient Safety Committee der American Society for Plastic Surgery (ASPS) hat 2009 Übersichtsarbeiten
mit Empfehlungen zu ambulanten Operationen und Liposuktionen veröffentlicht [6], [2]. Neben generellen Empfehlungen zu einer detaillierten Anamneseerhebung und Patientenselektion
wird vor allem auf kardiopulmonale Risikofaktoren Wert gelegt. Patienten ab einer
Canadian-Cardiovascular-Society(CCS)-Stufe IV oder New-York-Heart-Association(NYHA)-Stufe
II sollten stationär behandelt werden, ab einer American-Society-of-Anesthesiologists(ASA)-Stufe
4 müssen sie stationär behandelt werden. Bei Patienten mit einem Body-Mass-Index (BMI)
über 30 kg/m2 sei das Risiko für peri- und postoperative Komplikationen erhöht, weshalb während
eines Eingriffs in Lokalanästhesie stets eine O2-Maske und Möglichkeiten zur Atemwegssicherung sowie ein intravenöser Zugang bereitstehen
sollten. Liposuktionen könnten bis maximal 5000 ml gesamter Absaugmenge (Gesamtaspirat)
ambulant erfolgen. Bezüglich einer Thromboseprophyaxe wird eine individuelle Risikostratifizierung
anhand der bekannten Risikofaktoren, des Patientenalters und des Operationsumfangs
sowie der Operationsdauer empfohlen. Als Lokalanästhetikum der Wahl wird Lidocain
genannt, welches bis zu einer Dosis von 35 mg/kg Körpergewicht sicher angewendet werden
könne. Dabei sei zu beachten, dass sich die Peakkonzentrationen im Plasma erst nach
10 bis 14 Stunden postoperativ zeigen, in Abhängigkeit von der Gewebsvaskularisation.
Während in stark-vaskularisierten Arealen wie dem Hals bereits nach 6 Stunden die
Peakkonzentration im Plasma erreicht werden kann, dauere es am Stamm und den unteren
Extremitäten deutlich länger. Der Infiltrationsdruck bzw. die Infiltrationsrate sei
dabei nicht relevant. Für Prilocain wird eine Maximaldosis von 8 mg/kg Körpergewicht
für Absaugmengen bis 2000 ml Gesamtaspirat empfohlen, wobei auch Konzentrationen bis
zu 15 mg/kg Körpergewicht sicher benutzt worden seien. Bei Einsatz von Prilocain sollten
die Patienten für 12 Stunden postoperativ überwacht und explizit auf Symptome einer
Methämoglobinämie untersucht werden. Bupivacain sollte nur mit besonderer Vorsicht
genutzt werden, aufgrund der langsamen Elimination und des starken kardiotoxischen
Nebenwirkungsprofils. Adrenalin sollte stets in der Tumeszenzlösung enthalten sein,
um Blutungen und eine schnelle Aufnahme des Lokalanästhetikums zu vermeiden. Die Dosis
sollte 0,07 mg/kg Körpergewicht nicht überschreiten. Großer Wert wird auch auf die
Flüssigkeitsbilanzierung gelegt, wobei alle infiltrierten und infundierten Lösungen
beachtet werden müssen. Mit steigender Tumeszenzmenge steige auch die Gefahr für eine
Hypervolämie und damit auch für Lungenödeme.
Bezugnehmend auf die Empfehlungen der ASPS haben 2012 Pace et al. eine Arbeit zur
kritischen Nutzung von Lokalanästhetika veröffentlicht [7]. Bupivacain sollte gänzlich in Tumeszenzlösungen vermieden werden, da es keine zusätzliche
analgetische Wirkung im Vergleich zu Lidocain und ein starkes kardiotoxisches Risiko
habe. Lidocain sollte in Konzentration von 0,01–0,05 % benutzt werden, da höhere Konzentrationen
keinen zusätzlichen analgetischen Effekt hätten.
Zu diesem Sachverhalt haben Klein und Jeske 2016 eine prospektive Studie veröffentlicht,
in der die Serum-Lidocainkonzentrationen nach Tumeszenz-Lokalanästhesie mit und ohne
Liposuktion beobachtet wurden [8]. Als sichere Lidocaindosen wurden bis 28 mg/kg Körpergewicht ohne Liposuktion und
bis 45 mg/kg mit Liposuktion postuliert.
2016 haben Chia et al. ebenfalls eine Übersichtsarbeit zur Liposuktion veröffentlicht
[9]. Die Autoren empfehlen zur präoperativen Risikostratifizierung ein Modell von Chow
et al., in dem das Risiko für Komplikationen deutlich erhöht ist, wenn mehr als 100 ml
reines Fett (Lipoaspirat) pro Einheit des BMI-Werts abgesaugt werden (z. B. mehr als
3000 ml Lipoaspirat bei BMI 30 kg/m2) [10]. Sämtliche Medikamente, die mit dem Lebermetabolismus interagieren könnten, sollten
2 Wochen präoperativ abgesetzt werden. Falls das nicht möglich sei, sollten die Lokalanästhetikadosen
niedrig gehalten oder die Liposuktion in Narkose stattfinden. Als Risikostratifizierungsmodell
für thrombembolische Ereignisse wird das Caprini Model vorgeschlagen [11]. Bei Liposuktionen in Tumeszenzanästhesie gäbe es signifikant seltener postoperative
Thrombosen. Bezüglich der Vasokonstriktoren und Lokalanästhetika in der Tumeszenz
werden die genannten Empfehlungen ausgesprochen, wobei bei schlankeren Patienten tendenziell
niedrigere Dosen verwendet werden sollten, da das gesamte Verteilungsvolumen niedriger
sei. Bei Liposuktionen in Narkose würden Lokalanästhetika keinen zusätzlichen Nutzen
bringen. Auch wird die Flüssigkeits- bzw. Volumensubstitution betont und dazu Konzepte
von Rohrich et al., Pitman et al. und Matarasso vorgeschlagen [12], [13], [14].
In der deutschsprachigen Literatur veröffentlichten 2013 Sattler und Eichner eine
Übersichtsarbeit zur Liposuktion [15]. Die Autoren sehen die Liposuktion in Tumeszenzlokalanästhesie als Methode der Wahl.
Zusätzliche Sedativa sollten nur durch einen erfahrenen Anästhesisten verabreicht
werden. Anamnese und Indikationsstellung werden betont, wobei der BMI-Wert nicht über
30 kg/m2 liegen sollte und keine schweren kardiovaskulären Erkrankungen, Thrombophilien oder
Multimorbiditäten vorliegen sollten. Als Lokalanästhetika könnten Lidocain bis zu
55 mg/kg Körpergewicht und Prilocain bis zu 35 mg/kg Körpergewicht genutzt werden
[16]. Bei Nutzung von Prilocain könne prophylaktisch Vitamin C während der Operation
verabreicht werden, um eine Methämoglobinbildung zu reduzieren. Eine postoperative
Thromboseprophylaxe mit Low-dose-Heparin über insgesamt 5 Tage wird empfohlen.
Die S1-Leitlinie zum Lipödem gibt ebenfalls Empfehlungen zur Liposuktion [17]. Auch hier wird die Tumeszenzlokalanästhesie bevorzugt. Der Eingriff könne ambulant
oder stationär erfolgen. Eine kritische Indikationsstellung sei ab einem Körpergewicht
von größer als 120 kg oder einem BMI-Wert über 32 kg/m2 notwendig.
Empfehlungen aus der Gruppe Anästhesie
In der deutschsprachigen Literatur forderte Hempel bereits 2001, dass Eingriffe mit
Tumeszenz-Anästhesie eine deutlich bessere Überwachung und Dokumentation erhalten
sollten [18]. Kritische Zwischenfälle könnten ohne diese nur unzureichend und zu spät erkannt
werden. Eine anästhesiologische Überwachung während einer Tumeszenz-Anästhesie würde
die Risiken hierfür senken, eine Allgemeinanästhesie wäre prinzipiell auch in Kombination
mit einer Tumeszenz-Anästhesie möglich. Angelehnt an die Arbeit von Breuninger et
al. wurden eine Dosis von 4 mg/kg Körpergewicht für Prilocain und 2 mg/kg Körpergewicht
für Ropivacain sowie eine maximale Tumeszenzflüssigkeitsmenge von 800 ml pro Eingriff
angegeben [19].
Beck-Schimmer und Pasch haben in ihrem Review von 2002 die Tumeszenz-Anästhesie nur
eingeschränkt für ein ambulantes Setting empfohlen [20]. Als Hauptrisiken werden die Toxizität des Lokalanästhetikums und des Adrenalins
sowie die großvolumige Flüssigkeitszufuhr mit Gefahr einer Hypervolämie oder einer
Hypovolämie durch Flüssigkeitsverschiebung genannt. Es wird gefordert, dass die Patienten
im Operationssaal und postoperativ „hinreichend“ lange von qualifiziertem Personal
überwacht werden sollten. Bei Patienten mit kardialen oder pulmonalen Risikofaktoren
sollte die Tumeszenz-Anästhesie nicht angewendet werden.
Eine prospektive Studie von Rudlof et al. 2007 untersuchte klinische und pharmakokinetische
Effekte der Tumeszenz-Anästhesie mit Lidocain und Prilocain. Es zeigte sich, dass
die Höchstkonzentration des Lokalanästhetikums im Blut meist zwischen 3 und 6 Stunden
nach Infiltration liegt und dass dieser Peak schneller eintritt, je höher das Lokalanästhetikum
konzentriert ist. Bei gleicher Applikationsmenge und -konzentration zeigte Lidocain
bis zu 4-fach höhere Plasmakonzentrationen als Prilocain. Die Methämoglobinbildung
korrelierte mit der verabreichten Dosis an Prilocain und zeigte Höchstwerte zwischen
6 und 12 Stunden nach der Infiltration. Eine von insgesamt 31 Patienten in der Studie
habe 6 Stunden nach Infiltration milde klinische Symptome einer Methämoglobinämie
mit einem Wert von 8,4 % geboten. Empfohlen wurde Prilocain als Lokalanästhetikum
zu präferieren und eine möglichst geringe Konzentration in der Tumeszenzlösung anzustreben,
um das Auftreten hoher Lokalanästhetikakonzentrationen zu vermeiden. Auch wurde eine
konsequente Überwachung des Patienten, insbesondere in der postoperativen Phase, als
obligat gefordert.
In der internationalen Literatur haben Sood et al. 2011 eine umfangreiche Übersichtsarbeit
zu den anästhesiologischen Herausforderungen der Liposuktion veröffentlicht [21]. Die Autoren fassen zusammen, dass keine einzelne Anästhesieart einer anderen überlegen
sei. Die ideale Anästhesie würde zum einen von dem Behandlungsareal und der Absaugmenge
und zum anderen von dem Patientenwunsch abhängen. Die Tumeszenz-Anästhesie (mit milder
Sedierung) wird für kleinvolumige Liposuktionen (kleiner 4000 ml Gesamtaspirat) nur
unter anästhesiologischem Standard-Monitoring empfohlen, wozu die Messung der Sauerstoffsättigung,
des nicht-invasiven Blutdrucks, der endtidalen CO2-Konzentration, der Körpertemperatur und ein EKG gezählt werden. Eine Narkose wird
für alle großvolumigen Liposuktionen (größer 4000 ml Gesamtaspirat) empfohlen, sowie
für Fälle, in denen der entsprechende Patientenwunsch besteht. Angelehnt an eine Publikation
von Regatieri und Masquera von 2006 wird bei großvolumigen Liposuktionen in Vollnarkose
eine Erweiterung des anästhesiologischen Monitorings auf invasive Messungen des zentralvenösen
Drucks und des intraarteriellen Blutdrucks empfohlen [22]. Auch sei eine Flüssigkeitsbilanzierung in den ersten 24 Stunden nach einem solchen
Eingriff notwendig, wie die Autoren eine Publikation von Grazer und De Jong von 2000
zitieren [23]. Besonderen Wert legen die Autoren auf die Flüssigkeits- bzw. Volumensubstitution
während und nach einer Liposuktion. Dabei folgen ihre Empfehlungen dem Konzept von
Trott et al. 1998, bei dem der Patient bis zu einer Absaugmenge von 4000 ml Lipoaspirat
eine basale Flüssigkeitssubstitution und darüber weitere 0,25 ml Flüssigkeit für jeden
weiteren ml Lipoaspirat erhält, sowie der zuvor bereits genannten Modifikation von
Rohrich et al. 2006 mit dem selbigen Vorgehen ab einer Menge von 5000 ml [24], [12]. Als Hauptrisiken der Liposuktion werden ein Lungenödem und die Lokalanästhetika-
und Adrenalin-Toxizität genannt, neben weiteren Komplikationen wie einer Hypothermie,
Thrombembolien, einem Fett-Embolie-Syndrom, Blutungen, intraabdominellen Perforationen,
einer nekrotisierenden Fasziitis und Sepsis sowie eines ARDS oder Anästhesie-assoziierten
Komplikationen. Um eine Intoxikation durch die verwendeten Lokalanästhetika zu vermeiden,
empfehlen die Autoren, die Konzentration bzw. Menge der Vaskularität und Sensibilität
des zu behandelnden Bereiches anzupassen. In Anlehnung an die Arbeit von Coleman et
al. 2001 und von Ostad et al. 1996 seien für Lidocain Konzentrationen von 35–55 mg/kg
Körpergewicht möglich [25], [26]. Auch sei die Pharmakokinetik des Lokalanästhetikums zu beachten. Die Toxizität
hänge von der Peakkonzentration im Plasma ab, welche wiederum von mehreren Faktoren
abhänge, wie der Gesamtdosis pro kg Körpergewicht, der systemischen Absorption aus
dem Gewebe sowie der weiteren Elimination aus dem Körper. Dabei sei präoperativ auf
Einschränkungen der Leberfunktion durch Erkrankungen oder Einnahme von Medikamenten
zu achten, da die Elimination der Lokalanästhetika hepatisch über das Cytochrom-P450-System
abläuft. Bezüglich der Wirkstoffe Prilocain und Articain verweisen die Autoren auf
die Arbeiten von Lindenblatt et al. 2004 und Grossmann et al. 2004 [27], [28]. Lindenblatt et al. beschrieben eine komplikationslose Nutzung von Prilocain in
einer Konzentration von 0,05 % (mit Gesamtdosen bis zu 15 mg/kg Körpergewicht) bei
Liposuktionen unter 2000 ml Absaugmenge mit einer Überwachungszeit von 12 Stunden.
Grossmann et al. berichteten eine sichere und suffiziente Analgesie mit Articain in
der Tumeszenzlösung bis zu einer Konzentration von 38,2 mg/kg Körpergewicht [28].
Ein aktuellerer Beitrag von Weinberg 2016 setzt sich kritisch mit dem Gebrauch von
Lokalanästhetika während der Liposuktion auseinander [29]. Der Autor unterstützt die Empfehlungen von Kleine und Jeske bezüglich der nutzbaren
Lidocainkonzentrationen, aber verweist auf das weiterhin vorhandene Risiko von Intoxikationen.
Gefordert wird, den Fokus als Behandler eher auf eine gute Vorbereitung und das Management
von solchen Komplikationen zu legen, als sich auf scheinbar sichere Dosisbereiche
von Lokalanästhetika zu verlassen.
Diskussion
Es zeigt sich eine große Schnittmenge zwischen den beiden Gruppen in Bezug auf die
Anforderungen an eine sichere Liposuktion. Die Vor- und Nachteile der verschiedenen
Möglichkeiten einer Liposuktion sind in der Literatur ausreichend beschrieben. Eine
ständige Forderung von Behandlern wie auch Gutachtern oder regulatorischen Instanzen
sind objektive Cut-off-Points für Zahlen wie die maximale Absaugmenge für ambulante
Liposuktionen, die Maximaldosis von Lokalanästhetika in der Tumeszenzlösung, das Verhältnis
von Tumeszenz zu Gesamtabsaugmenge und die postoperative Beobachtungszeit im ambulanten
Rahmen. Auch die bisherige Literatur vermag es nicht, diese Zahlen pauschal vorzugeben,
da sie individuell sehr unterschiedlich sein können und von verschiedenen Parametern
abhängen. Es zeichnen sich jedoch klare Bereiche und Zusammenhänge ab, welche es bei
der Planung und Durchführung einer Liposuktion zu beachten gilt.
Als maximale Absaugmengen für eine ambulante Liposuktion kann der Bereich zwischen
3000 ml Lipoaspirat und 5000 ml Gesamtaspirat angesehen werden. Die Übersichtsarbeiten
der US-amerikanischen Fachgesellschaften sehen 5000 ml Gesamtaspirat als Obergrenze
[2], [6]. Der gemeinsame Bundesausschuss als oberstes Beschlussgremium der gemeinsamen Selbstverwaltung
im Gesundheitssystem in Deutschland fordert bei Absaugungen ab 3000 ml Lipoaspirat
eine postoperative Überwachung von mindestens 12 Stunden, was üblicherweise einem
stationären Aufenthalt über eine Nacht entsprechen würde [1]. Detailliertere Eingrenzungen und Vorgaben werden leider nicht vorgenommen, allerdings
lässt sich ableiten, dass Liposuktionen unter 3000 ml prinzipiell auch mit kürzeren
Überwachungszeiten durchgeführt werden könnten.
Diese hängen wiederum von der Art und dem Umfang der Liposuktion ab. Bei einer Liposuktion
in Narkose ohne Lokalanästhetika sind die üblichen postoperativen Überwachungszeiten
nach kleinen bis mittelgroßen Eingriffen mit geringer Operationsdauer notwendig. Diese
sind in der klinischen Praxis üblicherweise einige Stunden, zu beachten sind die klinischen
Vorgaben der Vereinbarung zur Qualitätssicherung ambulante Anästhesie [30]. Falls die Liposuktion in Tumeszenzlokalanästhesie durchgeführt wird, sind die Effekte
des Lokalanästhetikums zu beachten. Je nach verabreichter Lokalanästhetikamenge kann
die Peakkonzentration im Plasma weit nach 6 bis 12 Stunden auftreten, womit auch die
klinischen Zeichen einer Lokalanästhetikaintoxikation erst spät klinisch sichtbar
werden [8].
Zur Tumeszenzlokalanästhesie wird die Tumeszenzlösung in einem Verhältnis von 1:2
bis 1:3 zur Gesamtabsaugmenge infiltriert, um eine maximale Analgesie und Vasokonstriktion
zu erhalten [6], [9], [15], [21]. Bei geplanter Absaugmenge von 3000 ml Lipoaspirat wären das 6000 bis 9000 ml zu
infiltrierende Tumeszenzlösung. Von der Menge der infiltrierten Tumeszenzlösung hängt
wiederum die Gesamtmenge an verabreichtem Lokalanästhetikum ab. Bei einer verwendeten
Konzentration von 0,05 % wären das 3000 bis 4500 mg und bei 0,025 % entsprechend 1500
bis 2250 mg Lokalanästhetikum. Je nach Gewicht der Patientin oder des Patienten kann
bei diesen Mengen an infiltriertem Volumen und verabreichter Lokalanästhetika-Gesamtdosis
bereits ein deutlich erhöhtes Risiko für eine Hypervolämie oder Lokalanästhetika-Intoxikation
bestehen. Als Beispiel könnte man folgendes Szenario nennen: Bei einer geplanten Liposuktionsmenge
von 3000 ml Lipoaspirat wird ein Verhältnis von 2:1 gewählt, was 6000 ml Tumeszenzlösung
entspricht. Wenn diese 0,05 % Prilocain enthält, beträgt die Gesamtdosis 3000 mg.
Bei einer Patientin oder einem Patienten von 60 kg Körpergewicht entspräche das 50 mg/kg
Körpergewicht und wäre damit deutlich über den empfohlenen Werten. Diese Problematik
lässt sich entweder durch Reduktion der Tumeszenzlösung bzw. Veränderungen des Verhältnisses
zur Absaugmenge oder der Lokalanästhetika-Konzentration bzw. der Gesamtdosis lösen.
Als Lokalanästhetika können wie genannt laut Literatur Lidocain bis zu 55 mg/kg Körpergewicht
und Prilocain bis zu 35 mg/kg Körpergewicht genutzt werden [16]. Lindenblatt et al. beschrieben eine komplikationslose Nutzung von Prilocain in
einer Konzentration von 0,05 % (mit Gesamtdosen bis zu 15 mg/kg Körpergewicht) allerdings
bei Liposuktionen unter einer Absaugmenge von 2000 ml Lipoaspirat mit einer Überwachungszeit
von 12 Stunden. Grossmann et al. berichteten eine sichere und suffiziente Analgesie
mit Articain in der Tumeszenzlösung bis zu einer Konzentration von 38,2 mg/kg Körpergewicht
[28].
Damit geben das Patientengewicht sowie die Empfehlungen der Literatur zur maximalen
Dosis pro kg Körpergewicht die Gesamtdosis für das Lokalanästhetikum vor. Der Behandler
kann dann nur die Menge an Tumeszenzlösung und die Konzentration des Lokalanästhetikums
sowie das Lokalanästhetikum selbst beeinflussen:
Körpergewicht (kg) × empfohlene Gesamtdosis LA pro kg KG (mg/kg)
entspricht Tumeszenzlösung (ml) × LA-Konzentration (%) × 1000
Möglich sind weiterhin die Gabe von weiteren Medikamenten zur Analgosedierung, die
Kombination von verschiedenen Lokalanästhetika oder die serielle Infiltration zunächst
mit Tumeszenzlösung mit höheren Lokalanästhetikakonzentrationen und dann mit Tumeszenzlösung
ohne Lokalanästhetika, wenn die entsprechende Analgesie erreicht ist. Bei der Analgosedierung
sind wiederum die hepatische Elimination und ein verzögerter Abbau der Lokalanästhetika
zu beachten, zu den letzteren Punkten ist nur wenig Evidenz in der Literatur zu finden.
Die Flüssigkeitsbilanzierung intra- und postoperativ ist mit steigender Menge an zugeführten
Flüssigkeiten, sowohl als Tumeszenzlösung als auch intravenös, zu beachten. Entsprechende
Formeln zur Abschätzung der notwendigen Flüssigkeitsmengen sind in der Literatur zu
finden [12], [13], [14].
Die prophylaktische Gabe von Vitamin C, um eine eventuelle Methämoglobinbildung durch
Prilocain zu reduzieren, die postoperative Gabe von Vitamin B zur positiven Beeinflussung
der Nervenregeneration sowie eine postoperative Thromboseprophylaxe mit Low-dose-Heparin
werden als empfehlenswert angesehen [15].
Des Weiteren ist es von Interesse, welche Parameter in der postoperativen Beobachtungsphase
erhoben werden sollten, um eine größtmögliche Patientensicherheit gewährleisten zu
können. Die Empfehlungen in der Literatur weisen zunächst auf klinische, konventionelle
Parameter zur Beurteilung der Herz-Kreislauffunktion, Lungenfunktion und des neurologischen
Status hin, da diese Organsysteme im Rahmen einer Liposuktion (mit Lokalanästhetikum)
beeinflusst werden bzw. sich die Hauptrisiken dort manifestieren (Lungenödem, Lokalanästhetika-
und Adrenalin-Toxizität, Thrombembolien). Dazu gehören die Vitalparameter wie Blutdruck,
Herzfrequenz und Sauerstoffsättigung sowie neurologische Symptome wie Schwindel, Übelkeit
und Erbrechen, die regelmäßig erhoben und dokumentiert werden sollten. Eine ärztliche
Untersuchung vor einer Entlassung ist selbstverständlich obligat. Bei Auffälligkeiten
in einem dieser Organsysteme sollten entsprechende Maßnahmen veranlasst werden. Vor
allem bei Liposuktionen in Tumeszenzlokalanästhesie sollte bei neurologischen oder
respiratorischen Auffälligkeiten der Methämoglobinwert bestimmt werden können. Dazu
stehen an Untersuchungsmöglichkeiten die Blutgasanalyse oder spezielle Pulsoxymeter,
die den Anteil des Methämoglobins (Methämoglobinsättigung, SpMet) durch die Anwendung
bestimmter Wellenlängen kontinuierlich über einen Fingerclip bestimmen können, zur
Verfügung [31]. Aufgrund der einfachen und schnellen Messbarkeit der SpMet mittels Pulsoxymeter
kann diese im Verlauf des Eingriffs und postoperativ gemessen werden. Bei ansteigenden
Werten sollte eine Überwachung fortgeführt werden, bis diese eine fallende Tendenz
aufweisen.
Die Vorteile der Tumeszenzlokalanästhesie im ambulanten Rahmen sind eine Kostenreduktion
für den Behandler, welche an den Patienten weitergegeben werden können, sowie das
Vermeiden einer ebenfalls mit Risiken behafteten Intubationsnarkose. Auch kann der
Patient während des Eingriffs die Position selbst wechseln, was für den Behandler
hilfreich sein kann. Das Verfahren zeigt allerdings Limitationen in Bezug auf die
Liposuktionsmengen, die sicher entfernt werden können. Je größer die Absaugmenge,
umso größer die verabreichte Lokalanästhetikadosis und damit umso länger die notwendige
postoperative Beobachtungzeit. Aus unserer Sicht sollte die Tumeszenzlokalanästhesie
für kleine und lokalisierte Liposuktionen vorbehalten werden. Die Liposuktion in Narkose
bietet mehr Vorteile, vor allem bei steigendem Absaugvolumen.
Zusammenfassend lassen sich folgende Empfehlungen für ambulante Liposuktionen aussprechen:
-
Als maximales Volumen sind 3000 ml Lipoaspirat oder eine gesamte Absaugmenge von 5000 ml
anzusehen. Das Gesamtaspirat sollte in Lipoaspirat und Flüssigkeit getrennt gemessen
und dokumentiert werden.
-
Mit steigendem Volumen sollte eine Allgemeinanästhese bevorzugt werden. Es sind die
Vorgaben des Berufsverbands Deutscher Anästhesisten und der Deutschen Gesellschaft
für Anästhesiologie und Intensivmedizin bezüglich ambulanter Narkosen zu beachten.
-
Bei einer Tumeszenzlokalanästhesie ist die Lokalanästhetikadosis pro kg Körpergewicht
zu beachten (in der Literatur postulierte Maximaldosen: Lidocain 55 mg/kg, Prilocain
35 mg/kg, Articain 38,2 mg/kg).
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Zur Tumeszenz sollten geringere Volumina (maximal Verhältnis 1:1) verwendet werden,
mit Hinblick auf die eingebrachten Gesamt-Flüssigkeitsmengen und im Falle einer Tumeszenlokalanästhesie
auch Gesamt-Lokalanästhetikadosen.
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Penible Dokumentation der Anamnese, des intraoperativen Verlaufs mit verwendeten Medikamenten
und Flüssigkeitsmengen sowie der postoperativen klinischen Parameter, dabei vor allem
der kardiopulmonalen und neurologischen Funktionssysteme.
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Bei Auftreten von klinischen Auffälligkeiten ist eine stationäre Überwachung mit gegebenenfalls
weiterführenden laborchemischen Untersuchungen und apparativer Diagnostik in einer
dafür ausgerüsteten Klinik zu empfehlen. Dazu sollte eine entsprechende Klinik im
Umkreis zur Verfügung stehen.
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Bei Eingriffen in Tumeszenzlokalanästhesie sollten Lipidlösung und Methylenblau als
Antidote bereitstehen. Eine perioperative Vitamin-C-Gabe als Prophylaxe einer Methämoglobinämie
kann bei Nutzung von Prilocain erfolgen.
-
Bei Nutzung von Prilocain als Lokalanästhetikum kann der Anteil des Methämoglobins
mittels Pulsoxymetrie während des Eingriffs und in der postoperativen Phase gemessen
werden. Die Überwachung des Patienten sollte fortgeführt werden, bis die SpMet eine
fallende Tendenz hat.