Wie lässt sich die Behandlung der Schizophrenie nutzerorientiert gestalten?
Als wir vor einem Jahr das Angebot erhielten, ein Themenheft der Nervenheilkunde zur
Behandlung der Schizophrenie zu gestalten, war uns eins sehr schnell klar – eine weitere
Übersicht zu evidenzbasierter Pharmakotherapie, Behandlungsalgorithmen oder Leitliniengestaltung
sollte es nicht werden. Zweifelsohne haben diese ihre Berechtigung und unterstützen
uns alle darin, immer wieder unser Vorgehen zu reflektieren und auf dem aktuellsten
Stand des Wissens zu halten. Vielmehr sahen wir die unverhoffte Gelegenheit gekommen,
in einem Themenheft uns auf diejenigen Bereiche psychiatrischen Handelns zu fokussieren,
die wir alle in unserem täglichen Handeln selbst in der Hand haben und die die Zufriedenheit
von Behandelten und Behandlern, aber auch die Therapie-Outcomes maßgeblich beeinflussen.
Mit diesen Bereichen meinen wir die Gestaltung des Umgangs und der Kommunikation in
den Behandlungsteams und vor allem natürlich gegenüber den Patienten.
Gerade für Menschen, die aufgrund einer eigenen chronischen Erkrankung wie einer Schizophrenie
oder der Erkrankung eines Dritten häufig in Kontakt mit psychiatrischen Einrichtungen
sind, ist es essenziell, dass diese Kontakte möglichst positiv wahrgenommen und als
hilfreich erlebt werden. Dementsprechend liegt eine Erhebung des Ist-Zustandes der
Einbeziehung von Bezugspersonen und Angehörigen in die Behandlung von Patienten, die
aufgrund einer Schizophrenie aktuell im süddeutschen Raum stationär behandelt wurden,
als Ausgangspunkt dieser Ausgabe der Nervenheilkunde nahe. Florian Schuster und Kollegen
von der Technischen Universität München legen dabei den Fokus darauf, die Einschätzungen
zusammengehöriger Patient-Angehöriger-Behandler-Triaden zu untersuchen und nicht wie
bisher üblich, die unterschiedlichen Parteien einzeln oder maximal in Tandems zu befragen.
Die Ergebnisse sind einerseits ernüchternd, geben jedoch andererseits klare Fingerzeige,
dass und auch wie die Einbeziehung der Angehörigen verbessert werden könnte.
Mit Matthias Jäger kommt ein Fürsprecher der Entwicklung von der bloßen multiprofessionellen
zur interprofessionellen Zusammenarbeit aller Mitglieder des Behandlungsteams zu Wort.
Aus einem Nebeneinander von Therapiestrukturen und Professionen sollen multiprofessionelles
Führen, die gemeinsame Behandlungsplanung und die integrative Organisation der klinischen
Abläufe entstehen.
Nahtlos knüpft das Schwabinger Modell aus München an diese Gedanken an. Dörte Ahnert
und ihre Kolleginnen entlehnten in der Projektarbeit aus großartigen bestehenden Konzepten
wie den Safewards-Modulen oder dem Weddinger Modell Bausteine, die sie mit integrativen
Ansätzen zur besonderen Hilfestellung für Patienten mit Migrationshintergrund oder
Geflüchtete ebenso wie Deeskalationstechniken kombinierten. Auch hier ist das Ziel
der Orientierung an den Bedürfnissen der Patienten und der maximalen Reduktion von
Zwangsmaßnahmen spürbar.
Ganz zu Beginn aber entstammen die zugrunde liegenden Gedanken der Gruppe um Liselotte
Mahler aus Berlin Wedding, die sich nicht nur auf das konzeptionelle Niveau beschränken.
Die Beziehungsförderung und Zwangsvermeidung beschäftigen das Team dort seit vielen
Jahren, und von den Früchten dieser Arbeit profitieren Betroffene, Bezugspersonen
und Mitglieder des Behandlungsteams, selbst im oft nervenaufreibenden Kontext der
Akutpsychiatrie, der allen Beteiligten viel abverlangt.
Dass aber auch in diesem Setting die Möglichkeit zur gemeinsamen Entscheidungsfindung
funktionieren kann, dürfen wir in einer Studie zum Thema „partizipative Entscheidungsfindung
(Shared-Decision-Making)“ darstellen. In einem cluster-randomisierten Design konnte
gezeigt werden, dass auch Patienten in dieser für sie sehr schwierigen Krankheits-
und Behandlungsphase die Einbeziehung sehr zu schätzen wissen. Letztlich wird aber
auch vor dem Hintergrund früherer Studienansätze klar, dass nur die gleichzeitige
Unterstützung der Patienten und des Behandlungsteams in der Kommunikation miteinander
einen messbaren Effekt erzeugen kann. Und wiederum nahtlos ergibt sich die offene
Frage, wie Bezugspersonen und Angehörige in Form des Trialogs mit einbezogen werden
können, sollen oder müssen. Dieser Artikel ist CME-zertifiziert und Sie können Punkte
für Ihre Weiterbildung bekommen, wenn Sie die dazugehörigen Fragen richtig beantworten.
Den Abschluss bildet der Blick auf die Versorgungsstruktur einer Klinik, die die dargestellten
Inhalte seit Jahren lebt und ständig weiterentwickelt. Nicolay Marstrander und sein
Team an der kbo-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Fürstenfeldbruck starteten
vor 4 Jahren in einen Prozess der Zusammenführung von Interessen der Patienten im
Nordwesten von München, deren Therapeuten, Angehörigen, letztlich aber auch der Erwartungen
der Bewohner der Region an eine moderne Psychiatrie im 21. Jahrhundert.
Wir wünschen Ihnen allen viel Vergnügen mit der Lektüre und dürfen im Namen aller
Autoren um rege Rückmeldung bitten, damit die Gedanken weiter vorangetrieben werden
können. Dem Herausgeber und Verlag danken wir alle gemeinsam für die Möglichkeit,
dieses Themenheft zusammenstellen zu dürfen.
Stephan Heres und Johannes Hamann, München