3. Outcomeparameter
Ziel von Outcome-Analysen ist die Bewertung der Ergebnisqualität im medizinischen
Versorgungsprozess. Die Ergebnisqualität bezieht sich auf das Ergebnis einer medizinischen
Intervention und schließt damit alle gegenwärtigen oder zukünftigen Veränderungen
im Gesundheitszustand des Patienten postinterventionell ein [5 ]. Das Outcome umfasst verschiedene Dimensionen von der rein medizinischen Änderung
des Gesundheitszustandes über die Beeinflussung der sozialen, pflegerischen und psychologischen
Funktionen des Patienten bis hin zu gesundheitsbezogenen Bewusstseins-, Wissens-und
Verhaltensänderungen und der Patienten- bzw. Lebenszufriedenheit [6 ]. Ausgehend von dieser Definition lässt sich ableiten, dass für eine umfassende Bewertung
([Abb. 1 ]) sowohl eine Ergebnisbeurteilung aus der Sicht des Arztes als auch aus der Perspektive
des Patienten erforderlich ist [7 ].
Abb. 1 Modellhafte Darstellung der Bewertungsebenen im Versorgungsprozess mit aktiven Mittelohrimplantaten,
modifiziert nach Neudert und Zahnert 2017 [7 ]: Durch die gleichzeitige Anwendung verschiedener Methoden oder Sichtweisen zur Ergebnisbewertung
der Implantation eines aktiven Mittelohrimplantates und Erhebung möglichst valider
Daten lässt sich das Outcome des Versorgungsprozesses umfassend betrachten. Ab Stufe
3 sind Patient-reported Outcome Measures (PROMs) in die Betrachtung einzubeziehen.
Die ärztliche Beurteilung des Versorgungsprozesses mit Hörimplantaten fokussiert traditionell
auf der Analyse audiologischer Zielparameter. In die Bewertung des Outcomes durch
den Patienten fließen als Faktoren die Lebensqualität, Erwartungen, negative Affekte,
soziale Stigmatisierungen und Bewältigungsstrategien ein.
3.1 Audiologische Zielparameter
Zur audiologischen Bewertung des Ergebnisses der Versorgung mit einem aktiven Mittelohrimplantat
sind schwellenbezogene und sprachbezogene Parameter, heranzuziehen. Diese Parameter
werden im klinischen Versorgungsprozess erhoben und eignen sich auch als Zielparameter
für klinische Studien. Aufgrund international bestehender methodischer Unterschiede
und Bewertungsdifferenzen in den audiometrischen Untersuchungstechniken sind internationale
direkte Ergebnisvergleiche und eine Aufarbeiten der Ergebnisse in Metaanalysen kaum
möglich [8 ].
Schwellenbezogene Parameter
Die Bestimmung der prä- und postoperativen Knochenleitungshörschwelle erlaubt die
Abschätzung der cochleären Reserve und dient der medizinischen Kontrolle bezüglich
einer postoperativen cochleären Depression. Die Messung der versorgten Schwelle im
Freifeld (Aufblähkurve) mithilfe von Schmalbandrauschen oder Wobbeltönen lässt an
sich keinen Rückschluss auf das resultierende Sprachverstehen zu, sondern dokumentiert
vielmehr die Verschiebung der Hörkurve in den „sprachhörbaren“ Bereich [9 ]. Anhand unterschiedlicher Wichtungen einzelner Frequenzen kann anhand der versorgten
Schwelle der Artikulationsindex zur Abschätzung des Sprachverstehens gebildet werden
[10 ].
Aus der konventionellen Hörgeräteversorgung wurde die Größe des funktionellen Hörgewinns
(Functional Gain) als Differenz aus versorgter und unversorgter Schwelle übernommen.
Dieser kann jedoch bei MHL oder CHL aufgrund des zusätzlich vorliegenden ABG die eigentliche
Verstärkungsleistung der aktiven Mittelohrimplantate nur ungenügend abbilden. Eine
realistische Beurteilung der Verstärkungsleistung des aktiven Mittelohrimplantates
wird durch die Bestimmung des effektiven Hörgewinns (Effective Gain) als Differenz
aus versorgter Schwelle im Freifeld und Knochenleitungsschwelle erreicht, da hier
die unterschiedliche Ausprägung des ABG bei MHL/CHL nicht ins Gewicht fällt [11 ]. Negative Werte sprechen hier für eine Anhebung der Freifeldschwelle über die Knochenleitung
(Überkorrektur, engl. overclosure). Die Messung der Direktschwellen über das Implantat
und deren Abgleich mit der Knochenleitungsschwelle lässt Rückschlüsse auf die Ankopplungseffizienz
zu. Die entsprechenden Messalgorithmen sind herstellerspezifisch (z. B. Vibrant Soundbridge,
Firma MED-EL, Innsbruck, Österreich: Vibrogramm; Carina, Firma Cochlear, Sydney, Australien:
OC Direct). Alle schwellenbezogenen Parameter werden häufig entsprechend den Empfehlungen
der American Academy of Otolaryngology-Head and Neck Surgery (AAO-HNS) bei den Prüffrequenzen
500, 1000, 2000 und 3000 Hz gemittelt, wobei im europäischen Raum 3000 Hz oft durch
4000 Hz ersetzt wird [12 ]
[13 ]. Um jedoch die frequenzspezifische Leistungscharakteristik des Implantates abbilden
zu können, ist eine Darstellung der genannten schwellenbezogenen Parameter frequenzabhängig
hilfreich.
Sprachbezogene Parameter
Analog zur konventionellen Hörsystemversorgung erfolgt die Bewertung des Erfolges
der Versorgung mit aktiven Mittelohrimplantaten vordergründig durch den Abgleich des
präoperativ unversorgten Sprachverstehens in Ruhe mit dem versorgten Sprachverstehen.
Zur Bewertung werden das Sprachverstehen bei einem festen Sprachschallpegel (SPL,
z. B. 60 dB SPL, 65 dB SPL, 80 dB SPL) oder auch die Sprachverständlichkeitsschwelle
(engl. Speech Reception Threshold, SRT) für Zahlen oder Einsilber herangezogen [14 ]. Die Erfassung des Sprachverstehens im Störgeräusch lässt auf den Nutzen der Versorgung
im Alltag schließen. Die eingesetzten Testverfahren unterscheiden sich hierbei nicht
nur im Testmaterial (Satztest, Einsilbertest) und in der Anordnung der Signal- und
Störgeräuschquelle, sondern auch in der Messmethodik (adaptive Messung, nicht-adaptive
Messung). Die Permutation dieser Parameter führt national und international zu einer
Heterogenität der Outcomeparameterdarstellung [8 ]. Die AAO-HNS empfiehlt auch für die Versorgung mit aktiven Mittelohrimplantaten
die Messung des Sprachverstehens bei 40 dB SPL über der SRT und deren Darstellung
in einem Scattergramm, welches zusätzlich den Reintonmittelwert (Pure-Tone-Average,
PTA) als Zielparameter enthält [12 ]. Insbesondere für Patienten mit MHL, welcher in hohen Schwellenverlusten resultiert,
muss die Messung bei 40 dB SPL über der SRT als methodisch unbrauchbar eingeschätzt
werden, da hier die Pegelgrenzen eines konventionellen Audiometers rasch erreicht
werden [14 ].
In einem Konsensuspapier deutschsprachiger Audiologen und Otologen wurden 2018 Empfehlungen
für einen minimalen Berichterstattungskatalog veröffentlicht ([Tab. 2 ] ), wobei dies unabhängig von Fachgesellschaften und Arbeitsgemeinschaften erfolgte.
Als minimaler Nachbeobachtungszeitraum wurden 12 Monate definiert, wobei eine Berichterstattung
von audiologischen Ergebnissen auch 6 Monate nach Erstanpassung als vertretbar gewertet
wurde [15 ].
Tab. 2 Audiologische Zielparameter zur Bewertung der Ergebnisqualität der Versorgung mit
aktiven Mittelohrimplantaten [15 ].
Prä- und perioperative Charakteristik
Demografische Parameter
Chirurgische Parameter
Implantierte Seite
Geburtsjahr
Geschlecht
Art des Hörverlustes
Ätiologie
Typ und Ausprägung einer Malformation
Voroperationen
Anzahl an Revisionseingriffen
Aktueller otologischer Befund
Indikationserfüllung
Rationale für die Versorgung
Audiologische Parameter
Tonaudiogramm inkl. Luft- (0,25–8 kHz) und Knochenleitung (0,5–6 kHz) prä- und postoperativ
Sprachaudiogramm bei 65 dB und 80 dB präoperativ, ggf. maximales Einsilberverstehen
Freifeldschwelle präoperativ unversorgt (ggf. mit Hörgerät) bei (0.25–8 kHz) und postoperativ
(versorgt)
Sprachverstehen in Ruhe bei 65 dB im Freifeld präoperativ unversorgt (ggf. mit Hörgerät)
und postoperativ (versorgt)
Sprachverstehen im Störgeräusch (adaptive Sprachverständlichkeitsschwelle bei einem
Störgeräusch von 65 dB SPL) präoperativ unversorgt (ggf. mit Hörgerät) und postoperativ
Komplikationserfassung
Perioperativ, Postoperativ bis 12 Monate, Postoperativ nach 12 Monaten
Patient Reported Outcome Measures
APHAB präoperativ sowie 6 und 12 Monate postoperativ
Beschreibung des Anpassungsalgorithmus
3.2 Patient Reported Outcome Measures (PROMs)
Unter dem Begriff PROMs werden verschiedene Konzepte zur Messung subjektiv empfundener
Therapieeffekte subsumiert. Gemeinsam ist allen Methoden der PROMs, dass der Patient
selbst seinen Gesundheitszustand zu einem bestimmten Zeitpunkt oder dessen Veränderung
einschätzt [16 ]. PROMs basieren auf einem psychometrischen Ansatz, der auf die Messung von erlebten
Symptomen, Fähigkeiten, Verhaltensweisen oder psychischen Konstrukten abzielt. Einzelne
Dimensionen lassen sich zu komplexen Konzepten wie der gesundheitsbezogenen Lebensqualität
zusammenführen. Mithilfe standardisierter, valider und reliabler PROMs lassen sich
Interventionseffekte spezifischer Therapien umfassend aus der Patientenperspektive
abbilden [17 ].
Zu den PROMs, die zur Bewertung des Versorgungserfolg nach Implantation eines aktiven
Mittelohrimplantates hilfreich sind, zählen zum einen Messinstrumente, welche das
Hörvermögen aus Patientensicht in verschiedenen Situationen erfassen, zum anderen
Lebensqualitätsmessinstrumente, welche in generische und krankheits- bzw. funktionsspezifische
Messinstrumente zu unterscheiden sind ([Abb. 2 ]).
Abb. 2 Übersicht über Patient-reported Outcome Measures (PROMs) zur Charakteristik des Therapieerfolges
nach Implantation aktiver Mittelohrimplantate.
3.2.1 Definition und Konzept der gesundheitsbezogenen Lebensqualität
Der Begriff „Lebensqualität“ wurde Anfang der 1980er Jahre eingeführt. Seitdem existieren
Bestrebungen, die Lebensqualität nicht nur im Arzt-Patienten-Gespräch zu erfassen,
sondern auch messbar und damit wissenschaftlichen Fragestellungen zugänglich zu machen
[18 ].
Durch die multidimensionale WHO-Definition von Gesundheit als „… Zustand des vollständigen
körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur des Freiseins von
Krankheit und Gebrechen...“ [19 ] wird der Wandel einer reinen biomedizinischen Sichtweise von Gesundheit hin zu einem
erweiterten biopsychosozialen Modell ([Abb. 3 ]) begründet [20 ]. Die gesundheitsbezogene Lebensqualität wird als multifaktorielles Konstrukt betrachtet,
bei dem 4 Dimensionen im Zentrum der wissenschaftlichen Untersuchung stehen: Neben
körperlichen Beschwerden werden die psychische Verfassung, funktionelle Einschränkungen
im Alltag sowie Beeinträchtigungen in der Ausgestaltung zwischenmenschlicher Beziehungen
und sozialen Interaktionen, die primär auf eine Erkrankung zurückzuführen sind, aus
der subjektiven Sicht des Patienten analysiert [21 ]. Die gesundheitsbezogene Lebensqualität wird von den Gesundheitserwartungen und
den Gesundheitserfahrungen der Patienten bestimmt, variiert zwischen den einzelnen
Individuen und ist im Zeitverlauf veränderlich, was die Notwendigkeit begründet, mithilfe
von Messinstrumenten die subjektive Sicht des Patienten und nicht von Außenstehenden
zu erfassen [22 ]
[23 ].
Abb. 3 Biopsychosoziales Modell der Hörimplantatversorgung: Betrachtung von Dimensionen
und Kovariaten der gesundheitsbezogenen Lebensqualität.
Ziele der Lebensqualitätserfassung sind nicht nur die Beschreibung von Wohlbefinden
und Funktionsfähigkeit (epidemiologische Perspektive), sondern auch die Evaluation
von Behandlungseffekten (klinische Perspektive), die Analyse von Qualität und Kosten
der Behandlung (gesundheitsökonomische Perspektive) und die Optimierung von Versorgungspfaden
(gesundheitspolitische Perspektive), um schlussendlich eine maßgeschneiderte, individualisierte
Therapie für jeden einzelnen Patienten zu erreichen [24 ].
Anfangs konzentrierte sich die Lebensqualitätsforschung vorwiegend auf onkologische
Fragestellungen sowie chronische Erkrankungen. Für audiologische und otologische Fragestellungen
wurde die Lebensqualität erst Anfang der 2000er Jahre als zusätzlicher wichtiger Indikator
zu rein biomedizinischen Parametern identifiziert.
3.2.2 Gütekriterien für Messinstrumente
Voraussetzung für eine wissenschaftlich hochwertige Analyse von Lebensqualitätsparametern
ist die Bereitstellung und Evaluation geeigneter Messinstrumente. Selbstkonzipierte
Symptomfragelisten sind daher strikt von Lebensqualitätsmessinstrumenten abzugrenzen,
welche alle Kriterien eines Qualitätsindikators erfüllen. In der Literatur finden
sich verschiedene Empfehlungen von Kriterien zur Beurteilung der methodischen Qualität
von Lebensqualitätsmessinstrumenten. Ein kurze und leicht anwendbare Kriterienliste
wurde von Fitzpatrick et al. ([Tab. 3 ]) vorgeschlagen [25 ].
Tab. 3 Kriterien zur Beurteilung der methodischen Qualität von Lebensqualitätsmessinstrumenten
[25 ].
Kategorien
Beschreibung
Parameter
Angemessenheit (appropriateness)
Die mit einem Lebensqualitätsinstrument erhobenen Daten sind geeignet, die Studienfragestellung
zu beantworten
inhaltliche und methodische Eigenschaften
Akzeptanz (acceptability)
Das Messinstrument muss von den Befragten angenommen werden
Umfang, Zeitanforderung, Inhalt des Messinstrumentes
Praktikabilität (feasibility)
Die Praktikabilität beschreibt, wie leicht und einfach das Messinstrument in der praktischen
Anwendung und Auswertung ist.
Arbeitsaufwand, Auswertungsalgorithmen, Digitalisierung
Validität (validity)
Ein Messinstrument gilt als valide, wenn es das misst, was es zu messen vorgibt.
Inhaltsvalidität, Diskriminationsvalidität, Übereinstimmungsvalidität.
Reliabilität (reliability)
Das Messinstrument muss unter gleichen Bedingungen reproduzierbare Ergebnisse erbringen.
Interne Konsistenz (Cronbach α), Test-Retest-Reliabilität
Änderungssensitivität (responsiveness)
Anhand dieses Kriteriums wird beurteilt, ob und wie gut ein Instrument in der Lage
ist, Veränderungen der Lebensqualität im Zeitverlauf abzubilden
Standardized Response Mean, SRM
Genauigkeit (precision)
Das Instrument benötigt eine ausreichende Anzahl an Items und Antwortmöglichkeiten,
um Unterschiede in der Bewertung zuverlässig zu erfassen.
Anzahl der Messwerte, (Sub-) Skalen
Interpretierbarkeit (interpretability)
Die Scores des Messinstrumentes müssen eine inhaltliche Bedeutung haben
Vergleich mit anderen Studien und Normdaten, Minimal Clinically Important Difference
(MCID)
In der Audiologie und Otologie wurde sich seit Anfang der 2000er Jahre zunächst auf
die Entwicklung neuer, möglichst krankheitsspezifischer Messinstrumente sowie der
Prüfung der Anwendbarkeit bereits existierender Messinstrumente unter Berücksichtigung
der aufgeführten Qualitätskriterien konzentriert. Erst in den letzten Jahren rückten
zunehmend auch therapie- und patientenassoziierte Einflussfaktoren ins Zentrum von
Lebensqualitätsuntersuchungen.
3.2.3 Generische Lebensqualität und Messinstrumente
Lebensqualitätsmessinstrumente werden in krankheitsspezifische und krankheitsübergreifende
(generische) Fragebögen unterschieden. Weiterhin sind uni- von multidimensionalen
Fragebögen abzugrenzen. Den unidimensionalen Messinstrumenten sind Globalfragen oder
Indizes zuzuordnen, multidimensionale „Profilinstrumente“ greifen den psychometrischen
Ansatz der Lebensqualitätsforschung auf, bilden die Lebensqualität damit detaillierter
ab und können auch gegenteilige Effekte in den verschiedenen Lebensqualitätsdimensionen
widerspiegeln.
Während im europäischen Raum vorwiegend der Short-Form 36 (SF-36) und der EuroQOL
(EQ-5D) als generische Messinstrumente genutzt werden, stellen der Health Utility
Index (HUI) und der Assessment of Quality of Life (AQoL) im nordamerikanischen Raum
die Standardmessinstrument dar. Weiterhin wird global in der Hals-, Nasen-, Ohrenheilkunde
der Glasgow Benefit Inventory (GBI) zur Erfassung der generischen Lebensqualität genutzt.
Die generischen Lebensqualitätsmessinstrumente unterscheiden sich nicht nur in ihrem
Umfang, den erfassten Domänen, sondern auch in ihren Auswertungsalgorithmen ([Tab. 4 ]). Während es sich beim SF-36 und dem GBI um multidimensionalen Profilfragebögen
handelt, sind der HUI, der EQ-5D und der AQoL den sogenannten nutzenorientierten Indexinstrumenten
zuzuordnen, welche krankheitsübergreifend für gesundheitsökonomische Betrachtungen
verwendet werden. Hierbei sind Berechnungen auf der Grundlage des QALY-Konzeptes zu
erwähnen, welche Therapiemethoden anhand der „Qualitätsangepassten Lebensjahre“ (QALY=quality-adjusted
life years) analysieren. Anhand der Verbesserung oder Verschlechterung der Lebensqualität
nach einer Intervention wird eine Kosten-/Nutzenanalyse errechnet, welche sich aus
dem Quotienten der Kosten geteilt durch den Zugewinn der errechneten Lebensqualität
ergibt.
Tab. 4 Übersicht generischer Lebensqualitätsmessinstrumente.
Short Form 36 (SF 36)
EuroQOL (EQ-5D)
Health Utility Index (HUI 2/3)
Assessment of Quality of Life (AQoL-8D)
Glasgow Benefit Inventory (GBI)
Items
36
5
15
35
18
Validität/Reliabilität Originalversion
Ja
Ja
Ja
Ja
Ja
Validität und Reliabilität der deutschsprachigen Version
Ja
Ja
Nein
Nein
Ja
Subskalen
HUI-2
HUI-3
Somatische Dimension
Funktionelle Dimension
Hörvermögen
Artikulation
Sehvermögen
Mobilität
Feinmotorik
Psychische Dimension
Angst
Niedergeschlagenheit
Gemütszustand
Erinnerungsvermögen
Gemütszustand
Erinnerungsvermögen
Zufriedenheit
psychische Gesundheit
Krankheitsverarbeitung
Selbstwertgefühl
Soziale Dimension
Alltagseinschränkungen
Allgemeine Tätigkeiten
Selbstversorgung
Gesamtbewertung
Obwohl noch eine Vielzahl weiterer generischer Lebensqualitätsmessinstrumente existieren,
wird im Folgenden auf die 5 genannten eingegangen, da diese bereits in klinischen
Untersuchungen zur Bewertung der Versorgungsqualität nach Implantation aktiver Mittelohrimplantate
angewandt wurden.
Short-Form 36 (SF-36)
Der SF-36 besteht aus einem Fragebogen mit 36 Items, wobei jedes Item entweder selbst
eine eigenständige Skala oder einen Bestandteil einer Skala darstellt [26 ]
[27 ]. Die Antwortkategorien beim SF-36 variieren von Fragen mit binärer Antwortmöglichkeit
(„ja“–„nein”) bis hin zu sechsstufigen Antwortskalen. Der SF-36 umfasst insgesamt
acht Subskalen: Körperliche Funktionsfähigkeit, Körperliche Rollenfunktion, Körperliche
Schmerzen, Allgemeine Gesundheitswahrnehmung, Vitalität, Soziale Funktionsfähigkeit,
Emotionale Rollenfunktion und Psychisches Wohlbefinden. Eine validierte Kurzform mit
12 Items steht als SF-12 ebenfalls zur Verfügung, wobei deren Präzision aufgrund der
wenigeren Items verglichen mit der Originalversion geringer ist. Die deutschsprachige
Übersetzung des SF-36 ist validiert [18 ]. Weiterhin stehen für dieses Messinstrument auch Normdaten zur Bewertung zur Verfügung
[28 ].
Glasgow Benefit Inventory (GBI)
Der Glasgow Benefit Inventory (GBI) wurde bereits 1996 zur Bestimmung des postinterventionellen
Nutzens nach hals-, nasen-, ohrenärztlichen Eingriffen validiert. Es handelt sich
demnach um einen nutzenorientierten Fragebogen. Ausgehend von 18 Items, welche 5-stufig
Likert skaliert sind, werden ein Gesamtscore und 3 Subscores gebildet. Die einzelnen
Score-Werte reichen von −100 (starke Verschlechterung) bis+100 (starke Verbesserung),
dabei zeigt der Wert 0 keine Änderung der Lebensqualität an. Der GBI wurde so konzipiert,
dass eine prozentuelle Aussage darüber möglich ist, welcher Patientenanteil nach der
Intervention eine Verbesserung, keine Änderung sowie eine Verschlechterung des Befindens
anführt. Die deutschsprachige Version wurde anhand der Nutzenmessung nach Tympanoplastik
validiert [29 ].
Health Utility Index
Neben den bereits dargestellten Lebensqualitäts-Fragebögen SF-36 und GBI zählt auch
das Health Utility Index (HUI) zu den gebräuchlichsten Messinstrumenten. Die erste
Version des HUI wurde in den frühen 80er Jahren zur Untersuchung der Folgen leichtgewichtiger
Neugeborener konzipiert. Seine Weiterentwicklungen HUI-2 und HUI-3 können anhand von
sieben bzw. acht Dimensionen insgesamt 24 000 bzw. 972 000 Gesundheitszustände widerspiegeln.
Die HUI-Messinstrumente werden hauptsächlich im kanadischen und im amerikanischen
Raum zur Bestimmung der generischen Lebensqualität in klinischen Studien mit langfristigem
Follow-up, in ökonomischen Evaluationen sowie in soziologischen Bevölkerungsbetrachtungen
genutzt. Mit dem HUI können krankheitsübergreifende Aspekte als eindimensionaler Indexwert
angegeben werden, was insbesondere für gesundheitsökonomische Fragestellungen relevant
ist und damit auch den Einsatz des HUI zur ökonomischen Bewertung der Hörimplantatversorgung
begründet. Die gesundheitsbezogene Lebensqualität kann einen Höchstwert von 1,00 erreichen,
der dem bestmöglichsten Gesundheitszustand entspricht. Der HUI-2 weist ein Intervall
von −0,03 bis 1,00, der HUI-3 von −0,36 bis 1,00 auf. Dem Tod wurde der Wert 0,00
zugeordnet. Daher entsprechen negative Werte einem Gesundheitszustand, der schlechter
als der Tod empfunden wird.
EuroQOL (EQ-5D)-European Quality of Life Questionnaire
Der EQ-5D-Fragebogen wurde initial im englischsprachigen Raum von EuroQoL-Arbeitsgruppe
entwickelt und validiert [30 ]. Aktuell liegt er in mehr als 70 Sprachen als validiertes Messinstrument vor. Die
deutschsprachige Version wurde ebenfalls hinsichtlich der Praktikabilität, der Validität
und der Reliabilität geprüft [31 ]. Mithilfe von nur fünf Items und einer visuellen Analogskala werden die Dimensionen
Beweglichkeit/Mobilität, Selbstversorgung, Allgemeine Tätigkeiten, Schmerzen/körperliche
Beschwerden und Angst/Niedergeschlagenheit abgebildet. Die gesundheitsbezogene Lebensqualität
wird als eine einzige Maßzahl (Index) zusammengefasst, wodurch sich der EQ-5D ebenso
wie der HUI für gesundheitsökonomische Fragestellungen und hierbei besonders für Kosten-Nutzwert-Analysen
eignet. Normwerte liegen auf der Basis von Bevölkerungsstichproben für den Lebensqualitätsindex-Score
vor.
AQoL (Assessment of Quality of Life)
Der AQoL (Assessment of Quality of Life) in seinen verschiedenen Iterationen (für
Erwachsene -4D und -8D) stellt ebenfalls ein mehrdimensionales, validiertes und reliables
Messinstrument zur Erfassung der generischen Lebensqualität dar und wurde bereits
zur Bewertung der Lebensqualität nach der Versorgung mit einem aktiven Mittelohrimplantat
genutzt. Der AQoL-8D ist eine Erweiterung von 2 früheren Instrumenten, dem „AQoL“
(oder AQoL-4D) und dem AQoL-6D. Das resultierende Instrument enthält 35 Items, die
auf acht Dimensionen fokussieren. Drei Dimensionen („Schmerz“, „Sinne/Wahrnehmung“
und „eigenständiges Leben“) davon beziehen sich auf eine physische „Superdimension“
und die restlichen 5 („Zufriedenheit“, „psychische Gesundheit“, „Krankheitsverarbeitung“,
„soziale Beziehungen“, „Selbstwertgefühl“) auf eine psychosoziale („mentale“) Superdimension
[32 ]. Das Messinstrument ist hierbei besonders sensitiv für psychosoziale Störungen und
wichtet diese vergleichsweise höher. Für den AQoL liegen ebenfalls Geschlechts- und
Altersnormierte Normdaten vor [33 ].
3.2.4 Krankheitsspezifische bzw. funktionsspezifische Lebensqualität und Messung des
subjektiven Hörvermögens
Da Patienten mit vielfältigen Ursachen von Schwerhörigkeiten (chronische Otitis media,
Otosklerose, Fehlbildungen des äußeren oder Mittelohres, chronische Otitis externa)
mit aktiven Mittelohrimplantaten versorgt werden, werden in den Versorgungsprozess
statt krankheitsspezifischen Lebensqualitätsmessinstrumente funktionsspezifische bzw.
hörspezifische Lebensqualitätsmessinstrumenten integriert. Eine Vielzahl der üblicherweise
zum Einsatz kommenden Fragebögen wurde aus der konventionellen Hörsystemversorgung
übernommen. Einige dieser Messinstrumente ([Tab. 5 ]) sind daher eher zur subjektiven Erfassung des Hörvermögens geeignet, als die eigentliche
gesundheitsbezogene Lebensqualität abzubilden. Diesen Messinstrumenten sind der Abbreviated
Profile of Hearing Aid Benefit (APHAB) Fragebogen, das Glasgow Hearing Aid Benefit
Profile (GHABP) und die Speech, Spatial and Qualities of Hearing Scale (SSQ) zuzuordnen.
Das International Outcome Inventory for Hearing Aids (IOI-HA) greift zumindest den
Aspekt der Lebensqualität in einer globalen Frage auf. Das einzige derzeit verfügbare
multidimensionale Messinstrument zur Lebensqualitätsbewertung nach einer Hörimplantatversorgung
stellt der Nijmegen Cochlear Implant Questionnaire (NCIQ) dar, welcher jedoch für
den Cochlea-Implantat-Versorgungsprozess entwickelt und validiert wurde.
Tab. 5 Übersicht hörspezifischer Messinstrumente zur Erfassung des subjektiven Benefits
in der Hörimplantatversorgung.
Abbreviated Profile of Hearing Aid Benefit (APHAB)
International Outcome Inventory for Hearing Aids (IOI-HA)
Glasgow Hearing Aid Benefit Profile (GHABP)
Speech, Spatial and Qualities of Hearing Scale (SSQ)
Nijmegen Cochlear Implant Questionnaire (NCIQ)
Hearing Device Satisfaction Scale (HDSS)
Items
24
7
24
49
60
21
Validität/Reliabilität der Originalversion
Ja
Ja
Ja
Ja
Ja
Nein
Validität/Reliabilität der deutschsprachigen Version
Ja
Ja
Ja
Ja (als Kurzform SSQ-12)
Nein
Nein
Subskalen
Tragekomfort
–
Tragedauer
Tragedauer
–
–
Therapiezufriedenheit
–
–
–
–
Funktionelle Dimension
Hören in Ruhe
Hören im Störgeräusch
Hören bei Nachhall
Unbehaglichkeit
–
–
Sprachverstehen
Räumliches Hören
Hörqualität
Elementare Schallwahrnehmung
Sprach- und Musikwahrnehmung
Kontrolle der eigenen Stimmqualität
Einschränkung in Alltagsaktivitäten
–
Residuale Aktivitätseinschrän-kungen/Behinderung
–
Aktivitätsverhalten
–
Soziale Einschränkungen
–
–
–
–
Psychologische Dimension
–
–
–
–
–
Lebensqualitätsbewertung
–
–
–
–
Verbesserung der
Lebensqualität
Auf die verfügbaren krankheitsspezifischen Messinstrumente, welche jedoch die relevanten
Aspekte einer apparativen Hörrehabilitation nicht beinhalten, wird im Folgenden nicht
eingegangen, sondern auf verfügbare Übersichtsarbeiten [34 ] verwiesen, da sie bisher in der subjektiven Bewertung der Versorgung mit aktiven
Mittelohrimplantaten nicht genutzt wurden.
Abbreviated Profile of Hearing Aid Benefit (APHAB)
Der APHAB wurde 1995 von Cox und Alexander als Weiterentwicklung des „Profile of Hearing
Aid Benefit (PHAB)“-Fragebogens veröffentlicht und ist das in der konventionellen
Hörsystemversorgung am häufigsten eingesetzte Messinstrument zur subjektiven Einschätzung
des Hörvermögens sowie zur Bewertung des Nutzens einer Hörsystemversorgung [35 ]. Das Messinstrument ist in 18 Sprachen verfügbar, wobei die deutschsprachige Version
validiert und normiert wurde [36 ]. Die Patienten sollen auf einer 7-stufigen Skala angeben, in welchem Maße sie sich
durch ihre Schwerhörigkeit in der geschilderten Situation beeinträchtigt fühlen. Geringe
Werte gehen mit einer geringeren subjektiven Beeinträchtigung einher.
Der Fragebogen umfasst 3 Skalen zur Bewertung des Hörvermögens ins spezifischen Hörsituationen
(EC-Skala [ease of communication, einfache Hörsituation ohne Nebengeräusche], BN-Skala
[background noise, Hören mit Hintergrundgeräuschen], RV-Skala [reverberation, Hören
in großen Räumen mit Echo- oder Hallsituationen] sowie eine Skala zur Charakterisierung
der Reaktionen auf Umweltgeräusche (AV-Skala [aversiveness of sounds, Hörempfinden
von lauten Situationen]). Im Rahmen einer Hörsystemüberprüfung nach der Hilfsmittel-Richtlinie
kommt in Deutschland seit Jahren der APHAB-Fragebogen obligatorisch zum Einsatz.
Speech, Spatial and Qualities of Hearing Scale (SSQ)
Das SSQ-Inventar erfasst anhand von 49 Fragen das Hörvermögen in spezifischen Hörsituationen
[37 ]. Es werden hierbei 14 Items zum Sprachverstehen, 17 Items zum räumlichen Hören und
18 Items zur Hörqualität erfasst. Zwei Zusatzfragen fokussieren auf die Höranstrengung
und das Hören in Ruhe. Höhere Werte gehen mit einer besseren subjektiven Hörperformance
einher. Die deutschsprachige Version wurde ebenfalls evaluiert und validiert [38 ]. Weiterhin wurde eine deutschsprachige, validierte Kurzform mit 12 Items (SSQ-12)
zur Verfügung gestellt [38 ]. Der Fragebogen wurde primär zur Qualitätsbewertung einer konventionellen Hörsystemversorgung
konzipiert, wird jedoch auch für die Bewertung der Versorgung mit aktiven Mittelohrimplantaten
sowie auch Cochlea-Implantaten genutzt. Das SSQ-Inventar enthält keine Items zur gezielten
Lebensqualitätsbewertung.
Glasgow Hearing Aid Benefit Profile (GHABP)
Das GHABP als teiloffenes Inventar ermittelt das Hören in 4 vorgegebenen und 4 vom
Patienten individuell ausgewählten Hörsituationen [39 ]. Es enthält 6 Subskalen, die verschiedene Faktoren im Zusammenhang mit der Hörsystemversorgung
erfragen. Die ersten beiden Skalen befragen den Patienten bezüglich seiner Hörbeeinträchtigung
und deren Einfluss auf sein alltägliches Leben. Die weiteren 4 Subskalen befragen
den Zustand nach der Versorgung. Das GHABP wurde ursprünglich für die Hörgeräteakustik
entwickelt, kommt jedoch auch zur Beurteilung der Versorgungsqualität mit Hörimplantaten
zur Anwendung. Für die englischsprachige, validierte Originalversion des GHABP liegen
Normdaten zur vergleichenden Beurteilung vor [40 ]. Jedoch bereitet die Komplexität der einzelnen Fragestellungen den Patienten oft
Schwierigkeiten in der Bearbeitung.
International Outcome Inventory for Hearing Aids (IOI-HA)
Das IOI-HA als Ergebnis eines internationalen Konsensusprozesses deckt die wichtigsten
Dimensionen der subjektiven Einschätzung der Hörsystemversorgung ab und stellt mit
sieben Items einen Kompromiss zwischen dem Wünschenswerten und dem Machbaren dar [41 ]. Weiterhin enthält es eine globale Frage zur Bewertung der Lebensqualität. Aufgrund
seines multidimensionalen Ansatzes kommt es den genannten Anforderungen an ein psychometrisches
Messinstrument nahe, wobei ergänzende psychologische und somatische bzw. funktionelle
Aspekte zur Lebensqualitätsbestimmung wünschenswert wären. Das Inventar ist in mehr
als 20 Sprachen verfügbar und normiert [42 ]. Die deutschsprachige Version wurde geprüft und validiert [43 ]. Je höher der Gesamtwert, desto günstiger das Outcome zu bewerten.
Nijmegen Cochlear Implant Questionnaire (NCIQ)
Der NCIQ wurde speziell für die Erfassung der Lebensqualität bei mit Cochlea-Implantaten
versorgten Patienten entwickelt und validiert [44 ]. Eine deutschsprachige Übersetzung ist verfügbar, jedoch bislang nicht hinsichtlich
ihrer psychometrischen Eigenschaften evaluiert [45 ]. Anhand von 60 Items wird das physische, psychische und soziale Befinden der Patienten
erfasst. Dieser Fragebogen ist aktuell das wichtigste Lebensqualitätsmessinstrument
in der Cochlea-Implantat-Versorgung, wird jedoch auch zunehmend zur Bewertung der
krankheitsspezifischen Lebensqualität und der Hörqualität bei mit aktiven Mittelohrimplantaten
versorgten Patienten genutzt. Einige Items erscheinen daher für die Bewertung des
Versorgungserfolges weniger geeignet, sodass perspektivisch eine Überarbeitung und
statistisch begründete Itemreduktion bzw. -adaptation für Patienten mit aktiven Mittelohrimplantaten
anzustreben ist.
3.2.5 Nicht-validierte Messinstrumente und Zufriedenheitsbewertung
An dieser Stelle ist der Hearing Device Satisfaction Scale (HDSS)-Fragebogen zu erwähnen,
welcher von der Firma Symphonix Devices (San Jose, USA) zur Verfügung gestellt wurde,
um die Handhabung und Hörqualität nach der Versorgung mit einem aktiven Mittelohrimplantat
im Vergleich zur konventionellen Hörsystemversorgung einschätzen zu können [46 ]. Die psychometrischen Eigenschaften der 21 Items umfassenden Originalversion sowie
einer deutschsprachigen Übersetzung sind nicht evaluiert. Mit dem HDSS-Fragebogen
werden die Kategorien Komfort, Klang, Handhabung, Verbesserung des Hörvermögens und
Verbesserung der Lebensqualität erfasst.
Eine weitere Methode zur Charakterisierung des subjektiven Nutzens einer Hörimplantatversorgung
ist der Einsatz visueller Analogskalen (VAS). VAS haben als valides, reliables und
sensitives Messinstrument einen festen Stellenwert in der Einschätzung von Schmerzintensitäten
[47 ]. Weiterhin wurde deren Validität und Reliabilität in der Tinnitusbewertung bestätigt
[48 ]. Für den Einsatz zur Charakteristik der Lebensqualität und subjektiven Beschreibung
des Hörverlustes in der Hörimplantatversorgung sind die psychometrischen Eigenschaften
von VAS nicht geprüft, sodass deren Einsatz in klinischen Studien kritisch zu werten
ist. Im Gegensatz zu eigenständig erstellten, nicht-validierten Fragelisten erlauben
sie zumindest eine statistische Auswertung und damit eine gewisse Vergleichbarkeit
der erhobenen Daten.
3.2.6 Besonderheiten der Lebensqualitätsmessung bei Kindern
Die Inanspruchnahme medizinischer Ressourcen in den Bereichen Prävention, Therapie
und Rehabilitation wirkt sich auch bei Kindern und Jugendlichen nicht nur auf somatische,
sondern auch auf emotionale und soziale Aspekte aus, sodass es notwendig ist, die
Lebensqualität aus der Sicht von Kindern und Jugendlichen zu beleuchten [49 ]. Unterschiede in der Definition des Konstruktes „Gesundheit“ zwischen Kindern und
Erwachsenen bedingen Differenzen in den Dimensionen der Lebensqualitätsbewertung,
was wiederum die Entwicklung von eigenständigen Lebensqualitätsmessinstrumenten für
Kinder und Jugendliche verlangt [50 ]. Neben den zu Beginn genannten Lebensqualitätsdimensionen sind bei der Beurteilung
des subjektiven Wohlbefindens von Kindern und Jugendlichen zusätzliche Aspekte wie
z. B. Selbstwahrnehmung/Selbstwert, die wahrgenommene Qualität der Beziehung zu Eltern
oder Freunden, sowie das schulische Wohlbefinden relevant [51 ]. Bei der Erfassung der Lebensqualität sollten generell die Patienten immer selbst
Auskunft geben, um valide Informationen zu erhalten. Da an der Zuverlässigkeit der
Angaben von Kindern Zweifel bestehen, sind insbesondere bei jüngeren Kindern immer
noch Fremdbeurteilungsbögen die Regel. Die Beurteilung erfolgt dabei meist durch die
Eltern. Während Eltern durchaus in der Lage sind, externalisierte (verhaltensbezogene)
Aspekte zu bewerten, ist eine Einschätzung internalisierter, d. h. emotionsbezogener
Probleme, nur schwer möglich [49 ]. Die Angaben der Eltern sind daher vielmehr als zusätzliche Informationen zu körperlichen
Symptomen zu sehen. Das eigentliche Krankheitserleben und Fühlen der Kinder können
sie jedoch nicht widerspiegeln. Neben den psychischen, sozialen und körperlichen Dimensionen
der Lebensqualität, müssen bei Kindern zusätzlich spezifische Kontexte wie Familie,
Freunde, Schule und Sport berücksichtigt werden [52 ]. Dabei ist zu bedenken, dass sich die Bewertung dieser Dimensionen während der Entwicklung
verändert [53 ]. Daher steht die Entwicklung von kindgerechten, entwicklungsalterabhängigen Lebensqualitätsmessinstrumenten
weiterhin im Zentrum der Lebensqualitätsforschung. Insbesondere bei jüngeren Kindern
bieten sich computergestützte Befragung mithilfe von interaktiven Grafiken, Bildern
und Audioinhalten an [54 ]. An dieser Stelle ist anzumerken, dass Kinder ab dem achten Lebensjahr durchaus
in der Lage sind ihre eigene Lebensqualität zu bewerten, bei jüngeren Kindern ist
eine zusätzliche Fremdbewertung durch Eltern oder auch Lehrer sinnvoll [55 ].
Aktuell stehen als generische Messinstrumente u. a. der im amerikanischen Sprachraum
entwickelte Child Healthand Illness Profile (CHIP) Fragebogen und die im europäischen
Raum entwickelten Messinstrumente KIDSCREEN und DISABKIDS zur Verfügung [56 ]
[57 ]
[58 ]. Mit dem Glasgow Children’s Benefit Inventory existiert ein validiertes Messinstrument
zur Erfassung der postinterventionellen Lebensqualität von Kindern und Jugendlichen
nach hals- nasen- und ohrenärztlichen Eingriffen. Hierbei handelt es sich um eine
Abwandlung des GBI, welche speziell für das Vorschulalter modifiziert wurde und mithilfe
von 24 Items die Teilbereiche Emotion/Gefühlswelt, körperliche Gesundheit, Lernverhalten
und Vitalität/Lebhaftigkeit abfragt [59 ]. Die Beantwortung der einzelnen Fragen erfolgt durch die Eltern. Die deutschsprachige
Version wurde 2007 von Schwentner et al. [60 ] validiert.
Trotz zunehmender Implantationszahlen aktiver Mittelohrimplantate im Kindes- und Jugendalter
wurden kindgerechte, validierte Messinstrumente bislang nicht genutzt, sodass derzeit
kaum Aussagen hinsichtlich der Lebensqualitätsänderung nach Versorgung mit aktiven
Mittelohrimplantaten aus Patientensicht in dieser Altersgruppe generiert werden können.
Obwohl in den letzten Jahren in der Pädiatrie ein Zuwachs von krankheitsspezifischen
Messinstrumenten zu verzeichnen war, ist kritisch anzumerken, dass derzeit kein hörspezifisches
Lebensqualitätsmessinstrument speziell für Kinder und Jugendliche zur Verfügung steht.
Ein anderer Zugang, um die gesundheitsbezogene Lebensqualität der Kinder zu erfassen,
ist die Eltern selbst in die Lebensqualitätsmessung einzubeziehen. Hierbei beurteilen
die Eltern nicht nur stellvertretend für ihre Kinder deren Lebensqualität, sondern
beurteilen, wie sie sich selbst als „Caregiver“ im Zusammenhang mit der Erkrankung
ihrer Kinder fühlen [49 ]. In der Otologie ist dieses Verfahren u. a. bei Kindern mit Paukenergüssen etabliert
[61 ]. Im Versorgungsprozess mit aktiven Mittelohrimplantaten wurden hierfür eigens konzipierte,
nicht-validierte Fragelisten erstellt [62 ].
4. Ergebnisse
4.1 Audiologische Ergebnisse
4.1.1 Hörverbesserung nach Versorgung mit aktiven Mittelohrimplantaten
Der Hörgewinn nach der Implantation eines aktiven Mittelohrimplantates gegenüber der
unversorgten Hörkonstellation ist vielfach in Studien nachgewiesen ([Tab. 1 ]) und in systematischen Übersichtsarbeiten dargestellt [34 ]
[63 ]
[64 ]
[65 ]
[66 ]
[67 ]
[68 ]
[69 ]
[70 ]
[71 ]
[72 ]
[73 ]
[74 ]
[75 ]
[76 ]
[77 ]
[78 ]
[79 ]
[80 ]
[81 ]
[82 ]
[83 ]
[84 ]
[85 ]
[86 ]
[87 ]. Ernst et al. konnten für Patienten mit MHL/CHL, welche mit einer Vibrant Soundbridge
(VSB, Firma MED-EL, Innsbruck, Österreich) versorgt wurden, in einer metaanalytischen
Auswertung einen mittleren Functional Gain von 29,6 dB (Range: 12,5–43,4 dB) ermitteln
[88 ]. Das Sprachverstehen in Ruhe verbesserte sich bei den analysierten 45 Patienten
signifikant auf 62–99%. Die eingeschlossenen acht Studien wiesen jedoch eine hohe
Heterogenität hinsichtlich des Testmaterials und der Testdurchführung auf. Eine weitere
metaanalytische Aufarbeitung von Kließ et al. anhand von 42 Studien unter Einschluss
aller verfügbaren aktiven Mittelohrimplantate zeigte keine signifikanten Unterschiede
des Sprachverstehens in Ruhe zwischen Patienten mit SNHL oder MHL/CHL [89 ]. Der Functional Gain war erwartungsgemäß in der Gruppe der Patienten mit MHL/CHL
höher (Functional Gain 33,58 dB, 95% Konfidenzintervall: 29,14–38,02) als in der Patientengruppe
mit SNHL (Functional Gain 26,24 dB, 95% Konfidenzintervall: 22,33–30,14). Hierbei
muss jedoch berücksichtigt werden, dass der Functional Gain nur die Verbesserung der
Freifeldschwelle für den Patienten beschreibt, jedoch nicht die Verstärkung des Systems.
Insbesondere bei Patienten mit reiner konduktiver Schwerhörigkeit bzw. bei Patienten
mit nur geringer sensorineuraler Komponente ist zunächst keine oder nur eine moderate
Verstärkung notwendig, da der Hörgewinn vordergründig durch die Überbrückung des schlecht
schwingenden Trommelfells bzw. einer (rekonstruierten) Gehörknöchelchenkette erzielt
wird. Der Begriff „Gain“ (Verstärkung) ist daher an dieser Stelle irreführend.
4.1.2 Aktive Mittelohrimplantate vs. konventionelle Hörsysteme
Neben der Bewertung des Hörgewinns gegenüber der unversorgten Hörsituation ist der
Vergleich der funktionellen Ergebnisse mit einer Alternativversorgung, welche für
die meisten Patienten zunächst die konventionelle Hörsystemversorgung darstellt, notwendig.
In einer Metaanalyse, welche alle klinischen Studien zur Versorgung mit aktiven Mittelohrimplantaten
bis Juni 2020 einschloss, wurden 16 Untersuchungen identifiziert, welche das Sprachverstehen
mit einem konventionellem Hörsystem bei Patienten mit CHL, MHL und SNHL gegenüber
dem Sprachverstehen mit einem aktiven Mittelohrimplantat verglichen [90 ]. Bei Patienten mit CHL/MHL verbesserte sich das Sprachverstehen signifikant gegenüber
der vorbestehenden konventionellen Hörsystemversorgung. Auch bei Patienten mit SNHL
war das Sprachverstehen in Ruhe mit dem aktiven Mittelohrimplantat signifikant besser
als mit dem konventionellen Hörsystem ([Abb. 4 ]).
Abb. 4 Metaanalyse zum Vergleich des Sprachverstehens mit einem aktiven Mittelohrimplantat
gegenüber der konventionellen Hörsystemversorgung. Es zeigt sich sowohl für Patienten
mit SNHL als auch für Patienten mit MHL/CHL ein Versorgungsvorteil nach Implantation
eines aktiven Mittelohrimplantates gegenüber der konventionellen Hörgeräteversorgung.
Zielparameter stellte das prozentuale Einsilberverstehen dar. Insgesamt wurden 16
Studien, welche bis 06/2020 publiziert wurden, eingeschlossen. Abbildung modifiziert
nach Nikdad et al. 2021 [90 ].
In einem systematischen Review zum Vergleich des funktionellen Outcomes der Versorgung
mit aktiven Mittelohrimplantaten gegenüber der vorherigen konventionellen Hörsystemversorgung
bei SNHL wurde eine durchschnittliche Verbesserung des Functional Gains um 8,1 dB
(Range: −8,4 dB bis+13 dB) ermittelt [91 ]. Zudem ergab sich eine Verbesserung des Sprachverstehens um 9,2% (Range: −9,8% bis+22.6%)
mit dem aktiven Mittelohrimplantat im Vergleich zum zuvor genutzten konventionellen
Hörsystem.
Diese Untersuchungen unterliegen einem Selektionsbias, da nur Patienten, welche nicht
zufriedenstellend mit einem konventionellem Hörsystem versorgt werden konnten, der
Implantation eines aktiven Mittelohrimplantates zugeführt wurden und in den bewerteten
klinischen Studien als eigene Kontrollgruppe fungierten.
4.1.3 Aktive Mittelohrimplantate vs. Knochenleitungsimplantate
Insbesondere bei Patienten mit MHL/CHL stellen Knochenleitungshörsysteme eine Alternativversorgung
dar, die sich v. a. bei schwierigen anatomischen Verhältnissen anbietet. In einer
klinischen Untersuchung der Hannoveraner Arbeitsgruppe wurden 12 Patienten (6 Patienten
je Gruppe) mit ähnlichen audiologischen und klinischen Ausgangsbefunden, welche entweder
mit einem Knochenleitungshörsystem (Bone anchored hearing aid, BAHA, Firma Cochlear,
Sydney, Australien) oder einer VSB, welche an die Rundfenstermembran angekoppelt wurde,
verglichen [92 ]. Das Sprachverstehen in der VSB-Gruppe war bei 65 dB SPL in Ruhe mit 82% signifikant
besser als in der BAHA-Gruppe (56%). Dies bestätigte sich auch im Oldenburger Satztest,
in welchem ein Signal-Rausch-Abstand (engl. Signal-to-Noise Ratio, SNR) von –1,3±2,2
dB für die VSB-Patienten und von 0,6±1,4 dB für die BAHA-Patienten ermittelt werden
konnte. Diese Ergebnisse wurden durch dieselbe Arbeitsgruppe anhand einer retrospektiven
Analyse der audiologischen Parameter von 48 Patienten (24 Patienten je Gruppe) bekräftigt.
Im Rahmen der Analyse wurde das Sprachverstehen mit einem BAHA und einer VSB in Abhängigkeit
von der präoperativen Knochenleitungshörschwelle analysiert. Während mit einem BAHA
nur bis zu einer Knochenleitungsschwelle von 35 dB das Zielkriterium (75% Sprachverstehen
in Ruhe bei 65 dB SPL) erreicht werden konnte, war dies bei den VSB-Patienten auch
noch bis zu einem Knochenleitungsverlust von bis zu 50 dB möglich [92 ].
In einer retrospektiven Patientenstudie wurden sprachaudiometrische Ergebnisse von
mit einer VSB versorgten Patienten analysiert, welche zuvor mit einem BAHA-System
versorgt waren, welches über ein Softband getragen wurde. Bei allen Patienten war
das Sprachverstehen in Ruhe und im Störgeräusch sowie der Functional Gain im Hochtonbereich
signifikant besser mit der VSB als mit dem zuvor genutzten BAHA [93 ], was jedoch auch teilweise auf den nur eingeschränkten Anpressdruck, welcher durch
eine Softbandversorgung zu erzielen ist, zurückgeführt werden kann.
In der Bewertung dieser Untersuchungsergebnisse ist ein audiologischer Vorteil der
aktiven Mittelohrimplantate gegenüber den Knochenleitungssystemen absehbar.
4.1.4 Aktive Mittelohrimplantate in der Pädaudiologie
Die VSB ist als einziges aktives Mittelohrimplantat ab dem fünften Lebensjahr und
damit zur Rehabilitation der Schwerhörigkeit im Kindes- und Jugendalter zugelassen.
Insbesondere bei Kindern mit komplexen Fehlbildungen des äußeren Ohres sowie des Mittelohres
stellt die VSB-Versorgung eine Alternative zur Versorgung mit konventionellen Hörsystemen
oder Knochenleitungshörsystemen dar ([Abb. 5 ]). Aufgrund der geringen Inzidenz derartiger Fehlbildungen, welche mit 1 : 3300 bis
1 : 10 000 angegeben wird [94 ]
[95 ], sind die Fallzahlen in klinischen Studien, welche audiologische Ergebnisse nach
einer VSB-Versorgung bei Kindern thematisieren, oft sehr klein [96 ]
[97 ]
[98 ]
[99 ]
[100 ]
[101 ]
[102 ]
[103 ]
[104 ]. In allen derzeit vorliegenden klinischen Untersuchungen ([Tab. 6 ]) konnte ein zufriedenstellendes Sprachverstehen in Ruhe von 80–100% bei 65 dB SPL
ermittelt werden.
Abb. 5 Implantation einer Vibrant Soundbridge zur Hörrehabilitation der kindlichen Schallleitungsschwerhörigkeit:
Bei einem 5 Jahre altem Kind mit Gehörgangsatresie und Ohrmuscheldysplasie a bei Goldenhar-Syndrom erfolgte aufgrund der hochgradigen Schallleitungsschwerhörigkeit
b die Implantation einer VSB mit Ankopplung des FMT an die Rundfenstermembran c . Nach Erstaktivierung konnte ein Sprachverstehen von 90% bei 65 dB mithilfe des Göttinger
Kindersprachtests (Teil 2) ermittelt werden d , die Kurve 2 zeigt die Messung im Störgeräusch.
Tab. 6 Ergebnisse der Versorgung von Kindern mit aktiven Mittelohrimplantaten.
Autor
n
Functional Gain
WRS 65 dB SPL
SNR bei 65 dB Störgeräusch
Richtungshören
Subjektive Beurteilung
unversorgt
mit VSB
unversorgt
mit VSB
Frenzel 2009 [96 ]
7
45,5 dB
0%
99%
k.A.
k.A.
k.A.
k.A.
Mandalà 2011 [97 ]
14
k.A.
14±5%
90±10%
k.A.
k.A.
k.A.
k.A.
Hempel 2013 [104 ]
12
38 dB
k.A.
90–100%
k.A.
-4,4–6,8 dB
k.A.
GCBI: 93% der Kinder mit Benefit durch die Impantation
Clarós 2013 [98 ]
22
30,7 dB
19%
97%
k.A.
k.A.
k.A.
k.A.
Frenzel 2015 [99 ]
19
19–29%
89–96%
0,34–2,79 dB
-3,6–-4,9 dB
k.A.
k.A.
Leinung 2016 [208 ]
16
14,5–23,75 dB
k.A.
k.A.
k.A.
k.A.
k.A.
Höchste Elternzufriedenheit für „Trageakzeptanz“, „Höranstrengung“, Ästhetik“, „Handhabung“
Vogt 2018 [100 ]
14
k.A.
k.A.
k.A.
k.A.
k.A.
Verbesserung im Richtungshören a
k.A.
Hempel 2019 [101 ]
31
26–32 dB
17±23%
89±12%
2,38±4,31 dB
-4,51±1,49 dB
k.A.
HDSS: alle Patienten waren mit dem Implantat zufrieden
Célérier 2019 [102 ]
3
34–38 dB
10–70%
100%
k.A.
k.A.
k.A.
k.A.
Lailach 2020 [105 ]
55
k.A.
25±25%
86±13%
k.A.
k.A.
k.A.
k.A.
Takahashi 2021 [103 ]
4
k.A.
50%*
80%*
k.A.
k.A.
Verbesserung im Richtungshören b
k.A.
n: Fallzahl; SNR: Signal-Rausch-Abstand; WRS: Word Recognition Score; HDSS: Hearing
Device Satisfaction Scale; GCBI:Glasgow Children’s Benefit Inventory; k.A.: keine
Angabe.*Messung im Störgeräusch (60 dB). a Messanordnung mit 24 Lautsprechern, b Messanordnung mit 9 Lautsprechern.
In einer größeren retrospektiven, multizentrischen Untersuchung zum Nutzen einer aktiven
Mittelohrimplantatversorgung im Kindes- und Jugendalter wurde das Sprachverstehen
von 55 Kindern und Jugendlichen vor und nach der Implantation einer VSB analysiert.
Es zeigte sich eine Verbesserung des Sprachverstehens bei 65 dB SPL in Ruhe von unversorgt
24,5±25,4% auf 86,4±13,4%. Bei 2 der 55 Patienten war ein Revisionseingriff aufgrund
einer Dislokation des Floating Mass Transducer (FMT) im Verlauf erforderlich, ein
Kind wurde als Non-User klassifiziert [105 ].
Die Mehrheit der Kinder mit einer einseitigen Schwerhörigkeit weist keine Defizite
in der Sprachentwicklung, allgemeinen Entwicklung oder den intellektuellen Fähigkeiten
auf [106 ]
[107 ] und hat bereits suffiziente Kompensationsstrategien im Alltag entwickelt [108 ], sodass die Akzeptanz einer apparativen Hörrehabilitation oft nur gering ist. In
audiologischen Untersuchungen fallen in dieser Patientengruppe jedoch Defizite beim
Richtungshören, Sprachverstehen im Störgeräusch sowie der binauralen Verarbeitung
auf [109 ]
[110 ], was die Notwendigkeit einer frühzeitigen und konsequenten Hörrehabilitation einseitiger,
auch geringgradiger Schwerhörigkeiten im Kindesalter begründet, um Spätfolgen hinsichtlich
der neurophysiologischen und psychosozialen Entwicklung zu vermeiden [111 ]
[112 ]
[113 ]. Folglich ist eine Erfassung des Hörvermögens v. a. komplexen Hörsituationen erforderlich,
um den individuellen Nutzen der Versorgung mit einem aktiven Mittelohrimplantat zu
bewerten.
In drei klinischen Studien wurde das Sprachverstehen mithilfe von alltagssimulierenden
Satztests mit festem Störgeräuschpegel und adaptiven Sprachschallpegel (Oldenburger
Satztest oder Oldenburger Kindersatztest) bewertet. Mit einer Verbesserung der SNR
um 4–6 dB konnte auch hier der positive Versorgungseffekt bestätigt werden [99 ]
[101 ]
[104 ].
4.1.5 Einfluss auf das Richtungshören
Zur Lokalisation von Schallquellen werden interauralen Laufzeitdifferenzen v. a. für
Frequenzen unter 1000 Hz und interaurale Intensitäts- oder Pegelunterschiede bei Frequenzen
über 1500 Hz neuronal ausgewertet. Im Gegensatz zu Knochenleitungshörsystemen, bei
denen aufgrund der bilateralen Cochlea-Stimulation mit geringen Laufzeitunterschieden
zu rechnen ist, wird aktiven Mittelohrimplantaten aufgrund der einseitigen cochleären
Stimulation eine Optimierung des Richtungshören zugeschrieben. Dieser Benefit ist
in Patientenstudien bislang jedoch nicht hinreichend untersucht.
Die Auswirkung der Versorgung mit aktiven Mittelohrimplantaten auf das Richtungshören
wurde bisher ausschließlich bei Kindern und Erwachsenen mit einer angeborenen Gehörgangsatresie
untersucht. Während Vogt et al. und Takahashi et al. eine Verbesserung der Lokalisationsfähigkeit
nach der VSB-Versorgung nachwiesen, konnten Zhao et al. diese Ergebnisse nicht bestätigen
[100 ]
[103 ]
[114 ]. An dieser Stelle sollten auch der Dauer der Schwerhörigkeit, der Versorgungsdauer
und der Tragezeit Beachtung geschenkt werden, da bei Patienten mit einer einseitigen
Taubheit Trainingseffekte zur Entwicklung eines räumlichen Hörens beitragen. Zudem
muss bei den untersuchten Patienten mit einem angeborenen einseitigen Schallleitungsblock
infolge einer Gehörgangsatresie von einer Entwicklungsstörung zentraler auditorischer
Prozesse, welche für das Richtungshören essentiell sind, ausgegangen werden, auch
wenn diese Kinder möglichweise frühzeitig mit Knochenleitungshörsystemen versorgt
wurden. Bereits im Alter von 5 Jahren ist die Entwicklung der Fähigkeit, Schallquellen
zu lokalisieren, erwachsenenähnlich [115 ]. Unter Berücksichtigung dieser Befunde ist es sehr wahrscheinlich, dass eine angeborene
Schwerhörigkeit diese Reifung unterbricht bzw. verzögert und somit zu einer eingeschränkten
Leistung bei der Schalllokalisation führt, auch wenn die betroffenen Personen seit
der frühen Kindheit Hörgeräte tragen [116 ]. Die in den Untersuchungen erhobenen Ergebnisse sind daher nicht zweifelsfrei auf
Patienten mit einer erworbenen Schwerhörigkeit, insbesondere im Erwachsenenalter,
übertragbar. Hierzu sind weiterführende Studien erforderlich, in denen auch die Signalvorverarbeitungsstrategien
bzw. Mikrofontechnologien aktueller Sprachprozessoren, welche eine Fokussierung auf
Schallquellen ebenso wie eine Dämpfung von Störschallquellen ermöglichen, berücksichtigt
werden müssen. Nicht zuletzt ist der Hörstatus des Gegenohres in die Betrachtungen
zum Richtungshören einzubeziehen. In einer Untersuchung zum Nutzen einer binauralen
Versorgung mit aktiven Mittelohrimplantate war im Vergleich zur einseitigen Versorgung
die Schalllokalisation präziser, wenn beide VSBs verwendet wurden [117 ]. In einer Patientengruppe mit bilateraler Schwerhörigkeit zeigte sich bei nur einseitiger
Nutzung des Sprachprozessors eine Verschlechterung der Richtungshörfähigkeit im Vergleich
zur unversorgten Hörkonstellation, was durch eine starke Verzerrung der binauralen
Informationen durch die induzierte Asymmetrie bedingt sein kann. Daher fokussiert
die Weiterentwicklung aktueller Sprachprozessoren auch auf eine Erhaltung oder Verbesserung
der binauralen Informationen.
4.1.6 Einfluss auf Tinnitus
Insgesamt existieren nur wenige Daten zum Einfluss der Versorgung mit aktiven Mittelohrimplantaten
auf die Tinnituswahrnehmung. In drei klinischen Untersuchungen wurde anhand von subjektiven
Evaluationsbögen der Einfluss einer VSB-Implantation auf einen bestehenden Tinnitus
untersucht. Die Daten basieren jedoch auf kleinen Falldaten. Seo et al. verglichen
die subjektive Tinnitusbewertung von 11 mit einer VSB versorgten Patienten mit 16
Cochlea-Implantat-Patienten [118 ]. In beiden Patientengruppen konnte anhand des Tinnitus Handicap Inventory (THI)
eine signifikante Reduktion des Tinnitus-Schweregrades ermittelt werden. Gleichzeitig
konnte in der VSB-Gruppe bei 73% der Patienten eine Verbesserung der Depressivität,
welche mit dem Beck-Depressions-Inventar (BDI) evaluiert wurde, und der Stresswahrnehmung
anhand des Brief Encounter Psychosocial Instrument (BEPSI) bei 55% der Patienten gezeigt
werden. Eine koreanische Arbeitsgruppe zeigte eine signifikante Reduktion der Tinnituswahrnehmung
anhand des THI bei 16 mit einer VSB versorgten Patienten [119 ]. Marino et al. untersuchten ebenfalls den Einfluss der VSB Versorgung auf einen
bestehenden Tinnitus bei 10 versorgten Patienten, von denen 4 Patienten einen präoperativen
Tinnitus aufwiesen [120 ]. Bei diesen 4 Patienten wurde auch eine Verringerung der Tinnitusbelastung postoperativ
bestätigt.
4.1.7 Betrachtung potentieller Einflussfaktoren auf das Sprachverstehen
Patienten weisen nach der Versorgung mit aktiven Mittelohrimplantaten eine ausgeprägte
interindividuelle Heterogenität im postoperativen Sprachverstehen auf. Diese hohe
Spannweite lässt die Frage nach entsprechenden prä- und intraoperativen Prädiktoren
aufkommen. Hierbei nimmt die cochleäre Reserve sowohl bei Patienten mit SNHL als auch
mit MHL eine entscheidende Rolle ein. Für Patienten mit reinem SNHL ist daher die
Wertigkeit der präoperativen Luftleitungsschwelle und des maximalen Einsilberverstehen
über Kopfhörer zu analysieren. Als positiver Prädiktor für ein besseres Sprachverstehen
mit einem aktiven Mittelohrimplantat bei SNHL gegenüber der konventionellen Hörsystemversorgung
wurde die Diskrepanz des Sprachverstehens (engl. Speech Perception Gap) mit einem
konventionellen Hörsystem bei einem festen Sprachschallpegel (50 dB oder 65 dB SPL)
und dem über Kopfhörer gemessenem maximalen Sprachverstehen herausgestellt [63 ]
[121 ]
[122 ]. Das maximal erreichte Sprachverstehen im Sprachaudiogramm sollte mit einem konventionellen
Hörsystem bereits bei 65 dB annähernd erreicht werden. Im Klinikalltag liegt das mit
einem konventionellen Hörsystem erreichte Sprachverstehen meist jedoch 10–20% unterhalb
des maximalen Einsilberverstehens [123 ]. In den genannten Untersuchungen konnte gezeigt werden, dass v. a. Patienten, bei
denen das Sprachverstehen mit konventionellem Hörsystem bei 50 dB bzw. 65 dB deutlich
vom maximalen Sprachverstehen abwich, von der Versorgung mit einem aktiven Mittelohrimplantat
profitierten. Die Autoren führen dies v. a. auf Rückkopplungsprobleme bei der Versorgung
mit konventionellen Hörsystemen zurück. Insbesondere bei Patienten mit mittel- bis
hochgradigem Hochtonhörverlust limitieren Rückkopplungsprobleme den Functional Gain
von konventionellem Hörsystemen im Hochtonbereich, was wiederum zu einem nicht zufriedenstellenden
Sprachverstehen führen kann [122 ].
Für Patienten mit MHL kommt an dieser Stelle als präoperativer audiologischer Indikator
nur die präoperative Knochenleitungsschwelle in Frage. Die Messung eines maximalen
Zahlen- oder Einsilberverstehens über Knochenleitungshörer ist zwar in einigen Kliniken
etabliert, scheitert jedoch oft noch an der fehlenden Standardisierung und den Limitationen
der Audiometer bei hohen Schwellenverlusten. Überraschenderweise konnten in bisherigen
klinischen Untersuchungen nur mäßige Korrelationen des Sprachverstehens mit der gemittelten
Knochenleitungshörkurve dargestellt werden [124 ]. Dies bestätigte sich auch in einer klinikeigenen Auswertung des Sprachverstehens
von 94 Patienten, welche mit einer VSB versorgt wurden ([Abb. 6 ]) [125 ]. Unter Berücksichtigung der Leistungsdaten der VSB berechneten Rahne et al. einen
Knochenleitungshörverlust von bis zu 48 dB (0,5–4 kHz) als maximalen Indikationsbereich,
um einen Ausgangsdynamikbereich von mindestens 35 dB zu gewährleisten [126 ].
Abb. 6 Einfluss der Knochenleitungsschwelle, gemittelt bei 0,5–4 kHz, auf das. Einsilberverstehen
bei 65 dB SPL nach VSB-Implantation: Es zeigt sich bei einem Korrelationskoeffizienten
von r=−0,34 nur eine mäßige lineare Abhängigkeit des Sprachverstehens von der cochleären
Reserve. Der Indikationsbereich nach Rahne et al. [126 ] wurde blau hinterlegt.
Bestimmung der Ankopplung
Als weiterer Einflussfaktor ist die Ankopplung der Aktuatoren an der Ossikelkette
oder der Rundfenstermembran zu betrachten. Eine stabile Verbindung zwischen Aktor
und anatomischer Struktur ist Voraussetzung für eine gute Signalübertragung über alle
Frequenzen hinweg. Ein Ankopplungsdefizit bedingt erhöhte Hörschwellen, ein mangelhaftes
Sprachverstehen oder auch eine reduzierter Signalqualität [127 ]. Während bei nur geringer Knochenleitungskomponente ein Ankopplungsdefizit oft durch
die Leistungsfähigkeit des Implantates ausgeglichen werden kann, verbleibt bei Patienten
an der unteren Indikationsgrenze nur ein geringer Dynamikbereich, sodass eine nicht
optimale Ankopplung stärker ins Gewicht fällt und zu einem unbefriedigenden audiologischen
Ergebnis führen kann.
Die aus LDV- (Laser-Doppler-Vibrometrie) Messungen im Felsenbein und Simulationsrechnungen
gewonnen Erkenntnisse bezüglich einer optimalen Ankopplung des FMT machen den Wunsch
nach einer Messmethodik zur intraoperativen Bewertung der Ankopplungseffizienz nachvollziehbar
[128 ]
[129 ]
[130 ]
[131 ].
Beim Carina konnten mithilfe der Transducer Loading Assistant Software (Firma Cochlear,
Sydney, Australien) intraoperativ indirekte Messungen zur Ankopplung des Aktuators
vorgenommen werden, welche mit den postoperativen Messungen im Verlauf abgeglichen
werden konnten. Anhand einer Impedanzmessung wurde aus dem Unterschied der Frequenzlage
und Güte der Impedanzkurve vor und nach der Ankopplung indirekt auf die Güte der Ankopplung
geschlossen. Bei der VSB-Implantation basiert die intraoperative Bewertung der Ankopplung
vorzugsweise auf der subjektiven Einschätzung des Ohrchirurgen. Vielversprechende
Ansätze zur Nutzung von akustisch evozierten Potenzialen als intraoperatives Monitoring-Verfahren
befinden sich aktuell noch in der Studienphase [132 ]
[133 ]
[134 ]. Weiterhin sind zur Objektivierung der FMT-Ankopplung Verfahren zur Schalldruckmessungen
im äußeren Gehörgang bei intakter Gehörknöchelchenkette sowie intra- und postoperative
LDV-Messungen beschrieben [135 ]
[136 ].
Postoperativ lässt sich die Ankopplungseffizienz anhand der Differenz von in-situ
Schwellen und der Knochenleitungsschwelle im Rahmen der Anpassung bestimmen. Die Messmethodik
der in-situ Schwellen ist herstellerspezifisch und leider nicht nachvollziehbar dokumentiert.
Die Messung erfordert die Mitarbeit des Patienten und ist daher nicht intraoperativ
in Allgemeinanästhesie möglich. Denkbar ist eine Nutzung dieses Messverfahrens in
Infiltrationsanästhesie bei Revisionseingriffen zur Verbesserung der Ankopplung bei
kooperativen Patienten.
In einer Untersuchung von Müller et al. zeigten Patienten mit einer großen Differenz
aus Knochenleitungs- (4PTAKL ) und Direktschwelle (4PTAVibrogramm ) bei 0,5–4 kHz, was eine ungünstige Ankopplung widerspiegelt, eine größere Abweichung
des Sprachverstehens bei 65 dB SPL vom präoperativ ermittelten maximalen Einsilberverstehen,
was als Zielwert für eine erfolgreiche VSB-Versorgung definiert wurde. Die Differenz
4PTAKL-Vibrogramm sollte möglichst 20 dB nicht überschreiten, um ein Sprachverstehen von mehr als 75%
bei 65 dB SPL zur ermöglichen [124 ].
Klinische Aspekte zur Ankopplung bei intakter Gehörknöchelchenkette
Bei morphologisch intakter und übertragungsfähiger Gehörknöchelchenkette stellt der
Amboss die primäre Zielstruktur des Aktors eines aktiven Mittelohrimplantates dar.
Hierbei sollte dessen Schwingungsrichtung mit der natürlichen Schwingungsrichtung
der Ossikelkette übereinstimmen, um ein optimales funktionelles Ergebnis zu erzielen.
Bei der Anwendung des T2-Transducers des Carinas (Firma Cochlear, Sydney, Australien),
welcher primär zur Ankopplung am Ambosskörper konzipiert wurde und welcher im Knochen
fest verankert wird, kann dies aufgrund seines festgesetzten Winkels nur teilweise
gewährleistet werden. Daher sind Bestrebungen zur Optimierung der Ankopplung bei intakter
Kette nachvollziehbar. In Felsenbeinexperimenten zeigten sich keine Unterschiede der
Leistungsfähigkeit zwischen der Ankopplung am Ambosskörper und der Ankopplung am langen
Ambossfortsatz über einen Clipmechanismus [137 ]. Hingegen hatte das häufig praktizierte Vorgehen, bei dem mittels Laser eine Vertiefung
im Ambosskörper zur Aufnahme des Aktuators geschaffen wird, keine Auswirkung auf die
Effizienz des Systems [137 ]. Klinisch existieren bislang keine Vergleichsuntersuchungen, welche die Effizienz
unterschiedlicher Ankopplungsformen am Amboss beim T2-Transducer analysieren. Gegen
eine standardmäßige Ankopplung am langen Ambossfortsatz spricht die Erweiterung des
operativen Eingriffes mit zusätzlicher Anlage der posterioren Tympanotomie und die
damit verbundene komplexere Ausrichtung des Aktuators.
Die VSB hingegen wurde primär zur Ankopplung an den langen Ambossfortsatz entwickelt.
In den letzten Jahren hat sich jedoch die Ankopplung am kurzen Ambossfortsatz als
Standardankopplung bei intakter Gehörknöchelchenkette herauskristallisiert. In mittlerweile
gut einem Drittel aller VSB-Implantationen erfolgt die Ankopplung des FMT am kurzen
Ambossfortsatz [138 ]. Für die Ankopplung am kurzen Ambossfortsatz spricht die deutlich kürzer Operationszeit
im Gegensatz zur Ankopplung am langen Ambossfortsatz (85±29 vs. 113±43 min), da das
Ausbohren des Chorda-Fazialis-Winkels zur Anlage der posterioren Tympanotomie nicht
erforderlich ist [139 ]. Insbesondere bei Kindern mit Gehörgangsatresie und intakter Gehörknöchelchenkette
stellt der kurze Ambossfortsatz oft einen sehr gut zugänglichen Ankopplungsort dar,
ohne den oft atypisch verlaufenden Nervus facialis zu gefährden. Schraven at al. zeigten
in LDV-gestützten Felsenbeinexperimenten beim direkten Vergleich tendenziell um durchschnittlich
5 dB bessere Ergebnisse für die Ankopplung am langen Ambossfortsatz gegenüber der
Ankopplung am Ambosskörper [140 ]. Im klinischen Setting zeigen sich widersprüchliche Ergebnisse im audiologischen
Outcome beim Vergleich der beiden Ankopplungstechniken. Während Schraven et al. ein
signifikant besseres Einsilberverstehen bei 65 dB SPL für die Ankopplung am kurzen
Ambossfortsatz (76,1±16,1%) gegenüber der klassischen Ankopplung (66,2±23,5%) [139 ] bei insgesamt 42 Patienten ermittelten, konnte dies in 2 retrospektiven Studien
nicht bestätigt werden. Da sich sowohl beim Einsilberverstehen, Effective Gain und
Functional Gain keine signifikanten Unterschiede zwischen beiden Ankopplungsmöglichkeiten
am Amboss ergaben, ist aus audiologischer Sicht keine Ankopplungsform eindeutig zu
bevorzugen [141 ]
[142 ]. Das chirurgisch deutlich vereinfachte Vorgehen spricht jedoch für die Ankopplung
des FMT am kurzen Ambossfortsatz.
Klinische Aspekte zur Ankopplung bei defekter Gehörknöchelchenkette
Bei defekter Gehörknöchelchenkette stellen der bewegliche Steigbügel sowie die Rundfenstermembran
mögliche Ankopplungszielstrukturen für ein aktives Mittelohrimplantat dar.
Auf Grundlage von Felsenbeinexperimenten ist bei der VSB-Implantation die Ankopplung
am Steigbügel zu favorisieren, bei der Ankopplung an der Rundfenstermembran können
v. a. im Tieftonbereich Verluste von 10–15 dB auftreten [143 ]
[144 ]. Im Felsenbeinexperiment zeigt sich auch für den T2-Aktuator des Carinas eine um
10–20 dB höhere Effizienz, wenn dieser an den Stapes angekoppelt wurde [137 ].
In klinischen Studien können sowohl für das Carina als auch für die VSB ([Abb. 7 ]) keine Unterschiede im Sprachverstehen stratifiziert nach der Aktorzielstruktur
nachvollzogen werden, was jedoch auch durch sehr heterogene Vergleichsgruppen und
die große Streubreite der Ergebnisse bedingt sein kann [125 ]
[139 ]
[141 ]
[145 ]
[146 ]
[147 ]. Lediglich in einer Untersuchung von Rahne zeigte sich eine Unterlegenheit des Sprachverstehens
bei der Rundfensterankopplung gegenüber der Ambossankopplung [141 ]. Für eine Ankopplung des Aktors am beweglichen Steigbügel sprechen die günstigen
Ergebnisse im hohen Frequenzbereich, das aus der klassischen Tympanoplastik bekannte
chirurgische Vorgehen und, insbesondere bei Ankopplung am Steigbügelkopf, die mechanische
Stabilität sowie die klinisch besser einzuschätzende Vorspannung [148 ]
[149 ].
Abb. 7 Einfluss der Aktorzielstruktur auf das Sprachverstehen nach Versorgung mit aktiven
Mittelohrimplantaten: Die Abbildung zeigt das Einsilberverstehen bei 65 dB SPL und
80 dB SPL 6 Monate nach Implantation von aktiven Mittelohrimplantaten. a nach VSB Implantation, b nach Carina-Implantation, stratifiziert nach Ankopplungsort [125 ]
[146 ]. Die aus den experimentellen Untersuchungen bekannten Einflüsse spiegeln sich aufgrund
der Heterogenität der Patienten im prozentualen Einsilberstehen nicht wider.
Bei prolabierendem Fazialis oder sklerotisch fixiertem Steigbügel stellt die Rundfenstermembran
eine gut zugängliche Ankopplungsstruktur dar. Gerade bei fixiertem Steigbügel wurde
lange Zeit diskutiert, ob die zusätzliche Schaffung einer Ausgleichsöffnung („drittes
Fenster“) der Cochlea erforderlich ist [150 ]. In einem Simulationsmodell konnten Zhang et al. zeigen, dass bei zusätzlicher Anlage
einer Ausgleichsöffnung die Übertragungsverluste von>30 dB auf max. 5–7 dB reduziert
werden konnten [151 ]. Ob Patienten mit sklerotisch fixiertem Steigbügel gegenüber Patienten mit gut beweglichem
Steigbügel tatsächlich im klinischen Setting eine Unterlegenheit hinsichtlich des
Sprachverstehens bzw. des effektiven Hörgewinns nach Implantation einer VSB aufweisen,
lässt sich anhand der derzeit verfügbaren Untersuchungen nicht sicher verifizieren.
In einer Untersuchung mit sehr kleiner Fallzahl, in welcher funktionelle Ergebnisse
von Patienten mit beweglichem (n=7) bzw. fixiertem (n=5) Steigbügel nach einer Rundfenstervibroplastik
gegenübergestellt wurden, konnte für die Patientengruppe mit fixiertem Steigbügel
ein etwas geringerer funktioneller Hörgewinn ermittelt werden [152 ]. Bei der Aufarbeitung der klinikeigenen Ergebnisse der Rundfensterankopplung mittels
Softcoupler konnten beim Vergleich von Patienten mit beweglicher (n=11) und fixierter
(n=14) Steigbügelfußplatte keine signifikanten Unterschiede im Effective Gain (6,4±7,1
vs. 6,0±11,1 dB), der Differenz 4PTAKL-Vibrogramm (12,6±13,6 vs. 11,8±9,2 dB) und dem Sprachverstehen bei 65 dB SPL in Ruhe (75,4±17,9%
vs. 77,7±11,2%) identifiziert werden.
Die klinischen Ergebnisse der Rundfenstervibroplastik weisen insgesamt eine hohe Streubreite
auf, da bei der Ankopplung am runden Fenster eine Vielzahl von Einflussfaktoren beachtet
werden muss. Zum einen sollte die Ankopplungsfläche des FMT der Fläche der Rundfenstermembran
entsprechen, welche wiederum eine große interindividuelle Variabilität aufweist. In
Felsenbeinstudien konnte eine Optimierung der Ankopplung durch Interposition von Faszie
zwischen FMT und Rundfenstermembran gezeigt werden [153 ]. Bei der direkten Umsetzung im Patienten fallen jedoch gegenteilige Ergebnisse auf.
Rajan et al. konnten bei Patienten ohne Interposition von Faszie eine höhere Ankopplungseffizienz
(−2,0–8,4 dB), welche anhand der Differenz aus Direkt- und Knochenleitungsschwelle
bestimmt wurde, gegenüber der Patientengruppe mit Interposition von Faszie (1,5–11,8
dB) ermitteln [154 ]. Die relativ hohe Rate von Revisionsoperationen aufgrund einer Dislokation des FMT,
welche in der Literatur mit 50–71% angegeben wird und oft auf eine Atrophie des eingebrachten
Interpositionsmaterial zurückgeführt werden kann, unterstreicht die Notwendigkeit
einer Standardisierung der Ankopplung auch am runden Fenster durch entsprechende Koppelelemente
[154 ]
[155 ]. Obwohl sich in Patientenstudien kein audiologischer Vorteil bei der Anwendung von
Koppelelementen gegenüber dem direkten Kontakt des FMT zur Rundfenstermembran sowohl
für das durchschnittliche Einsilberverstehen in Ruhe (80 vs. 85%) als auch für den
funktionellen Hörgewinn mit einer Differenz von 2,0 dB (250 Hz) bis 5,8 dB (4000 Hz)
erkennen lässt [156 ], muss das komplette Freibohren der Rundfenstermembran, wie sie bei der FMT-Ankopplung
ohne Coupler zweifelsfrei erforderlich ist, aufgrund des Risikos eines Lärmtraumas
als kritisch gewertet werden.
Der derzeit verfügbare kommerzielle Softcoupler ermöglicht hier durch seine konische
Form eine standardisierte Ankopplung ohne Dämpfung durch Kontakt mit der knöchernen
Begrenzung und reduziert damit die erforderliche Bohrarbeit in der Rundfensternische.
Im experimentellen Setting konnten beim Vergleich des aus silikongefertigten Coupler
gegenüber dem vorherigen halbkugelförmigen Coupler aus Titan keine frequenzspezifischen
Unterschiede bei der Stimulation der Cochlea ermittelt werden [157 ]. Aktuell liegen keine audiologischen Untersuchungen vor, welche direkt Unterschiede
im Outcome der unterschiedlichen Formen der Ankopplung am runden Fenster bewerten.
Studienübergreifend lassen sich sowohl für das Einsilberverstehen in Ruhe bei 65 dB
SPL (71 vs. 73%) und den Functional Gain (36 vs. 34–43 dB) keine klinisch relevanten
Unterschiede zwischen der Anwendung des Softcoupler bzw. des Titan-Coupler erkennen
[141 ]
[145 ]
[155 ].
Neben der Ankopplungsfläche des FMT kommt bei der Rundfenstervibroplastik der Anpresskraft
des FMT eine entscheidende Rolle zu. Hierbei ist eine visuelle und taktile Kontrolle
durch den Operateur nur eingeschränkt möglich. Für eine optimale Kopplung zwischen
Rundfenstermembran und Coupler wird eine Andruckkraft von 4–20 mN empfohlen [158 ]. Typischerweise wird diese durch eine rückwärtige Abstützung mittels Knorpelscheiben
erreicht. Um eine Standardisierung der Andruckkraft zu erreichen, fokussiert die Forschung
auch auf die Entwicklung eines spezifischen Kuppelelements mit einer mechanischen
Feder zur rückwärtigen Abstützung und damit kontrollierbarer Vorlast [158 ]
[159 ]. Der effektive Hörgewinn bei Nutzung eines solchen Koppelelementes liegt zwischen
0,6 und −25 dB [160 ]
[161 ]
[162 ], und damit insbesondere im Frequenzbereich>500 Hz über den mit den bisherigen Couplern
erzielten Werten [141 ]
[147 ]. Das erreichte Einsilberverstehen bei 65 dB SPL in Ruhe lag in diesen kleinen Fallserien
mit 79–83% im Bereich der mit den etablierten Couplern erzielten Ergebnisse (63–80%),
wobei in allen Untersuchungen eine sehr große Streubreite zu verzeichnen war [125 ]
[145 ]
[160 ]
[161 ]
[163 ].
Als vordergründiges Einsatzgebiet aktiver Mittelohrimplantate hat sich in den letzten
Jahren der mit konventionellen Hörgeräten schwer zu versorgende MHL oder CHL herauskristallisiert,
wie sie üblicherweise bei Patienten mit chronischer Otitis media nach mehrfachen Versuchen
der Kettenrekonstruktion mittels Passivprothese und anhaltend eingeschränkter Mittelohrbelüftung
zu finden ist.
Bei simulierten Unterdruckverhältnissen konnte für das Carina im Felsenbeinexperiment
eine hohe Stabilität der Aktuatorkopplungseffizienz sowohl bei simulierten Über- als
auch Unterdruckverhältnissen bei der Ambossankopplung nachgewiesen werden [137 ]
[164 ]. Die Unterschiede lagen im Frequenzbereich unter 1 kHz bei weniger als 5 dB. Hingegen
ist für die VSB unlängst bekannt, dass Unterdrucksituationen im Mittelohr durch eine
erhöhte Ringbandvorspannung zu einer Verschlechterung des Übertragungsverhaltens bei
der Stapesankopplung im tieffrequenten Bereich führen [148 ]
[165 ]. Hier erweist sich die Notwendigkeit zur sicheren Trommelfellrekonstruktion bei
Patienten mit Belüftungsstörung mit dickem Knorpel als vorteilhaft, da diese die meiste
Last aufnimmt und damit konsekutiv zu einer geringeren Belastung des Ringbandes führt.
Im Mittel liegen daher bei einer Belüftungsstörung und dicker Knorpelrekonstruktion
des Trommelfells (Schichtdicke um 300 μm) die Übertragungsverluste bei weniger als
5 dB [165 ]. Im klinischen Setting lässt sich der Einfluss der Belüftungsstörung auf das audiologische
Outcome aufgrund der ausgeprägten Heterogenität der Patientengruppen nicht sicher
ausmachen. Da sich das Sprachverstehen bei Patienten mit chronischer Otitis media
und Stapesankopplung nicht vom Sprachverstehen anderer Patientengruppen nach Implantation
eines aktiven Mittelohrimplantates unterscheidet und der Functional Gain sowie der
Effective Gain nicht schlechter als bei Patienten mit regelrechten Mittelohrverhältnissen
angegeben wird, ergeben sich zumindest keine Hinweise für einen gegenteiligen Effekt
[125 ]
[146 ]
[149 ]
[166 ]
[167 ].
Aktive Mittelohrimplantate sollten bei Patienten mit chronischer Otitis media nur
im entzündungsfreien Mittelohr implantiert werden, um Sekundärinfektionen zu vermeiden.
Gerade bei langwierigen Wundheilungsstörungen bei offenen Mastoidhöhlen oder auch
bei rezidivierenden Mittelohrpathologien kann eine subtotale Petrosektomie mit Bauchfettobliteration
([Abb. 8 ]) eine alternative Behandlungsstrategie darstellen [168 ]. In diesen Fällen sind zusätzliche Dämpfungskräfte durch das eingebrachte Obliterationsmaterial
zu diskutieren. Experimentelle Untersuchungen zum Einfluss der Obliteration ergaben
sowohl für den FMT als auch den T2-Transducer des MET bzw. des Carina lediglich Übertragungsverluste
von maximal 1–2 dB [169 ]. Der durchschnittliche Functional Gain lag bei VSB-Implantationen und gleichzeitiger
Bauchfettobliteration in klinischen Untersuchungen mit 34–46 dB [170 ]
[171 ]
[172 ] im Bereich der Resultate, welche bei VSB-Implantationen ohne Obliteration erzielt
wurden (12–43 dB) [88 ]. In einer vergleichenden Untersuchung wurde in der Patientengruppe mit Obliteration
sogar ein besserer Effective Gain ermittelt (−15,1±21,2 dB) als in der Patientengruppe
ohne Obliteration und erhaltener hinterer Gehörgangswand (−7,2±11,4 dB), das Sprachverstehen
war in beiden Patientengruppen vergleichbar (77,9±20,8 vs. 83,3±13,6%) [172 ]. Auch nach Carina-Implantation und simultaner Bauchfettobliteration konnte in einer
kleinen Patientengruppe ein Sprachverstehen, welches nicht wesentlich von dem bei
Patienten mit intakter hinterer Gehörgangswand abwich (50–85 vs. 50–100%), ermittelt
werden [79 ].
Abb. 8 Implantation einer Vibrant Soundbridge mit simultaner subtotaler Petrosektomie a und Bauchfettobliteration b . Der FMT wurde an den Stapeskopf angekoppelt.
4.1.8 Aktive Mittelohrimplantate zur intracochleären mechanischen Stimulation
Insbesondere bei Patienten mit MHL und sklerosiertem Ringband sowie (teil-)ossifizierter
Rundfenstermembran bietet die perilymphatische Ankopplung eines aktiven Mittelohrimplantates
zur intracochleären mechanischen Stimulation durch Überbrückung der Impedanzen des
Ringbands bzw. der Rundfenstermembran einen akustischen Vorteil zur Hörrehabilitation
bei MHL. Nachdem das einzige kommerzielle Codacs Direct Acoustic Cochlea Implant (Firma
Cochlear, Sydney, Australien) vom Markt genommen wurde, ist die derzeit im Alltag
am häufigsten angewandte Methode zur intracochleären mechanischen Stimulation die
Kombination einer konventionellen Stapesplastik mit einem am Amboss angekoppelten
aktiven Mittelohrimplantat („Power-Stapesplastik“, [Abb. 9 ]). Diese Möglichkeit der Hörrehabilitation erfordert die mechanische Eröffnung des
Innenohres, was mit dem Risiko einer Innenohrschädigung durch das mechanische Trauma,
Einblutungen oder Infektionen einhergeht und ist daher Patienten mit reizlosen Mittelohrverhältnissen
und regelrechter Belüftung, wie sie typischerweise bei Otosklerosepatienten zu finden
sind, vorbehalten. Insbesondere wenn nach einer konventionellen Stapesplastik eine
zusätzliche sensorineuralen Komponente die Versorgung mit konventionellen Hörgeräten
erfordert, kann bei chronischen Gehörgangsproblemen der zusätzliche Einsatz eines
aktiven Mittelohrimplantates eine suffiziente Hörrehabilitation ermöglichen. Fallserien,
welche die audiologischen Ergebnisse dieser Kombinationstherapie bei insgesamt kleinen
Patientenzahlen analysieren, zeigen durchweg positive Ergebnisse [173 ]
[174 ]
[175 ].
Abb. 9 Power-Stapesplastik: Kombination einer konventionellen Stapesplastik a mit einem am Amboss angekoppelten aktiven Mittelohrimplantat (Carina, b , c ), präoperatives Reintonaudiogramm d , postoperatives Einsilberverstehen mit Carina im Freiburger Einsilbertest e .
Für die Mehrheit der Otosklerose-Patienten mit MHL erlaubt die Kombination aus konventioneller
Stapeschirurgie und anschließender Versorgung mit Hochleistungshörsystemen eine zufriedenstellende
Hörrehabilitation. In einer klinischen Studie, welche 322 Patienten mit MHL analysierte,
konnte jedoch eine Untergruppe von Otosklerose-Patienten (15%) identifiziert werden,
die keinen ausreichenden Nutzen aus dieser Kombinationstherapie ziehen konnte [176 ]. In dieser Subpopulation war trotz Nutzung aktueller Hochleistungshörsysteme kein
ausreichendes Sprachverstehen zu erzielen, da sich bei diesen Patienten die sensorineurale
Komponente und der postoperativ verbliebene ABG zu Hörschwellen summierten, für die
selbst die technisch fortschrittlichsten Hörsysteme aufgrund der limitierten Verstärkung
und/oder Leistung keinen ausreichenden Nutzen bieten konnten. Insbesondere in dieser
Patientengruppe bietet sich eine intracochleäre mechanische Stimulation an, wobei
zukünftig auf die Entwicklung leistungsstärkerer aktiver Mittelohrimplantate zu hoffen
ist, um schlussendlich wieder die Indikationslücke zur Cochlea-Implantation bei Otosklerose-Patienten
mit hochgradiger Innenohrkomponente zufriedenstellend abdecken zu können. Ob eine
primäre „Power-Stapesplastik“ bei Patienten mit MHL und Otosklerose einen audiologischen
Vorteil gegenüber einer konventionellen Stapesplastik mit anschließender Hörgeräteversorgung
bietet, lässt sich anhand der aktuellen Datenlage nicht zufriedenstellend beurteilen,
da entsprechende Vergleichsstudien fehlen. An dieser Stelle wären auch Analysen zur
Lebensqualität und subjektiven Einschätzung des Hörvermögens in komplexen Hörsituationen
hilfreich. In einer klinischen Untersuchung konnte zuletzt gezeigt werden, dass Otosklerosepatienten
mit einer Knochenleitungsschwelle von>40 dB keinen Zugewinn an Lebensqualität nach
einer Stapesplastik trotz einer entsprechenden Hörgeräteversorgung verzeichneten [177 ], sodass in dieser Patientengruppe durchaus auch primär die Versorgung mit einem
aktiven Mittelohrimplantat in Kombination mit einer Stapesplastik diskutiert werden
kann.
4.2 Komplikationen
Die Qualitätsbewertung der Versorgung mit aktiven Mittelohrimplantaten beruht vordergründig
auf der Erfassung der Verbesserung des Gesundheitszustandes, welcher anhand der Optimierung
audiologischer Parameter und der Lebensqualität messbar gemacht wird. Im klinischen
Alltag sind es jedoch die mit der Operation verbundenen Risiken und Komplikationen,
die den Patienten einer Implantation kritisch gegenüberstehen lassen. Erste Hinweise
auf die Auftretenswahrscheinlichkeit von Komplikationen im Versorgungsprozess von
aktiven Mittelohrimplantaten liefern Einzelfallbeschreibungen und retrospektive Analysen
von mit aktiven Mittelohrimplantaten versorgten Patientenpopulationen. Jedoch sind
aktuell auch hier wieder die Fallzahlen sehr klein, sodass eine fundierte Angabe von
Komplikationshäufigkeiten und deren prospektiver Verlauf ein möglichst internationales
Implantatregister erfordert.
Nicht alle nach einer Implantation auftretenden Komplikationen sind zur spezifischen
Qualitätsbewertung geeignet. Ausgenommen werden sollte das Auftreten von Cholesteatomrezidiven
oder Trommelfellperforationen, da diese vordergründig durch die zugrundeliegende Mittelohrerkrankung
und nicht durch die Implantatversorgung selbst hervorgerufen werden. Weiterhin sollte
die Zuordnung der Verschlechterung der cochleären Reserve im Langzeitverlauf nicht
als unmittelbare Implantationskomplikation gewertet werden. Neben den in einem vorangegangen
Übersichtsreferat definierten Major- und Minorkomplikationen der Mittelohrchirurgie
[178 ], sind als implantationsspezifische Risiken Implantatinfektionen, Implantatdefekte
und–ausfälle, die Dislokationen des Aktors sowie Kabelextrusionen in den äußeren Gehörgang
zu nennen. Bei der Klassifikation „Non-User“ sollte zudem unterschieden werden, ob
das Implantat aufgrund der unbefriedigenden audiologischen Resultate oder aus persönlichen
Gründen nicht genutzt wird. Bislang liegen ausschließlich retrospektive anhand von
Krankenblättern erhobene Angaben zur Komplikationshäufigkeit vor. Die Daten sind aufgrund
der großen Spannweite des Erhebungszeitraumes von drei Monaten bis zu mehr als 20
Jahren nur von eingeschränkter Aussagekraft. Erfreulicherweise ist das Auftreten von
Majorkomplikationen sehr gering. Von Ertaubungen im Rahmen der VSB-Implantation wurde
bislang nicht berichtet. Eine passagere Fazialisparese trat lediglich in einer Studie
von Lassaletta et al. bei einem von 12 Patienten auf [179 ]. Dislokationen des FMT wurden bei 1,8–8% der mit einer VSB versorgten Patienten
im Verlauf beobachtet [84 ]
[105 ]
[180 ]
[181 ]
[182 ]
[183 ]
[184 ]
[185 ]. Die Revisionshäufigkeit variierte zwischen 4 und 27% [84 ]
[105 ]
[180 ]
[181 ]
[182 ]
[184 ]
[185 ]
[186 ]. Freiliegende Verbindungskabel im äußeren Gehörgang führte bei 10–33% der Patienten
mit chronischer Otitis media zur Revision [179 ]
[185 ]. Maier et al. ermittelten einen Abfall von 0,42 dB pro Jahr für die Knochenleitungshörkurve
von mit einer VSB versorgten Patienten, was sich nicht von der unversorgten Gegenseite
mit einer Knochenleitungsverschlechterung von 0,57 dB pro Jahr unterschied. Im Langzeitverlauf
erfolgte bei 2–11% der VSB-Patienten eine Umversorgung auf ein Cochlea-Implantat [181 ]
[182 ]
[185 ]. Die Ausfallrate des Implantates variierte zwischen 1,7–5% [182 ]
[183 ]
[184 ].
Für die anderen aktiven Mittelohrimplantate liegen Angaben zur Komplikationshäufigkeit
nur sporadisch vor. Für das Carina-Implantat, welches initial durch die Firma Otologics
(Boulder, USA) vertrieben wurde, berichteten Bruschini et al. von einer Implantatinfektion,
einer Aktuatordislokation sowie 2 Wundinfektionen, welche eine Revision erforderten,
bei insgesamt 32 implantierten Patienten [65 ]. Bei derselben Implantatgeneration beobachtete eine amerikanische Arbeitsgruppe
Wundinfektionen bei 2 Patienten und drei Implantatausfälle bei insgesamt 58 Implantationen
[67 ]. Martin et al. gaben eine Ertaubung, 2 Implantatinfektionen und einen Implantatausfall
bei 11 Patienten an [68 ]. Nach Versorgung mit der zuletzt durch die Firma Cochlear vertriebenen Carina-Generation
wurden in einer multizentrischen Analyse von 42 Patienten drei Wundinfektionen vermerkt
[187 ]. Zudem wurden 2 Patienten bei zunehmender Innenohrkomponente nach 3 Jahren mit einem
Cochlea-Implantat umversorgt, bei einem Patienten trat ein Hirnabszess infolge eines
Laterobasisdefektes auf. In einer weiteren multizentrischen Untersuchung wurde von
einem Revisionseingriff aufgrund von ausgeprägten Rückkopplungsproblemen bei insgesamt
16 Implantationen berichtet [188 ].
4.3 Patient Reported Outcome Measures (PROMs)
4.3.1 Generische Lebensqualität
Untersuchungen, welche die generische Lebensqualität prä- und postinterventionell
im Versorgungsprozess mit aktiven Mittelohrimplantaten bewerten, sind selten. Es konnten
3 Studien identifiziert werden, welche die generische Lebensqualität erfassten und
in gesundheitsökonomische Betrachtungen einfließen ließen. Edlinger et al. konnten
einen positiven Effekt der Implantation eines aktiven Mittelohrimplantates auf die
generische Lebensqualität anhand des AQoL bestätigen. Der ermittelte postoperative
Gesamtindex von 0,75±0,16 unterschied sich nicht signifikant von dem Index einer gesunden
Kontrollgruppe mit gleicher Alters- und Geschlechterverteilung (0,81±0,02) [142 ]. Der subjektive Gesamtnutzen der Implantation korrelierte stark mit dem prozentuale
Einsilberverstehen bei 65 dB SPL (r=0,84).
In einer nordeuropäischen Multicenterstudie zeigten Eldtfeld et al. eine nicht signifikante
Verbesserung im HUI-3 von 0,57±0,20 auf 0,66±0,23 [189 ], Snik et. al. zeigten eine signifikante Verschlechterung im physischen Subscore
(0,51±0,09 vs. 0,48±0,1) und eine Verbesserung im mentalen Summenscore (0,49±0,1 vs.
0,53±0,07) des SF-36 [190 ]. Daraus errechneten Eldtfeldt et al. eine Kosteneffektivität von 7260 € / QALY für
Patienten mit SNHL sowie von 12 503 € / QALY für Patienten mit CHL/MHL. Snik et al.
ermittelten eine Kosteneffektivität von 16 085 €/QALY im niederländischen Gesundheitswesen.
Zum Vergleich liegt die Kosten-Nutzen-Effektivität einer BAHA-Versorgung bei 20 505
€/QALY [191 ], die einer Cochlea-Implantation bei ca. 11 000 €/QALY [192 ]. In den USA, England und Kanada gelten medizinische Interventionen mit einer Kosten-Nutzen-Effektivität
unter 20 632 €/QALY als effektiv [192 ]. Durch das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen wird
die Definition eines solchen Schwellenwertes für Deutschland weiterhin abgelehnt.
Die Veränderung der generischen Lebensqualität durch die Versorgung mit aktiven Mittelohrimplantaten
ist hervorzuheben, da konventionelle Mittelohreingriffe in bisherigen Studien keinen
Einfluss auf die generische Lebensqualität hatten [193 ]
[194 ].
4.3.2 Nutzenorientierte Bewertung der Lebensqualität
Die Implantation aktiver Mittelohrimplantate hat in einigen Studien zu einer signifikanten
Verbesserung der Lebensqualität der Patienten geführt ([Abb. 10 ]), was sich in der nutzenorientierten Messung mit dem GBI widerspiegelt [64 ]
[83 ]
[86 ]
[179 ]
[184 ]
[190 ]
[195 ]
[196 ]
[197 ]. Der allgemeine Nutzen wurde von den Patienten insgesamt höher bewertet als die
Verbesserung der körperlichen Gesundheit und der sozialen Unterstützung [64 ]
[83 ]
[86 ]
[179 ]
[184 ]
[195 ]
[196 ]
[197 ]. Für die teilimplantierbaren aktiven Mittelohrimplantate zeigte sich für alle Patienten
ein Benefit gemessen mit dem GBI [179 ]
[195 ]. Bei der Bewertung des allgemeinen Nutzens gaben 94–100% der befragten Patienten
einen Benefit an, für die Verbesserung der sozialen Unterstützung 33–47% der Patienten.
Eine Verbesserung der körperlichen Gesundheit wurde nur von 0–35% der Befragten reflektiert.
In einer Untersuchung zum Einfluss der Implantation des vollimplantierbaren Carinas
auf die allgemeine Lebensqualität zeigte sich nach drei Monaten ein Benefit im Gesamtscore
bei acht von neun Patienten im Vergleich zur vorherigen konventionellen Hörsystemversorgung,
der allgemeine Nutzen wurde von acht Patienten positiv eingeschätzt [64 ]. Acht Patienten gaben einen positiven Einfluss auf die körperliche Gesundheit und
fünf Patienten einen positiven Effekt auf die soziale Unterstützung an. Ihler et al.
verglichen eine Patientengruppe, welche mit einer VSB bei SNHL versorgt wurden, mit
einer Patientengruppe mit konventioneller Hörsystemversorgung [83 ]. Die analysierten Patienten stimmten im Ausmaß des durchschnittlichen Hörverlustes
überein. Die VSB-Patienten profitierten im Vergleich zur Hörsystemgruppe im Gesamtscore
stärker von der apparativen Hörrehabilitation (38.3±32.3 vs. 24.8±22.2). Auch in den
Subscores „allgemeiner Nutzen“ und „körperliche Gesundheit“ war der Benefit in der
VSB-Gruppe größer, im Subscore „soziale Unterstützung“ unterschieden sich beide Gruppen
nicht. In einer multizentrischen österreichischen Studie wurde anhand von 16 Patienten
gezeigt, dass Patienten bei beidseitiger Schwerhörigkeit und bilateraler VSB-Versorgung
durch die Implantation der zweiten VSB einen nochmaligen Zugewinn an Lebensqualität
erfahren [198 ]. Die Verbesserung des prozentualen Einsilberverstehens nach Implantation der zweiten
VSB korrelierte stark mit dem Gesamtscore des GBI (r=0,727).
Abb. 10 Nutzenorientierte Lebensqualitätsbewertung nach Versorgung mit aktiven Mittelohrimplantaten
anhand des Glasgow Benefit Inventory (GBI). Positive Werte sprechen für einen Zugewinn
an Lebensqualität nach Implantation eines aktiven Mittelohrimplantates.
Bei der Bewertung der Ergebnisse des GBI ist zu berücksichtigen, dass die Einschätzung
eines postinterventionellen Benefits die rückblickende Bewertung des Patienten auf
den Zustand vor der Versorgung voraussetzt. Eine Verzerrung durch Response-Shift-Effekte,
welche für die Hörimplantatversorgung bislang nicht herausgearbeitet wurden, sind
demnach zu bedenken. Weiterhin wäre eine Korrelation des audiologisch messbaren Nutzens
mit den Lebensqualitätsparametern in weiteren Studien wünschenswert.
4.3.3 Hörspezifische Lebensqualität
In allen klinischen Untersuchungen, welche die Versorgungsqualität nach VSB-Implantationen
mithilfe des IOI-HA evaluierten, wurde anhand des Gesamtscores des IOI-HA ein Benefit
gegenüber der vorbestehenden konventionellen Hörsystemversorgung herausgestellt [163 ]
[184 ]
[199 ]
[200 ]. Dieser Aspekt unterliegt jedoch einem ausgeprägten Selektionsbias, da vordergründig
Patienten, welche nicht von der Hörsystemversorgung profitierten, mit einem aktiven
Mittelohrimplantat versorgt wurden. Die Einzeldaten der evaluierten Items wurden daher
mit den in der Originalarbeit von Cox et al. zur Validierung des IOI-HA erhobenen
Normdaten für Patienten mit einer konventioneller Hörsystemversorgung ([Abb. 11 ]) abgeglichen [42 ]. Für alle einzelnen Items liegt der durch die VSB-Implantation erzielte Nutzen im
Bereich der zur Verfügung stehenden Normwerte. Insbesondere für Patienten mit MHL/CHL
konnte eine Verbesserung der Lebensqualität dargestellt werden, wobei die Erfassung
in nur einer globalen Frage innerhalb des IOI-HA methodische Schwächen aufweist. Interessant
wäre an dieser Stelle ein Abgleich mit den entsprechenden audiologischen Ergebnissen,
welcher Gegenstand weiterer Analysen sein sollte. Für das Item „Tragedauer“ sollte
noch einschränkend angemerkt werden, dass diese vordergründig vom bestehenden Hörverlust
beeinflusst wird und weniger von der Zufriedenheit mit dem entsprechenden Hörsystem.
Abb. 11 Hörspezifische Lebensqualität gemessen mit dem International Outcome Inventory for
Hearing Aids (IOI-HA): Anhand des Gesamtscores zeigt sich ein besseres subjektives
Ergebnis nach der Versorgung mit einer Vibrant Soundbridge (VSB) im Vergleich zur
konventionellen Hörsystemversorgung a . Die Ergebnisse der einzelnen Subscores b weichen nicht von den durch Cox und Alexander [41 ] im Validierungsprozess des IOI-HA erhobenen Normdaten für eine Patientengruppe mit
konventionellen Hörsystemen ab.
Eine multidimensionale Erfassung der hörspezifischen Lebensqualität erfolgte in nur
2 klinischen Untersuchungen. Lassaletta et al. konnten für 12 Patienten mit Radikalhöhlen
nach Implantation einer VSB für alle 6 Subscores des NCIQ eine Verbesserung nachweisen
[179 ]. Snik et al. bestätigten die Verbesserung der Lebensqualität in den drei übergeordneten
Hauptdomänen des NCIQ zur Erfassung der psychischen, physischen und sozialen Einschränkungen
[190 ]. Im Rahmen dieser klinischen Untersuchung wurde die Lebensqualität bei 21 Patienten
mit einer chronischen Otitis externa und SNHL vor und nach der Versorgung mit einem
aktiven Mittelohrimplantat (MET und VSB) evaluiert.
4.3.4 Bestimmung des subjektiven Hörvermögens
In einigen Patientenstudien wurde das subjektive Hörvermögen nach der Versorgung mit
einem aktiven Mittelohrimplantat mithilfe des APHAB ([Abb. 12 ]) eingeschätzt [65 ]
[66 ]
[67 ]
[68 ]
[195 ]
[201 ]
[202 ]
[203 ]. Ein direkter Vergleich mit einer konventionellen Hörsystemversorgung erfolgte jedoch
nur in 2 Patientenstudien [67 ]
[201 ]. Hierbei konnte für die drei spezifizierten Hörsituationen einen Vorteil der Versorgung
mit einem aktiven Mittelohrimplantat gegenüber der vorbestehenden konventionellen
Hörsystemversorgung herausgearbeitet werden, wobei auch hier der Selektionsbias berücksichtigt
werden muss. Die erhobenen APHAB-Daten zeigten keine wesentlichen Abweichungen im
Vergleich mit den im Rahmen des Validierungsprozesses des APHAB ermittelten Normdaten
für mit konventionellen Hörsystemen versorgte Patienten [35 ].
Abb. 12 Bewertung des subjektiven Hörvermögens nach Versorgung mit aktiven Mittelohrimplantaten
anhand des Abbreviated Profile of Hearing Aid Benefit (APHAB). Es zeigt sich ein Vorteil
der Versorgung mit einem aktiven Mittelohrimplantat gegenüber der vorbestehenden konventionellen
Hörsystemversorgung. Vergleichend wurden die Normdaten für Hörgeräteträger mitdargestellt
[35 ]. Für einfache Hörsituationen a liegen die Score-Werte nach der Versorgung mit aktiven Mittelohrimplantaten im Bereich
der Normdaten für eine Hörgeräteversorgung. In komplexen Hörsituationen b , c konnten die Normwerte nicht in allen Studien erreicht werden. Bei der Bewertung der
Unbehaglichkeit durch Lärm d zeigt sich teilweise eine Verschlechterung gegenüber der unversorgten Situation bzw.
gegenüber der vorherigen Hörgeräteversorgung.
Mithilfe des APHAB lassen sich gezielt Defizite mit therapeutischer Dimension sowohl
für den einzelnen Patienten aber auch für die Weiterentwicklung des Hörsystems bzw.
-implantates herausarbeiten: Während für einfache Hörsituationen nach Versorgung mit
einem aktiven Mittelohrimplantat eine subjektive Beurteilung des Hörvermögens dargestellt
werden kann, welche im Bereich der Normdaten liegt, lässt sich insbesondere noch für
das Sprachverstehen im Störgeräusch sowie für das Hören bei Nachhall ein Verbesserungspotenzial
hinsichtlich der Mikrofontechnologie sowie der Störgeräuschadaptation identifizieren.
Für beide Hörsituationen wäre jedoch die Kenntnis des Versorgungsstandes der Gegenseite
interessant, da durch eine bilaterale Versorgung eine Verbesserung zu erwarten wäre.
Das Hörempfinden von lauten Umgebungsgeräuschen wird durch die Versorgung mit aktiven
Mittelohrimplantaten nicht wesentlich verändert. Insgesamt ist positiv zu bewerten,
dass nur in einer Untersuchung nach Implantation eines aktiven Mittelohrimplantates
die Wahrnehmung lauter Geräusche als unangenehmer eingeschätzt wurde. Hierbei sollten
weitere Einflussfaktoren, wie die langjährige Hördeprivation durch eine unzureichende
Hörsystemversorgung, untersucht werden.
Weiterhin lassen sich mit dem APHAB Defizite aufzeigen, die nach den Methoden der
Hilfsmittelrichtlinien nicht unbedingt offensichtlich sind. Dies lässt sich an den
in einer klinischen Studie erhobenen Daten zum Vergleich des audiologischen und subjektiven
Nutzens der Sprachprozessor-Umversorgung von 20 mit einer VSB versorgten Patienten
nachvollziehen [203 ]. Während sich in den sprachaudiometrischen Untersuchungen kein Vorteil der neuen
Sprachprozessorgeneration (Samba, Firma MED-EL, Innsbruck, Österreich) ermitteln ließ,
wurde diese von den Patienten für alle Hörsituationen jedoch im APHAB durchweg positiv
im Vergleich zum vorherigen Modell (Amadé, Firma MED-EL, Innsbruck, Österreich) bewertet.
Diese Ergebnisse bestätigten sich im ebenfalls genutzten SSQ-Fragebogen, in dem die
Patienten in den drei Subskalen „Sprachverstehen“, „Räumliches Hören“ und „Hörqualität“
den Samba-Sprachprozessor durchweg besser bewerteten als den zuvor genutzten Amadé-Sprachprozessor.
4.3.5 Lebensqualität bei Kindern
Untersuchungen zur subjektiven Einschätzung der Versorgung mit aktiven Mittelohrimplantaten
im Kindes- und Jugendalter liegen nur in sehr begrenztem Umfang vor. In einer aktuellen
multizentrischen Untersuchung zum Nutzen der VSB-Versorgung bei Kindern wurde die
subjektive Zufriedenheit bei neun Kindern mithilfe des nicht-validierten HDSS, welcher
durch die Eltern ausgefüllt wurde, eingeschätzt. Die durchschnittliche tägliche Tragezeit
wurde mit 9,9 Stunden angegeben. Alle Patienten waren mit dem Hörimplantat zufrieden.
Lediglich in den Subkategorien „Sprachverstehen im Störgeräusch“ und „Rückkopplung“
wurde keine Höchstpunktzahl erreicht [101 ].
In einer weiteren Untersuchung wurde der Nutzen einer Ohrmuschelrekonstruktion mittels
porösen Polyethylens und der simultanen VSB-Implantation bei 12 Kindern durch Befragung
der Eltern mittels Glasgow Children’s Benefit Inventory erfasst. Bei elf von 12 Kinders
gaben die Eltern Werte>0 an, was einem positiven Effekt des Eingriffes entspricht.
Der größte Nutzen wurde für die Subscores „Lernverhalten“ (Mittelwert 37,1, Median
41,7) und „Vitalität“ (Mittelwert 21,2, Median 16,7) bestimmt. Leinung et al. erfassten
die Elternzufriedenheit bei 16 Kindern, welche aufgrund einer Gehörgangsatresie mit
einer VSB versorgt wurden, mit einem selbstkonzipierten, nicht-validierten Fragebogen.
Dabei zeigte sich die höchste Elternzufriedenheit für die Kategorien „Trageakzeptanz“,
„Höranstrengung“, „Ästhetik“, und „Handhabung“. Die Beurteilungen in Bezug auf „Zufriedenheit
und Lebensqualität“ und „Verhalten“ fielen vergleichsweise schwächer aus [62 ].
An dieser Stelle wäre auch eine Bestimmung des Zugewinns an Lebensqualität nach der
Versorgung mit aktiven Mittelohrimplantaten gegenüber der meist zuvor genutzten transkutanen
Knochenleitungshörsystemversorgung hilfreich, um weitere Evidenz für diesen Versorgungsprozess
generieren zu können. Zudem sollte eine longitudinale Erfassung der Lebensqualität
der implantierten Kinder in den weiteren Entwicklungsfenstern möglichst durch den
Einsatz von Selbstbeurteilungsinstrumenten angestrebt werden, um Veränderungen in
der subjektiven Wahrnehmung zu identifizieren und damit die Patienten bzw. die Eltern
fundierter beraten zu können. Hierzu wäre auch die Bereitstellung kindgerechter Messinstrumente
zur multidimensionalen Bewertung der hörspezifischen Lebensqualität Voraussetzung.
4.3.6 Offene Fragestellungen in der Lebensqualitätsmessung
Bedeutsame Mängel der bisherigen Forschung zum subjektiven Erfolg der Versorgung mit
aktiven Mittelohrimplantate sind v. a. an der Art der Operationalisierung von gesundheitsbezogener
Lebensqualität festzumachen. In den meisten bisherigen Untersuchungen wurde die Erfassung
von Lebensqualität mit der Messung des subjektiven Hörhandicaps gleichgesetzt. Nur
in einem geringen Teil aller Studien wurde die Lebensqualität tatsächlich multidimensional
erfasst, d.h.in den Bereichen des körperlichen, emotionalen, mentalen, sozialen und
verhaltensbezogenen Wohlbefindens.
Alle genannten Untersuchungen fokussierten auf einen Vergleich des subjektiven Hörhandicaps
bzw. der Lebensqualität vor und zu einem Messzeitpunkt nach der Implantation oder
auf eine einmalige postoperative Messung des subjektiven Nutzens. Derzeit fehlen Langzeituntersuchungen,
welche die Lebensqualität zu mehreren Messzeitpunkten erfassen und damit deren Dynamik
abbilden. Bislang existieren zudem keine Daten zur Erfassung spezifischer patientenbezogener
Einflussfaktoren (Dauer des Hörverlustes, Persönlichkeit, Depressivität, sozioökonomischer
Status) auf die Bewertung des postinterventionellen Benefits, um deren Interaktion
in einem biopsychosozialen Konzept aufzuarbeiten. Weiterhin sollte in zukünftigen
Untersuchungen auch die Assoziation der im Versorgungsprozess erhobenen audiologischen
Parameter mit der subjektiven Einschätzung des Patienten analysiert werden.
Bei allen bisherigen Untersuchungen ist die Interpretation der gemessenen Veränderung
der Lebensqualitätsindikatoren zu hinterfragen. Hierbei stellt sich aktuell die Frage,
inwieweit die erhobene „statistische Signifikanz“ einer „klinischen Relevanz“ gleichzusetzen
ist. Für die mittels APHAB und IOI-HA erhobenen Parameter konnte zumindest ein Vergleich
mit den Referenzwerten für eine konventionelle Hörsystemversorgung erfolgen. Für alle
anderen Messinstrumente sind weitere Untersuchungen zur Bestimmung der Relevanz erforderlich.
Hierbei ist u. a. als Parameter die minimale klinisch wichtige Differenz (engl. Minimal
Clinically Important Difference, MCID) für die einzelnen Messinstrumente zu erarbeiten.