Die im Tagungs- und Konferenzzentrum des Ernst von Bergmann Klinikums in Potsdam stattfindende
Veranstaltung wurde von Christian Kieser, Sprecher von ackpa, und mit einem Grußwort
von Frau Brigitte Meier, Beigeordnete für Ordnung, Sicherheit, Soziales und Gesundheit
der Landeshauptstadt Potsdam, eröffnet. Durch die Kommende-Tagung führten Sylvia Lorenz,
Bad Salzungen, und Karel Frasch, Donauwörth. Die Tagung wurde im Hybrid-Format durchgeführt,
sodass erfreulich viele Kolleginnen und Kollegen an der Veranstaltung teilnehmen konnten.
Im ersten Vortrag berichtete Bettina Wilms, Querfurt, über ein multiprofessionell-bidisziplinäres
(Kliniken für Erwachsenen- und Kinder- und Jugendpsychiatrie in enger Kooperation)
Projekt an den PIA-Standorten Querfurt und Merseburg, das sich der schnittstellenoptimierten
Behandlung und Beratung widmet. Transitionsaspekte bzw. intergenerationale Probleme
spielen dabei eine wesentliche Rolle. Alle in die Behandlung eingebundenen Berufsgruppen
wirken mit. Das Projekt, das mangels positiven Bescheides über Förderung durch den
Innovationsfonds des G-BA aus Eigenmitteln finanziert wird, läuft seit 2018 und hat
sich gut entwickelt. Bis dato sind knapp 900 Patienten behandelt/beraten worden, davon
knapp 400 Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 11–20 Jahren.
Im zweiten Referat des Tages stellte Andreas Bechdolf, Berlin, ein niederschwelliges
Angebot für junge Menschen in psychischen Krisen durch Kooperation von PIA und Kontakt-
und Beratungsstelle vor: Auch hier arbeiten an zwei Standorten (an den Kliniken am
Urban und in Friedrichshain, Berlin) die Kliniken für Erwachsenenpsychiatrie und KJP
unter jeweils einem Dach eng zusammen. Ziel ist, in nicht stigmatisierender, jugendfreundlicher
Atmosphäre die in dieser Altersgruppe besonders niedrigen Inanspruchnahmeraten (nur
13 % der jungen Männer mit psychischen Störungen nehmen professionelle Hilfe in Anspruch,
Frauen 31 %) günstig zu beeinflussen. Inhaltlich ist das Angebot altersgruppenadaptiert
und niedrigschwellig (z. B. webbasierte und ansprechende Aufbereitung von Information);
die Interventionen sind vernetzt und mannigfaltig und reichen vom Internetauftritt
bis hin zu aufsuchender Arbeit. Das Alter der Klienten reicht von 14–37 Jahren, wobei
hiervon über die Hälfte noch keinen Kontakt zum psychiatrisch-psychotherapeutischen
Hilfesystem hatte. Oft sind Probleme in Schule/Ausbildung und am Arbeitsplatz sowie
interpersonale Konflikte Konsultationsgrund, bei der großen Mehrheit der Klienten
lässt sich eine Achse-I-Störung vermuten. Ein Antrag auf Förderung durch den Innovationsfonds
des G-BA (zusammen mit der AOK) wurde gestellt, die Entscheidung steht noch aus.
Im letzten Vormittagsvortrag berichtete Sylvia Lorenz, Bad Salzungen, über ein in
ihrer Klinik etabliertes System zur quantitativen Erfassung von Zwangsmaßnahmen. Sie
skizzierte auch die klinikinternen Verfahrensanweisungen. Die „Schließzeiten“ einzelner
Stationen werden festgehalten ebenso wie diejenigen einzelner „Überwachungszimmer“.
Bei der Auswertung fiel auf, dass einige wenige Patienten mit einem Großteil der Zwangsmaßnahmen
in Zusammenhang gebracht und an Montagen weniger Zwangsmaßnahmen durchgeführt wurden.
Im 24-Stunden-Verlauf ließ sich ein Peak zwischen 0:00 und 4:00 Uhr nachts identifizieren;
Männer und ältere Patienten waren häufiger betroffen, sodass als häufigste Diagnose
Demenz/Delir zu nennen ist. Seltener kommen die Diagnosegruppen Suchterkrankungen
sowie Schizophrenie und wahnhafte Störungen vor. Sylvia Lorenz beklagte zu Recht die
unterschiedlichen gesetzlichen Vorschriften der Bundesländer und wies auf die Notwendigkeit
einer bundesweiten Vereinheitlichung der Datenerfassung hin.
Am Nachmittag fand unter Leitung von Christian Kieser die Mitgliederversammlung statt.
Als neue ackpa-Mitglieder begrüßt wurden Stephan Blaschke, Herford, und Dirk Schmoll,
Görlitz. Verabschiedet in Abwesenheit wurde nach 23 Jahren chefärztlicher Tätigkeit
in Emden Wolfgang Trabert, bei dem die letzte ackpa-Jahrestagung vor der Corona-Pandemie
stattgefunden hatte. Weiterhin verabschiedet wurde der derzeitige Past President der
DGPPN Arno Deister, Itzehoe, der mit seiner Präsidentschaft einen Meilenstein für
ackpa gesetzt hat und wie Wolfgang Trabert in Ruhestand geht. Sodann erfolgten Wahlen
zum Geschäftsführenden Ausschuss (GA): In einer offenen Wahl wurden Margareta Müller-Mbaye,
Waldbreitbach, und Karel Frasch, Donauwörth, wiedergewählt; als neues Mitglied des
GA wurde Lieselotte Mahler, Berlin, gewählt. Zur Vorbereitung der nächsten Jahrestagung
in Karlsruhe im März 2022 werden drei ackpa-Konferenzen im Online-Format durchgeführt,
die allen ackpa-Mitgliedern offenstehen. Inhalte der ackpa-Konferenzen sind inhaltliche
Schwerpunkte, strategische Entwicklungen sowie organisationale Aspekte. Auf dem kommenden
DGPPN-Kongress vom 24.–27.11.2021 wird es ein ackpa-Symposium geben, Titel: „Ist die
Abteilungspsychiatrie ein romantisches Auslaufmodell?“. Ein weiteres gemeinsames Symposium
mit der BDK ist ebenfalls in Vorbereitung, Thema wird ärztliche Psychotherapie im
Krankenhaus sein. Weiterhin ist eine gemeinsame ackpa-BDK-Tagung im Herbst 2022 in
Potsdam geplant.
Arno Deister berichtete über den aktuellen Stand der Fortentwicklung der PPP-RL, wobei
zuletzt u. a. die Stärkung der ärztlichen Psychotherapie diskutiert worden ist. Erfreulich
ist, dass auch in 2022 Unterschreitungen der Personalmindestausstattung (noch) nicht
sanktioniert werden. Zur empirischen Fundierung und Evaluierung des Plattform-Modells
wird die EPPIK-Studie unter wissenschaftlicher Leitung von Markus Kösters und Thomas
Becker (Günzburg/Universität Ulm) durchgeführt.
Christian Kieser berichtete über die kürzlich in Kraft getretene G-BA-Richtlinie „Berufsgruppenübergreifende,
koordinierte und strukturierte Versorgung, insbesondere für schwer psychisch kranke
Versicherte mit komplexem psychiatrischen oder psychotherapeutischen Behandlungsbedarf“
(KSVPsych-RL). Die Ziele einer Verbesserung der sektorübergreifenden Versorgung wurden
durch die Richtlinie leider verfehlt. Andreas Bechdolf referierte kurz über den aktuellen
Stand des BMG-Dialoges, wo die APK vorgeschlagen hat, ambulante Komplexleistungen
ähnlich einem Assertive Community Treatment durch PIAs und Vertragsärzte zu ermöglichen.
Fraglich ist, wie die Gegenfinanzierung dieser Ansätze erfolgen soll. Ein weiteres
Thema war StäB. Von den insgesamt über 400 psychiatrisch-psychotherapeutischen Abteilungen
und Fachkliniken in Deutschland setzen derzeit lediglich 29 Kliniken StäB um, was
möglicherweise, so Karel Frasch, einen „Webfehler“ dieser Behandlungsform nahelegt.
Bettina Wilms berichtete abschließend über die laufenden Modellprojekte nach § 64b
SGB V, 23 Kliniken konnten bisher deutschlandweit diesen Ansatz mit den Kostenträgern
erfolgreich verhandeln. Eine schöne, weil „maskenfreie“ (alle Teilnehmenden waren
geimpft oder genesen) Veranstaltung, dicht gepackt mit Information geht am Nachmittag
zu Ende – auf ein Wiedersehen in Karlsruhe bei Michael Berner!