Herr Dr. Köhler, wie definieren Sie in Ihrem Unternehmen Nachhaltigkeit? Was sind
aus Ihrer Sicht wichtige Arbeits- und Anwendungsbereiche?
Dr. Rüdeger Köhler: Die Bayer Pharma Geschäftseinheit Radiologie als Teil des Gesamtkonzerns
ist den Zielen der Bayer AG verpflichtet. Beiträge zu einer nachhaltigen Entwicklung
zu leisten, ist ein zentrales Element der Strategie und der Werte von Bayer. Im Sinne
unserer Vision „Health for All, Hunger for None“ setzen wir uns für inklusives Wachstum
und den verantwortungsbewussten Einsatz von Ressourcen ein. Dabei gehen für uns Nachhaltigkeit
und wirtschaftlicher Erfolg Hand in Hand. Das heißt, unser Ziel ist es, mit nachhaltigen
Lösungen wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Dies bedeutet für uns auch, dass Nachhaltigkeit
nicht „neben“ dem Geschäft betrieben wird, sondern unser ganzes Geschäft und all unsere
Prozesse auf Nachhaltigkeit ausgerichtet werden. Indem wir an nachhaltigen Innovationen
für die Landwirtschaft arbeiten, die dazu beitragen, dass ausreichend Nahrung für
die wachsende Weltbevölkerung hergestellt werden kann – und das, ohne unsere Erde
und ihre ökologischen Systeme zu überfordern. Und indem wir an innovativen Produkten
von der Diagnose bis zur Behandlung arbeiten, um Krankheiten künftig besser erkennen,
behandeln, vorbeugen oder sogar heilen zu können. Wie wichtig beides ist, hat uns
das vergangene Jahr, das ganz im Zeichen der Pandemie stand, eindringlich vor Augen
geführt.
Welchen Stellenwert hat Nachhaltigkeit in Ihrem Unternehmen und welche Ziele haben
Sie für sich im Bereich Nachhaltigkeit definiert?
Als führendes Unternehmen in den Bereichen Gesundheit und Ernährung werden wir bei
Bayer mit unseren Innovationen, Produkten und Dienstleistungen die Nachhaltigkeitsziele
der Vereinten Nationen unterstützen und einige der grundlegenden Herausforderungen
unserer Zeit adressieren. So haben wir etwa ein umfangreiches, konzernweites Dekarbonisierungsprogramm
auf den Weg gebracht und wollen so dazu beitragen, die Erderwärmung auf 1,5 °C zu begrenzen.
Um unsere Emissionen bis Ende 2029 um mehr als 42 Prozent zu verringern, werden wir
die Energieeffizienz an unseren Standorten steigern und beziehen unseren Strom dann
zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien. Bis 2030 wollen wir ein klimaneutrales Unternehmen
werden, indem wir alle noch verbleibenden Emissionen durch den Erwerb von Zertifikaten
aus geprüften Klimaschutzprojekten kompensieren, die extern anerkannte Qualitätsstandards
erfüllen.
Wie können Kundinnen und Kunden erkennen, wie nachhaltig die Produkte Ihres Unternehmens
sind, zum Beispiel hinsichtlich Produktion, Nutzung und Entsorgung?
Das Wachstum und das zunehmende Altern der Weltbevölkerung sowie die steigende Belastung
der natürlichen Ökosysteme stellen die Menschheit vor große Herausforderungen. Wir
wollen maßgeblich dazu beitragen, Lösungen zu finden. Beispielsweise ist die Geschäftseinheit
Radiologie mit ihrem Produktportfolio aus Kontrastmitteln, Kontrastmittelinjektoren
und digitalen Lösungen an vorderster Front an der Seite der Anwenderinnen und Anwender,
der Patientinnen und Patienten sowie der Gesundheitsversorgerinnen und -versorger
in dem gemeinsamen Bemühen um noch nachhaltigere Angebote. Wir arbeiten aktiv daran,
den Nutzerinnen und Nutzern von Kontrastmitteln Optionen zu einem nachhaltigeren Umgang
mit Kontrastmittelrückständen im laufenden Betrieb anzubieten. Im Rahmen des re:contrast-Programms
nehmen wir beispielsweise Produktreste von iodhaltigem Kontrastmittel von unseren
Kundinnen und Kunden zurück und führen diese einem industriellen Iod-Recyclingprozess
zu. Durch diese Rückführung von Iod in die Wertschöpfungsketten wird der Nutzungszyklus
dieses aufwändig gewonnen Elements verlängert und Umwelteinträge minimiert.
Zum Portfolio Ihres Unternehmens gehören unter anderem auch Kontrastmittel. An welchen
Lösungen arbeiten Sie, um zum Beispiel zu verhindern, dass Schwermetalle wie Gadolinium
ins Trinkwasser gelangen?
Kontrastmittel, die bei der kontrastverstärkten medizinischen Bildgebung angewendet
werden, unterstützen Ärztinnen und Ärzte bei der Diagnostik und Überwachung von Erkrankungen.
Wir haben proaktiv gründliche Untersuchungen zum Umweltverhalten und zu Auswirkungen
unserer iodbasierten Röntgenkontrastmittel und gadoliniumbasierten MRT-Kontrastmittel
durchgeführt, um das mögliche Umweltverhalten der Rückstände beurteilen zu können.
Diese Kontrastmittel wurden mit dem Ziel entwickelt, im menschlichen Körper keine
pharmakologische Wirkung zu entfalten, sondern lediglich während der Körperpassage
die radiologische Bildgebung zu verbessern oder sogar erst zu ermöglichen. Dafür ist
die Stabilität des Kontrastmittels in vivo eine ganz zentrale Eigenschaft. Aufgrund
dieser hohen Stabilität und der Ungiftigkeit von Kontrastmitteln ist es nicht verwunderlich,
dass umfangreiche toxikologische und ökotoxikologische Untersuchungen keine Hinweise
auf eine Gefährdung von Menschen oder Umwelt, zum Beispiel durch Vorhandensein als
Spurenstoff in Oberflächengewässern ergeben haben. Der Verbleib von Arzneimitteln
in der Umwelt wird zudem fortlaufend durch Behörden überprüft.
Zusätzlich zu beachten ist, dass aufgrund der immer höher entwickelten technischen
Möglichkeiten, die uns heute zur Verfügung stehen, mittlerweile auch Kleinstmengen
an Röntgenkontrastmittel in der Umwelt messbar sind und berichtet werden. Im Rahmen
seiner Verantwortung als Hersteller beteiligt sich Bayer aktiv am sozialen und politischen
Dialog mit verschiedenen Interessengruppen zu den potenziellen Umweltauswirkungen
von Kontrastmittelrückständen. Hierzu zählen der Stakeholder-Dialog „Runder Tisch
Röntgenkontrastmittel“, der Bestandteil der „Spurenstoffstrategie des Bundes” ist
und vom – damaligen – Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit
(BMU) initiiert wurde. Diesem gehören Branchenvertreterinnen und -vertreter (Originalherstellerinnen
und -hersteller sowie Generika-Vertreiberinnen und -vertreiber von Kontrastmitteln),
Verbraucherinnen und Verbraucher, Gesundheitsdienstleisterinnen und -dienstleister,
Vertreterinnen und Vertreter der Abwasser- und Abfallbranche sowie Vertreterinnen
und Vertreter von Nichtregierungsorganisationen (Umweltverbände und Zivilgesellschaft)
an.
Ein wichtiges Ergebnis des Runden Tisches Röntgenkontrastmittel war die Durchführung
und inhaltliche Begleitung einer Konzeptionsstudie, die die Einführung von Urinsammelsystemen
für die Reduktion des Eintrags von Röntgenkontrastmitteln ins Abwasser über die Patientinnen
und Patienten umfänglich bewertet und Lösungswege aufgezeigt hat. Der Bericht der
Studie liegt dem Runden Tisch und der Öffentlichkeit vor – nächste Schritte sind im
Stakeholder-Dialog-Prozess in Arbeit.
In der Medizin und insbesondere in der Radiologie sind die Innovationszyklen sehr
kurz. Wie lässt sich der „Innovationszwang“ mit dem Ziel der Nachhaltigkeit vereinbaren?
Da wir unser Geschäft konsequent auf Nachhaltigkeit ausrichten, prüfen wir auch bei
Innovationen, wie sie zu unseren Nachhaltigkeitszielen beitragen. Wir arbeiten an
Lösungen für möglichst effiziente Arbeitsabläufe und Kontrastmittelgaben. Mit immer
innovativeren Produkten und Technologien stellt die medizinische Bildgebung einen
wichtigen Treiber für die Umgestaltung der Gesundheitsversorgung, die Ausweitung der
personalisierten Medizin und die Verbesserung der Behandlungsergebnisse dar. Innovationen
spielen daher eine wichtige Rolle, um die Effizienz im Gesundheitswesen zu steigern.
Darüber hinaus leisten Innovationen in der Bildgebung einen wichtigen Beitrag für
die Nachhaltigkeit des Gesundheitssystems allgemein: Die medizinische Bildgebung ist
sowohl für die Bestätigung und Beurteilung vieler Erkrankungen als auch für die Überwachung
des Behandlungserfolgs von entscheidender Bedeutung. Zudem sind unsere Produkte so
gestaltet, dass sie eine lange Lebensdauer aufweisen und über die Zeit weiter aufgerüstet
werden können.
Was können wir für nachhaltige Innovationen von Ihrem Unternehmen in den nächsten
Jahren erwarten?
Wir haben viele Schritte unternommen, um bei den aktuellen technologischen Entwicklungen
in den Life Sciences ganz vorne dabei zu sein und mit unseren Innovationen zu einem
nachhaltigen Gesundheitssystem beizutragen. Atemberaubende Fortschritte in der Zellbiologie
und bei der Genom-Editierung und immer spezifischere Applikationstechnologien revolutionieren
die Life Sciences und schaffen – teilweise in Verbindung mit Informationstechnologie
und künstlicher Intelligenz (KI) – ungeahnte neue Möglichkeiten für Gesundheit und
Ernährung. Diese Biorevolution wollen wir entscheidend mitgestalten. Für den Bereich
Radiologie werden beispielsweise digitale Technologien eine wichtige Rolle spielen:
Künstliche Intelligenz kann nachhaltig dazu beitragen, Ressourcen gezielter einzusetzen,
Diagnosen früher zu stellen und die Anzahl von Fehldiagnosen zu verringern. Dadurch
können viele Patientinnen und Patienten früher mit einer passsenden Behandlung beginnen.
Wir arbeiten zum Beispiel an einem digitalen kuratierten Marktplatz für medizinische
Bildgebung: eine Art App Store für Radiologinnen und Radiologen und ihre Teams, der
Zugang zu hochwertigen digitalen Anwendungen für die klinische Bildgebung und Arbeitsabläufe
einschließlich KI-fähiger Lösungen bietet. Angesichts des immer größer werdenden Marktes
an bildgebenden Anwendungen und mangelnder finanzieller und zeitlicher Ressourcen
und IT-Expertise können Radiologinnen und Radiologen üblicherweise nur eine kleine
Anzahl neuer Software-Anwendungen nutzen. Der kuratierte Marktplatz wird es den Radiologinnen
und Radiologen und ihren Teams ermöglichen, eine eigene Auswahl an bildgebenden, geprüften
Anwendungen zusammenzustellen und schneller und besser in ihre Abläufe zu integrieren.
Beispielsweise wird ihnen eine radiologische KI-Lösung zur Verfügung stehen, die bei
der Diagnostik und Priorisierung von Patientinnen und Patienten mit Schlaganfall in
der Notfallsituation hilft, um die Zeit bis zur Behandlung zu verkürzen.
Eine andere Lösung unterstützt die behandelnde Ärztin und den behandelnden Arzt bei
der Früherkennung von kleinen Rundherden in der Lunge, die auf eine schwere Erkrankung,
wie beispielsweise Lungenkrebs, hinweisen können. Mit all diesen Maßnahmen im Sinne
von „Science for a better life“ tragen wir dazu bei, die großen Herausforderungen
unserer Zeit anzugehen und die gesellschaftliche Wirkung unseres Unternehmens und
unseres Geschäfts zu stärken.