Warum setzen Sie in Ihrem Krankenhausalltag einen so großen Fokus auf die Themen Umweltschutz
und Nachhaltigkeit? Wann haben Sie sich für diesen Weg entschieden?
Dr. Georg Wolf: Für uns als Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Wien kann ich sagen,
dass wir vor acht Jahren das Thema Nachhaltigkeit mit dem Programm „Öko-Business Wien“
der Gemeinde Wien „angepackt“ haben. Das ist ein Programm, das Unternehmen dabei unterstützt,
nachhaltige Projekte zu initiieren. Wir haben bei uns im Krankenhaus seitdem ein Umweltteam,
das aus all unseren internen Berufsgruppen besteht. Seit fast einem Jahr sind wir
mit dem Umweltsiegel EMAS zertifiziert.
Wie ist es zur EMAS-Zertifizierung Ihres Hauses gekommen?
Dr. Georg Wolf: In die Zertifizierung war das ganze Krankenhaus mit all seinen Bereichen
und Mitarbeitenden involviert. Wir wurden genau geprüft. Dabei ging es stark um technische
Themen, die Vorgaben dazu hatten wir zum Zeitpunkt der Prüfung aber teils schon erfüllt,
etwa beim Energieverbrauch. Es gibt in Österreich das Energie-Effizienz-Gesetz, das
heißt, dass man bis zu einem gewissen Grad verpflichtet ist, auf den Energieverbrauch
zu schauen und diesen nachweislich zu kontrollieren. Daher hatten wir im Krankenhaus
teils schon ein Energie-Management-System eingeführt. Im Rahmen der Zertifizierung
haben wir es verbessert und noch stärker die Möglichkeit geschaffen, etwa unsere Heiz-
und Kühlleistung zu regulieren und an die Temperaturen anzupassen. Das interne Umwelt-Controlling,
das wir vor acht Jahren im Rahmen von Ökoprofit eingeführt haben, hat uns bei der
EMAS-Zertifizierung gute Dienste geleistet und konnte noch ausgebaut werden. Im Umweltcontrolling
werden laufend Daten zu Energie- und Materialverbrauch, Abfallaufkommen und Wasserverbrauch
erfasst und zumindest einmal jährlich analysiert und bewertet.
Das Krankenhaus Barmherzige Brüder Wien
Gegründet wurde das Haus im Jahr 1614, damals hatte es noch 12 Betten. Heute hat das
Krankenhaus mehr als 400 Betten und versorgt jährlich rund 33 000 Patientinnen und
Patienten stationär sowie 140 000 ambulant. Das Krankenhaus gehört dem Hospitalorden
der Barmherzigen Brüder, einem der größten privat-gemeinnützigen Gesundheitsdienste-Anbietern
Österreichs. Die Gruppe verfolgt im Bereich Umweltschutz ambitionierte Ziele, alle
sieben Krankenhäuser (mit mehr als 2000 Betten) der Gruppe sowie verschiedene zugehörige
soziale und pflegerische Einrichtungen sind nach dem Gütesiegel für nachhaltigen Umweltschutz
EMAS („European Eco-Management and Audit Scheme“) III zertifiziert beziehungsweise
rezertifiziert. Im Februar 2021 hat das Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Wien das
Umweltsiegel EMAS erhalten. Zielgruppe von EMAS sind Unternehmen und Organisationen,
die Ziele sind die systematische Verbesserung der Energie- und Materialeffizienz sowie
die Reduktion schädlicher Umweltwirkungen und umweltbezogener Risiken.
Wie haben Sie das Thema Umweltschutz und Nachhaltigkeit in Ihre internen Managementstrukturen
eingebunden?
Dr. Georg Wolf: Der Orden der Barmherzigen Brüder hat ein Leitbild, die sogenannte
„Charta der Hospitalität“, in der unsere Verantwortung für die Schöpfung formuliert
ist. Alle Mitarbeitenden tragen diese Verantwortung mit, was unser Bindeglied zu unserem
Umweltteam und unseren Nachhaltigkeits-Maßnahmen ist. Damit verbunden ist unsere Umweltpolitik,
die vier zentrale Punkte enthält: Material und Wasser, Energie, Ernährung sowie Abfallvermeidung
beziehungsweise Abfalltrennung. Von diesen vier Punkten werden Maßnahmen abgeleitet.
Das Leitbild ist zwar vorgegeben und geht top-down, die Maßnahmen kommen aber vor
allem von den Mitarbeitenden.
Damit sich unsere Leserinnen und Leser Ihre Maßnahmen noch konkreter vorstellen können:
Wie gehen Sie in Ihrem Haus zum Beispiel mit Abfällen um?
Waltraud Klug-Schalud: Von der Radiologie kann ich sagen, dass wir keine Einmalwäsche
verwenden, sondern Mietwäsche, die gereinigt und wiederverwendet wird. Bei interventionellen
Eingriffen verwenden wir vor allem Mehrfachprodukte. Nur wo es notwendig ist, etwa
bei Nadeln oder patientenbezogenen Materialien, sind es natürlich Einmalprodukte.
Der Rest wird in unserer hauseigenen Sterilisation/AEMP erneut aufbereitet. Kontrastmittel
sind bei uns natürlich ein großes Thema. Wir versuchen, die Kontrastmittelgebinde
bis auf den letzten Tropfen zu verwenden und so zu planen, dass kein Kontrastmittel
verschwendet wird. Sollten einmal ein paar Milliliter in den Glasflaschen übrigbleiben,
dürfen wir diese mit dem Glasgebinde entsorgen. Wir verwenden keine Plastikflaschen,
sondern ausschließlich Glasprodukte, die in die Recyclingsammlung kommen.
Dr. Georg Wolf: Für unser Krankenhaus generell lässt sich sagen: Wir haben das Abfall-Management
in einem Abfallwirtschaftsplan dargelegt und einen Abfallbeauftragten, der ausschließlich
dafür verantwortlich ist. Wir bedenken die Müllvermeidung und -trennung schon beim
Materialeinkauf. Wir versuchen, so einzukaufen, dass möglichst wenig Materialien später
weggeworfen werden müssen. Außerdem trennen wir den Materialabfall, was im Krankenhaus
durchaus eine komplizierte Aufgabe ist. Natürlich haben wir Verträge mit verschiedenen
Firmen, die die Materialien entsorgen.
Sie haben es geschafft, die CO2-Emissionen in Ihrem Haus stark zu reduzieren. Das
ist eine tolle Leistung. Wie ist Ihnen das gelungen?
Dr. Georg Wolf: Ein Beispiel: Als Krankenhaus haben wird einen kleinen Fuhrpark. Die
Fahrzeuge dienen etwa dazu, Laborproben zu transportieren. Diese Autos sind teils
mit Gas betrieben. Die Ordensleitung hat im Zuge der EMAS-Zertifizierung die Auflage
gestellt, dass, wenn wir künftig ein Auto anschaffen, es ein Elektro-Auto sein muss.
Wir müssen dann auch eine Ladestation in unserer hauseigenen Garage installieren.
Waltraud Klug-Schalud: In Ergänzung kann ich sagen, dass wir in unserem Krankenhaus
generell, wenn es notwendig war, Lampen auszutauschen, auf LEDs umgestellt haben.
Auch haben wir die Beleuchtung reduziert. Nach der Kernarbeitszeit sind wir dazu übergegangen,
automatisch die Beleuchtung zu halbieren. Wir haben festgestellt, dass das von der
Beleuchtung herausreichend ist. Auch werden bei uns die Computer automatisch nach
einer gewissen Zeit der Inaktivität heruntergefahren. Ebenso wie Geräte und Lichter,
die nicht benötigt werden. Außerdem haben wir einen Stromlieferanten, der Ökostrom
liefert. Ein weiteres Beispiel aus einem etwas anderen Bereich: Wir nutzen Bio-Fairtrade-Kaffee
in unserer Kantine. Wir kaufen möglichst regional und saisonal ein, so dass lange
Transportwege für die Lebensmittel, die wir im Krankenhaus brauchen, entfallen. Wir
haben an vielen Stellschrauben gedreht.
Radiologie ist ein Bereich, der sehr energieintensiv ist, die CO2-Emissionen sind
hoch. Gibt es Maßnahmen, die Sie speziell in diesem Bereich umgesetzt haben?
Waltraud Klug-Schalud: Auch hier werden Geräte, die nicht benötigt werden, abgeschaltet.
Es gibt zwei Notgeräte, die am Netz bleiben und 24 Stunden laufen. Einfach für den
Fall, dass eine Untersuchung schnell durchgeführt werden muss. Die Geräte brauchen
ja einige Zeit zum Hochfahren, da sie Selbstüberprüfungen durchführen, wenn man sie
einschaltet. Darüber hinaus versuchen wir, Papier zu sparen, wobei uns die elektronische
Patientenakte entgegenkommt. Wir haben ein KIS (Krankenhausinformationssystem) in
Verwendung, über das wir die Zuweisung von den Stationen für die radiologischen Untersuchungen
elektronisch erhalten. Und natürlich arbeiten wir schon seit mehr als 10 Jahren ohne
Filme in der Radiologie. Insofern entfällt das Thema Silberabfall oder die Entsorgung
von Entwickler- und Fixier-Chemikalien bei uns.
Maßnahmen für Nachhaltigkeit und Umweltschutz kosten Geld. Nutzen Sie dafür Eigenmittel
oder nehmen Sie zum Beispiel an Förderprogrammen teil?
Dr.Georg Wolf: Die meisten Nachhaltigkeits-Maßnahmen, die wir einführen, sind kostenneutral
oder sparen, auf Jahre gerechnet, sogar Kosten. Das ist ein wichtiger Punkt bei Nachhaltigkeitsbestrebungen.
Dafür muss man manchmal kreativ sein. Ich will ein Beispiel nennen: Teils drucken
wir Laborbefunde aus, die die Ärztinnen und Ärzte etwa zu Visiten mitnehmen. Diese
Ausdrucke enthalten sensible Gesundheitsdaten, die natürlich fachgerecht vernichtet
werden müssen. Auf Vorschlag unseres internen Umweltteams beauftragen wir seit Jahren
eine Firma, die die nicht-geschredderten papierenen Befunde zu einem Zellstoffhersteller
bringt, der diese datenschutzkonform verarbeitet, um daraus neue Krankenhaus-Zellstoffprodukte
wie zum Beispiel Patientenauflagen herzustellen. Dieser Kreislauf macht den Einkauf
der Patientenauflagen für uns günstiger, es ist eine Win-win-Situation für alle. In
einem Unternehmen, das sich der Nachhaltigkeit verpflichtet hat, muss man auch die
Mitarbeitenden mitnehmen.
Wie schaffen Sie das?
Dr. Georg Wolf: Wir machen Schulungen für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Jeder
Mitarbeitende ist verpflichtet, durch eine dieser Umwelt-Management-Schulungen zu
gehen. Schulungen gibt es zusätzlich, wenn Systeme wie unser Abfallsystem geändert
oder neu eingeführt werden. Außerdem halten wir viermal im Jahr Umwelt-Team-Sitzungen
ab, auf denen wir die Zahlen des Umwelt-Controllings betrachten und versuchen, Maßnahmen
abzuleiten.
Waltraud Klug-Schalud: Wir haben viele Mitarbeitende, die sich stark für das Thema
Nachhaltigkeit einsetzen. Das finde ich toll. Bei uns im Haus funktioniert Nachhaltigkeit
über Kommunikation und Information. Wir haben ein Intranet, in dem Informationen an
die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter weitergegeben werden. Diese betreffen nicht nur
das Krankenhaus, sondern können auch privat genutzt werden, etwa Adressen von Reparatur-Cafés
in der Stadt oder von Geschäften, in denen man nachhaltiger und teils auch günstiger
einkaufen kann.
Nachhaltigkeit hat neben dem Umwelt- oder Klimaschutz auch eine soziale Dimension,
die sich etwa auf Patientinnen und Patienten sowie Mitarbeitende bezieht. Wie setzen
Sie diese Dimension in Ihrem Krankenhaus um?
Dr. Georg Wolf: Wir beziehen die Mitarbeitenden stark in unsere Maßnahmen ein. Wir
haben zum Beispiel das schon erwähnte innerbetriebliche Ideen-Management, über das
immer wieder Vorschläge für mehr Nachhaltigkeit, zum Beispiel zum Energiesparen, kommen.
Das Verhältnis zwischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die bei uns in Richtung
Nachhaltigkeit arbeiten und sich engagieren, die einfach mittun und denjenigen, denen
das ganz egal ist, ist ungefähr so wie in der Bevölkerung. Wir versuchen nicht, irgendwen
„umzudrehen“ oder jemandem etwas vorzuschreiben. So etwas funktioniert nicht. Nachhaltiges
Handeln funktioniert nur, wenn man mit gutem Beispiel vorangeht und gute Strukturen
für die Mitarbeitenden schafft. Daraus ergibt sich alles andere. Wir haben zum Beispiel
das sogenannte Klimaschutzmenü eingeführt. Ein Tag in der Woche wird ohne Fleisch,
Fisch oder Wurst gekocht, für Patientinnen und Patienten und gleichermaßen für Mitarbeitende.
Als einzige Großküche in Österreich, die etwas Derartiges auf die Beine gestellt hat,
haben wir sogar das Interesse der Medien und von verschiedenen Interessensgruppen
erweckt. Die Arbeiterkammer Wien beispielsweise, die eine Organisation ist, die sich
um Belange der arbeitenden Bevölkerung kümmert, hat eingeworfen, dass es wunderbar
ist, was wir machen. Sie haben aber auch die Frage gestellt, wer sich Nachhaltigkeit
leisten kann. Sie fragten etwa: Wie kann sich eine allein verdienende Mutter mit zwei
Kindern Bio-Lebensmittel leisten? Wie soll das funktionieren? Bei Nachhaltigkeit ist
man ganz schnell bei gesellschaftlichen Dingen und eben auch im Sozialen. Das muss
man wissen.
Zu den interviewten Personen
Dr. Georg Wolf ist Leiter des Qualitätsmanagements, Umweltmanager und Datenschutzkoordinator
in der Stabstelle Strategische Projekte, Qualität und Risiko des Krankenhauses der
Barmherzigen Brüder Wien.
Waltraud Klug-Schalud, MBA, ist leitende Radiologie-Technologin in der Abteilung Radiologie
und Nuklearmedizin des Krankenhauses der Barmherzigen Brüder Wien und verantwortlich
für den technischen Bereich sowie die Themen Sicherheit und Abfallwirtschaft.