Seit Anfang 2021 fordert die Strahlenschutzverordnung die Reduktion ionisierender
Strahlung in der Augenmedizin. Denn gerade die Augenlinse gehört zu den strahlenempfindlichen
Gewebestrukturen im menschlichen Körper. Sie nimmt ionisierende Strahlung auf, was
krankhafte Veränderungen an der Linsenstruktur zur Folge haben kann. „Langzeituntersuchungen
und epidemiologische Datenerhebungen über die Folgen von Strahlung fanden zwischenzeitlich
heraus, dass wiederholte niedrige Strahlendosen ebenfalls einen strahleninduzierten
Katarakt hervorrufen können“, sagte Professor Dr. med. Frank Tost, Leitender Oberarzt
an der Klinik und Poliklinik für Augenheilkunde der Universitätsmedizin Greifswald
und Leiter der DEGUM-Sektion Ophthalmologie bei der Online-Pressekonferenz. Mit der
Aktualisierung der Strahlenschutzverordnung wie auch der AWMF-Leitlinie (Reg.Nr. 039-93)
zur radiologischen Diagnostik im Kopf-Hals-Bereich seien Vorkehrungen getroffen worden,
die zur Patientensicherheit beitrügen, so Tost, und auch zu mehr Arbeitssicherheit
für medizinisches Personal und Flugpersonal führten. Das zunehmende Bewusstsein der
besonderen Strahlenempfindlichkeit der Augenlinse erfordere die Vermeidung jeder Strahlenbelastung
der Augen bei Fragestellungen, für die andere, alternative bildgebende Untersuchungsverfahren
zur Verfügung stünden.
Mithilfe des Ultraschalls kann die Strahlenbelastung oftmals vermieden oder zumindest
reduziert werden. Als Beispiele nannte Tost Verletzungen des Auges und den Ausschluss
oder Nachweis von Fremdkörpern. „Der Ultraschall ist geeignet, besonders kleine Fremdkörper
zu erfassen und vor allem auch Material, das im CT/MRT nicht darstellbar ist, wie
Brillenglassplitter, Kunststoffe, Pflanzenteile. Das MRT sollte bei unklaren Verletzungen
nicht angewandt werden, da Metallfremdkörper dann großen zusätzlichen Schaden beim
Betroffenen anrichten“, so der DEGUM-Augenexperte. Doch auch etwa bei plötzlicher
einseitiger Augen-Innendruck-Erhöhung (Sekundärglaukom) lassen sich mit Ultraschall
wichtige bildgebende Hinweise erfassen. Schon allein der Einsatz verschiedener Ultraschallsonden
kann zur Strahlenbelastung führen. Aus augenärztlicher Sicht sei es besonders wichtig,
Ultraschallsonden nach ihren speziellen Eigenschaften (Ultraschallfrequenz, Abbildungsgeometrie,
Auflösungsvermögen und Eindringtiefe) optimal am Auge einzusetzen: Linearscanner mit
hoher Frequenz seien besonders optimal am vorderen Auge (Hornhaut, Kammerwinkel, Augenlinse)
anwendbar. Sektorscanner mit konkaver Abbildungsgeometrie seien hingegen besonders
gut für das hintere Augensegment (Glaskörper, Netzhaut, Sehnerv) geeignet.
Wie den Grauen Star behandeln? Laser ohne Mehrwert
Wie den Grauen Star behandeln? Laser ohne Mehrwert
Auch in der Therapie von Augenlinsen-Erkrankungen – allen voran dem Grauen Star oder
Katarakt – wird Ultraschall eingesetzt. Seit Jahrzehnten gilt die Linsenkern-Zertrümmerung
mittels Ultraschalls als Gold-Standard in der Behandlung des Grauen Stars. Mit fortschreitendem
Alter bleibt fast niemand von der Linsentrübung verschont, die die Sicht immer weiter
beeinträchtigt und unbehandelt bis zur Blindheit führen kann. „Ab einem Alter von
65 bis 75 Jahren sind deutlich über 90 % der Menschen von Linsentrübungen betroffen“,
sagte PD Dr. Ulrich Fries, Chefarzt der Augenklinik an den Johanniter-Kliniken Bonn
und Stellvertretender Leiter der DEGUM-Sektion Ophthalmologie, bei der Pressekonferenz.
Bei rund jedem Zweiten sei die Linsentrübung so ausgeprägt, dass sie sich als Sehbeeinträchtigung
bemerkbar mache. Entsprechend häufig werde der Graue Star operativ behandelt. „Mit
jährlich rund 800 000 Eingriffen ist die Katarakt-Operation die häufigste und sicherste
Operation in Deutschland überhaupt“, sagte Fries. Die getrübte Linse werde dabei entfernt
und durch eine Kunstlinse ersetzt. Klassischerweise werde die Linse dabei im Auge
mithilfe eines Ultraschallhandstücks zertrümmert, das durch einen kleinen seitlichen
Schnitt zunächst in das Auge und dann in die Linsenkapsel eingeführt werde. Die Trümmerstücke
würden abgesaugt, anschließend werde eine individuell angepasste Kunststofflinse in
das im Auge verbleibende Kapselhäutchen eingebracht.
Seit einigen Jahren steht mit der sogenannten Laser-Phakoemulsifikation ein alternatives
Verfahren zur Verfügung, bei dem die Linse mithilfe eines Femto-Sekunden-Lasers zerkleinert
wird, der mit ultrakurzen Lichtpulsen arbeitet. „Die Schnitte im Auge werden dabei
mit dem Laser vorbereitet, und auch die Linsenzertrümmerung findet per Laser statt“,
erklärte Fries. Das klassische Saug-Spül-Verfahren werde jedoch weiterhin benötigt,
zum Teil müsse auch per Ultraschall nachgearbeitet werden, weil der Laser sehr kapselnahe
Linsenanteile nicht immer gefahrlos zerkleinern könne. „Hier kommt unter Umständen
ein zusätzlicher Operationsschritt auf die Patienten zu“, so Fries. In der Hand erfahrener
Operateure seien beide Verfahren sehr sicher und führten zum gleichen operativen Ergebnis,
betonte der Experte. Der Lasereinsatz sei jedoch deutlich teurer – pro Auge entstehe
ein Kostenplus von rund 1500 €, das der Patient selbst tragen müsse. „Das Femto-Laser-Verfahren
hat noch keine Gebührenordnungsziffer und kann somit nur privat abgerechnet werden“,
so Fries. Angesichts des fehlenden Mehrwerts könne er nur davon abraten, den Laser
dem Ultraschall-basierten Eingriff vorzuziehen. Dieser sei eine voll bezahlte Kassenleistung
und habe sich millionenfach bewährt.
Riesenzell-Arteriitis: Gefäßsonografie verhindert Erblindung
Riesenzell-Arteriitis: Gefäßsonografie verhindert Erblindung
Innerhalb weniger Tage das Augenlicht zu verlieren – dieser Albtraum kann für Patientinnen
und Patienten, die an einer Riesenzell-Arteriitis erkrankt sind, Wirklichkeit werden.
Die Riesenzell-Arteriitis zählt zu den entzündlich-rheumatischen Erkrankungen, bei
denen sich das Immunsystem gegen körpereigene Strukturen wendet und zu Entzündungen
führt. Während beim deutlich häufigeren und bekannteren Gelenkrheuma die Gelenke schmerzhaft
entzündet sind, sind bei der Riesenzell-Arteriitis hauptsächlich die mittleren und
großen Blutgefäße im Hals- und Schläfenbereich betroffen. „Die Wände dieser Blutgefäße
schwellen durch das Entzündungsgeschehen stark an und der Gefäßinnenraum verengt sich,
was bis zum völligen Gefäßverschluss führen kann“, erläuterte Professor Dr. med. Wolfgang
Hartung, Leitender Oberarzt an der Klinik und Poliklinik für Rheumatologie und Klinische
Immunologie am Asklepios-Klinikum Bad Abbach und Leiter des Arbeitskreises Bewegungsorgane
der DEGUM, bei der Pressekonferenz. Weil auch die Augenarterien von diesen Veränderungen
betroffen sind, wird in vielen Fällen auch die empfindliche Augennetzhaut nicht mehr
ausreichend mit Blut versorgt. In der Folge können schwerwiegende Schäden entstehen,
die bis zur Erblindung reichen.
Ein frühes und charakteristisches Symptom der Riesenzell-Arteriitis sind neu auftretende,
meist beidseitige Schläfenkopfschmerzen. Auch Schmerzen beim Kauen sind häufig, denn
auch die Kaumuskeln werden nur noch eingeschränkt mit Blut versorgt. „Bereits diese
Symptome sollten als Warnsignale ernst genommen und sofort diagnostisch abgeklärt
werden“, sagte Hartung. Bei 20 bis 50 % der Patientinnen und Patienten träten außerdem
bereits zum Zeitpunkt der Diagnose Sehstörungen auf, wie etwa unscharfes Sehen, Doppelbilder
oder ein plötzlicher Sehverlust. „In diesem Fall muss sofort eine hochdosierte Kortisonbehandlung
eingeleitet werden, um bleibende Schäden an den Augen zu verhindern“, so Hartung.
Um die Verdachtsdiagnose einer Riesenzell-Arteriitis schnell und zuverlässig zu überprüfen,
sei die Ultraschall-Untersuchung der Schläfenarterien unverzichtbar. Als rasch einsetzbares,
sehr aussagekräftiges und nichtinvasives Verfahren gelte sie mittlerweile auch international
als Goldstandard. Falls zur zusätzlichen Absicherung der Diagnose noch eine Gewebeprobe
entnommen werden müsse, könne unter Ultraschall-Führung zudem ein geeigneter Gefäßabschnitt
ausgewählt werden. „Mit Ultraschall lassen sich die Orte der Gefäßentzündung genau
identifizieren und stumme Zonen, also Gefäßabschnitte ohne Entzündung, können dann
gemieden werden“, ergänzte Professor Tost. Auch in der Verlaufskontrolle habe die
Ultraschall-Untersuchung ihren festen Platz. Mit ihr lasse sich die Entwicklung des
Entzündungsgeschehens objektiv kontrollieren und die Therapie bei Bedarf anpassen.
Endokrine Orbitopathie: Ultraschall als wichtige Entscheidungshilfe
Endokrine Orbitopathie: Ultraschall als wichtige Entscheidungshilfe
Auch bei hervortretenden Augen, die eine Folge bestimmter Schilddrüsen-Erkrankungen
sein können, wird Ultraschall im Rahmen der Behandlung erfolgreich eingesetzt. Hierzu
zählt die Endokrine Orbitopathie, eine entzündliche Erkrankung der Augenhöhle. Die
Betroffenen leiden unter Schmerzen, Rötung sowie Schwellung der Augen. Außerdem ist
die Wahrnehmung von Doppelbildern nicht selten. Typisches äußerlich wahrnehmbares
Merkmal der Erkrankung ist das Hervortreten der Augen (Exophthalmus) und ein starrer
Blick. „Bei Beteiligung des Sehnervs kann es zu ernsthaftem Sehverlust bis hin zur
Erblindung kommen“, erläuterte PD Dr. Ulrich Fries bei der Pressekonferenz.
Der Ultraschall-Experte legte bei der Pressekonferenz dar, wie sowohl der Sehnerv
als auch die Augenmuskeln, die Tränendrüse und das Fettgewebe sonografisch untersucht
und die Ergebnisse dann zur weiteren Therapieplanung und Therapiekontrolle eingesetzt
werden können. Fragestellungen wie, welche Struktur betroffen ist, ob eine Optikuskompression
besteht oder ob ein Ödem oder eine Fibrose vorliegen, könnten mithilfe des Ultraschalls
beantwortet werden. „Mittels Ultraschalls können die vorderen zwei Drittel der Augenmuskeln
untersucht und beurteilt werden“, so Fries weiter. Die Experten unterscheiden dabei
zwischen Augenmuskeln mit normaler Echogenität und solchen mit erniedrigter Echogenität
– letzteres deute auf Muskeln mit Entzündungszeichen hin. Eine angehobene Echogenität
wiederum sei ein Zeichen der Vernarbung und damit der Abheilung des entzündlichen
Geschehens. Jeder Augenmuskel könne einzeln betrachtet werden, in der dynamischen
Sonografie auch bei Kommandobewegungen. Die Dicke des Muskelbauches könne etwa im
mittleren Bereich gemessen werden. „Die endokrine Orbitopathie führt insbesondere
zu Muskelverbreiterungen in der Orbitaspitze, welche sich der Ultraschall-Untersuchung
entzieht“, erklärte Fries. Die Gefährdung für das Augenlicht ließe sich eindeutig
durch die Messung des Sehnervendurchmessers abschätzen.
An der Pressekonferenz nahmen rund 35 Journalisten teil. Das Interesse war groß, es
wurden viele Nachfragen gestellt. Wer die Pressekonferenz verpasst hat, kann sie jederzeit
nachträglich anschauen: Den Link gibt es auf www.degum.de.