Schlüsselwörter
Borreliose - Lyme-Arthritis - Antibiotika-refraktäre Lyme-Arthritis
Keywords
Lyme borreliosis - Lyme arthritis - Antibiotic-refractory Lyme arthritis
Im Jahr 1977 beschrieben Steere et al. bei Kindern im US-Bundesstaat Connecticut (Ortschaft
Lyme und Old Lyme) eine gehäuft auftretende Form der Arthritis, die sich von der „juvenilen
rheumatischen Arthritis“ unterschied [1]. Das Krankheitsbild („Lyme Disease“) war durch eine episodisch auftretende, asymmetrische
Oligoarthritis vor allem der großen Gelenke und insbesondere des Knies charakterisiert.
Eine detaillierte Analyse des saisonalen und geografischen Auftretens dieser Erkrankung
sowie die positive Anamnese eines kreisförmigen Erythems bei etwa einem Viertel der
Patienten ließ bereits bei der Erstbeschreibung dieses Krankheitsbildes eine Übertragung
durch Arthropoden als Vektor vermuten [1]. 1982 identifizierte Burgdorfer in Hirschzecken eine neuartige Spirochäte, welche
später als Borrelia burgdorferi bezeichnet wurde [2]. Sowohl spezifische Antikörpernachweise als auch Direktnachweise des Erregers in
Patienten ließen diesen als Ursache der „Lyme Disease“ vermuten [2], [3]. Parallel hierzu konnte die Effektivität einer antibiotischen Therapie zur Behandlung
dieser Erkrankung verdeutlicht werden [4], [5].
Die Borreliose ist mittlerweile ein gut definiertes Krankheitsbild und wird durch
verschiedene Borrelien-Spezies verursacht, die zum Borrelia-burgdorferi-sensu-lato-Komplex
gehören [6]. Die Borreliose tritt in den moderat temperierten Klimazonen der nördlichen Hemisphäre
auf (Nordamerika, Europa und Asien). Die Übertragung erfolgt über den Stich der Zecke;
in Nordamerika vorwiegend über die Hirschzecke (Ixodes scapularis) sowie seltener
über die westliche schwarzbeinige Zecke (Ixodes pacificus) und in Europa über die
Schildzecke (Ixodes ricinus). Während die Erkrankung in Nordamerika vorwiegend durch
Borrelia burgdorferi sensu stricto ausgelöst wird, sind in Europa zusätzlich auch
andere Borrelien-Spezies als Verursacher der Erkrankung relevant (Borrelia afzelii,
Borellia garinii, Borrelia bavariensis und Borrelia spielmanii).
Infektionen mit Borrelia burgdorferi manifestieren sich vor allem an der Haut, dem
Nervensystem, dem Herzen und dem Bewegungsapparat. Hierbei werden Früh- von Spätmanifestationen
unterschieden. Das klinische Bild der Borreliose wird auch durch die unterschiedlichen
Borrelien-Spezies mitbestimmt, wobei einer Infektion durch Borrelia burgdorferi sensu
stricto eine stärkere Tendenz zur Ausbildung der Arthritis nachgesagt wird. Die in
Europa verbreiteten Spezies scheinen vermehrt mit dem Auftreten von neurologischen
Symptomen (Borrelia garinii und Borrelia bavariensis) oder Hautmanifestationen wie
der Acrodermatitis chronica atrophicans (Borellia afzelii) assoziiert zu sein [6]. [
Abb. 1
] gibt eine Übersicht über die verschiedenen Symptome der Borreliose und ihrer zeitlichen
Zuordnung zum Krankheitsverlauf.
Abb. 1 Symptome und Manifestationsformen der Borreliose: Dargestellt sind die typischen
Symptome in Abhängigkeit der Manifestationsformen der Borreliose sowie die hierbei
vorherrschenden serologischen Konstellationen. Insbesondere die klare Zuordnung von
nicht charakteristischen Symptomen zu einer Spätmanifestation der Borreliose ist aufgrund
von Einschränkungen der diagnostischen Möglichkeiten oft erschwert.
Die meisten Manifestationen der Borreliose können durch eine orale antibiotische Therapie
wirksam und sicher behandelt werden ([
Tab. 1
]). Die Wahl des Antibiotikums und die Dauer der antibiotischen Therapie richtet sich
nach der Manifestationsart, dem Alter der Patienten, möglichen Unverträglichkeiten
sowie des Ausmaßes der Beeinträchtigung durch die Infektion ([
Tab. 2
]).
Tab. 1
Dosierungsangaben für Antibiotika zur Behandlung der Borreliose [17]–[19].
|
Wirkstoff
|
Dosierung Kinder/Jugendliche
|
Dosierung Erwachsene
|
|
Amoxicillin
|
50 mg/kg KG/Tag in 3 ED
(max. 2 g/Tag)
|
3 × 500–1000 mg/Tag
|
|
Doxycyclin
|
4 mg/kg KG/Tag in 2 ED
(max. 200 mg/Tag)
|
1 × 200 mg/Tag
oder 2 × 100 mg/Tag
|
|
Cefuroxim
|
30 mg/kg KG/Tag in 2 ED
(max. 2 × 500 mg/Tag)
|
2 × 500 mg/Tag
|
|
Azithromycin
|
10 mg/kg KG/Tag in 1 ED
(max. 500 mg/Tag)
|
2 × 500 mg am 1. Tag, dann1 × 500 mg/Tag
|
|
Ceftriaxon
|
50 mg/kg/Tag in 1 ED
(max. 2 g/Tag)
|
1 × 2 g/Tag
|
|
Cefotaxim
|
150 mg/kg KG/Tag in 3 ED
(max. 3 × 2 g/Tag)
|
3 × 2 g/Tag
|
Milligramm (mg), Kilogramm (kg), Körpergewicht (KG), Einzeldosis (ED)
Tab. 2
Antibiotische Behandlung unterschiedlicher Manifestationen der Borreliose [17]–[19].
|
Manifestation
|
Applikation
|
Wirkstoff
|
Behandlungsdauer
|
|
Erythema migrans
|
oral
|
Doxycyclin
Amoxicillin
(Cefuroxim1)
Azithromycin2
|
10 Tage
14 Tage
14 Tage
7 Tage
|
|
Meningitis, Radikulitis, Fazialisparese
|
oral
|
Doxycyclin3
|
14–21 Tage
|
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intravenös
|
Ceftriaxon oder Cefotaxim
|
14–21 Tage
|
|
Lymphozytom
|
oral
|
Doxycyclin
Amoxicillin
|
14 Tage
|
|
Karditis
|
oral
|
Doxycyclin
Amoxicillin
|
14–21 Tage
|
|
intravenös4
|
Ceftriaxon oder Cefotaxim
|
14–21 Tage
|
|
Acrodermatitis chronica atrophicans
|
oral5
|
Doxycyclin
Amoxicillin
|
21–28 Tage
|
|
Arthritis6
|
oral
|
Doxycyclin
Amoxicillin
|
28 Tage
|
|
intravenös
|
Ceftriaxon oder Cefotaxim
|
14 (–21) Tage7
|
Doxycyclin sollte bei Kindern unter 9 Jahren aufgrund möglicher Verfärbung der bleibenden
Zähne nicht angewendet werden. Vermeidung ausgedehnter Sonnenlichtexposition unter
Therapie mit Doxycyclin;
1Aufgrund der schlechten oralen Bioverfügbarkeit von Cefuroxim und unter Gesichtspunkten
des Antibiotic Stewardship sollten vorrangig Amoxicillin und Doxycyclin angewendet
werden. Zweitlinientherapie bei Unverträglichkeiten gegenüber anderen Antibiotika;
2geringere Effektivität; Zweitlinientherapie bei Unverträglichkeiten gegenüber anderen
Antibiotika;
3gleichwertige Effektivität im Vergleich zu Ceftriaxon; bei Kindern sollte jedoch
primär intravenös Ceftriaxon oder Cefotaxim verabreicht werden;
4initiale intravenöse Therapie für Patienten, die einer stationären Behandlung bedürfen;
im Verlauf Fortführen als orale Therapie möglich;
5bei zusätzlicher neurologischer Manifestation ist eine intravenöse Therapie mit Ceftriaxon
oder Cefotaxim empfohlen;
6initial orale antibiotische Therapie, bei fehlendem Ansprechen 2. Therapiezyklus
mit intravenöser Therapie;
7bei zögerlicher Besserung unter intravenöser antibiotischer Therapie kann eine längere
Behandlungsdauer erwogen werden
Während das Erythema migrans als Blickdiagnose gestellt wird, bedürfen die anderen
mit der Borreliose assoziierten Symptome einer differenzialdiagnostischen Abklärung.
Der Nachweis der Borrelien-Infektion wird hierbei meist indirekt über Antikörpernachweise
gestellt. Der direkte Erregernachweis kann bei der Lyme-Arthritis in der Synovialflüssigkeit
bzw. der Synovia häufig gelingen (s. u.), ist aber zum Beispiel bei der Neuroborreliose
im Liquor nicht zielführend. Die Durchführung eines Antikörpersuchtests mittels ELISA
gefolgt von einem Bestätigungstest mittels Immunoblot ist momentan diagnostischer
Goldstandard der serologischen Borrelien-Diagnostik [7]. Dieses Testsystem erlaubt jedoch gerade in der Spätphase der Infektion keine Aussage
zu Zeitpunkt, Aktivität und Ausmaß der Infektion und Erkrankung. Daher führt jedoch
insbesondere bei Verdacht auf Spätmanifestation der Borreliose die Durchführung nicht
ausreichend validierter Laboruntersuchungen (z. B. Lymphozytentransformationstest,
CD3-CD57 + NK-Zellen) zu einer unbegründeten Zuschreibung von Symptomen zur Diagnose
„Borreliose“ und zum Teil zu nicht indizierten lang andauernden antibiotischen Therapien
[8].
Arthritis als Spätmanifestation der Borrelien-Infektion
Arthritis als Spätmanifestation der Borrelien-Infektion
Die Arthritis ist ein häufiges Symptom der Borreliose und stellt eine Spätmanifestation
der Erkrankung dar. Diese tritt durchschnittlich wenige Wochen bis Monate zum Teil
aber auch erst 1–2 Jahre nach der Erstinfektion auf. Fast immer manifestiert sich
die Lyme-Arthritis als asymmetrische Oligoarthritis der großen Gelenke und hierbei
meist als Monarthritis des Kniegelenkes [1], [9]. Bursitiden und Tenosynovialitiden können auch auftreten. Eine Polyarthritis der
kleinen Gelenke ist nicht typisch für eine Lyme-Arthritis. Unbehandelt hat sie einen
episodischen Verlauf mit Entzündungsschüben von wenigen Wochen Dauer, die von asymptomatischen
Phasen oder Phasen deutlicher Besserung unterbrochen sind [1]. Die serologische Konstellation der Lyme-Arthritis als Spätmanifestation der Borreliose
ist durch einen positiven IgG-Antikörpernachweis bei in der Regel negativem IgM-Antikörper
charakterisiert. Der Immunoblot fällt meist deutlich positiv aus mit positiver Reaktion
gegen multiple Banden. Bei negativem serologischem Befund oder isoliertem IgM-Antikörper
ist eine Borreliose als Ursache der Arthritis nahezu ausgeschlossen. Ergänzend kann
eine Untersuchung der Synovialflüssigkeit erfolgen, welche insbesondere in der differenzialdiagnostischen
Abklärung der Arthritis eine Bedeutung hat. Hier kann mittels PCR in etwa 70 % der
unbehandelten Patienten mit Lyme-Arthritis ein positiver Befund erhoben werden [6]. Eine erhöhte Leukozytenzahl (> 40 000/μl) mit neutrophiler Betonung findet sich
bei über der Hälfte der Patienten mit Lyme-Arthritis und kann zur orientierenden Abgrenzung
gegenüber rheumatisch-entzündlichen Gelenkerkrankungen hilfreich sein [10]. Zum Ausschluss einer septischen Arthritis sollte bei Analyse der Synovialflüssigkeit
immer auch eine Gramfärbung und eine kulturelle Untersuchung erfolgen [11]. Bei Erwachsenen sollte für die differenzialdiagnostische Aufarbeitung zudem die
Synovialflüssigkeit auf Kristalle untersucht werden.
Frühe Kohortenstudien aus einer Zeit, in der die Ätiologie der „Lyme Disease“ noch
nicht geklärt war und deshalb keine antibiotische Therapie erfolgte, geben Einsicht
in den Spontanverlauf der Erkrankung [12], [13]. So konnte in einer prospektiven Kohortenstudie in Nordamerika bei über der Hälfte
der Patienten mit Erythema migrans das Auftreten einer Arthritis im weiteren Verlauf
dokumentiert werden [13]. Möglicherweise lassen sich diese Beobachtungen aber aufgrund einer unterschiedlichen
Verteilung der Borrelien-Spezies in Europa nicht direkt auf die hiesige Situation
übertragen. Bei den unbehandelten Patienten mit Lyme-Arthritis war der Verlauf durch
rezidivierende Krankheitsschübe charakterisiert, wobei die Arthritis bei allen Betroffenen
nach mehreren Jahren spontan sistierte [12], [13]. In einer Langzeitbeobachtung von 46 Kindern mit Lyme-Arthritis, die zumindest in
den ersten 4 Erkrankungsjahren nicht antibiotisch behandelt wurden, zeigte sich im
mehrjährigen Verlauf eine Abnahme der Häufigkeit bei jedoch zunehmender Dauer der
Arthritis-Episoden. Während nach 4 Jahren noch knapp 40 % der Kinder Symptome aufwiesen,
sank der Anteil auf 11 % im 6. und 2 % im 8. Krankheitsjahr [12]. Etwa 10–20 % der unbehandelten Patienten mit Lyme-Arthritis gingen pro Jahr in
Remission, wobei bei einem kleineren Teil der Patienten im Verlauf auch andere Organmanifestationen
auftraten [12], [13]. Somit ist bei allen Patienten mit Lyme-Arthritis im sehr langen Verlauf von einer
Spontanremission der Erkrankung auszugehen. Funktionelle Bewegungseinschränkungen,
Muskelatrophien sowie Erosionen des Knorpels und Knochens sind bei diesen Patienten
mit chronisch-rezidivierenden Verläufen beschrieben [14].
Die antibiotische Therapie der Lyme-Arthritis ist sehr effektiv. Initiale Therapiestudien
zeigten ein Ansprechen bei etwa 90 % der mit Ceftriaxon oder Doxycyclin bzw. Amoxicillin
behandelten Patienten [15], [16]. Auch wenn keine vergleichenden Studien vorliegen, wird die Effektivität der oralen
Therapie mit Doxycyclin oder Amoxicillin über 4 Wochen der intravenösen Therapie mit
Cephalosporinen der 3. Generation über 2 Wochen gleichgesetzt und in der Regel daher
als initiale Therapieform der Lyme-Arthritis empfohlen ([
Tab. 2
]) [17], [18]. Unter den Patienten mit initial fehlendem Ansprechen auf eine antibiotische Therapie
zeigte sich nach einem erneuten Therapiezyklus mit Ceftriaxon bei knapp der Hälfte
der Patienten eine Remission innerhalb eines Jahres [15]. Dementsprechend wird nach ausbleibender Besserung nach initialer oraler antibiotischer
Therapie ein 2. Therapiezyklus mit Ceftriaxon oder Cefotaxim empfohlen ([
Tab. 2
]) [17]–[19]. Bei partiellem Ansprechen und leichter residualer Gelenkschwellung auf den 1. Therapiezyklus
kann entweder zunächst der Verlauf abgewartet oder ein 2. Therapiezyklus (ggf. auch
erneute orale antibiotische Therapie) erwogen werden [17]. Die antibiotische Therapie wird in der Regel durch eine antiinflammatorische Therapie
mit NSAR ergänzt, wobei für deren Wirksamkeit keine Evidenz besteht. Weitere immunmodulierende
Medikamente sollten zu diesem Zeitpunkt nicht verabreicht werden. Insbesondere die
intraartikuläre Injektion von Glukokortikoiden vor Beginn der antibiotischen Therapie
kann mit einer persistierenden Arthritis im Verlauf assoziiert sein [20]. Bei fehlendem Ansprechen auf einen 2. antibiotischen Therapiezyklus ist nicht von
einer Besserung der Arthritis durch weitere antibiotische Therapien auszugehen.
Postinfektiöse („Antibotika-refraktäre“) Lyme-Arthritis
Postinfektiöse („Antibotika-refraktäre“) Lyme-Arthritis
Während die meisten Patienten mit Lyme-Arthritis auf 1 oder zumindest 2 Zyklen einer
antibiotischen Therapie gut ansprechen, kommt es bei etwa 10 % der Patienten zu einer
ausbleibenden Verbesserung der Arthritis nach antibiotischer Therapie [6], [15], [16]. In der Synovialflüssigkeit dieser Patienten lässt sich auch mit molekularbiologischen
Methoden (PCR) kein Erreger mehr nachweisen [21]. Für dieses Krankheitsbild wurde daher der Begriff der „Antibotika-refraktären Lyme-Arthritis
(ARLA)“ oder „postinfektiösen Lyme-Arthritis“ geprägt [6], [8], [22].
Klinisches Bild
Meist ist auch hier das Kniegelenk betroffen und präsentiert sich mit ausgeprägter
Ergussbildung und deutlicher synovialer Hyperplasie ([
Abb. 2
]). Histologisch zeigt sich in der Synovia ein ähnliches Bild wie bei anderen rheumatischen
Gelenkerkrankungen mit Proliferation von Fibroblasten, Infiltration mononukleärer
Zellen bis hin zu organisierten Lymphozyten-Aggregaten mit jedoch tendenziell stärker
ausgeprägter Vaskularisierung und obliterierenden mikrovaskulären Läsionen [22], [23]. Dennoch unterscheidet sich das klinische Bild und der Verlauf unter entzündungshemmender
Therapie zu dem anderer entzündlich-rheumatischer Gelenkerkrankungen (rheumatoide
Arthritis, juvenile Idiopathische Arthritis, Spondylarthropathien). Die postinfektiöse
Lyme-Arthritis tritt in jedem Lebensalter auf [20], [24]–[29]. In einzelnen pädiatrischen Kohorten zeigte sich jedoch ein vermehrtes Auftreten
mit steigendem Lebensalter [20], [24]. Bislang lassen sich nur wenige demografische, klinische oder laborchemische Prädiktoren
für den Verlauf einer Lyme-Arthritis definieren. So befanden sich neben älteren Kindern
und Jugendlichen in einzelnen Kohorten auch vermehrt weibliche Patienten unter den
Patienten mit protrahiertem Verlauf nach antibiotischer Therapie [20], [24]. Zudem sind die Patienten mit „Antibiotika-refraktärem“ Verlauf eher durch eine
Monoarthritis charakterisiert, wohingegen eine oligoartikuläre Manifestation sowie
eine ausgeprägte systemische Entzündungsreaktion zu Beginn der Arthritis eher positive
Prädiktoren für ein primäres Ansprechen auf die antibiotische Therapie sind [20]. Es ist Gegenstand der Diskussion, ob die ausgeprägte Entzündungsreaktion ein unabhängiger
prognostisch günstiger Faktor oder eher mit dem jüngeren Alter assoziiert ist [20]. Die zeitliche Dauer der Arthritis bis zum Beginn einer antibiotischen Therapie
scheint nicht zwingend mit dem weiteren Verlauf zu korrelieren. Neben einer unzureichenden
initialen antibiotischen Therapie ist der frühzeitige Einsatz einer intraartikulären
Injektion von Glukokortikoiden vor Beendigung der antibiotischen Therapie jedoch als
Risikofaktor für einen chronischen Verlauf anzusehen [20], [24].
Abb. 2 Postulierte Pathogenese beim Übergang einer infektiösen in eine postinfektiöse „Antibiotika-refraktäre“
Verlaufsform der Lyme-Arthritis: Neben bestimmten Borrelienstämmen scheint auch eine
genetische Prädisposition des Wirtes den Krankheitsverlauf der Lyme-Arthritis mit
Übergang in eine chronische, postinfektiöse Arthritis zu begünstigen. Insbesondere
eine überschießende Inflammationsantwort mit vermehrter Expression von IFN-γ charakterisiert
das inflammatorische Bild der „Antibiotika-refraktären“ Lyme-Arthritis. Avitale Zellwandbestandteile
(Peptidoglykane) der Borrelien persistieren im Gelenk und sind immunogen wirksam.
Beim chronisch postinfektiösen Verlauf entwickelt sich zudem eine pathologische T-Zell-Aktivierung,
die zum Teil gegen Autoantigene gerichtet ist [22].
Pathogenese
Das inflammatorische Muster in den betroffenen Gelenken scheint sich zwischen „Antibiotika-responsiven“
und „Antibiotika-refraktären“ Verläufen der Lyme-Arthritis zu unterscheiden [30]. So zeigten Transkriptomanalysen der Synovia von Patienten mit ARLA eine Gensignatur,
die durch verstärkte Aktivität des angeborenen Immunsystems sowie vermehrter Antigenpräsentation
und Zell-vermittelter Immunaktivierung charakterisiert war [23]. Insbesondere stach eine starke Interferon(IFN)-γ-Signatur heraus sowie eine verminderte
Expression von Genen, die für Gewebshomöostase und -reparatur relevant sind. Eine
überschießende Th-1-Antwort mit verstärkter IFN-γ-Expression wird bei der ARLA für
die Entstehung der proliferativen Synovitis verantwortlich gemacht [31]. Das lymphozytäre Bild im entzündeten Gelenk von Patienten mit ARLA scheint durch
ein funktionelles Ungleichgewicht von regulatorischen T-Zellen und Effektor-T-Zellen
charakterisiert zu sein [32]. Neben einer verstärkten Th-1-Antwort wird eine überschießende Th-17-Antwort zudem
mit dem Übergang in eine chronisch-inflammatorische, nicht infektiöse Arthritis in
Zusammenhang gebracht [33].
Die Ursachen, die bei der Lyme-Arthritis zu einem chronischen Verlauf führen, sind
bislang nicht vollständig verstanden. Zum einen wird vermutet, dass bestimmte Borrelienstämme
mit einem „Antibiotika-refraktären“ Verlauf assoziiert sein könnten. Hierfür sprechen
Beobachtungen aus Nordamerika, die auf eine Assoziation „inflammatorischer“ Borrelienstämme
(OspC Typ A RST1 Stamm) mit einem schweren bzw. protrahierten Verlauf einer Lyme-Arthritis
hinweisen [34]. Diese Stämme könnten auch in Europa den Verlauf der Erkrankungen mitbedingen [26]. Resistenzen gegenüber den üblich verwendeten Antibiotika zur Behandlung der Borreliose
sind nicht bekannt und können nicht zur ursächlichen Erklärung des „Antibiotika-refraktären“
Verlaufes der Lyme-Arthritis herangezogen werden. Ebenso ergeben sich keine überzeugenden
Hinweise für eine Persistenz lebender Erreger trotz suffizient durchgeführter antibiotischer
Therapie [28]. Untersuchungen in Mausmodellen konnten jedoch nach antibiotischer Behandlung der
Borrelien-Infektion die Persistenz von avitalen Erregerbestandteilen in Gelenken in
Knorpelnähe nachweisen [35]. Diese nicht vermehrungsfähigen Erregerbestandteile sind immunologisch wirksam und
konnten in vitro und in vivo eine Entzündungsreaktion auslösen. Neuere Untersuchungen
weisen auf eine lange Persistenz sogenannter Borrelien-Peptidoglykane im Gelenk von
Patienten mit Lyme-Arthritis hin [36]. Diese sind integraler Bestandteil der Zellwand und hier in der zytoplasmatischen
Membran der Borrelien verankert [37]. Im Gegensatz zu anderen Bakterien besitzen Borrelien kein System zur Wiederverwendung
ihrer Peptidoglykane, die während Wachstum und Vermehrung der Bakterien unweigerlich
freigesetzt werden. Diese Tatsache sowie deren immunogene Eigenschaft als Aktivator
von Rezeptoren des angeborenen Immunsystems (z. B. TLR2) machen persistierende Peptidoglykane
der Borrelien als Bestandteil der Immunpathogenese der ARLA wahrscheinlich [36] ([
Abb. 2
]).
Neben den Risikofaktoren auf Seiten des Erregers scheint bei der ARLA auch eine genetische
Prädisposition auf Seiten des Wirtes zu bestehen. So ist ein Polymorphismus im TLR1-Gen
mit einer verstärkten Inflammationsantwort und der Entwicklung eines „Antibiotika-refraktären“
Verlaufes assoziiert [38]. Ebenso liegen bei Patienten mit ARLA bestimmte HLA-DRB1-Moleküle (z. B. HLA-DRB1*04:01)
vermehrt vor und zeigten eine Präferenz für die Bindung spezifischer Borrelien-Antigene
(Borrelia burgdorferi OspA163-175 Peptid) [39]. Transgene Mäuse mit diesem Risikoallel wiesen im Rahmen einer Borrelien-Infektion
ebenso eine verstärkte Inflammationsantwort bei jedoch verminderter Sekretion von
Antikörpern gegen Borrelien auf [40]. Somit könnte eine durch genetische Prädisposition des Wirtes bedingte Fehlregulation
der Immunantwort im Rahmen der Borrelien-Infektion den Übergang in eine postinfektiöse
Arthritis begünstigen ([
Abb. 2
]).
Zusätzlich wird diskutiert, ob die chronische Inflammation des „Antibiotika-refraktären“
Verlaufes der Lyme-Arthritis durch eine Autoimmunreaktion aufrechterhalten wird. Bei
diesen Patienten konnten sowohl Autoantikörper als auch autoreaktive T-Zellen nachgewiesen
werden, die gegen unterschiedliche Autoantigene gerichtet waren [41]–[45]. Pathogenetisch könnte hier neben einer „Molekularen Mimikry“ (Ähnlichkeit von Erregerantigen
und Wirtantigen) auch ein Übergreifen der initial gegen Borrelien gerichteten Immunantwort
auf körpereigene Antigene („epitope spreading“) durch Aktivierung zunächst unbeteiligter
T- und B-Zellen („bystander activation“) diskutiert werden [22], [44]. In aktuellen Untersuchungen unserer Arbeitsgruppe bei Kindern mit ARLA konnten
wir im entzündeten Gelenk eine Expansion peripherer T-Helfer Zellen beobachten, die
neben einem Th-1-Muster (IFN-γ, TNF-α) vorwiegend auch das B-Zell-helfende Zytokin
IL-21 exprimierten ([
Abb. 3
]; Veröffentlichung in Vorbereitung). Hochdurchsatz-Analysen des T-Zell-Rezeptor-Repertoires
dieser Zellpopulation zeigten Zeichen einer oligoklonalen Expansion und Konvergenzreaktion
als Hinweise auf eine dominierende Immunantwort, die sich auf wenige Antigene fokussiert.
Ob es sich hierbei um Autoantigene oder Bestandteile von Borrelien handelt, ist Gegenstand
aktueller Untersuchungen.
Abb. 3 Synoviale Expansion peripherer T-Helfer-Zellen bei Antibiotika-refraktärer Lyme Arthritis:
a) Hochdimensionale durchflusszytometrische Analyse von CD4 + T-Zellen der Synovialflüssigkeit
bei einem Kind mit Antibiotika-refraktärer Lyme-Arthritis zeigt ein Cluster mit deutlicher
Expression von PD-1; nicht abgebildet ist die gleichzeitige Expression anderer Aktivierungsmarker
(HLA-DR) sowie die fehlende Expression von CXCR5. b) Das Zytokinmuster dieser Zellpopulation
ist durch vermehrte IL-21-Expression bei nur geringer IL-17-Expression charakterisiert.
c) Die Hochdurchsatz-Seqenzierung des T-Zell-Rezeptor-V-beta-Repertoires dieser Population
zeigt Zeichen der oligoklonalen Expansion.
Therapiemöglichkeiten
Ebenso wie bei der antibiotisch unbehandelten Lyme-Arthritis kommt es auch bei nahezu
allen Patienten mit ARLA im langfristigen Verlauf zu einer Spontanremission der Erkrankung
[12], [13], [28]. Diese lang anhaltenden Verläufe können jedoch mit funktionellen Beeinträchtigungen
der betroffenen Gelenke sowie Knorpel- und Knochenerosionen einhergehen [46]. Eine antiinflammatorische bzw. immunmodulierende Therapie kann die Krankheitsdauer
der ARLA verkürzen [28]. Neben einer entzündungshemmenden medikamentösen Therapie kommt insbesondere bei
einer ARLA-assoziierten Monarthritis auch die Synovektomie als weitere Therapieoption
in Frage. In einer prospektiven Kohortenstudie mit 20 ARLA-Patienten zeigte sich einen
Monat nach Synovektomie bei 65 % der Patienten eine anhaltend komplette und bei weiteren
15 % eine partielle Remission [47]. In einer retrospektiven Kohorte, die 2 Therapieschemata verglich, sprachen 55 %
der ARLA-Patienten im Median von 11 Monaten auf eine Therapie mit NSAR und bei Bedarf
intraartikulärer Injektion von Glukokortikoiden an [28]. Bei den übrigen Patienten wurde nach fehlendem Ansprechen eine arthroskopische
Synovektomie durchgeführt, mit der sich in über 80 % eine Remission erzielen ließ.
Patienten, die zusätzlich eine Therapie mit DMARDs erhielten (initial Hydroxychloroquin,
bei fehlendem Ansprechen Methotrexat oder Infliximab), zeigten zu 80 % im Median nach
8 Monaten eine komplette Remission [28]. Auch bei Kindern mit ARLA konnte ein positives Ansprechen auf eine antiinflammatorische
bzw. immunmodulierende Therapie beobachtet werden [24], [48], [49]. Somit lässt sich der Krankheitsverlauf der ARLA sowohl mit der Synovektomie als
auch mit entzündungshemmenden medikamentösen Therapien verkürzen. Ein Rezidiv einer
Borrelien-Infektion unter dieser Therapie ist bei der ARLA nicht zu erwarten. Eine
intraartikuläre Injektion von Glukokortikoiden sollte jedoch nicht vor Abschluss der
antibiotischen Therapie erfolgen. Möglicherweise könnte jedoch bei persistierender
Arthritis eine intraartikuläre Injektion von Glukokortikoiden bereits nach Abschluss
des 1. antibiotischen Behandlungszyklus den weiteren Erkrankungsverlauf positiv beeinflussen
[48].
Aussagekräftige Studien, die eine differenzierte Auswahl der verschiedenen Therapieoptionen
begründen könnten, liegen momentan nicht vor. Ein möglicher Therapiealgorithmus ist
in [
Abb. 4
] vorgeschlagen.
Abb. 4 Möglicher Therapiealgorithmus zur Behandlung der Lyme-Arthritis: Dargestellt ist
ein möglicher Behandlungspfad der Lyme-Arthritis. In der initialen infektiösen Phase
steht die antibiotische Therapie im Vordergrund und kann durch eine antiinflammatorische
Therapie mit NSAID ergänzt werden. Bei Persistenz der Arthritis trotz zweier Zyklen
antibiotischer Therapie erfolgt die verstärkte antiinflammatorische Therapie und ggf.
immunmodulierende Therapie. Die arthroskopische Synovektomie stellt zudem eine Therapieoption
beim refraktären Verlauf dar; Non-steroidal antirheumatic drug (NSAID), conventional
disease modifying antirheumatic drug (cDMARD), biologic disease modifying antirheumatic
drug (bDMARD).
-
Die Lyme-Arthritis ist eine häufige Spätmanifestation der Infektion durch Borrelien
und manifestiert sich meist als mono- oder oligoartikuläre Arthritis.
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Diagnostisch entscheidend ist neben der klinischen Diagnose einer Arthritis der Nachweis
von IgG-Antikörpern gegen Borrelia burgdorferi bei oft negativen IgM-Antikörpern.
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Das Ansprechen auf eine antibiotische Therapie ist in der Regel gut, bei einigen Patienten
sind 2 Behandlungszyklen erforderlich. In seltenen Fällen entwickelt sich eine „Antibiotika-refraktäre“
Arthritis.
-
Bei diesem postinfektiösen Verlauf stehen immunopathologische Mechanismen im Vordergrund.
Eine Persistenz avitaler Borrelienbestandteile könnte die Entzündung unterhalten.
-
Entzündungshemmende bzw. immunmodulatorische systemische Therapien sowie intraartikuläre
Glukokortikoid-Injektionen können zur Behandlung der Antibiotika-refraktären Lyme-Arthritis
eingesetzt werden und den Krankheitsverlauf abkürzen sowie das Auftreten von Folgeschäden
vermindern. Zusätzlich kann bei weiterhin refraktären Verläufen eine arthroskopische
Synovektomie erwogen werden.